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StartseiteInterview"Mittlerweile als eine Art Raubritter unterwegs"16.08.2014

IS-Terror"Mittlerweile als eine Art Raubritter unterwegs"

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" verfüge mittlerweile über eine enorme Finanzbasis, sagte Anja Wehler-Schöck, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Jordanien, im DLF. Sie erhebe in den von ihr besetzten Gebieten sogar Steuern. Mit jedem Geländegewinn vergrößerten sich die finanziellen Spielräume.

Anja Wehler-Schöck im Gespräch mit Thielko Grieß

Vermummte, mit Raketenwerfern und Maschinengewehren bewaffnete Männer stehen vor einer Mauer. (picture alliance / dpa / Mohammed Jalil)
IS verfügt über eine enorme Finanzbasis. (picture alliance / dpa / Mohammed Jalil)
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Wie bezahlt der Terrorgruppe "Islamische Staat" (IS) ihre Eroberungszüge im Irak und in Syrien? Die Anschubfinanzierung sei von einzelnen reichen Geldgebern gekommen, sagte die Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Jordanien, Anja Wehler-Schöck, im DLF. Es sei eine Fehlinformation, dass Saudi-Arabien oder Katar den IS finanzieren würden, sagte Wehler-Schöck im DLF. Sie würden sogar dagegen vorgehen. Einzelne Personen aus diesen Ländern kämen aber durchaus als Geldgeber in Frage. Inzwischen seien die Dschihadisten zudem als eine Art Raubritter unterwegs und bereicherten sich an Banken, betrieben organisierte Kriminalität durch Entführungen und Erpressungen. Darüber hinaus erhebe die Gruppe eigene Steuern.

Das Erstarken der Dschihadisten sei abzusehen gewesen, so Wehler-Schöck. Bedauerlich sei, dass der Westen nicht schon im letzten Jahr auf diese Bedrohung reagiert habe, sondern erst, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen sei.


Das Interview in voller Länge:

Thielko Grieß: Wir wollen jetzt auf die Interessen schauen, die in diesem Land zum Zuge kommen, die sich herausschälen, die zu sehen sind, nebeneinander, miteinander oder die auch gegeneinander stehen.

- Und dazu begrüße ich am Telefon Anja Wehler-Schöck, Leiterin der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Einen guten Morgen, Frau Wehler-Schöck!

Anja Wehler-Schöck: Guten Morgen, Herr Grieß!

Grieß: Wie bezahlt der terroristische Islamische Staat seine Eroberungszüge?

Wehler-Schöck: Ja, das ist eine gute Frage, die sich sehr viele stellen. Man geht davon aus, dass die ursprüngliche Anschubförderung des Islamischen Staates von reichen Individuen ausging und dass sie mittlerweile aber als Art Raubritter unterwegs sind, das heißt, dass sie mit jeder Eroberung natürlich Ressourcen kontrollieren, also zum Beispiel sich an Banken wie in Mossul dann bereichern. Dass sie aber auch eine Art organisierte Kriminalität betreiben durch Entführungen, Erpressungen und andere Dinge. Und darüber hinaus erheben sie auch Steuern in den Gebieten, die sie kontrollieren.

Grieß: Reiche Individuen haben Sie gerade genannt, was darf ich mir darunter vorstellen?

Wehler-Schöck: Das ist schwer, dazu genauere Details zu sagen, weil die natürlich im Hintergrund bleiben und auch Isis sich sehr bedeckt hält, wer diese Individuen sein könnten. Es wird immer wieder die Vermutung in den Raum gestellt, dass Saudi-Arabien und Katar etwas mit der Finanzierung zu tun haben könnten, das ist aber eine Fehlinformation. Also beide Staaten haben kein Interesse an einem Erstarken dieser Terrorgruppe, im Gegenteil, sie sehen das als eine große Bedrohung in der Region und natürlich auch für ihre eigenen Länder. Beide Staaten gehen gezielt gegen Terrorismusfinanzierung vor, und Saudi-Arabien beispielsweise hat auch vor zwei Tagen 100 Millionen US-Dollar an das UN-Terrorismusbekämpfungs-Center gespendet. Insofern gibt es keine staatliche Unterstützung dieser Gruppe, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eventuell saudische oder katarische Individuen geben könnte oder gegeben hat, die diese Terrororganisation unterstützt haben.

Grieß: Nun ist ja allerdings auch bekannt, dass Katar einen Teil der Opposition in Syrien finanziert, im Verlauf der vergangenen Monate und Jahre immer wieder finanziert hat, um dort gegen die syrische Armee zu kämpfen. Kann denn ausgeschlossen werden, dass ein Teil dieser Gelder auch in die Kanäle des IS geflossen sind?

Wehler-Schöck: Das kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass Ressourcen, in welcher Form auch immer, von der einen Seite zur anderen Seite gelangen. Und sowohl die Saudis als auch die Kataris haben natürlich Teile der Opposition in Syrien unterstützt und tun dies weiterhin. Und angesichts des Chaos, das in der Region herrscht, ist natürlich nicht auszuschließen, dass Ressourcen in Hände gelangen, für die sie ursprünglich nicht bestimmt waren. Und man sieht ja beispielsweise auch, dass die IS-Kämpfer im Irak nun über amerikanische Ressourcen verfügen, militärische Ressourcen, die nämlich die irakische Armee nach ihrem plötzlichen Rückzug aus vielen Gebieten zugelassen hat. Und das war natürlich auch nicht intendiert, dass sie über derart hochqualitatives Rüstzeug verfügen.

Grieß: Also Sie haben genannt einzelne Individuen, eigene Steuern, die der IS in den besetzten Gebieten, kann man sagen, inzwischen auch erhebt, und das, was durch die Beutezüge bislang zusammengekommen ist, ergibt all das eine stabile Finanzierung, die auch künftig anhalten wird?

Wehler-Schöck: Ja, Experten vermuten, dass IS mittlerweile zu den reichsten Terrorgruppen der Welt zählt, weil sie es einfach verstanden haben, sich systematisch zu bereichern und eine enorme Finanzbasis mittlerweile akquiriert haben und natürlich auch durch jeden weiteren Gewinn die Ressourcen vermehren. Über den tatsächlichen Wert ihrer Güter gibt es die unterschiedlichsten Schätzungen, das lässt sich nicht genau beziffern.

Grieß: Der IS hat nicht nur Städte und Dörfer überrannt, sondern auch einige Ölfelder, sowohl in Syrien als auch im Irak. Kann der IS dieses Öl verkaufen, auch an den Westen?

Wehler-Schöck: Das bezweifele ich. Ich habe auch aus den amerikanischen Quellen gehört, dass man stärker versucht, jeglichen Transfer in dieser Richtung abzuschneiden, um zumindest aus dieser Quelle Isis keine weitere Finanzierung zu ermöglichen.

Grieß: Schauen wir auf die Gegenreaktion, auf die Situation, die politische Reaktion und Situation im Irak, Frau Wehler-Schöck. Ende 2013, also Ende des vergangenen Jahres, da war das schon, da hat der IS, damals sprach man noch viel von Isis, dem islamischen Staat im Irak, und in Syrien Falludscha und Ramadi, die zwei größeren Städte überrannt und eingenommen. War der Vormarsch, von dem wir jetzt sprechen, in den vergangenen Wochen, war der da schon erwartbar?

Wehler-Schöck: Ja, da haben Sie einen wichtigen Punkt angesprochen. Er war in der Tat abzusehen. Man muss sehen, dass Al Kaida und die Nachfolgekräfte im Irak nie völlig ausgemerzt wurden, sondern nur zurückgedrängt wurden. Und mit dem Hochkommen der Syrienkrise konnten sie erstarken und konnten dann eben auch ihre Kräfte im Irak wieder ausbreiten. Und, wie Sie bereits gesagt haben, im Laufe des Jahrs 2013 hat man gemerkt, diese Terrorgruppe kommt zu Kräften im Irak, und Ende 2013 war es dann soweit, dass sie sogar die irakische Armee aus Gebieten wie Ramadi verdrängt haben. Und es war abzusehen. Es war überraschend, dass ihnen dann vor wenigen Wochen gelang, die zweitgrößte Stadt, Mossul, quasi zu überrennen und einzunehmen – das war ein überraschender Blitzschlag –, aber dass die Terrorgruppe an sich erstarkt ist, war abzusehen. Und es ist sehr bedauernswert, dass die Reaktionen aus dem Westen sich nicht bereits letztes Jahr gezeigt haben, sondern jetzt kommen, nachdem das Kind quasi in den Brunnen gefallen ist.

Grieß: Und sich jetzt langsam entwickeln. Woher hat der IS, woher haben die Kämpfer und auch sein Chef, al-Baghdadi, die militärischen Fähigkeiten, um so zu agieren, wie sie es zurzeit tun?

Wehler-Schöck: Viele dieser Kämpfer haben natürlich in Syrien in den vergangenen Jahren trainiert, haben Erfahrungen gesammelt, und natürlich auch bereits im Krieg gegen die USA unter der Invasion. Also da sind viele Kämpfer dabei, die in der Region militärische Erfahrungen gesammelt haben. Und das militärische Rüstzeug, das wird in der Region natürlich auch teilweise etwas problematisch gehandelt. Und wie ich gesagt habe, durch die Rückzüge der irakischen Armee haben sie sogar teilweise hier sehr hochwertiges Rüstzeug, was die Amerikaner der irakischen Armee zur Verfügung gestellt haben, gewinnen können.

Grieß: Diese irakische Armee, die Sie ansprechen, wird kommandiert von der irakischen Regierung, und da wird es jetzt voraussichtlich eine neue Regierung geben, eine Regierung der nationalen Einheit, heißt es, eben nicht nur unter Führung von Nuri al-Maliki, sondern unter der Führung von Abadi. Mal abgesehen davon, dass der IS damit ja noch lange nicht zurückgedrängt wäre, was wäre mit einer solchen Einheitsregierung geschafft und gelöst?

Wehler-Schöck: Also das war natürlich für die meisten eine Riesenerleichterung, als Maliki dann am Donnerstag schließlich klein beigegeben hat und gesagt hat, ich verzichte auf eine dritte Amtszeit. Es wäre unter ihm keine positive Entwicklung möglich gewesen, weil er in vielen Dingen für die Verschlimmerung der Krise und auch für diese politische Blockade, die im Irak herrscht, verantwortlich ist. Insofern ist die Regierung unter oder die kommende Regierung unter Abadi zumindest ein Hoffnungsschimmer, dass auf politischer Ebene sich positive Entwicklungen abzeichnen. Natürlich steht Abadi jetzt vor einer Riesenaufgabe, nämlich die erste Aufgabe ist es natürlich, jetzt diese sektiererischen Tendenzen auf politischer Ebene zu überwinden und tatsächlich eine Regierung der nationalen Einheit zu schaffen, wo alle politischen Kräfte zusammenstehen und sich diesen terroristischen Bedrohungen stellen.

Grieß: Abadi ist Schiit, und Schiiten regieren auch das große Nachbarland, den Iran. Ist Abadi eine Marionette des Iran?

Wehler-Schöck: Tja, das ist schwer zu sagen. Der Iran hat in der Tat eine große Menge an Einfluss im Irak, und es wird zu Recht gesagt, kein Premierminister wird ernannt, ohne dass der Iran sein Okay gegeben hat. Und man sagt auch, dass Abadi über enge Beziehungen zum Iran verfügt, wie auch Maliki dies getan hat. Es wird sich dann zeigen, wie sehr konkret der Einfluss des Iran im politischen Geschehen in der Regierungsbildung sein kann.

Grieß: Was passiert mit den Kurden, werden die ihren eigenen Staat aufbauen wollen?

Wehler-Schöck: Man kann sagen, dass die Kurden diejenigen sind, die von dieser Krise quasi profitiert haben. Weil dadurch, dass die Peschmerga stark war und dem terroristischen Angriff getrotzt hat, konnten sie ihre Autonomie in diesen Gebieten sichern und sogar ausbauen, und die werden sie natürlich nicht zurückgeben. Und wenn es jetzt Waffenlieferungen gibt an die Kurden, wird es ihnen vermutlich gelingen, dieses Gebiet auch systematisch abzuriegeln gegen Angriffe von außen. Und es wird Bagdad selbst nach einer Stabilisierung des Iraks kaum gelingen, den Kurden etwas von ihrer neuen zusätzlichen Autonomie wieder wegzunehmen.

Grieß: Die Interessen im Irak, im zurzeit langsam zerfallenden Irak, womöglich sortiert mit Anja Wehler-Schöck, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Jordanien, in Amman. Schönen Dank, Frau Wehler-Schöck!

Wehler-Schöck: Vielen Dank, Herr Grieß!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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