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StartseiteKultur heuteIslamic Newthinking29.06.2011

Islamic Newthinking

Eine Tagung des KWI in Essen über Ansätze innerislamischer Reformen

Die Deutung des Korans, kritische Reformansätze und das Verhältnis von Staat und Religion waren Themen am Kulturwissenschaftlichen Zentrum in Essen. Bei der Tagung unter dem Titel "Islamic Newthinking" wurde zudem über Demokratiebewegung, islamischen Feminismus und Religionskritik gesprochen.

Von Kersten Knipp

Blick in ein Schulbuch für den Islamunterricht, aufgenommen an der Georg-Monsch-Schule in Offenburg (AP)
Blick in ein Schulbuch für den Islamunterricht, aufgenommen an der Georg-Monsch-Schule in Offenburg (AP)

Sprache, auch die Sprache Gottes oder besser, deren Text gewordene Spur, lässt sich singen. Betörend klingt diese Sprache dann - aber kann man sicher sein, den richtigen Ton getroffen zu haben? Vielleicht wäre ja eine ganz andere Intonation viel angemessener? So aber zeigt sich schon in den beiden Grundformen religiöser Rede, der Lesung und des rezitierenden Gesangs, wie wenig gewiss der Mensch sein kann, die göttliche Botschaft angemessen zu verstehen und wiederzugeben. Und lässt man diesen Zweifel einmal zu, dann befindet man sich schon inmitten einer hermeneutischen Debatte, an deren Ende alles, nur keine Gewissheit steht. Man kann religiöse Texte nicht absolut verstehen, immer schiebt sich das Medium Sprache dazwischen. Dennoch gibt es im Islam eine Sehnsucht nach totaler Erkenntnis des Gottesworts, erklärte der Philologe Aziz Al-Azmeh - und die stelle sich moderner Textkritik entschlossen entgegen.

"Die beiden Begriffe "Positivismus" und "Hermeneutik" werden zu polemischer Mystifizierung eingesetzt. In einer postkolonialen, postmodernen Welt hat der Begriff "Positivismus" keinen sonderlich guten Ruf. So wird jeder Versuch, philologische Analysen auf Grundlage der Geschichte, der Mythologie, der Anthropologie durchzuführen, als "positivistisch" gebrandmarkt. Das ist ein simpler rhetorischer Trick."

Ein Trick allerdings, der mitten hinein führt in die politischen Dimensionen der Diskussion. Es falle ihm schwer, den Koran unter dem Druck moderner Exegese seine Aura verlieren zu sehen, erklärte der Philosoph Abdelkarim Shouroush und verwies so auf die psychologischen Erwartungen, die sich mit der Lektüre des Koran verbinden. Auch eine moderne Lesart müsse diese Aura nicht bestreiten. Gerade diese Erwartungen waren aber Aziz Al Azmeh suspekt, vor allem, da sie auf die Macht der religiösen Institutionen des Islam rechnen könnten.

"Natürlich wird an dem Text hart gearbeitet. Aber diese Arbeit hat keine zentrale Position Stellung im Öffentlichen Leben der derzeitigen arabischen Welt. Natürlich gibt es in der arabischen Welt sehr starke säkulare Stimmen - aber sie haben keine institutionelle Verankerung. Jede rational oder historisch vorgehende Position muss sich deshalb auch darum bemühen, in der arabischen Welt entsprechende Institutionen aufzubauen."

Dieser Kritik schloss sich auch der Philosoph Sadik Al-Azm an - erklärte die zögerliche Haltung vieler Muslime einer neuen, nicht-traditionellen Lesart des Korans gegenüber aber mit den politischen Erfahrungen der jüngeren Zeit.

"Oft haben die Menschen Angst, dass die Alternative im Bürgerkrieg bestehen könnte, so wie man es im Libanon oder im Irak erlebt hat. Dergleichen wollen sie unbedingt vermeiden. Darum suchen sie nach Alternativen, um den sozialen Frieden zu sichern. Aber gerade die jüngeren Erfahrungen wie im Irak, im Libanon oder auch in Algerien haben gezeigt, dass das Zugehörigkeitsgefühl immer noch auf der Religion basiert."

Eben diese und weitere Ängste würden aber missbraucht, erklärte Ibtihal Younis, Kulturwissenschaftlerin und Frau des verstorbenen Reformtheologen Nasr Hamid Abu Zaid, dem das Symposium gewidmet war. Eben darum habe sich ihr Mann auch immer für eine moderne Lesart des Koran eingesetzt.

"Er sah, dass die Politik die Religion im Laufe der Geschichte missbraucht, dass die Religion für politische Zwecke einsteht. Und er war der Ansicht, dass ein solcher Missbrauch den Interessen der Menschen schadet, den Muslimen ebenso wie den Christen. So etwas bezeichnete er als ungesetzlich, denn das Gesetz sieht nicht vor, dass sich die Regierungen auf die Religion stützen und für politische Zwecke missbrauchen."

Konzentriert wurde in Essen um ein angemessenes Verständnis des Islam gerungen. Empathische und analytische Lesarten standen einander gegenüber, allerdings nicht feindlich sondern in bester dialogischer Konstellation. Bisweilen, konnte man lernen, verweigern sich Gottesworte rabiater Vereinnahmung.

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