Freitag, 23.02.2018
 
Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Irrglaube an die militärische Allmacht17.03.2008

Irrglaube an die militärische Allmacht

Olivier Roy erklärt, warum der Westen seinen "Krieg gegen den Terror" nicht gewinnen kann

In seinem Buch "Der falsche Krieg" stellt der französische Orientalist Olivier Roy der US-Politik gegen den internationalen Terrorismus ein vernichtendes Zeugnis aus. Er führt unmissverständlich vor Augen, welches Unheil eine aus Ideologie geborene Machtpolitik anzurichten vermag. Michael Lüders hat das Buch gelesen.

Osama bin Laden ist Staatsfeind Nummer eins der USA. (AP)
Osama bin Laden ist Staatsfeind Nummer eins der USA. (AP)

Olivier Roys Buch "Der falsche Krieg" ist eine scharfe Abrechnung mit den Fehlern westlicher, namentlich US-amerikanischer Politik seit dem 11. September 2001. Schon im Vorwort zieht Roy eine Bilanz, die an Deutlichkeit nichts fehlen lässt:

"Es hat seit 2001 weitere terroristische Anschläge gegeben, und die Lage in der gesamten muslimischen Welt hat sich verschlechtert. Schlimmer noch: Am meisten profitiert von der neuen Situation der Iran, Washingtons ärgster Feind, was eine neue Konfrontation befürchten lässt. Die militärische Intervention im Irak, die angeblich unverzichtbar war, um die Wurzeln des Terrorismus auszurotten, hat sich als blutiger Fehlschlag erwiesen, der offensichtlich den erklärten Feinden Amerikas in die Hände spielt: dem Iran und al-Qaida. [...] In Afghanistan sind die Taliban zurückgekehrt, die libanesische Hisbollah zeigt ganz offen, dass sie entschlossen ist, über Wohl und Wehe jeder Regierung in Beirut zu bestimmen. [...] In Bagdad sind dem Iran nahe stehende Schiiten an der Macht. Bei den Palästinensern ist die Hamas die dominierende politische Kraft."

Verantwortlich für diese Entwicklung ist in Roys Augen eine überwiegend in militärischen Kategorien denkende Politik Washingtons und die fehlende Bereitschaft, den Begriff "Terror" grundsätzlich zu definieren. Wenn alle Islamisten als Terroristen gelten, ist damit nichts erklärt. Schlimmer noch: Indem westliche Politik nicht unterscheidet etwa zwischen al-Qaida und Hamas, zwischen radikalen Schiiten und der sunnitischen Muslimbruderschaft konstruiert sie einen allgewaltigen Feind, der gleichermaßen diffus wie unbesiegbar ist. In den Worten Olivier Roys:

"Mehr denn je sind gesellschaftliche Anliegen und strategische Debatten miteinander verflochten, und das erklärt wohl den Erfolg der These vom Zusammenprall der Kulturen sowie das Interesse an Theorien, die einen angeblichen vierten Weltkrieg oder den 'Islamofaschismus' beschwören. Doch wie wir sehen werden, verhindert eine solche Globalisierung der Bedrohung jede rationale Strategie und überlässt das Feld einer inhaltsleeren, emphatischen Rhetorik, die in erster Linie den internen Debatten westlicher Gesellschaften dient. Die Frage nach der Immigration und nach der Rolle des Islam im Westen wird 'externalisiert' und auf den Mittleren Osten projiziert, der jedoch einer ganz anderen Logik gehorcht."

Wiederholt wendet sich der Autor gegen die in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Verallgemeinerungen, die gerne Kopftuch und Moscheebau, Islam und Gewalt in einen Topf werfen meist mit dem Ziel, vor einer islamischen Unterwanderung zu warnen. Eine Geostrategie des Islam mit dem Ziel, die Weltherrschaft zu erobern, gibt es allerdings ebenso wenig wie es jemals eine jüdische oder christliche Weltverschwörung gegeben hätte. Roy beschönigt nichts, aber er unterscheidet zwischen Islam und Islamismus, also zwischen der Religion einerseits und ihrer politischen Instrumentalisierung durch Fundamentalisten andererseits. Der Irrglaube der Regierung Bush, sie könne den Nahen und Mittleren Osten mit Hilfe von militärischer Gewalt "demokratisieren" führt Roys Ansicht nach zu einem Fiasko. Denn nicht die Demokratie sei der große Gewinner beim "Krieg gegen den Terror", vielmehr seien es radikalisierte, gewaltbereite islamische Fundamentalisten.

"Das Bild, dem zufolge sich die muslimische Welt im Krieg mit dem Abendland befindet, ist eine Ausgeburt der Fantasie. Eine solche 'muslimische Welt' existiert nicht. Der Großteil der Konflikte im Mittleren Osten wird zwischen Muslimen ausgetragen. Die bestehenden Regime verstehen sich mehrheitlich als Verbündete des Westens. Das erklärt im Übrigen auch, warum der Iran unter Präsident Achmadinedschad nach Verbündeten unter den lateinamerikanischen Populisten sucht und nicht bei seinen Nachbarn."

Der Autor ruft die drei großen Traumata der arabischen Welt in Erinnerung, welche das Misstrauen vieler Araber gegenüber dem Westen bis heute erklären: zum einen die Verhinderung arabischer Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg durch die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich. dann die israelische Staatsgründung 1948 und die nachfolgenden israelisch-arabischen Kriege, die Israel für sich entschied, und schließlich die Verschiebung der Machtbalance zwischen Sunniten und Schiiten zugunsten der Schiiten seit dem Sturz Saddam Husseins. Der Iran ist der große Gewinner der politischen Fehler Washingtons, vor allem aufgrund des Desasters im Irak. Über die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak und im Libanon gelingt es Teheran, seinen Einfluss in der Region sukzessive auszudehnen. Kritisch setzt sich Olivier Roy auch mit der Politik Israels auseinander:

"Israel nimmt seine Sicherheit wichtiger als einen politischen Ausgleich, und lässt zu, dass der Siedlungsbau ohne einen Gesamtplan weitergeht. Damit hat es die Autorität jeder amtierenden Palästinenserverwaltung systematisch ausgehöhlt. [...] Das Problem ist, dass die Situation vor Ort einen funktionsfähigen Palästinenserstaat unmöglich machen wird."

Im Gegensatz zu den US-Autoren Mearsheimer und Walt in ihrem Buch über die Israel-Lobby bestreitet Olivier Roy, dass es einen nennenswerten israelischen Einfluss auf die US-Regierung gegeben habe, im Irak einzumarschieren und Saddam Hussein zu stürzen. Doch die Argumente, mit denen er die beiden Autoren zu entkräften sucht, zeugen eher von politischer Korrektheit als von stichhaltiger Analyse. Gelegentlich merkt man Olivier Roy an, dass er Regierungsberater ist. So nüchtern und präzise seine Ausführungen über die Politik Washingtons ausfallen, eine Kritik europäischer, geschweige denn französischer Positionen verbietet er sich. Afghanistan kommt in seinem Buch nur am Rande vor, von einem Krieg gegen den Iran rät er vor allem deswegen ab, weil er nicht zu gewinnen sei. Ob er ihn befürworten würde, wäre er militärisch machbar, bleibt offen.

Dennoch, Olivier Roys Buch "Der falsche Krieg" ist lesenswert, weil er unmissverständlich vor Augen führt, welches Unheil eine aus Ideologie geborene Machtpolitik anzurichten vermag. Al-Qaida ist seiner Auffassung nach aber keineswegs Nutznießer dieser Entwicklung:

"Al-Qaida kennt kein verheißungsvolles Morgen, und in diesem Punkt gibt es Querverbindungen zu den Selbstmordattentaten: Man stirbt für sich selbst, nicht für ein gemeinsames Projekt. Wir müssen aufhören, die Welt durch die Zerrbrille von al-Qaida zu betrachten, denn darin liegt ihre einzige Macht. Das Bild von einer muslimischen Welt, die unter dem Banner des Islam geeint ist und sich anschickt, den Westen anzugreifen, ergibt keinen Sinn. Was wir stattdessen tatsächlich sehen, zumindest im Augenblick, ist eine verstärkte Präsenz westlicher Truppen in der muslimischen Welt, von Afghanistan über den Irak bis zum Libanon, sowie Konflikte, in denen sich vor allem Muslime gegenüberstehen."


Olivier Roy: Der falsche Krieg
Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens.
Siedler Verlag Berlin 2008
191 Seiten, 19,95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk