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Islam und Feminismus

Alice Schwarzer: "Die große Verschleierung" und Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn: "Die Hälfte des Himmels"

Die Gesellschaften, in denen Frauen am meisten zu leiden haben, sind häufig islamisch. Ob Frauen tatsächlich Opfer der Religion oder vielmehr einer Jahrhunderte alten Macho-Tradition sind, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Von Sabine Pamperrien

"Warum fragt ihr Ausländer immer nach Kleidervorschriften?" (AP)
"Warum fragt ihr Ausländer immer nach Kleidervorschriften?" (AP)

Alice Schwarzer warnte bereits vor den Gefahren des Islamismus, als europäische Linke noch Ajatollah Khomeni zujubelten. Seit 1979 das Schah-Regime stürzte, gelte das Kopftuch weltweit als Flagge der Islamisten, schreibt die 67-Jährige. Schwarzer setzt sich leidenschaftlich dafür ein, das in Frankreich verfügte Kopftuchverbot an Schulen auch in Deutschland einzuführen.

Die Taktik der Alt- und Neu-Islamisten ist seit dem 11. September 2001 mehr denn je die Verschleierung: die Verschleierung ihrer Absichten wie die Verschleierung der Frauen.

Für die Emma-Herausgeberin gleichen die Versäumnisse des Westens bei der Verhinderung einer Islamisierung der Ignoranz gegenüber den Gefahren des Nationalsozialismus.

Die Islamisten haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalsozialisten. Auch in "Mein Kampf" stand ja schon alles drin. Auch wir hätten es damals wissen können.

Ihr neues Buch versammelt 30 Texte aus der Zeitschrift Emma, die im Laufe der Jahre zum Thema Islamisierung erschienen sind. Ein Dutzend Artikel aus der Feder Schwarzers werden ergänzt durch Analysen einiger Expertinnen und Aussagen Betroffener. Alle Texte illustrieren Schwarzers Hauptthese.

Das wahre Problem ist die systematische Unterwanderung unseres Bildungswesens und Rechtssystems mit dem Ziel der "Islamisierung" des Westens.

Doch für eine systematische Unterwanderung von Rechts- und Bildungssystem werden genauso wenig stichhaltige Beweise benannt wie für die These, alle Kopftuchträgerinnen zeigten durch ihre Haarbedeckung eine radikale politische Gesinnung. Fast alle Beiträge gleichen sich auffällig darin, Schwarzers Befunde zu wiederholen und als gesicherte Erkenntnis zu behandeln.

Nun weiß man inzwischen, dass Islamisten unterschiedlichster Couleur nicht mit der Brechstange vorgehen – bis auf die wenigen bekennenden Extremisten –, sondern ihren Einfluss systematisch und schrittweise ausdehnen, häufig unter Zuhilfenahme demokratischer Freiheiten und Institutionen.

Wenige Einzelfälle offensichtlichen Rechtsmissbrauchs sollen reichen, Grundrechte von Muslimen zu beschränken. Ihnen sollen Klage- und Widerspruchsrechte beschnitten werden. Dass damit das Rechtsstaatsprinzip außer Kraft gesetzt würde, bleibt unerwähnt. Mehr noch: Es wird sogar insinuiert, das deutsche Rechtssystem sei partiell bereits zum Islam konvertiert. Als Beweis werden Rechtsgutachten genannt, die einzelne Regelungen der Scharia für vereinbar mit deutschem Recht halten. Der Kontext der juristischen Argumentation wird nicht referiert oder, im Falle der Polygamie, falsch dargestellt. Deutsche Gerichte haben die Polygamie nicht anerkannt! Bei näherem Hinsehen entpuppt sich Schwarzers Thesenwerk als neue Version ihres bereits 2003 erschienen Bandes "Die Gotteskrieger". Diese frühere Aufsatzsammlung über die Gefahren des Islamismus ist dem neuen Buch allerdings intellektuell weit überlegen. Damals stellte die Herausgeberin Texte zusammen, die den Islamismus in seinen historischen und weltpolitischen Zusammenhängen erfassten. Das neue Buch enthält lediglich noch auf Krawall getrimmte Kurzfassungen der Analyse von 2003. Verkürzungen sind wenig geeignet, die versprochene Diskussion um eine wirksame Integrationspolitik zu fördern. Lesenswert ist der Band aber wegen der aussagekräftigen Reportagen von Journalistinnen wie Antonia Rados oder Gabriele Vensky. Ein literarisches Kleinod ist ein Reisebericht der Soziologin Necla Kelek, der es gelingt, die Wirkungen der Re-Islamisierung im ganzen bunten Alltag der Türkei bis in die Sprache von Dichtern hinein spürbar werden zu lassen. Wie Einzelschicksale von Frauen in Kombination mit dem Zahlenwerk internationaler Studien für ein besseres Verständnis weltweit bestehender Probleme genutzt werden können, zeigen vorbildlich die US-Journalisten Nicholas Kristof und Sheryl WuDunn in ihrem engagierten Buchprojekt "Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen".

Die globalen Statistiken sind monströs. Es zeigt sich, dass in den letzten 50 Jahren mehr Mädchen getötet wurden, nur weil sie Mädchen waren, als die Gesamtzahl aller Männer, die in den Schlachten des 20. Jahrhunderts zu Tode gekommen sind. In jedem einzelnen Jahrzehnt wurden bei diesem alltäglichen "Genderzid" mehr Mädchen getötet, als die Gesamtzahl aller Menschen, die den Genoziden des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind.

Das Autorenpaar hat nicht nur für Reportagen über Zwangsprostitution, Menschenhandel, Ehrenmord, Massenvergewaltigung und Müttersterblichkeit Asien und Afrika bereist, sondern zeigt auch die Maßnahmen und Projekte, die geeignet sind, die Lage der Frauen in den unterentwickelten Ländern zu verbessern. Die packend geschriebenen Texte machen klar, dass die Förderung der Frauen der Schlüssel zur globalen Armutsbekämpfung ist. Umfangreiche Studien von Weltbank und Vereinten Nationen belegen, dass Investitionen in die Bildung von Mädchen die ertragreichsten sind, die in Entwicklungsgebieten überhaupt machbar sind. So sei Chinas wirtschaftlicher Aufstieg und der anderer asiatischer Staaten nur möglich durch die konsequente Erschließung der weiblichen Arbeitskraft. Diese wiederum kann nur durch bessere Bildung und Ausbildung erfolgen.

Durch eine gestärkte Stellung der Frauen können die Wirtschaftsproduktivität gesteigert und die Kindersterblichkeit verringert werden. Sie trägt zu besserer Gesundheit und Ernährung bei. Und sie erhöht die Bildungschancen für die nächste Generation.

Die Gesellschaften, in denen Frauen am meisten zu leiden haben, sind häufig islamisch. Bei ihren Reisen konnten die Autoren jedoch eine Aufbruchstimmung konstatieren. In zahlreichen islamischen Ländern beginnen Frauen, sich zu emanzipieren. Kristof und WuDunn nennen dazu valide Statistiken. Kleiderfragen streifen sie auch.

Als Nick eine Gruppe saudischer Ärztinnen und Krankenschwestern über die Rechte der Frauen in ihrem Land befragte, fauchten sie ihn an: "Warum fragt ihr Ausländer immer nach Kleidervorschriften? Angesichts der Probleme auf der Welt – ist das wirklich so wichtig?"

Den islamischen Vorkämpferinnen für Gleichberechtigung sollte man in der Tat etwas mehr zutrauen, als Schwarzer es tut. Selbst im US-Sicherheitsrat wird inzwischen über Frauenrechte debattiert – als Bedingung für Deeskalation im vermeintlichen Clash of civilisations, so die Autoren zu weiteren Langzeitstudien.

Überall, wo Frauen eine stärkere Rolle spielen, nimmt die Neigung junger Männer zum Terrorismus ab.

Sabine Pamperrien über Alice Schwarzer: "Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus". Das 318 Seiten dicke Taschenbuch ist bei Kiepenheuer und Witsch zum Preis von 9 Euro 95 erschienen, ISBN: 978-3-46204-263-4. Der zweite rezensierte Band kommt aus dem C.H. Beck Verlag, seine Autoren sind Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn. Sein Titel: "Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen". 359 Seiten für 19 Euro und 95 Cent, ISBN: 978-3-40660-638-0.

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