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StartseiteInterview"Irgendwo her muss das Geld kommen, um die Netze auszubauen"26.04.2013

"Irgendwo her muss das Geld kommen, um die Netze auszubauen"

Telekomsprecher verteidigt Flatrate-Bremse

Die sinkenden Umsätze in der Telekommunikationsbranche passten nicht zu den nötigen Investitionen in den Ausbau neuer Breitbandnetze, sagt Telekomsprecher Philipp Blank. Der Preisverfall müsse gestoppt werden. Deshalb soll die Highspeed-Internetnutzung ab 2016 für "Heavy User" teurer werden.

Philipp Blank im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Die Telekom hat angekündigt, Internetkunden ab einem bestimmten Datenvolumen die Übertragungs- geschwindigkeit zu drosseln. (AP / Frank Augstein)
Die Telekom hat angekündigt, Internetkunden ab einem bestimmten Datenvolumen die Übertragungs- geschwindigkeit zu drosseln. (AP / Frank Augstein)

Tobias Armbrüster: Die Deutsche Telekom hat in diesen Tagen keine besonders gute Presse. Anfang der Woche hat das Unternehmen einen sehr unpopulären Schritt für Internetkunden angekündigt. Die Telekom will künftig die Übertragungsgeschwindigkeit für ihre Kunden drosseln, sobald eine bestimmte Datenmenge überschritten ist. Ähnlich wie bei Internetverbindungen mit dem Handy. Kritiker sagen allerdings, Handy- und Festnetz-Internet, das sei nicht so ohne Weiteres zu vergleichen. Was die Telekom vor habe, sei ein Verstoß gegen die sogenannte Netzneutralität. Seit Tagen hagelt es deshalb Kritik, oft auch beißenden Spott. Bei uns am Telefon ist jetzt Philipp Blank, Sprecher der Deutschen Telekom. Schönen guten Morgen, Herr Blank.

Philipp Blank: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Blank, auf Neudeutsch könnten wir sagen, die Telekom steckt mitten im Shitstorm. Was haben Sie falsch gemacht?

Blank: Na ja, dass eine Preiserhöhung – und sei sie noch für so eine kleine Kundengruppe wie in unserem Fall – nicht besonders gut ankommt, hat uns nicht wirklich überrascht. Zudem befinden wir uns natürlich im Vorwahlkampf, in dem Politiker dankbar jedes Thema aufgreifen. Ich denke, für richtige Entscheidungen sollte man schon einige Tage Medienaufregung aushalten können.

Armbrüster: Der Vorwurf lautet, die Telekom will auf einmal für etwas kassieren, was es bislang kostenlos gab. Warum?

Blank: Wenn ich vielleicht mit einem Vergleich antworten darf: Auch ein Restaurantbesitzer wird sein "All you can eat"-Angebot überdenken müssen, wenn einige Kunden daraus "You can eat it all" machen. Fakt bei uns ist: Drei Prozent der Kunden verursachen mehr als 30 Prozent des Datenvolumens. Das bedeutet für die Kunden: Lieschen Müller subventioniert bisher den Heavy User.

Armbrüster: Aber um mal in diesem Bild zu bleiben: Die Telekom will jetzt sozusagen ein "All you can eat"-Restaurant aufmachen, wo der Kellner am Buffet steht und nach drei Tellern sagt, jetzt ist aber Schluss?

Blank: Machen wir mal klar, worum es wirklich geht: Die Telekom hat angekündigt, dass die Highspeed-Internetnutzung für einige Kunden ab 2016 teurer werden könnte. Die Alternative wäre gewesen, die Preise pauschal für alle Kunden zu erhöhen. Dagegen haben wir uns bewusst entschieden. Stattdessen sagen wir: Kunden, die überdurchschnittlich viel Highspeed-Volumen benötigen, werden das in Zukunft nachbuchen können. Wir finden das eine fairere Lösung.

Armbrüster: Aber ist das nicht eigentlich völlig gegen den Trend? Überall werden Internetnetze ausgebaut. Ihre Mitbewerber erhöhen die Freibeträge sozusagen, mit denen man surfen kann. Es geht immer darum, schneller und mehr Daten zu transportieren. Und das will die Telekom jetzt auf einmal einschränken. Was ist das für ein Signal?

Blank: Es geht eher darum, was hinter dieser Entscheidung steckt. Wenn Sie sich anschauen: In sechs Jahren sind die Umsätze in der Telekommunikationsbranche um neun Milliarden Euro auf 58 Milliarden Euro geschrumpft. Gleichzeitig stehen weitere Milliardeninvestitionen in neue Breitbandnetze an, weil der Internetverkehr explodiert. Diese sinkenden Umsätze passen nicht zu mehr Investitionen. Deshalb muss der Preisverfall gestoppt werden. Das betrifft nicht nur die Telekom, sondern die gesamte Branche. Wenn Sie beispielsweise Signale der EU-Kommission hören, da wurde das Thema durchaus verstanden.

Armbrüster: Die Bundesverbraucherschutzministerin sagt, die Telekom steht hier auf der Leitung, und wenn Sie nicht einlenken mit diesen Plänen, dann überlegt sie, das Kartellamt einzuschalten. Beeindruckt Sie das?

Blank: Ich denke, auch aus Verbrauchersicht sollte es darum gehen, dass der Ausbau der Breitbandnetze vorangetrieben wird. Das ist wichtiger als immer niedrigere Preise. Es gibt leider immer noch zu viele Menschen in Deutschland, die keinen schnellen Internet-Anschluss haben, und das müssen wir ändern.

Armbrüster: Aber das Problem ist doch gerade, dass die Telekom der größte Provider ist. In vielen Regionen Deutschlands sind Sie der größte Anbieter. Da gibt es überhaupt keine Alternative, da empfängt man anderes Internet überhaupt nicht. Und der deutsche Staat ist außerdem Ihr größter Aktionär. Müssen Sie nicht vor diesem Hintergrund viel verantwortungsbewusster mit solchen Plänen umgehen?

Blank: Überall wo wir unser Netz anbieten, können Wettbewerber unser Netz nutzen. Das heißt: Überall wo wir sind, können Kunden auch Angebote von Wettbewerbern nutzen. Wie gesagt: Es geht jetzt momentan vor allem in Deutschland darum, die Breitbandnetze auszubauen. Das ist die wichtigste Herausforderung in der Telekommunikation und darum sollte es gehen.

Armbrüster: Ein Vorwurf, der immer wieder im Raum steht in dieser Frage, ist die Netzneutralität, die Sie gefährden mit diesem Schritt. Netzneutralität, um das mal kurz festzulegen, besagt, dass alle Daten im Internet gleich behandelt werden. Niemand bekommt eine Extrabehandlung, nur weil er mehr bezahlt. Sie wollen damit jetzt Schluss machen. Warum?

Blank: Ich glaube, in dieser Debatte wird Netzneutralität teilweise mit einer quasi Gratis-Internetkultur verwechselt. Die Telekom steht für das freie und offene Internet, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Reguläre Internetdienste werden diskriminierungsfrei behandelt, das gilt für unsere Dienste genauso wie für alle anderen.

Armbrüster: Aber Sie wollen trotzdem die Geschwindigkeit ab einer bestimmten Übertragungsmenge drosseln?

Blank: Ja. Der Kunde hat dann die Möglichkeit, neues Volumen nachzubuchen, und dann kann er mit hoher Geschwindigkeit weiterhin sämtliche Dienste nutzen, die der Telekom genauso wie alle anderen. Da gibt es keinen Unterschied.

Armbrüster: Aber das ist doch genau das, was die Netzneutralität besagt, dass das nicht passieren darf.

Blank: Die Netzneutralität besagt, dass das Internet frei und offen sein soll und die Kunden sämtliche Dienste nutzen können sollen. Das tun sie. Die Netzneutralität besagt nicht, dass das kostenlos zu erfolgen hat.

Armbrüster: Aber Ihre Kunden müssen künftig ab einer bestimmten Datenmenge mehr bezahlen?

Blank: Ja das müssen sie in Zukunft tun, wenn sie ein größeres Volumen brauchen. Das wird aber die allerwenigsten Kunden betreffen. Wir gehen davon aus, dass es bisher nur circa drei Prozent der Kunden betrifft.

Armbrüster: Bisher nur drei Prozent. Können Sie garantieren, dass das auch in zehn Jahren noch so ist?

Blank: Natürlich kann es sein, dass Kunden in Zukunft mehr Highspeedvolumen brauchen. Wenn sie aber mehr Leistung möchten, werden sie auch bereit sein, mehr dafür zu bezahlen. Das ist, denke ich, bei allen Produkten und Dienstleistungen so.

Armbrüster: Ist das, was wir hier erleben, möglicherweise das Ende der Flatrate im Internet?

Blank: Es wird zumindest eine Umsteuerung dabei sein, weil es tatsächlich nicht sein kann, dass die Preise immer weiter runtergehen, wenn es darum geht, dass die Netzinfrastruktur weiter ausgebaut werden soll. Irgendwo her muss das Geld kommen, um die Netze auszubauen.

Armbrüster: Ihr Unternehmen steht jetzt seit Tagen in der deutschen Presse als Abzocker da, als ein Unternehmen, das ohne besondere zusätzliche Investitionen ordentlich Gewinne einfahren will, einfach mit einer Vertragsänderung. Wie ernsthaft ist das für Sie, diese schlechte Publicity?

Blank: Erst mal möchte ich den Vorwurf zurückweisen, wir würden nicht besonders investieren. Kein anderer Netzbetreiber investiert so viel, wie wir es tun. Wir haben jetzt gesagt, dass wir weitere sechs Milliarden gezielt ins Festnetz investieren wollen. Wie gesagt, dieses Geld muss irgendwo herkommen. Und mit dem dauerhaften Preisverfall ist das nicht zu finanzieren.

Armbrüster: Aber ist das für Sie nicht bedenklich, dass sogar Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler dieses Geschäftsmodell, diese Vertragsänderung kritisiert?

Blank: Nun, wir sind im Vorwahlkampf. Wir werden Herrn Rösler über die Fakten aufklären und ich bin sicher, in einigen Tagen werden die Fakten und eine sachliche Berichterstattung darüber dann Einzug halten.

Armbrüster: Sagt bei uns hier heute Morgen im Deutschlandfunk der Telekomsprecher Philipp Blank. Vielen Dank, Herr Blank, für das Gespräch.

Blank: Vielen Dank an Sie.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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