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StartseitePodiumIslam im Aufwind22.08.2013

Islam im Aufwind

Tatarstans Muslime und ihre neue - alte - Moschee in Kasan

Kasan, die Hauptstadt der Republik Tatarstan, ist das Zentrum des Islams in der Russischen Föderation. Die Religion hat im Land mehr als tausendjährige Tradition, sie versteht sich aber als moderner, toleranter Glaube.

Von Henning von Löwis

Die Kul-Scharif-Moschee ist das neue Wahrzeichen Kasans.
Die Kul-Scharif-Moschee ist das neue Wahrzeichen Kasans.

Vier in den Himmel ragende weiße Minarette mit türkisfarbenen Türmen, verziert mit Halbmonden ausgerichtet auf Mekka, das Zentrum des Islams. Die Kuppel ebenfalls türkisfarben, gekrönt von einem goldenen Halbmond.

Das ist die Kul-Scharif-Moschee - das neue Wahrzeichen Kasans, eingeweiht zum tausendjährigen Stadtjubiläum im Sommer 2005. 58 Meter hoch, überragen die Hauptminarette die blauen Zwiebeltürme der benachbarten orthodoxen Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Kreml. Und das ist kein Zufall.

Der Islam erlebt eine Wiedergeburt in Tatarstan. Und darauf ist Imam Ilfar Chasanow sichtlich stolz.

Imam Ilfar Chasanow (re.) mit Autor Henning von Löwis"Wir freuen uns sehr, Sie alle hier begrüßen zu dürfen, in unserer Moschee Sie alle hier sehen zu können. Das ist die Perle des tatarischen Volkes hier in Kasan."

Der Imam, elegant gewandet in einer aufgeknöpften cremefarbenen Jubba, auf dem Kopf ein weißer Turban, er strahlt, ist glücklich diese Perle tatarischer Architektur präsentieren zu dürfen.

Die Baumeister sind fünf einheimische Architekten aus Kasan, das Baumaterial und die Inneneinrichtung kommen von weither: Granit und Marmor vom Ural, der fast zwei Tonnen schwere Kandelaber aus farbigem Kristall aus Tschechien, und die kostbaren Teppiche spendiert die Islamische Republik Iran.

Kul-Scharif-Moschee Innenansicht (Henning von Löwis)Kul-Scharif-Moschee Innenansicht (Henning von Löwis)Diese Teppiche seien Handarbeit, unterstreicht der Imam - und lenkt die Blicke der Umstehenden nach oben.

Auf der Empore, getragen von Säulen in weißem Marmor, befinde sich der Balkon für die Frauen - und lachend fügt er hinzu:

"Und die Frauen sehen nach den Männern von oben."

Zusammen kommen Männer und Frauen nur, wenn sie heiraten. Die Kul-Scharif-Moschee bietet den idealen Rahmen für tatarische Traumhochzeiten.

Der Blick himmelwärts ist überwältigend: islamische und tatarische Ornamente in den unterschiedlichsten Formen und Farben: safrangelb, Blautöne von zartem himmelblau bis zu kräftigem ultramarin, dunkelgrün, schwarz - das alles umrahmt von goldenen Lettern, Versen aus dem Koran.

Die Kul-Scharif-Moschee ist "nur" die zweitgrößte Moschee Russlands - aber sie ist mit Sicherheit die schönste, die prächtigste.

Imam Chasanow betont ausdrücklich, dass sich die Tore der Kul-Scharif-Moschee im Jahre 2005 nicht allein für Muslime öffneten, sondern für alle Menschen.

Tatarischer Islam ist toleranter Islam. Die islamische Wiedergeburt in der Republik Tatarstan ist nicht begleitet von einem Feldzug gegen "Andersgläubige".

Mufti Kamil Samigullin (Henning von Löwis)Mufti Kamil Samigullin (Henning von Löwis)Dass das so bleibt, dass radikale Islamisten keine Chance haben, dafür will Kamil Samigullin sorgen, Jahrgang 1985 - und damit seit April 2013 jüngster Mufti in der Geschichte Tatarstans:

"Wir sind Anhänger einer besonders toleranten Schule des Islam - der Hanafi-Schule. Um Imam in einer Moschee in Tatarstan zu werden, muss man unbedingt diese Richtung vertreten."

Alle islamischen Einrichtungen in der Republik würden unter dem Dach einer zentralen Organisation arbeiten. Unter der Führung von Mufti Samigullin - und mit dem Rückenwind des Präsidenten - wacht die islamische Zentralorganisation darüber, dass nichts aus dem Ruder läuft, alle auf Kurs bleiben und in den mittlerweile rund 1500 Moscheen Tatarstans keine radikalen Töne angeschlagen werden.

Leichtfüßig - wie auf einem fliegenden Teppich - wandelt Imam Chasanow durch die Kul-Scharif-Moschee. Man sieht es ihm an, welches Vergnügen es ihm bereitet, dieses Schmuckstück moderner tatarischer Architektur vorzuführen, das sich auf eine mehr als tausendjährige Tradition gründet.

An den Wänden Schriftzüge der besonders verehrten Propheten. Der Imam kennt und nennt sie alle beim Namen. Und dann zeigt er auf eine Glasvitrine, in der etwas aufbewahrt wird, auf das man besonders stolz sei in der Kul-Scharif-Moschee.

Das sei ein Stückchen einer Decke aus der Kaaba in Mekka. Im Jahre 2008 habe der König von Saudi-Arabien diese Decke dem ersten Präsidenten Tatarstans geschenkt. Die Decke aus Naturseide sei mit purem Gold und Silber bestickt mit einem Vers aus dem Koran.

Imam Chasanow hat keinerlei Schwierigkeiten den Koranvers vorzulesen - schließlich hat er zweieinhalb Jahre in Saudi-Arabien studiert und dort Arabisch und Alt-Arabisch gelernt.

Wenn er von Mekka spricht, dann leuchten seine tiefdunklen Augen. Aber es gäbe auch hier in Tatarstan einen heiligen Ort - nur etwa 190 Kilometer von Kasan entfernt.

"Das ist die Darstellung der Stadt Bulgari, wo unsere Ahnen, die alten Bulgaren, die haben dort den Islam freiwillig angenommen. Und das passierte im Jahre 922 - wurde der Islam von Bulgaren angenommen."

Für jeden Muslim in Tatarstan sei es eine Herzensangelegenheit und große Ehre den Ort zu besuchen, äußert der Imam, und betont einmal mehr, wie tolerant und weltoffen der tatarische Islam doch sei.

Schließlich preise man Allah in Kasan nicht nur auf Tatarisch, sondern selbstverständlich auch auf Russisch und sogar auf Englisch.

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