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"Ironie erlaubt mir eine gesunde Distanz zu meinen Geschichten"

Corsogespräch mit Graphic-Novel-Zeichner Blexbolex

Zeichnung des Graphic-Novel-Zeichners Blexbolex
Zeichnung des Graphic-Novel-Zeichners Blexbolex (Blexbolex)

Blexbolex heißt mit bürgerlichem Namen Bernard Granger und ist Comiczeichner. Im Corsogespräch spricht er über sein neues Buch "Niemandsland", das autobiografische Züge enthält sowie über das Leben als Franzose in Leipzig.

Yvonne Weindel: Monsieur Blexbolex, woher kommt Ihr spezieller Name – Blexbolex klingt so, als wären Sie aus einem Science-Fiction Roman entsprungen, was steckt dahinter?

Blexbolex: Ah, das ist schwierig. Tja, das ist schwierig, weil sich dahinter ein Stück Lebenserfahrung versteckt. Einerseits ist es mir sehr ernst mit diesem Namen, andererseits fühlt es sich auch ziemlich lächerlich an. Der Name spaltet mich also in zwei Menschen. Ganz am Anfang wollte ich mich hinter Blexbolex verstecken. Ich wollte im Underground zeichnen, wie ein Autonomer und meine Familie sollte von dem Ganzen nichts mitbekommen.
Weindel: Wie ist es heute - können Sie offen vor ihrer Familie ihre Bücher zeigen, oder müssen Sie sich immer noch verstecken?

Blexbolex: Ich konnte das Geheimnis nicht mehr halten, das war unmöglich, sie sind zu neugierig.

Weindel: Sie haben in Frankreich gelebt, sind dort aufgewachsen und haben schon damals begonnen zu gezeichnet. Ist das so eine ganz frühe Entdeckung gewesen?

Blexbolex: Im Grunde habe ich schon immer gezeichnet. Aber ich erinnere mich an ein einschneidendes Erlebnis. Und zwar habe ich einmal im Fernsehen den Comiczeichner "Fred" gesehen. Der hat wie ein Puppenspieler mit seinen Comicfiguren gespielt: Hat sie sich zum Beispiel aus dem Ärmel geholt und hinterm Rücken verschwinden lassen. Ein bisschen wie ein Zauberer eben. Das hat mich als Kind wirklich fasziniert, es war wie ein neues, magisches Universum für mich. Seit dieser Zeit habe ich begonnen, meine eigenen Geschichten zu zeichnen. Da muss ich so zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Ich wollte einfach so magisch sein wie "Fred".

Weindel: Wie ist das heute mit der Magie - dieses Zauberhafte, ist das immer noch da beim Comicmalen?

Blexbolex: Oh je das ist schwierig - ich traue mich gar nicht, das zu beantworten. Irgendwie hoffe ich immer, dass der Leser, das für mich übernimmt, dieses Urteil. Für mich funktioniert die Magie ab dem Moment, wo ich mein eigenes, kleines Universum kreiere. Und da ich Bücher mache, die extrem unabhängig voneinander sind, so hoffe ich schon, dass jedes von ihnen seine eigene Berechtigung, ja seine eigene Magie hat. Aber eigentlich soll das der Leser entscheiden, nicht ich.

Weindel: Wenn man sich die Bilder jetzt anschaut, von zum Beispiel "Leute" oder "Jahreszeiten" dann ähnelt das dem Siebdruck: Klare Farben, einfache Formen, eine heile, hübsche Welt auf den ersten Blick, wenn man aber genau schaut, dann entdeckt man auch einige Spitzen, eine Menge Ironie steckt da drinnen.

Blexbolex: Die Ironie erlaubt mir eine gesunde Distanz zu meinen eigenen Geschichten - so wie ich das tatsächlich in "Leute" oder "Jahreszeiten" gemacht habe. Eigentlich will ich dem Leser ja kein Urteil aufdrängen, aber dann passiert es mir doch! Und ich finde mit Ironie und Humor kann man das wieder abschwächen und dem Leser zeigen: He, ich nehme mich nicht so ernst.

Weindel: Wenn ich das Buch durchblättere, dann hat man das Gefühl, dass man irgendwie die Leute kennt. Das sind alles Frauen, bisschen Stereotyp, Frauen mit Dutt und Rock, die Männer sind groß mit breiten Schultern. Es ist eine Welt, die einem so bekannt vorkommt. Sind es Figuren, die Sie tatsächlich beobachtet haben?

Blexbolex: Ja, so ist es! Dreiviertel der Leute, die dort auftauchen, habe ich selbst gesehen oder ich kenne sie sogar oder habe sie heimlich beobachtet. Es ist mein ganz persönlicher Blick auf die Welt, dadurch auch ein wenig eingeschränkt, das muss ich zugeben. Es ist eben meine eigene Weltsicht.

Weindel: Jetzt in Ihrem neuen Buch komplett was anderes: Brutalität Gewalt, Verbrechen, Strafe, es wird gemordet, gehängt, gemetzelt – was ist passiert, wollten Sie das Klischee vom Bilderbuchautor ablegen?

Blexbolex: Nein, ganz und gar nicht, denn ohne die Kinderbücher hätte ich das neue Buch "Niemandsland" nicht machen können, auch wenn es natürlich überhaupt nichts für Kinder ist, nicht mal jugendfrei vermutlich. Das neue Buch behandelt einfach einen anderen Aspekt meines Lebens. Es bildet nicht mehr die äußere Welt ab, sondern es blickt in meine innere Welt.

NUR IN ZUSAMMENHANG MIT BuchWeindel: "Niemandsland" ist vor einigen Monaten erschienen, in Deutschland – woher diese albtraumhaften Ideen? Sie sagen es ist die Welt in Ihnen – ist diese Brutalität in Ihnen?

Blexbolex: Da werde ich sie jetzt überraschen, aber das Buch erzählt tatsächlich einen Teil meines Lebens. Es ist autobiografisch! Es verbindet die Dinge, die mich immer beschäftigt haben, besonders was ich gelesen habe, früher als Jugendlicher: Science-Fiction, Krimis. Aber 90 Prozent des Buches sind tatsächlich autobiografisch – ich habe es selbst erlebt, mich so gefühlt. Die Idee des Buches ist so entstanden: Ich bin eines Tages aufgewacht, ganz langsam aufgewacht. Und ich habe so bewusst diesen speziellen Moment erlebt, in dem dein Traum zerstört wird, du aber noch gar nicht ganz wach bist. Es ist nur ein Augenblick - halb Traum, halb Wirklichkeit. Auf dieser Gratwanderung bewegt sich auch Niemandsland, du denkst es ist ein Albtraum, in dem du dich befindest, aber plötzlich: Voilà, ein neuer Tag hat begonnen und alles ist vorbei.

Weindel: "Niemandsland" wird vom Verlag angepriesen als Graphic Novel, aber wenn man es aufschlägt, ist man eigentlich wieder bei Blexbolex: beim Bilderbuch – oben sind die Bilder unten ist der Text. Sie sind sich treu geblieben da, sehen sie sich denn in dem Fall überhaupt als Comiczeichner?

Blexbolex: Ich sehe mich einfach als jemanden, der Bücher macht. Für mich ist jedes Buch wie ein Gedicht oder Theaterstück. Ich bin alles und nichts: Illustrator, Verleger, Drucker, aber das sind leere Hülsen. Ich erschaffe mir meine eigene Welt, dafür gibt es keine Kategorie. Ich fühle mich als Undergroundkünstler, so habe ich begonnen und so soll's auch bleiben.

Weindel: Wenn Sie vergleichen Frankreich mit Deutschland: Gibt es so eine Art Undergroundszene des Comics auch hier in Deutschland? Oder auch: Sie sind in Leipzig gestrandet, ist das ein Ort, wo so was Platz hat?

Blexbolex: Ganz und gar nicht, die Comics interessieren die Deutschen erst seit ein paar Jahren. Es gibt zum Beispiel eine Comicbuchhandlung hier in Leipzig, wo man vor allem japanische, französische und amerikanische Comics findet, ganz klassisch! Ich stöbere dort von Zeit zu Zeit, um zu schauen, was es Neues auf dem Markt gibt. Aber selbst in Frankreich spielt der Comic so eine unbedeutende Rolle, da kommt kaum was Neues. Wenn überhaupt, dann kann man momentan vielleicht in Großbritannien ein wenig Bewegung in der Szene feststellen. Aber in Deutschland ist das Phänomen Comic einfach noch zu jung. Zudem sind es in Deutschland oft die Kunstprofessoren selbst, die ihre Illustrationen veröffentlichen oder Verlage gründen oder eben ihre Studenten ermutigen zu publizieren. Aber das ist auch hier in Leipzig nur eine Randerscheinung.

Weindel: Die Leipziger Schule hat ein Stück weit auch eine Ästhetik, die Ihnen entspricht, fühlen Sie sich, was das Künstlerische angeht, hier auch zuhause?

Blexbolex: Ich bin hier zu Hause, absolut. Reise natürlich auch noch sehr viel, immer wieder nach Frankreich, da ich dort noch meinen eigenen Verlag habe, aber wenn ich wiederkomme, bin ich froh, hier zu sein, das ist ganz klar. Künstlerisch gesehen ist es aber überhaupt nicht meine Heimat - ganz und gar nicht! Ich mache das, was ich mache, völlig unabhängig vom Ort, das war aber auch in Paris schon so. Klar beobachte ich die Künstlerszene hier vor Ort. Die Leipziger Schule hat ja viel zu bieten, einige Künstler sind auch enge Freunde, aber ich gehöre nicht wirklich zur Familie hier und werde das auch niemals tun.

Weindel: Leipzig hat viel Freiraum, weil alles hier noch nicht so fertig ist - ist das etwas, was sie suchen, was Ihnen behagt, oder was Sie in ihrer Arbeit vielleicht sogar inspiriert?

Blexbolex: Ja, da fühle ich wie Sie, diese Stadt ist im Wandel. Es gibt viel Raum, viel Frisches und für mich viel Lebensfreiheit. In Paris zum Beispiel sind unheimlich viele Künstler und so ist man in ständiger Konkurrenz und unter Beobachtung. Das gilt besonders für uns Illustratoren.

In Leipzig ist das komplett anders, hier zählen andere Projekte, und man kann andere Risiken eingehen. Hier kann ich unerkannt durch die Straßen laufen, ohne mit Fragen oder Angeboten überschwemmt zu werden. Mir bedeutet das sehr viel. Es ist so, als hätte man mir hier ein freies Zimmer angeboten, komplett leer, und jetzt bin ich daran, es zu füllen.
Weindel: Danke für das Gespräch, Blexbolex.

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