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Irgendwo Autonom

Das alternative Milieu der 70er-Jahre

Die 70er-Jahre waren die Zeit der Straßenkämpfe, Hausbesetzungen und der Selbstfindung, der Umweltbewegung und Bürgerinitiativen. Sie waren geprägt von Flokati und Fahrverbot, Straßentheater und Schulmädchenreport.

Von Ursula Storost

Vorhang mit einem typischen Siebzigerjahre-Muster (Stock.XCHNG / Petria Follett)
Vorhang mit einem typischen Siebzigerjahre-Muster (Stock.XCHNG / Petria Follett)

Die 70er-Jahre. Das waren ZDF Hitparade und selbstgestrickte Pullover, Terrorismus und innere Sicherheit, Hausbesetzungen und Anti-AKW Demonstrationen. Die 70er-Jahre sind in vielerlei Hinsicht interessant, konstatiert Professor.Axel Schildt. Er leitet die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

"Interessant weil in den 70er-Jahren sich eigentlich zwei Bewegungen kreuzen. Auf der einen Seite die linken klassischen Bewegungen, die noch mal letzte große Phasen erleben und aber eben auch diese neuen sozialen Bewegungen, die dann etwa münden in die Gründung der grünen Partei. Sodass auch schon gesagt worden ist, grün schlägt Rot. Also in den 70er-Jahren so ein Transformationszeitraum ist, der sehr interessant ist hinsichtlich der gesamten politischen Kultur."

Die politische Kultur war einerseits geprägt vom neu entstandenen Alternativen Milieu. Im Idealfall gehörten dem Menschen an, die gleich ein ganzes Paket an Lebensstilelementen vereinigten, sagt Professor Detlef Siegfried, Zeithistoriker an der Universität Kopenhagen.

"Das beinhaltet sowohl in der Wohngemeinschaft leben als auch in einem alternativen Projekt arbeiten, als auch politisch in einer AKW Initiative meinetwegen mitmachen. Diese verschiedenen Faktoren kommen nur bei einem kleineren Teil zusammen. Aber das ist eben das, was wir als alternatives Milieu bezeichnen."

Dass sich so ein neues Milieu herausbilden konnte, lag vor allem daran, dass alte bindende Lebensformen seit den späten 50er-Jahren immer mehr an Einfluss verloren, erläutert der Historiker. Beispiel das Arbeitermilieu oder das Milieu des Katholizismus.

"Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Ein ganz wichtiger ist der gestiegene Bildungsgrad in der Bevölkerung. Also die Leute bleiben nicht mehr in ihrem Dorf wohnen sondern gehen in die Stadt, um zu studieren oder zu arbeiten. Aber die Gesellschaft verändert sich so rasant, dass eben diese alten Milieus nicht mehr die Kraft haben die nachfolgende Generation so zu integrieren, wie das vorher mal der Fall war."

Ein weiterer Grund dafür, dass sich in weiten Kreisen der insbesonders jungen Intellektuellen die politische Kultur veränderte, war die Enttäuschung über die letztendlich geringe Effektivität der Studentenbewegung Ende der 60er-Jahre.

"Zwischen 1968 und 1970 gibt es ja bei vielen Jugendlichen die Vorstellung, dass man die Gesellschaft relativ schnell, kurzfristig mit einem eruptiven Ausbruch verändern könnte. Das wird aber eigentlich in den frühen 70er-Jahren schon klar, dass diese Sache nicht gelungen ist. Sondern da steht jetzt die Frage, was macht man mit dieser ganzen Energie, die da aufgekommen ist und sich teilweise entladen hat. Welche Zukunftsperspektiven hat man."

Viele der Enttäuschten 68er radikalisieren sich. Traten in trotzkistisch oder maoistisch gesinnte K – Gruppen ein, um die bestehende Gesellschaft zu bekämpfen.

"Und der andere Weg ist der mehr Lebensstil orientierte Weg des anders Lebens. Der zwar auch politische Komponenten beinhaltet. Aber nicht in erster Linie. In erster Linie geht es eben darum einen Alltag so zu leben wie man ihn sich idealerweise vorstellt und zwar im Rahmen der existierenden kapitalistischen Gesellschaft."

Das alternative Milieu arbeitete in Projekten: Autowerkstätten, Druckereien, Bäckerläden. Man wollte nicht mehr für eine ferne Zukunft theoretische Ideale erkämpfen. Nicht mehr auf den Sozialismus mit menschlichem Antlitz warten, sagt Axel Schildt von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

"Sondern ich will selber ein besseres Leben auch hier. Unter Umständen auch exemplarisch vorleben. Insgesamt geht es mir um das Hier und Jetzt und meine soziale Nahumgebung und nicht um das, was doch sehr ferne Ideale waren für die junge Leute eher in den 60er und frühen 70er-Jahren eingestanden haben, Intellektuelle, wenn sie sich politisiert haben."

Und noch etwas entscheidend Neues geschieht in den 70er-Jahren. Zum ersten mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg kriselt es in der behäbigen Bundesrepublik. Detlef Siegfried:

"1973/74 gibt es die erste große Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik. Und die beendet sozusagen das Wirtschaftswunder. Und am Ende des Wirtschaftswunders eben auch die Phase einer starken Reformeuphorie. Es muss umgestellt werden. Statt des Visionärs Willy Brandt kommt der Pragmatiker Helmut Schmidt an die Macht als Bundeskanzler. "

Die Ölkrise bescherte der Bevölkerung nicht nur autofreie Sonntage sondern auch deutlich gestiegene Sozialausgaben, Kurzarbeit, Insolvenzen und Arbeitslosigkeit. Die traditionelle Industriegesellschaft wird in den 70er-Jahren zu einer Dienstleistungsgesellschaft.

"Das bedeutet, dass große Traditionsunternehmen, beispielsweise des Schiffbaus oder der Textilindustrie Anfang der 70er-Jahre eingehen u.a. deshalb, weil die Arbeitsplätze ins Ausland, in die sogenannte 3. Welt verlagert werden. Stattdessen wird eben der Servicebereich wichtiger, Wissen, Bildung wird wichtiger."

Eine Entwicklung, die heute unter dem großen Stichwort Globalisierung zum Alltag gehört. Gleichzeitig waren die 70er-Jahre der Startschuss für eine andere Form der Moderne. Eine Moderne, die stärker als zuvor ihre eigenen Grundlagen kritisierte, sagt Detlef Siegfried.

"Also sie sagt, die Art und Weise wie wir bisher produziert haben, industriell produziert haben ohne Rücksicht auf die Umwelt oder die Landschaft, das geht so nicht mehr weiter. Sondern wir müssen stärker reflektieren, wie wir produzieren. Und dass wir so produzieren, dass es nachhaltig ist. Und da merkt man schon, dass Themen aufkommen, die zuerst nur von kleinen Gruppen in der Gesellschaft artikuliert werden."

Umweltschutzbewegung, Frauenbewegung, Friedensbewegung, Anti-AKW Bewegung. Engagierte alternative Gruppen versuchten zu erreichen, dass neu nachgedacht wird, neue politische Konsequenzen gezogen werden.

Es war eine Zeit des Umbruchs. Neue Themen und neue Reizwörter begannen die Öffentlichkeit zu interessieren. Die 70er-Jahre waren die Geburtsstunde der Grünen Bewegung. DR Silke Mende, Historikerin an der Universität Tübingen forscht seit Jahren darüber.

"Das war an erster Stelle natürlich das Umweltthema. Für das die Grünen ja auch heute noch stehen. Das trat seit Beginn des Jahrzehnts auf die politische und öffentliche Agenda. Das Jahr 1972 wird dann häufig genannt mit dem Club of Rome und der Debatte über die Grenzen des Wachstums."

Die 70er-Jahre sind auch ein Jahrzehnt der Umweltkatastrophen: Allen voran Seveso, wo sich 1976 eine der folgenreichsten Chemiekatastrophen ereignete

"Die Entstehung der grünen Bewegung in den 70er-Jahren ist nicht zu verstehen ohne den Hintergrund eines breiten Krisenempfindens zu kennen. Was die Angst um Umwelt und Frieden, die beiden Überlebensthemen angeht. Was die Angst angeht, dass Liberalisierung und Bürgerrechte zurückgedrängt werden. Was aber auch die ökonomischen Sorgen angeht. Die Frage inwiefern man Ökologie und Ökonomie miteinander versöhnen kann."

Umweltschutz. Das war damals ein völlig neuer Gedanke.

"Daniel Cohn Bendit, der die Grünen ja auch mitbegründete, sprach davon, dass die 68er Generation eine Generation war, die noch nichts vom Ozonloch wusste. Die 68er Bewegung war natürlich noch von den Fortschrittsverheißungen der Moderne sehr viel stärker betroffen als es dann die grüne Bewegung war. Für die Fortschritt und Wachstum schon brüchige Kategorien wurden."

Die ersten Grünen waren ein bunt aufgestelltes Aktionsbündnis von Weltverbesserern. Das Spektrum der Anhänger reichte vom erzkonservativen Naturschützer bis hin zu mehr oder weniger dogmatischen Gruppen der neuen Linken.

"Deswegen haben sich die frühen Grünen eben auch unter dem Gründungsslogan wir sind nicht rechts, nicht links sondern vorn gegründet. Um auch deutlich zu machen, dass man was ganz Neues sei. Was jenseits der alten Gegensätze liegt und was sich auch sehr, sehr stark von den etablierten Parteien unterscheidet."

Als sich die grüne Partei im Januar 1980 gegründet hatte, gab es genauso viele Gegensätzlichkeiten wie Gemeinsamkeiten unter einem Dach. Aber es gab auch viele neue Ideen. Silke Mende:

"Die Grünen waren 1980 die erste Partei, die eine paritätische Beteiligung von Frauen und Männern festgeschrieben hat. Dann auch die Frauenquote festgeschrieben hat. Und vor einigen Wochen mussten wir sehen, dass selbst die CSU, die in den 70er-Jahren sicher noch nicht darüber diskutiert hätte, über die Einführung einer Frauenquote debattierte. Also ich denke, da kann man auch wiederum sehen, wie stark Forderungen, die aus diesem weiten Umfeld der Grünenbewegung kamen, inzwischen auch in andere Bereiche und Milieus vorgedrungen sind."

Auch in der Gewerkschaftsjugend gärte es. Axel Schildt, Leiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

"Es sind große Teile auch nicht mal nur der jüngeren Bevölkerung. Es hat sich verbreitet in der Provinz. Wenn man etwa denkt, dass weit über tausend Initiativen es gegeben hat für Jugendzentren. Für selbstverwaltete Jugendzentren. Also die Schlagworte von Autonomie, Selbstverwaltung, Selbstbestimmung. Dieses ist eigentlich das, was neu kommt in den 70er-Jahren gegenüber den doch eher abstrakteren Emanzipationsparolen der 60er-Jahre."

In den Betrieben wurden Forderungen nach Mitbestimmung und Partizipation immer lauter. Insbesondere die Lehrlinge forderten endlich eine Berufsbildungsreform und gerechte Behandlung. Statt die Werkstatt zu fegen, wollten sie ihren Beruf erlernen. Statt Beurteilungen ihres Charakters, Beurteilungen ihrer fachlichen Leistungen. Denn bis dato waren Lehrlinge ihren Meistern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

"Also in den meisten Betrieben war es so geregelt, dass die Lehrlinge nicht rauchen durften, während die Ausbilder und Meister zum Beispiel rauchen durften. Das war natürlich immer ein Ansatz zu sagen, wenn die rauchen dürfen, dürfen wird das auch. Genauso wie die Lehrlinge sich beschwerten, dass sie geduzt werden. Und beschimpft werden sehr viel."

Dr. Knud Andresen, Historiker an der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte, ist Experte für die Gewerkschaftsjugend der 70er-Jahre. Die Gewerkschaft wurde nach 1969 für die Jugend wieder richtig attraktiv, sagt er.

"Die IG-Metall zum Beispiel hat immer einen Jugendmonat organisiert im Oktober, der immer verbunden war mit einer großen Tournee, die in 20, 30 Städten gastierte. In der Regel Rockgruppen waren mit dabei. Und zum Beispiel Bands wie Lokomotive Kreuzberg oder Floh de Cologne dann in den 70er-Jahren regelmäßig auftraten und große Säle füllen konnten und Zustimmung fanden. Also so eine neue Form von politischem Rock versuchten zu etablieren."

Es gab aber auch repressive Antworten auf die neuen Ideen.

Bundeskanzler Willy Brandt; der noch 1969 dazu aufrief; mehr Demokratie zu wagen, verabschiedete 1972 in seiner sozialliberalen Regierung den sogenannten Radikalenerlass.

"Anfang der 70er-Jahre, Entspannungspolitik, neue Ostpolitik von Willy Brandt, führte natürlich auch dazu, dass die sozialliberale Koalition sehr unter Beschuss kam. Gerade von CDU, von Springerpresse, dass sie nun den Kommunisten hier den Weg bereiten wollten. Insofern gab es dann in der SPD auch einen Abgrenzungsbeschluss zur Zusammenarbeit mit Kommunisten und die SPD versuchte sich da klar als antikommunistisch zu positionieren."

Alexandra Jaeger ist Historikerin an der Universität Hamburg. Der Radikalenerlass, sagt sie, ist ein historisches Phänomen. Viele aus der 68er Bewegung traten damals in kommunistische Gruppen ein und wollten den Staat von Grund radikal verändern.

"Weil es aber damals auch eine starke Frontstellung gegeben hat. Einerseits von sehr starken konservativen Kräften. Auch in den Schulen gab es immer noch sehr, sehr viele Lehrer, die bereits in der NS-Zeit sozialisiert worden sind, ausgebildet worden sind."

Die Frage, wie man mit Andersdenkenden umgeht, stellt sich allerdings bis heute, resümiert die Historikerin.

"Welche Aufgaben dürfen womöglich auch radikale Kritiker eines Staates übernehmen. Dürfen sie Kinder unterrichten? Wo zieht man eigentlich die Grenze? Wer bestimmt eigentlich was verfassungsfeindlich ist und was nicht. Das ist ja auch eine aktuelle Frage. Wir haben jetzt in Mecklenburg Vorpommern einige Fälle von NPD Kindergärtnern gehabt, wo es eine ähnliche Frage gab. Wie kann man eigentlich verhindern, dass sie womöglich Kinder indoktrinieren oder nicht."

Viele Ideen, die in den 1970er-Jahren erst mals formuliert wurden, sind heute aus Politik und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Nachhaltigkeit. Umweltschutz. Bioprodukte. Der Historiker Axel Schildt.

"Wenn wir heute sehen, dass die ganze Idee von gesundem Essen, all dem, was früher als Müsli verlacht wurde, dass das heute in jeder Einzelhandelskette selbstverständlich Bioprodukte immer mehr vorhanden sind usw. Das heißt das wird alles einvernahmt und versucht einzuvernehmen ohne den doch immerhin rebellischen Kern, den es in den 70er-Jahren auch gegeben hat."

Der Historiker Detlef Siegfried von der Universität Kopenhagen ist davon überzeugt, dass die politische Kultur heute, sich aus der geschichte der 70er-Jahre entwickelt hat. Und er verweist auf die Reaktionen auf die Castor Transporte oder Stutgart 21.

"Wenn man jetzt die politische Kultur anschaut, da ist wichtig zu sehen, dass man so was wie Großdemonstrationen, Partizipation der Bürger an politischen Entscheidungen nicht mehr zurückdrehen kann. Und das auch nicht zurückdrehen sollte. Weil wir in den letzten 40 Jahren, seit 1970, gelernt haben, dass viele Bürger über diese Art und Weise sich besser vertreten fühlen und stärker am politischen Geschehen partizipieren als es der Fall wäre, wenn sie nur alle vier Jahre zur Wahl gehen. Da kann sich, wenn wir politische Beteiligung als Ideal der Gesellschaft akzeptieren, da kann sich dieses Ideal umsetzen auf eine Art und Weise, die fruchtbar ist für die gesamte Gesellschaft."

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