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IslamÖko trifft halal

Wir denken zu engstirnig über den Islam, findet die Soziologin Nilüfer Göle. Wir schauen zu sehr auf Dschihadisten und zu wenig auf die neue, zweite Generation der Muslime - die sich aktiv einbringt und längst nicht mehr auf "Import-Imame" hört. Warum sollten sich zum Beispiel Halal-Kreise und Öko-Bewegung nicht gegenseitig ergänzen?

Von Thomas Klatt

"Von welcher Art von Islam sprechen wir?", fragt die Soziologin Nilüfer Göle (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)
"Von welcher Art von Islam sprechen wir?", fragt die Soziologin Nilüfer Göle (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)
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Die Fotos wühlten 2009 die mehrheitlich katholischen Italiener auf. Grund der Aufregung in Bologna war ein öffentliches Gebet für die palästinensische Bevölkerung von Gaza. Muslime auf ihren Gebetsteppichen vor der altehrwürdigen Basilika San Petronio. Von Invasion und Untergang des christlichen Abendlandes war die Rede, nicht nur bei der rechten Lega Nord. Für die Pariser Soziologin Nilüfer Göle wurde dieser Konflikt zum Teil ihres Forschungsprojektes. Sie versuchte, Muslime wie Neo-Populisten an einen Tisch zu bekommen.

"Leider mussten wir sehen, dass diese rechten Strömungen immer mehr an Boden gewinnen. Und vielen ist gar nicht bewusst, dass wir damit immer mehr unsere pluralistische Demokratie verlieren. Denn das Problem ist, dass der Mainstream, selbst die Linken, sie gewähren lassen. Denn sie fühlen, dass ihre eigene Unsicherheit gegenüber dem Islam von diesen aggressiven Neo-Populisten mit getragen wird."

Das ist vielleicht das frustrierendste Ergebnis ihrer Forschungsarbeit. Ein konstruktives Gespräch scheint kaum noch möglich zu sein, wenn der Islam nur noch als Bedrohung der eigenen Identität gesehen wird.

Nationale Abwehrmuster wie vor 200 Jahren

Der Bau neuer Synagogen, das Tragen der Kippa bei Gerichtssitzungen oder die Befreiung jüdischer Kinder vom Sportunterricht am Sabbat lösten schon im wilhelminischen Deutschland erbitterte Debatten aus.

"Diese religiösen Rituale werden gelebt im Verhältnis zur säkularen Gesellschaft. Das sieht man an Begriffen wie halal und koscher. Vor dem Holocaust gab es ähnliche Debatten über das Judentum. Ist diese Religion mit dem Christentum vereinbar? Ist es eine ethnische Religion? Kann die christliche Mehrheitsgesellschaft dem Raum geben? Das Schächten, die Beschneidung der Knaben am achten Tag. Diese alten Debatten schienen schon vergessen. Doch nun mit den Kontoversen um den Islam kommen sie nach Europa zurück. Muslime sind im Grunde verpflichtet, das Judentum zu entdecken. Denn Juden sind genauso in die aktuellen Auseinandersetzungen mit dem Islam verwickelt wie die Muslime selbst."

Nilüfer Göle will vor allem die Erfolge der Integration herausstreichen. Längst würden sich Muslime nicht mehr in Hinterhofmoscheen verstecken, sondern selbstbewusst ihren Glauben leben. Moscheeneubauten seien ein echter Fortschritt.

"Ein europäischer Islam kann neue Akzente setzen"

"Von welcher Art Moschee und welcher Art von Islam sprechen wir? Wenn es europäischer wird, können wir neue Akzente setzen. Zum Beispiel: Was ist der Platz für Frauen, versteckt im hinteren fensterlosen Teil oder gleichberechtigt mit den Männern? Was ist der Platz für die Jugend in den Moscheen? Es ist auch eine Frage des Konsums, denn Moscheen sind soziale Treffpunkte mit Geschäften und Teestuben. Wenn wir neue Moscheen nur als Einfallstore für ausländische Kräfte und einen radikalen Islam sehen, dann verpassen wir eine Chance, denn nun wird der Glaube in der Stadt sichtbar."

Natürlich sei zu fragen, wie groß zum Beispiel der Einfluss saudi-arabischer Geldgeber sei. In Sarajevo etwa begleitete Göle dazu Diskussionen, weil die Bosnier eine Verdrängung ihrer eigenen lokalen Traditionen befürchten. In der Türkei gab es Diskussion, ob neue Moscheen nun im Sinne Erdogans neo-osmanische Prachtbauten sein sollen oder eben modern, wenn sie zum Beispiel Frauen anders als früher einen zentralen Aufenthaltsbereich einräumen.

"Wir dürfen neue Moscheen nicht als Bedrohung von außen sehen. Sondern wir müssen sehen, wie die Moscheen mitten in unseren Städten zu uns gehören, mehr europäisch werden. Das fängt schon mit einer modernen lichtdurchfluteten Architektur an. Ist es eine kommunale Moschee? Welche Sprache wird dort gesprochen? Ist es eine multikulturelle Moschee für alle Muslime und nicht nur für eine bestimmte Ethnie? Gehen Türken auch zu pakistanischen Moscheen wie etwa in Britannien? Gehen Palästinenser in türkische Moscheen in Deutschland? Das muss alles diskutiert werden, denn das sind die europäischen Fragen."

Ein Button fotografiert bei einem muslimischen Poetry Slam. Göle vermutet "ein Neulernen des Islam" in der Zweiten Generation   (picture alliance / dpa / Florian Kleinschmidt)Ein Button fotografiert bei einem muslimischen Poetry Slam. Göle vermutet "ein Neulernen des Islam" in der Zweiten Generation (picture alliance / dpa / Florian Kleinschmidt)

Und diesen Fragen hätten sich nicht nur Muslime, sondern alle Akteure in einer funktionierenden Zivilgesellschaft zu stellen. Nach zahlreichen Gesprächen in vielen europäischen Städten sei ihr klar, dass die neue Zweite Generation der Muslime eine Bereicherung für die westliche Gesellschaft darstellt.

"Der Islam in Europa nimmt neue Formen an. Es sind neue Minderheiten, die sich in die Gesellschaft aktiv einbringen. Sie definieren sich neu. Es gibt ein selbstbewusstes Neulernen des Islam. Nicht mehr wie in ihren Familien, sondern sie suchen etwa ihren Islam in der Musik oder in der Literatur. Sie wollen sich nicht mehr die Religion irgendwelcher Import-Imame anhören. Denn diese Generation spricht besser Deutsch als Türkisch oder Arabisch. Und viele lernen nun islamische Theologie in Deutschland, an der Universität, aber auch in eigenen Hauskreisen etwa im Freundeskreis. Das eröffnet viele neue Möglichkeiten."

"Wir brauchen eine kreative Kultur, die mehr einbindet"

Warum sollten sich nicht Halal-Kreise und Öko-Bewegung gegenseitig ergänzen? Besonders junge Muslima würden eine neue muslimische Frauenelite bilden, die sich nicht mehr von religiösen Übervätern einfach bevormunden ließe.

"Wir schenken diesen vielen guten Beispielen zu wenig Aufmerksamkeit. Wir müssen nur herumschauen und könnten es sehen. Aber wir sehen es nicht. Was wir sehen ist die Flüchtlingskrise oder der dschihadistische Terror. Wir reden nicht über die normalen Muslime. Oder sollte ich besser heroische Muslime sagen, weil sie mit ihrem Glauben in der bürgerlichen Gesellschaft sichtbar werden? Wir brauchen eine kreative Kultur, die diese neuen Muslime viel mehr mit einbindet."

Wenn denn möglichst alle Muslime als Teil der Zivilgesellschaft auch bereit sind, selbstkritisch über eine Abwehr und Bekämpfung von Radikalisierungen innerhalb und außerhalb ihrer Moscheen mit nachzudenken. Sonst müsste man Nilüfer Göle wohl einen zu großen Optimismus in Sachen Europäischer Islam vorwerfen.

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