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StartseiteTag für Tag"Familienehre ist von weiblichen Familienmitgliedern abhängig"29.04.2016

Islam und Emanzipation - Teil 7"Familienehre ist von weiblichen Familienmitgliedern abhängig"

Streng gläubige muslimische Eltern erwarten von ihren Kindern nicht nur bestimmte Rollenmuster - vor allem weibliche Familienmitglieder sind auch für die Ehre ihrer Familien verantwortlich. Das sagt die Lehrerin Betül Durmaz. Seit vielen Jahren unterrichtet die Muslimin an Brennpunktschulen im Ruhrgebiet. Dort erlebe sie eine Renaissance des Islams, sagte sie im DLF.

Betül Durmaz im Gespräch mit Monika Dittrich

Die deutsche Lehrerin und Buchautorin Betül Durmaz (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)
Die deutsch-türkische Lehrerin und Buchautorin Betül Durmaz (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)
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Monika Dittrich: Welche Rolle spielt die Religion bei Ihren Schülern?

Betül Durmaz: Wir haben es natürlich mit vielen strenggläubigen Familien zu tun, in denen starre Rollenmuster vorherrschen, wo bestimmte Rollen von den Jungen und den Mädchen erwartet werden.

Dittrich: Das Thema unseres Gesprächs lautet Islam und Emanzipation. Deshalb meine Frage: Welches Frauen- und Männerbild erleben Sie denn bei Ihren Schülerinnen und Schülern?

Durmaz: Das ist natürlich sehr festgelegt, dass wirklich die Ehre der Familie von den weiblichen Familienmitgliedern abhängig gemacht wird. Für mich als Pädagogin stellt sich die Frage nach den Ursachen: Warum ist das so? Warum besinnen sich die Menschen immer mehr auf ihre Religion, auf ihre Tradition? Ich beobachte in meinem Alltag - ich nenne das immer so - eine "Renaissance des Islams". Dennoch stelle ich mir die Frage warum ist das so und warum sind die Gründe so? Eine Grundvoraussetzung für Integration meiner Meinung nach neben Sprache auch Arbeit. Wenn ich grundsätzlich von bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werde, suche ich mir meine eigene Nische. Und hier ist dann die Religion und die Tradition. Das ist ein Phänomen, das man weltweit beobachten kann. Die erste Generation von Gastarbeiterinnen war viel besser integriert als die dritte und vierte Generation. Die ersten Gastarbeiterinnen haben bewusst ihr Kopftuch abgelegt, sie hatten Arbeit und haben partizipiert. Der Arbeitsmarkt für Minderqualifizierte ist in den letzten Jahrzehnten eingebrochen und es gibt keine Jobs mehr für diese Menschen. Was bleibt, ist eine Rückbesinnung auf die eigene Religion und Tradition. Und ich finde, patriarchalische Lebensformen beruhen weniger auf Religion als auf Tradition. 

Vermittlung demokratischer Werte

Dittrich: Sie stammen selbst aus der Türkei, sind Muslimin. Hilft Ihnen das bei Ihrer Arbeit? Respektieren Ihre Schüler Sie deshalb vielleicht mehr?

Durmaz: Die respektieren mich und auch die Eltern beäugen mich natürlich auch ein bisschen kritisch. Auf der einen Seite sind sie natürlich stolz und sagen: "Eine von uns hat es geschafft, super". Aber ich komme natürlich auch mit meinen demokratischen Werten und sage, dass jeder hier wichtig ist und jede Stimme zählt. Mir wird auch eher mal was übel genommen als meinen deutschen Kollegen.

Dittrich: Wie gehen Sie mit diesen patriarchalen Strukturen, den Rollenvorbildern und den Rollenbildern, die Sie genannt haben, um?

Durmaz: Wir haben ja einen Erziehungs- und Bildungsauftrag und natürlich darf die Religionsfreiheit den Erziehungsauftrag nicht torpedieren. Und wir leben Demokratie vor, das fängt schon von klein auf an: In jeder Klasse gibt es einen Klassenrat, und da werden demokratische Strukturen von klein auf mit den Kindern geübt und wir leben das vor, jeder ist wichtig und jede Stimme ist wichtig, egal welches Geschlecht oder welche Hautfarbe.

Aufklärungsarbeit elementar

Dittrich: Und welchen Einfluss haben Sie als Lehrerin, um Stereotype aufzuknacken?

Durmaz: Das ist immer ganz schwierig. Ganz realistisch gesehen: In sechs Schulstunden erreichen wir natürlich nicht so viel. Das Elternhaus das hat natürlich einen viel größeren Einfluss. Aber was wir wirklich versuchen ist, Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit bei den Eltern zu leisten. Nur so können wir diese Kinder und diese Familien erreichen. Wir haben einmal in der Woche ein internationales Frauencafé einmal die Woche, wo wirklich die Frauen sich treffen und in einem geschützten Raum über Erziehungs- und Gesundheitsfragen ungeniert sprechen können. Das ist auch eine Form, mit der wir versuchen, diese Mütter auch zu erreichen, weil in einem Patriarchat herrscht natürlich immer auch ein Matriarchat. 

Dittrich: Wie erleben Sie denn die Begegnung mit den Eltern? Also sowohl mit den Müttern im Frauencafé als auch mit den Vätern?

Durmaz: Die Mütter muss ich sagen, die sind meistens viel zugänglicher und auch viel offener. Wenn es ganz streng religiöse Familien gibt, da hat man natürlich keinen Zugang. Ich sag mal ein Beispiel: Immer wenn gewisse Feste sind wie Karneval, fehlen ganz bestimmte Kinder von diesen strenggläubigen Familien. Und was mir besonders auffällt: Wir haben zum Beispiel eine Konvertitin, die ist besonders strenggläubig und lebt das noch viel strenger aus. Mein Ansatz ist, auf der Beziehungsebene einen Zugang zu diesen Familien zu bekommen, weil sie sonst einfach fehlen und man hat keine Handhabe. Beispiel Schwimmunterricht: Wenn ich da wirklich knallhart darauf bestehe und sage "Sie müssen kommen, das ist genau wie Deutsch und Mathematik", dann fehlen genau diese Mädchen. Diese Erfahrung habe ich an der Förderschule in Gelsenkirchen gemacht. Es geht wirklich nur über die Beziehungsarbeit, über die Aufklärungsarbeit, dass man einen Zugang zu diesen Menschen bekommt. Ich will, dass die Kinder alle Schwimmen lernen; ich will, dass alle Kinder mit auf die Klassenfahrt dürfen. Dieses eigene Ziel, welches man verfolgt, darf man nicht aus den Augen verlieren. 

Kompromissbereitschaft notwendig

Dittrich: Und erreichen Sie dieses Ziel, zum Beispiel beim Schwimmunterricht?

Durmaz: Bedingt erreiche ich das auf jeden Fall. Man muss auch manchmal Kompromisse eingehen, wie etwa den Burkini. Aber mein Ziel ist es, jedem Grundschulkind schwimmen beizubringen und das ist dann der Kompromiss.

Dittrich: Also der Burkini, der Ganzkörperbadeanzug?

Durmaz: Genau.

Dittrich: Sie tragen kein Kopftuch, einige ihrer zumindest ehemaligen Schülerinnen schon. Gab es da manchmal Konflikte?

Durmaz: Ja, es gab oft Konflikte. Ich wurde ganz oft gefragt: "Bist du tatsächlich Türkin? Bist du tatsächlich Muslimin?". Meine Antwort ist immer: "Du, in erster Linie bin ich Mensch." 

Kopftuch als Streitpunkt

Dittrich: Und wenn Sie erlebt haben, dass Schülerinnen beispielsweise nicht ganz freiwillig das Kopftuch tragen? Wie sind Sie damit umgegangen?

Durmaz: Die haben das ja nicht ganz so offen gesagt, dass sie es nicht freiwillig trügen. Aber sie haben natürlich ihre entsprechenden, starken Vorbilder im häuslichen Umfeld. Und deswegen brauchen sie eben auch so ein Vorbild wie mich, die sich dann auch als Moslem bekennt, aber kein Kopftuch trägt und sagen kann, so Leute wie mich gibt es auch. 

Dittrich: Die Frage, ob Lehrerinnen das Kopftuch tragen dürfen, ist ja immer wieder ein Streitpunkt in Deutschland. Welche Meinung haben Sie dazu?

Durmaz: Ich finde, die Religionsfreiheit darf nicht so weit gehen. Wir haben eine Vorbildfunktion und diese Kinder haben ja entsprechende Vorbilder schon im Elternhaus. Und religiöse und politische Symbole haben in der Schule nichts zu suchen. 

Dittrich: Das heißt, kein Kopftuch bei Lehrerinnen?

Durmaz: Würde ich so sagen, ja.

Dittrich: Welche Konflikte erleben Sie denn zwischen muslimischen und christlichen Schülern?

Durmaz: An der Förderschule war es gang und gäbe, dass 'Christ' ein Schimpfwort war. Dass Schüler gesagt haben "der ist ja nur Christ" und da sind schon so diese zwei Welten, aber wie ich das schon gesagt habe, es hat natürlich seine Ursache. Wenn wir jetzt zum Beispiel die libanesische Ethnie nehmen: Die wurden ja jahrelang nur geduldet, die durften nicht arbeiten. Ist doch klar, dass die sich ihre eigene Nische suchen. Wer ausgegrenzt wird, versucht sich aufzuwerten, indem er andere abwertet. Ich bin dann wer, ich bin jetzt hier der coole Moslem. Ich hab dann auch erlebt, dass die wenigen deutschen Kinder gesagt haben "ich bin auch Moslem", worauf ich ihnen gesagt habe, nein du bist nicht Moslem und das ist auch alles in Ordnung. 

Dittrich: Wenn Sie jetzt mal in die Zukunft blicken: Welche Perspektive sehen Sie, vor allem für Ihre Schülerinnen? Werden die ein eher traditionelles Leben führen, vielleicht wie ihre Eltern oder werden sie irgendwann daraus ausbrechen?

Durmaz: Ich versuche, den Kindern natürlich ganz, ganz viel Selbstbewusstsein mitzugeben. Man muss sich die Ziele viel kleinschrittiger stecken. Also wenn beispielsweise ein Mädchen nicht mit achtzehn verheiratet wird und sich den zukünftigen Mann aussuchen darf, dann haben wir schon mal einen Riesenerfolg erreicht. 

Schwieriges Verhältnis zur Emanzipation

Dittrich: Ist der Islam eine frauenfeindliche Religion?

Durmaz: Also das ist jetzt so eine Frage. Von welchem Islam sprechen wir? Diese unüberschaubare Menge wird jetzt in einem Topf vermischt. Sprechen wir über meinen Islam? Sprechen wir über den IS? Sprechen wir über Bin Ladens Islam oder über die Aleviten, Sunniten etc.? Ich finde das ganz schwierig zu sagen "der Islam". Wir sprechen ja auch nicht von "den" Protestanten oder "den" Katholiken. 

Dittrich: Dann sprechen wir mal über den Islam, den Sie bei Ihren Schülern und Schülerinnen und den Familien, mit denen Sie zu tun haben, erleben.

Durmaz: Eine Gleichberechtigung bedeutet für mich auch, dass jede Stimme wichtig ist, dass eine finanzielle Unabhängigkeit da ist und das kann ich leider nicht beobachten. 

Dittrich: Und wenn wir über diesen Islam sprechen, passt dieser Islam mit Emanzipation zusammen?

Durmaz: Schwer zu beantworten. Es gibt bestimmt Bereiche, da setzen sich die Frauen von hinten durchs Auge durch. Aber nach außen hin hat der Mann schon das Sagen, und viele Frauen fürchten natürlich, wenn sie gegen die Regeln verstoßen, dass sie selber von der Familie verstoßen werden, dass da Sanktionen drohen. Es ist ein ganz schwieriges Thema. 

Dittrich: Lassen sich die kleinen Jungs eigentlich von Ihnen als Frau und Lehrerin was sagen?

Durmaz: Auf jeden Fall.

Dittrich: Und wie haben Sie das geschafft?

Durmaz: Na, ich kann schon ein bisschen strenger sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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