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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Wir sollten uns eigentlich erschrecken"21.01.2016

Islamfeindlichkeit in Deutschland"Wir sollten uns eigentlich erschrecken"

Erst kamen die Terroranschläge, dann die Übergriffe auf Frauen an Silvester in Köln: Beides hat dazu beigetragen, ohnehin weit verbreitete Ängste und Vorurteile gegen Muslime weiter zu schüren. Welche Denkmuster und Stereotype stehen dahinter - und was lässt sich dagegen unternehmen? Auf diese Fragen versuchten Wissenschaftler bei einer Tagung am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, Antworten zu finden.

Von Ulrike Burgwinkel

Eine Moschee auf Koh Lanta in Thailand (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Gegen Islamfeindlichkeit gibt es ein Mittel: persönliche Kontakte. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)

"Die empirischen Daten, die religionssoziologischen Untersuchungen der letzten 20 Jahre zeigen," so Tagungsleiter Professor Bülent Ucar, Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Uni Osnabrück" dass es durch die Bank und bereits lange vor dem 11. September enorme Vorurteile, Ängste, Sorgen, aber auch offene Aversionen gegenüber Islam und Muslimen in Deutschland gibt und das ist auch unabhängig von tagesaktuellen Geschehnissen wie Köln oder Pegida."

Die wissenschaftliche Tagung über Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus wurde förmlich überrollt von den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und den daraufhin aufflackernden Diskussionen. Der Fokus der Vortragenden lag denn auch nicht auf den aktuellen Ereignissen.

"Für uns ist wichtig, welche Denkmuster, welche Denkstrukturen, welche Stereotypen dahinter stehen und wir wollen auf dieser wissenschaftlichen Tagung uns damit auseinandersetzen und versuchen, das auch vertiefend nachzuvollziehen."

Antimuslimischer Rassismus ableitbar aus einer Islamophobie oder einem assymetrischen Herrschaftsverhältnis

Während die derzeitige Situation zu einer unerwarteten Aktualität der Tagung geführt hatte, ging es in dem lange vor "Köln" geplanten Treffen in Osnabrück um Grundsätzliches, zum Beispiel eine Begriffsklärung: Was verstehen wir eigentlich unter antimuslimischem Rassismus?

Dr. Farid Hafez vom Fachbereich Soziologie und Politikwissenschaft der Universität Salzburg: "Es gibt unterschiedliche Zugänge zu der Thematik. Der eine Zugang ergibt sich über die Vorurteilsforschung, das heißt, Islamophobie, antimuslimischer Rassismus als Vorurteil zu sehen, als ein Ressentiment. Und der andere Zugang ist eher ein herrschaftskritischer, postkolonialer Zugang, wo antimuslimischer Rassismus verstanden wird als ein asymmetrisches Herrschaftsverhältnis, über das diese Vorurteile dann in die Welt gesetzt werden, diese rassistischen Wissensbestände sich ausbreiten, um bestimmte Machtverhältnisse auszuweiten, zu stabilisieren."

Professor Andreas Zick vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt-und Gewaltforschung berichtete über die Ergebnisse seiner 12-jährigen Forschung über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Damit gemeint ist die Abwertung unterschiedlicher Gruppen: das können Frauen sein, Homosexuelle, Behinderte, Juden oder eben auch Muslime. Bei den Querschnittsbefragungen sollte herausgefunden werden, wie verbreitet solche geringschätzenden Stereotypen, Klischees und Vorurteile sind.

Muslime unter Generalverdacht - nährt weitere Islamfeindlichkeit und stärkt den Rechtspopulismus

"Summa summarum kann man sagen, dass muslim-islamfeindliche, also generalisierte negative Sichtweisen auf Muslime: Es gibt zu viele Muslime. Muslime verehren Terroristen wie Helden usw. Die sind so enorm weit verbreitet, dass es uns eigentlich erschrecken sollte. Sie sind weit geteilt."

Im Übrigen werde nicht differenziert, sondern automatisch würden alle Muslime gleich bewertet und in Haft genommen, so Zick.

"Interessant ist auch, es scheint so zu sein, dass negative Bilder über Muslime und den Islam auch einen Teil einer europäischen Identität sind; denn Menschen, die sich hoch-niedrig identifizieren mit Europa unterscheiden sich nicht. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Nationalstolz geht einher mit Islamfeindlichkeit und das sehen wir im Rechtspopulismus: Der Islam ist geeignet als Abgrenzung, um zu sagen: Wer ist das Volk?"

2008 hat sich in einer europäischen Umfrage herausgestellt: Nur 19 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass die islamische Kultur zu Deutschland passt, der niedrigste Wert aller Länder. Die vielen Bilder des Islam seien diffus, nicht bearbeitet, und hinter Islamfeindlichkeit steckten in der Regel Ungleichwertigkeitsvorstellungen. Dagegen gäbe es ein Mittel: persönliche Kontakte. Sie nützen und schützen.

Andreas Zick führte weiter aus, "Aber wir leben in radikalen Zeiten. Die Vorfälle von Köln werden dazu führen, dass Muslime unter Generalverdacht gestellt werden, insbesondere muslimische Männer, Einfallstor für Vorurteile. Das heißt, die Trennung fällt nicht mehr leicht, was ist dort Gewalterbe im Islam. Jede Religion muss das diskutieren, das muss auch der Islam diskutieren. Und gleichzeitig verorten viele Menschen das, passen das in ihre Zeit ein. Und dann ist diese Diskussion nicht mehr möglich, sondern sie befördert Vorurteile statt eine aufgeklärte  abendländisch-rationale Diskussion zu führen."

Eine Aufforderung zum konkreten Handeln, eine Intervention, forderte Professor Achim Bühl von der Beuth-Hochschule Berlin anstelle der akademischen Diskurse. Seine konkreten politischen Forderungen, wie zum Beispiel: weg mit dem Kopftuchverbot, weg mit der verdachtsunabhängigen Polizeikontrolle, Gebetsräume in allen öffentlichen Gebäuden und kommunales Wahlrecht für Alle, wurden mit viel Applaus bedacht vom Tagungspublikum.

Gesellschaftssysteme tragen Verantwortung für frauenverachtende Haltung und Einstellung

Die Turkologin und Erziehungswissenschaftlerin Professor Yasemin Karakasoglu von der Uni Bremen hat sich speziell mit institutionalisierter Diskriminierung von Muslimen beschäftigt.

"Der Umgang mit Menschen, die Muslime sind, in der Institution zum Beispiel Schule, ist geprägt durch Einstellungen, Haltungen, Handlungsweisen von Personen, die wichtig sind: Lehrer, Schulleitung, Lehrerinnen. Und deren Handlungsweisen, Umgangsweisen mit muslimischen Schülern ist keine rein neutrale, sondern sie ist vorgeprägt durch Voreinstellungen, Stereotypen, teilweise eben auch Fremdenfeindlichkeit, rassistische Sichtweisen. Das beeinträchtigt die Schulkarrieren von Kindern."

Yasemin Karakasoglu bezieht auch Stellung zu den kriminellen Taten, die von "Männern arabischer oder nordafrikanischer Herkunft" in Köln und anderen Städten begangen wurden. Dass diese Männer Muslime seien, wurde vorausgesetzt, eine Kollektivzuschreibung, so Karakasoglu.

"Die Frauen sind ganz offensichtlich Opfer von frauenverachtender Haltung und Einstellung, die kann sich im Einzelfall bei den Tätern, die möglicherweise Muslime sind, auf ihre Interpretation des Islam zurückverfolgen lassen. Aber in der Regel hat das etwas zu tun mit Gesellschaftssystemen, in denen diese jungen Männer aufgewachsen sind und mit Werten und Normen, die nicht automatisch als Rückschluss aus dem Koran, sondern aufgrund von Traditionen, die in Gesellschaften entwickelt worden sind, vermittelt worden sind."

Das sind Gesellschaften, in denen die Umgebung eine strenge soziale Kontrolle ausübt und in denen die Frau oder der Mann nicht von innen, individuell und selbstständig Einstellungen, Gefühle, oder auch Triebe kontrollieren muss. In einer demokratischen pluralistischen Gesellschaft handelt das Individuum hingegen eigenverantwortlich.

"Das ist ein sehr aufgeklärtes Bild vom Menschen, der für das, was er macht, selbst verantwortlich ist und nicht den Anderen verantwortlich macht. Diesen Blickwechsel zu vermitteln, das ist Aufgabe von Bildung und da möchte ich einfach sagen: das ist nicht im Widerspruch zum Islam als Religion, sehr wohl zu bestimmten Traditionen, die diese Männer aus ihren Familien, aus der umgebenden Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, mitgebracht haben. Nebenbei gesagt, es gibt solche Haltungen und Handlungen auch inmitten Deutschlands bei Menschen, die hier aufgewachsen sind, es gibt ja auch sexualisierte Gewalt in Deutschland."

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