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StartseiteTag für Tag"Syrische Muslime könnten eine Chance sein"02.08.2016

Islam in Deutschland"Syrische Muslime könnten eine Chance sein"

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft lasse nicht zu, dass "Deutsch-Sein und Muslimisch-Sein" zusammenpassen, sagte die Publizistin Karen Krüger im Deutschlandfunk. Dass es an einer deutsch-muslimischen Identität fehle, begründet Krüger auch mit der Rolle der vor allem türkisch geprägten Islamverbände: Sie verbreiteten eine türkische Staatsreligion.

Karen Krüger im Gespräch mit Monika Dittrich

Die deutsche Journalistin Karen Krüger (imago stock & people / Gerhard Leber)
Die deutsche Journalistin Karen Krüger (imago stock & people / Gerhard Leber)
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Karen Krüger ist Autorin des Buches "Eine Reise durch das islamische Deutschland". Sie ist Redakteurin bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die studierte Historikerin wurde 1975 in Marburg geboren und wuchs unter anderem in Istanbul auf, wo sie auch Abitur machte. Als Journalistin und Autorin beschäftigt sie sich insbesondere mit der Türkei und türkischem Leben in Deutschland.

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk schildert Karen Krüger die Geschichte des Islams in Deutschland: von der Elitenreligion in der Zeit zwischen den Weltkriegen bis hin zur Massenreligion der Gastarbeiter. Sie kritisiert die Rolle der Islamverbände und die Verbreitung einer türkischen Staatsreligion in Deutschland.


Das Interview in voller Länge:

Monika Dittrich: Frau Krüger, Ihr Buch, das gerade erschienen ist, heißt "Eine Reise durch das islamische Deutschland". Sie beschreiben darin die Lebenswirklichkeit von Muslimen in Deutschland und berichten von unterschiedlichen Begegnungen – mit liberalen und strenggläubigen Muslimen und solchen, die dem Islam den Rücken gekehrt haben. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis, die Sie von Ihrer Deutschlandreise mitgebracht haben?

Karen Krüger: Also, die wichtigste Erkenntnis war erstmal, dass es diesen einen Islam, von dem oft gesprochen wird, so gar nicht gibt und auch nicht die Muslime. Sondern dass der Islam in Deutschland ganz unterschiedlich gelebt wird, dass es ganz unterschiedliche Interpretationen der Religionen gibt und dass die wenigsten Muslime tatsächlich einem Islam anhängen, vor dem man sich fürchten müsste, also ein Islam, der nicht konform wäre mit dem Grundgesetz. Ein anderer Eindruck ist, dass bei den meisten Muslimen sehr viel Schmerz zu spüren ist. Weil aufgrund der politischen Situation in der Welt, sehr viele Muslime immer wieder Ablehnung erfahren, obwohl sie sich als Teil der deutschen Gesellschaft fühlen. Und das führt einfach immer zu so einer latenten Trauer, die mitschwingt, wenn man einfach merkt, man muss immer wieder gegen Vorurteile ankämpfen.

Dittrich: Gibt es denn so etwas wie einen "Islam made in Germany", einen typisch deutschen Islam?

Krüger: Also, vielleicht keinen typisch deutschen Islam, aber es gibt, glaube ich, schon einen Islam, der sich hier entwickelt hat aufgrund der spezifischen deutschen Bedingungen. Sehr viele Muslime, die ich getroffen habe, haben sich längst von der Form wie Religion gelebt wird, gelöst, die sie noch von ihren Eltern überliefert bekommen haben. Also, wie die Religion zum Beispiel in der Türkei gelebt wird oder in der arabischen Welt, quasi mit der Migration wurden da auch teilweise die Wurzeln gekappt – natürlich nicht bei allen Muslimen, aber bei vielen. Und gerade sehr viele junge Muslime eignen sich die Religion auf eine sehr eigene, individuelle Art an, indem sie Seminare besuchen, indem sie Vereine oder kleine Verbände gründen. Und da würde ich dann schon sagen, dass es ein Islam 'Made in Germany' ist. Dann haben wir natürlich auch den deutschsprachigen Islamunterricht in den Schulen, wir haben verschiedene Universitäten, an denen islamische Religionswissenschaft gelehrt wird. Und dort gibt es natürlich auch sicherlich eine deutsche Färbung des Islams.

Welle an Konversionen vor 100 Jahren

Dittrich: Sie beschreiben in Ihrem Buch ja auch, dass der Islam durchaus eine lange Tradition in Deutschland hat, dass es zum Beispiel nach dem Ersten Weltkrieg eine erste Welle von Konversionen zum Islam gab. Spürt man das heute noch? Macht sich das noch bemerkbar?

Krüger: Erstmal, ich war selber davon überrascht, weil es ist auch wirklich etwas, was ich erst jetzt auf meiner Reise herausgefunden habe: dass es einmal diese Welle an Konversionen in den 20er- und 30er-Jahren gab und dass damals der Islam so etwas wie eine Elitereligion für viele Menschen bedeutete. Es gab dann einen Bruch mit dem Zweiten Weltkrieg und erst in den 60er-Jahren, mit der Ankunft der ersten Gastarbeiter, breitete sich die Religion dann wieder aus und natürlich unter ganz anderen Vorzeichen. Eben nicht mehr als elitäre Nischenreligion, sondern dann quasi als Massenreligion. Und auch eine Religion, der man mit – ja – mit so einem gewissen Misstrauen begegnete, weil die Menschen, die dort kamen, eben Fremde waren, von denen man dachte, dass sie nicht bleiben. Und der man dann natürlich noch mit mehr Misstrauen begegnete, nachdem es mit dem 11. September zu den ersten terroristischen Anschlägen kam.

"Dass Menschen Angst vor dem Islam haben, kann ich nachvollziehen"

Dittrich: Und da sind wir auch bei einem Thema, über das man reden muss. Wenn man in diesen Zeiten über den Islam sprechen muss, dann muss man auch immer über Islamismus und Terrorismus sprechen. Sie haben eben schon einmal gesagt: Sie sind nicht dem Islam begegnet, vor dem man sich fürchten muss. Es gibt aber viele Menschen, die sich fürchten. Können Sie das nachvollziehen? Gibt es auch einen gefährlichen Islam in Deutschland?

Krüger: Also, ich würde gar nicht sagen, dass ich ihm nicht begegnet bin. Begegnet bin ich ihm durchaus. Nur mir ist es wichtig - und das möchte ich eben auch mit dem Buch zeigen -, dass die meisten Muslime eben diesem Islam nicht anhängen. Also, mir ging es ja gerade darum, eben mal diese Muslime zu Wort kommen zu lassen, die man eben ansonsten nicht hört, weil ihre Religion eben nicht streitbar ist.

Dass es Menschen gibt, die Angst haben vor dem Islam, kann ich absolut nachvollziehen. Weil es eben Richtungen im Islam gibt, die nicht konform sind mit dem Werten und Freiheiten, die uns hier wichtig sind und weil es Muslime gibt, die im Namen der Religion töten. Und viele Menschen fragen sich auch natürlich, wieso junge Leute in Deutschland überhaupt dazu kommen, sich solchen radikalen Strömungen anzuschließen oder sich den IS zum Vorbild zu nehmen. Und ich glaube, man muss sich da immer bewusst machen, dass der Einstieg in diese Richtung immer ist, dass Religion zum identitären Fluchtpunkt gemacht wird. Und das passiert gerade bei jungen Menschen, die sich hier nicht angenommen fühlen. Also, das sind Kinder von Migranten, denen immer wieder gesagt wird: 'Irgendwie so richtig deutsch seid ihr auch nicht', aber so richtig türkisch oder bosnisch oder arabisch sind sie eben auch nicht mehr, weil sie die Sprache nicht sprechen, weil sie hier geboren und aufgewachsen sind.

Und auf der Suche, irgendwo dazuzugehören, entscheiden sich dann viele für den Islam, weil der Islam transnational funktioniert und jeden willkommen heißt. Und da es in Deutschland noch nicht wirkliche tieffassende Strukturen gibt, dass die Religion jungen Leuten auch gut vermittelt wird, wissen sie sehr wenig über die Religion und fangen dann an, sich im Internet zu informieren und geraten da schnell auf die falsche Spur. Also ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man sich diesen Einstieg immer mal wieder bewusst macht und auch versucht, dort anzusetzen, wenn es darum geht, die Hinwendung zum Extremismus bei jungen Menschen in Deutschland zu verhindern.

Dittrich: Fehlt also so etwas wie eine deutsch-muslimische Identität?

Krüger: Ja, ich glaube, genau das ist es. Das ist es, was noch fehlt, also, dass das derzeit noch nicht von der Mehrheitsgesellschaft zugelassen werden möchte. Sicherlich auch nicht von allen, aber in weiten Teilen ist das noch nicht vorstellbar, dass Deutsch-Sein und Muslimisch-Sein sich nicht ausschließen muss, sondern dass das auch miteinander gehen kann.

Viele Muslime fühlen sich von Verbänden nicht vertreten

Dittrich: Wenn in den deutschen Medien mit Muslimen gesprochen wird, dann kommen häufig die Vertreter der Islamverbände zur Wort. Welche Rolle spielen die? Und fühlen sich die Muslime, die Sie getroffen haben, von Verbänden überhaupt vertreten?

Krüger: Die wenigsten. Also, es lag natürlich vielleicht auch an der Auswahl meiner Gesprächspartner. Aber es gibt auch Studien in Deutschland die belegen, dass sich etwa nur 25 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime überhaupt von diesen Islamverbänden vertreten fühlen. Was die Islamverbände aber nicht daran hindert zu behaupten - immer wieder -, dass sie alle Muslime in Deutschland vertreten könnten.

Die Islamverbände spielen ein bisschen eine ungute Rolle. Also, die meisten von ihnen sind türkisch geprägt und unterhalten auch sehr, sehr enge Beziehungen zur Türkei. Zum Beispiel die Ditib gilt als verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Und diese Religionsbehörde achtet sehr genau darauf, was die Ditib-Funktionäre in Deutschland für eine Arbeit leisten und was in den Moscheen gepredigt wird.

Zum Beispiel besteht die Ditib auch darauf, dass sämtliche Imame, die in den Ditib-Moscheen predigen, aus der Türkei importiert werden. Und das bedeutet, dass dann hier Imame unterwegs sind, die überhaupt nicht mit der deutschen Lebenswelt vertraut sind, die meistens kein Deutsch sprechen und auch so eine türkische Staatsreligion im Hinterkopf haben, die dann über die Moscheen verbreitet wird. Und das passt einfach nicht hier nach Deutschland, finde ich.

Den Koran hinterfragen

Dittrich: Es gibt auch immer wieder den Vorwurf, die Islamverbände und die Moscheegemeinden würden einen rückwärtsgewandten Islam propagieren. Sind Sie diesem Phänomen auch begegnet? Würden Sie das unterzeichnen?

Krüger: In dem Sinne rückwärtsgewandt, dass sich die meisten Imame nicht dafür öffnen, eine Diskussion über die Religion zuzulassen. Es wird von den Gläubigen gefordert, dass sie das, was der Imam sagt und was im Koran steht, einfach annehmen und nicht diskutieren und nicht hinterfragen. Und das ist sehr rückwärtsgewandt. Weil es gibt Religionsgelehrte, die genau das andere machen, also die sagen: Wir müssen uns fragen, was im Koran steht, wir müssen es hinterfragen. Und genau das ist auch etwas, was Gott von uns möchte. Er möchte nicht eine Schafherde an Gläubigen haben, sondern er möchte freidenkende Menschen, die sich mit dem, was er überliefert hat, auseinandersetzen.

Syrische Muslime als Chance

Dittrich: Deutschland wird in den kommenden Jahren Hundertausende Flüchtlinge integrieren müssen. Die meisten von ihnen kommen aus muslimisch geprägten Ländern. Wie werden sie den Islam in Deutschland verändern?

Krüger: Ja, das ist die große Frage. Und auch eine Frage, die mit sehr viel Furcht verbunden ist, weil man komischerweise annimmt, dass diese Flüchtlinge besonders anfällig sein könnten für den radikalen Islam. Was ein bisschen paradox ist, da die meisten ja genau vor diesem Islam geflohen sind. Also, sehr viele Menschen, die Syrien verlassen haben, haben Syrien verlassen, weil sie Angst haben vor dem IS. Und genau so verhält es sich mit den Flüchtlingen aus dem Irak oder aus Afghanistan.

Gerade der Islam, der in Syrien gelebt wird, ist aber bekannt dafür, dass er sehr tolerant ist. Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Syrien hat eine Jahrhunderte alte Tradition. Und der Islam in Syrien ist auch bekannt dafür, dass er auf eine positive Art orthodox ist. Also, jetzt nicht orthodox in dem Sinne, dass alle tief verschleiert rumlaufen und sich ganz streng an die religiösen Regeln halten, sondern in dem Sinne orthodox, dass er sich vor politischen Einflüssen immer verschlossen hat, also, dass eine Politisierung der Religion – und das ist ja der Extremismus – nicht zugelassen worden ist. Von dem her glaube ich, dass diese Muslime, auch gerade die aus Syrien kommen, für den deutschen Islam eher eine Chance sein könnten. Und eben vielleicht auch, dass sie das Monopol des türkisch geprägten Islams in Deutschland auch durchbrechen könnten mit positiven Folgen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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