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StartseiteTag für TagDas Exorzismus-Ritual Ruqya und ein angeklagter Imam10.09.2015

IslamDas Exorzismus-Ritual Ruqya und ein angeklagter Imam

Für viele Religionen ist das Böse ein zentrales Element. Im Christentum ist das der Teufel, der in manchen Kreisen von Exorzisten ausgetrieben wird. Weniger bekannt: Auch Muslime in Deutschland praktizieren mitunter Teufelsaustreibungen, sogenannte Ruqyas. In Berlin wird derzeit vor Gericht verhandelt, ob ein Imam dieses Ritual missbraucht und eine Frau sexuell genötigt hat.

Von Daniela Siebert

Eine attraktive junge Frau liegt in ihrem Schlafzimmer rücklings auf dem Bett. Sie ist bekleidet, der Raum nur von einer Kerze beleuchtet. Neben ihr liegt ihr Mann. Beide haben die Augen geschlossen, er rezitiert ununterbrochen auf Arabisch die Spruchformel "Im Namen Gottes zuerst und zuletzt". Sie versucht es ebenfalls, scheitert aber. Sie spricht nicht gut genug Arabisch. Neben ihnen steht ein Imam und rezitiert permanent Koranverse. Über Stunden geht das so. So stellt es sich in groben Zügen dar: das Ruqya – Ritual, von dem die Zeugin Dounya dem Amtsgericht Berlin berichtet hat. Doch dann soll etwas gründlich schief gegangen sein. Oder wie es Staatsanwalt Norbert Winkler am ersten Prozesstag vor dem Gerichtssaal formuliert:

"Zunächst mal geht es in dem Verfahren um den Vorwurf, dass ein Imam einer Berliner Moschee im Rahmen eines, wenn man so will, ehe-therapeutischen Rituals nach dem Koran dieses ausgenutzt hat, um sexuell übergriffig gegenüber der hier Geschädigten geworden zu sein. Wenn sich das Ganze so zugetragen hat, wie das die Geschädigte hier in dem Verfahren gesagt hat, dann stellt sich das Ganze nach meinem Dafürhalten als sexuelle Nötigung dar."

Was sie genau bei dem Ritual erwartet, habe sie nicht so genau gewusst, erklärt Dounya dem Gericht. Sie sei neugierig gewesen. Ihr Mann dagegen erhoffte sich von dem Ritual, dass es helfen würde, die zerrüttete Ehe zu kitten. Seine Theorie: Dounya sei vom Teufel besessen, der Imam solle ihn mit dem Ritual austreiben. Dann würde die Familie wieder zusammen finden. Doch es kommt ganz anders: Dounya erstattet Anzeige, weil der Imam sie im Laufe des Rituals mehrfach unsittlich berührt haben soll, ihr beispielsweise die Zunge ins Ohr und in den Mund gesteckt habe.

Folgt man Professor Peter Heine, emeritierter Islamwissenschaftler der Berliner Humboldtuniversität, dann ist ruqya nicht Teil des muslimischen Mainstreams und hat eher mit Volksfrömmigkeit zu tun. Das arabische Wort und seinen muslimischen Kontext erklärt er so:

"Das bedeutet eigentlich Magie und zwar in diesem Fall ist das die gute Magie, die mit Koransprüchen arbeitet und sich auf die Medizin des Propheten Muhammad bezieht. Das Ritual wird durchgeführt, wenn ein Mensch den Eindruck hat, dass er entweder von einem Teufel besessen ist oder von einem Dschinn. Die Rechtsgelehrten sind sich aber nicht einig darüber, ob es überhaupt geht, dass ein Mensch von einem Dschinn besessen wird."

Dschinnen, verstanden als geistige Wesen, werden auch im Koran erwähnt. Als Symptom dafür, dass jemand besessen sei, würde beispielsweise gewertet, wenn eine Muslima ihren Haushalt nicht mehr ordentlich führe oder sich häufig dem Geschlechtsverkehr mit ihrem Mann verweigere, beobachtet Heine.

Unter Muslimen weltweit herrscht Unsicherheit, ob, wann, durch wen und wie solch ein Ritual legitimiert ist. Eine Gruppe muslimischer Berlinerinnen mit arabischem Hintergrund bestätigen, dass sie das Ruqya-Ritual kennen. Körperkontakt gehöre sicher nicht dazu, außerdem müsse immer ein Zeuge dabei sein. Viele andere Muslime geben an, das Ritual gar nicht oder nur vage zu kennen. Das spiegelt sich auch im Internet. Da fragt etwa ein deutscher Forumsbesucher, wer denn Ruqya im Rhein-Main-Gebiet nach Koran- und Prophetentradition durchführe. Die Seite islam-universe warnt, echte Fälle von Besessenheit seien selten, oft würden psychologische Ursachen übersehen. Sie listet mögliche Exorzisten von Bosnien über Jordanien bis nach Indonesien auf, warnt aber auch vor Betrügern. Allgemeingültige Eckdaten des Rituals kann auch Peter Heine nicht benennen.

"Es gibt keine festen Regeln dafür. Was in den verschiedenen Beschreibungen immer wieder vorkommt, ist, dass bestimmte Koranverse rezitiert werden. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass man diese verschiedenen einzelnen Verse über Wasser spricht und dann den Patienten, so nenn ich das jetzt mal, dazu bringt, dieses Wasser zu trinken – und zwar so viel, dass er sich anschließend erbricht. Und das ist ein Zeichen dafür, dass der Dschinn oder der Teufel den Menschen verlassen hat."

Sicher ist, dass in manchen muslimischen Regionen Ruqya häufiger angewandt wird als anderswo. Etwa in Ägypten und Nordafrika, wo Dounyas Mann herstammt. Auch der angeklagte Imam ist gebürtiger Marokkaner. Und er gehört zu einer Moscheegemeinde, die laut Verfassungsschutz Treffpunkt von Salafisten ist. Zudem war der Imam schon früher mit frauenfeindlichen Äußerungen aufgefallen.

So steht das Gericht nun vor der schwierigen Aufgabe, über eine mögliche sexuelle Nötigung im Spannungsfeld deutscher Strafrechtsparagraphen und islamischer Glaubenswelten zu befinden. Morgen wird der Prozess fortgesetzt, bei einer Verurteilung drohen dem Imam bis zu vier Jahre Gefängnis.

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