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StartseiteHintergrundDschihad aus dem Kinderzimmer 24.02.2017

IslamistenszeneDschihad aus dem Kinderzimmer

Es vergeht fast keine Woche, ohne dass irgendwo in Deutschland Razzien oder Festnahmen in der radikalen Islamistenszene stattfinden. 9.000 Salafisten gibt es bundesweit, und die Strukturen sind alles andere als übersichtlich. Auffällig ist dabei: Die neuen Mitglieder der Szene werden immer jünger und so für die Behörden schlechter zu greifen.

Von Elisabeth Veh

Ein Jugendlicher sitzt am Bildschirm eines PCs, der die Flagge der Terrormiliz IS zeigt. (imago / Ralph Peters)
Islamisten versuchen auch, Jugendliche und Kinder anzuwerben. (imago / Ralph Peters)
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Abschnitt 33, Direktion drei, ein großer, brauner Kachelbau: Dass ausgerechnet eine Polizeiwache in der unmittelbaren Nachbarschaft ihren Sitz hat, störte gegenüber, auf der anderen Seite der Perleberger Straße, offenbar nie wirklich jemanden: Die Fussilet-Moschee im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses in Berlin Moabit ist seit zwei Jahren als Treffpunkt der salafistischen Szene in der Hauptstadt bekannt. Vor allem Muslime aus dem Kaukasus und aus der Türkei sollen hier verkehren; für zehn so genannte Gefährder soll die Moschee eine regelmäßige Anlaufstelle gewesen sein; fünf Vorständen und Anhängern wurde wegen Terrorverdachts bereits der Prozess gemacht. Von außen ist fast nichts zu erkennen. 

"Ich sehe eine komplett verklebte Fensterscheibe oder mehrere, und eine offensichtlich geschlossene Moschee." 

Es ist Ende Januar, als der Journalist Florian Flade die Moschee mal wieder besucht. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Dschihadistenszene, schreibt darüber auf seinem Blog und als Teil des Investigativteams der "Welt". Zweimal war er hier, als noch mehr los war. Wer zur Moschee will, muss durch die rotgestrichene Holztür in den Innenhof des Gebäudes, dann links. 

"Und da hängt ein Schild, dass Presse nicht erwünscht ist und das als Hausfriedensbruch geahndet wird, wenn man da reingeht." 

Typische Kleidung, typische Anhänger der Szene

Durch die rotgestrichene Holztür begab sich auch Attentäter Anis Amri. Das ist auf Videoaufnahmen vom Eingangsbereich zu sehen, die nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz an die Öffentlichkeit gelangten. Jetzt fegt ein Hausmeister den Innenhof, eine Nachbarin nimmt Pakete an, und die Tür links ist verschlossen. Florian Flade vermutet, dass dem Moscheeverein die letzte Razzia durch die Sicherheitsbehörden dann doch so zugesetzt hat, "dass sie erstmal nicht mehr öffnen wollen. Also es gibt noch kein Vereinsverbot, aber irgendwie möchte man keine Besucher mehr und hier findet nur noch relativ wenig statt eigentlich seit ein, zwei Wochen."

Doch Florian Flades Vermutung scheint sich nicht zu bewahrheiten. Drei junge Männer in dunkler Kleidung, mit Pluderhose und tief ins Gesicht gezogenen Schals und Hoodies, kommen aus dem Innenhof und laufen mehrmals und auffällig nah an uns vorbei. Typische Kleidung. Typische Anhänger der Szene. Sie ist offenbar doch noch da. 

Zur dschihadistischen Szene in Deutschland nennt das Bundeskriminalamt in einer Analyse zwei entscheidende Erkenntnisse aus dem Jahr 2016. Erstens: 

"Der IS fordert seine Anhänger im Westen seit geraumer Zeit ausdrücklich dazu auf, nicht mehr in das 'Kalifat' auszureisen, sondern in ihren Heimatländern Anschläge zu verüben."

Und zweitens: 

"Seit Juli 2015 ist die Zahl der islamistisch motivierten Ausreisen aus Deutschland in Richtung Syrien/Irak drastisch zurückgegangen." Die Zahl der Anschläge in Deutschland nahm zu. 

Als "erster" islamistisch motivierter Anschlag mit einer klaren Spur zum IS gilt der in einem Regionalzug bei Würzburg. Am 18. Juli 2016 verletzte ein in Deutschland als minderjährig und unbegleitet registrierter Flüchtling fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer, vier davon schwer. Der junge Mann, der von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei erschossen wurde, lebte in einer Pflegefamilie in einem kleinen Ort in Unterfranken.

Der Attentäter von Würzburg kündigt seine Tat in einem Internet-Video an. (dpa)Der Attentäter von Würzburg kündigte seine Tat in einem Internet-Video an. (dpa)
Im Garten dieser Pflegefamilie spielen am Tag nach dem Anschlag Kinder. Im Rest des kleinen Dorfes ist von Unbeschwertheit keine Spur. Ein Landwirt erzählt, wie die Dorfgemeinschaft in der Flüchtlingskrise mit viel Engagement die Turnhalle umgebaut hat. Und wie geschockt nun alle sind, weil ausgerechnet einer, bei dem dieses Engagement zu fruchten schien, der Deutsch und Schwimmen gelernt hat und Praktikant war bei einem Bäcker, einen Anschlag begeht.

Eine junge Medizinstudentin, deren Mutter den Attentäter als Sozialpädagogin betreut hat, erzählt, dass er "zum Beispiel, sehr gerne Liebesfilme angeguckt hat. Also er war großer Bollywoodfilmfan und hat gerne gemalt, ist gerne spazieren gegangen, solche Sachen. Und war auch bei seinen Betreuern eigentlich allgemein eher beliebt. Wenn du mich fragst, es muss eine Sicherung durchgebrannt sein. Es muss irgendwas Schlimmes passiert sein, dass das passiert ist." 

Nur was genau? Das versucht, der Generalbundesanwalt immer noch zu ermitteln. Antworten darauf sucht man aber auch beim bayerischen Verfassungsschutz. Denn bekannt war der Täter dort nicht, sagt der Präsident Burkhard Körner. Und zu den sogenannten "Gefährdern" zählte er erst recht nicht.  

"Diese Person hat sich zunächst weitestgehend eigenständig radikalisiert, vor allem über das Internet. Hat dann auch Begleitung im Rahmen des Radikalisierungsprozesses im Internet erfahren, ist dann auch konkret bei der Tat noch angeleitet worden, und sogar das Märtyrervideo, das danach erstellt wurde, wurde schon vorher übers Internet mit ihm zusammen erarbeitet." 

Aufgenommen zuhause, bei der Pflegefamilie, vor dem weiß-mintfarbenen Kleiderschrank. Der Dschihad hat das Kinderzimmer erreicht und dort eine Anarcho-Variante seiner selbst erschaffen. Das ist eine neue, besorgniserregende Dimension in der Szene. Ende Januar wurde die 16-jährige Safia S. in Celle wegen eines Messerangriffs auf einen Bundespolizisten zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Auch Lorenz K. aus Wien ist so ein jugendlicher Einzeltäter. 17 Jahre alt. Er chattete mit einem anderen Wiener Islamisten darüber, wo man Sturmgewehre herbekommen könne. Dieser andere Islamist ist zwölf. Ebenso wie ein weiterer aus Ludwigshafen, der sich im Austausch mit den beiden Wienern dafür interessierte, wie man Bomben baut. Er wollte eine auf einem Weihnachtsmarkt zünden. Auch er: zwölf Jahre alt. 

Die Zahl der Anhänger der salafistischen Ideologie ist wieder gestiegen

"Es ist glaube ich im Moment eines der realistischsten Szenarien, mit dem wir wahrscheinlich in den nächsten Jahren immer wieder konfrontiert sind: so eine Art Anarcho-Dschihad." So nennt es der Journalist Florian Flade. 

"Es gibt diese Kontakte, zu terroristischen Organisationen wie dem IS, die dann anleiten, live anleiten per Chat bis kurz vor dem Anschlag den Attentätern sagen, was sie zu machen haben auch wie sie Bekennerschreiben oder Bekennervideos zu formulieren haben, das ist eine Entwicklung und ein Service, wenn man so möchte, ein terroristischer Service, den gab es vor einigen Jahren so noch nicht."

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Anhänger der salafistischen Ideologie wieder gestiegen. Die Szene wächst, und ihre neuesten Mitglieder werden immer jünger, sagt Burkhard Körner vom bayerischen Verfassungsschutz. Das heißt auch, für die Behörden sind sie immer schwerer zu greifen. 

"Wenn man die Syrien-Ausreisen und die Irak-Ausreisen anschaut, dann sind über 50 Prozent unter 25 Jahre alt. Aber auch unter den Gefährdern hier im Land sind 35 Prozent jugendlich oder bis 21 Jahren. Wir haben auch zunehmend Frauen in der Szene, die, und das ist das eigentlich erstaunliche, oftmals noch sehr viel jünger sind. Wir haben zwei Ausreisefälle von Frauen in Bayern gehabt, die noch nicht einmal 18 waren."

Junge Islamisten führen nicht das reine, religiöse Leben

Ob man in diesem Alter von radikalen Überzeugungen sprechen kann oder besser von kindlichen Spinnereien, irgendwo zwischen Ego-Shooter und Gangsta-Rap? Und wie passt es da, dass immer mehr dieser jungen Islamisten nicht das reine, religiöse Leben führen, das sie der Ideologie nach sollten, sondern Drogen nehmen oder verkaufen, so wie Anis Amri? Zwei Drittel derer, die in den Dschihad ausgereist sind, sind polizeibekannt. Zehn Prozent wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz.  

"Wir haben in diesem Verfahren ja immer wieder das Thema, das interessiert ja auch die Gerichte, wie entsteht diese Überzeugung, die den Beschuldigten dann letztlich dazu führt, dass er diese Tat begeht? Und da kann man eben feststellen, dass dem keine längere Schulung oder Selbststudium vorausgeht, sondern, dass es eben ein oberflächliches Wissen ist, das angeeignet wird durch hauptsächlich durch die Medien, durch das Internet." 

Johannes Pausch ist Strafverteidiger. Früher hat er mal Mitglieder der RAF verteidigt. Zurzeit betreut er einen jungen Islamisten vor Gericht: Er verteidigt ein Mitglied der Gruppe, die im vergangenen Jahr einen Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen verübt haben soll, als dort gerade eine Hochzeit stattfand. 

"Und die Beschuldigten wussten mit dem Begriff Sikh-Religion eigentlich nichts anzufangen. Sie waren, das stellt sich jetzt heraus, davon ausgegangen, dass das ein Hindutempel ist oder eine Hindubegegnungsstätte und wussten, dass die Hindus viele Götter anbeten und dass das ja im Islam verboten ist, und deshalb möglicherweise die Auswahl dieses Anschlagsziels, ohne dass man Sikh überhaupt richtig schreiben konnte. Das zeigt für mich, dass die Vorbereitung, die Beschäftigung mit solchen Anschlägen, oder versuchten Anschlägen, immer oberflächlicher wird." 

Ein Tagtraum, statt einer radikalen politischen Vision? 

Johannes Pausch hat den Vergleich: Vor Jahren hat er ein Mitglied der "Sauerland-Gruppe" verteidigt, einer Zelle aus vier jungen Männern, die sich 2007 in einem Ferienhaus in Oberschledorn zum Bombenbau verabredet hatten. Die Sauerland-Gruppe gilt als eine der ersten islamistischen Zellen in Deutschland, und als eine der gefährlichsten.

Die Ermittlungsbehörden schafften es, das zum Bombenbau vorgehaltene Wasserstoffperoxid gegen eine Ersatzflüssigkeit auszutauschen und so den Bau einer Bombe zu verhindern. Die Motivation dieser jungen Menschen für die Tat war eine andere als heute, sagt Johannes Pausch. Die Ideologie verwässert. 

Der Angeklagte Adem Y. im Prozess (11.08.2009) gegen die sogenannte Sauerlandgruppe in Düsseldorf. (dpa picture alliance / Federico Gambarini )Einer der Angeklagten im Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe in Düsseldorf. (dpa picture alliance / Federico Gambarini )
"Wir hatten früher konkrete und politischere Anlässe. Nehmen wir mal die Mohammed-Karikaturen. Das war ja in der Szene ein Tabubruch, der zu Reaktionen geführt hat. Heute stelle ich fest, ist es einfach nur die Zugehörigkeit zu einer Religion, eine große Unzufriedenheit mit der eigenen Situation in Deutschland. Der IS ist weit weg und spielt auch häufig gar keine Rolle. Also in Essen sagen die Angeklagten ja, das ist gar nicht die Organisation, die wir gut finden, über die haben wir diskutiert, da wussten wir aber immer nicht: Ist das richtig, was die machen, ist das falsch, was die machen?" 

Zwar gäbe es auch bei den Essener Angeklagten die Vorstellung, dass ein Kalifat errichtet werden müsse, sagt Johannes Pausch, allerdings nicht im Sinne des IS, eher im Sinne eines muslimischen Eilands, auf dem die reine Religion gelebt werden kann. Ein Tagtraum, statt einer radikalen politischen Vision? 

Als der sogenannte Islamische Staat 2014 das Kalifat ausrief und eine große Zahl junger Menschen zur Ausreise in den Dschihad motivierte, wurde die Anziehungskraft der radikalen Ideologie immer mit einer Popkultur verglichen. Doch die vermeintlich große Idee des todeswilligen Supergotteskriegers, des Märtyrers, der sich aufmacht in den Kampf für die unterdrückten Muslime, diese Idee ist heute schlicht nicht mehr angesagt. 

Ferngesteuerte Täter

Thomas Mücke hat nicht viel Zeit. Ein wichtiger Termin beim Landeskriminalamt Bayern steht an. 

"Also es gibt ja in allen Bundesländern, bei den Länderprogrammen, die Absprachen: Was ist ein sicherheitsrelevanter Fall? Und da tauscht man sich dann mit den Sicherheitsorganen aus, und da gibt es ja fein abgestimmte Verfahrensweisen." 

Thomas Mücke ist Chef vom "Violence Prevention Network”, einer NGO, die deutschlandweit über 300 junge Menschen betreut, die sich in der salafistischen Szene radikalisiert haben. Manche von ihnen gelten nach einem bestimmten Kriterien-Katalog als sicherheitsrelevant, das bedeutet, Thomas Mücke tauscht sich dann mit den Sicherheitsbehörden darüber aus, was seine Klienten so machen, wo sie sind und wie es ihnen geht - so wie bei seinem Termin heute.

Auch er kennt das Phänomen von immer jüngeren und offenbar ferngesteuerten Tätern und konnte manche von ihnen mit viel Arbeit zurückholen, raus aus der Szene, inklusive Schulabschluss, Ausbildungsplatz und einer Familie, die sich kümmert. Doch Thomas Mücke weiß auch, dass an manche in der Szene kein Herankommen mehr ist. Perfiderweise nahmen nämlich auch die Angeklagten aus Essen zumindest zeitweise an einem Programm teil, das wie die NGO von Thomas Mücke bei der Deradikalisierung helfen soll: das Programm "Wegweiser” in Nordrhein-Westfalen.

"Da muss man natürlich auch wissen, dass Menschen die eventuell Anschläge durchführen, sich relativ unauffällig verhalten. Und man kann nicht in jeden Kopf hineinschauen. Man kann nur agieren, wenn man aus der sozialen Umgebung erfährt, hier liegt ein Problem vor. Es gibt Fälle, wo man schon auch sehr misstrauisch ist. Deswegen gibt es gerade bei den sicherheitsrelevanten Fällen auch die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen. Weil das erste ist immer, dass man die Fremd- und Selbstgefährdung verhindern muss, und das kann man nicht in jedem Einzelfall garantieren. Egal, was Sie tun, den nächsten Anschlag, Sie werden ihn nicht verhindern können. Einer wird immer irgendwann mal umgesetzt werden können."

Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, wenn es Kontakt zu den Strukturen der Szene gibt. Es gab die Koranverteilaktion "Lies", über die Burkhard Körner vom Bayerischen Verfassungsschutz sagt:  "Man kann sagen: Nicht jeder der durch 'Lies' angesprochen wurde, radikalisiert sich. Aber fast jeder, der sich radikalisiert hat, hat mit 'Lies' Kontakt gehabt."

Der Verein "Die wahre Religion”, der die Lies-Aktionen in deutschen Städten und am Ende sogar auch in anderen europäischen Ländern organisiert hat, wurde Ende 2016 von Innenminister De Maizière verboten. Mit Erfolg, bestätigt auch Burkhard Körner vom Bayerischen Verfassungsschutz. Allerdings: Der salafistische Prediger Pierre Vogel versucht, die entstandene Lücke zu füllen und verteilt seit einiger Zeit die Biografie des Propheten Mohammed in deutschen Innenstädten. "We love Mohammed” heißt sie.

Und der als salafistisch eingestufte Verein "Ansaar International" - vorgeblich eine Hilfsaktion für Syrien - verteilt nun Korane auf Flohmärkten, zusammen mit selbst gemachter Seife und Duftkerzen. Die Lies-Gruppen selbst hätten sich zwar aufgelöst - was allerdings nicht heiße, dass die damit zusammenhängenden Personen nicht mehr existieren, sagt Burkhard Körner. 

Das Nebenzimmer in der Moschee war ein Reisebüro

"Auch durch das Verbotsverfahren gegen 'Lies' versuchen natürlich diese Personen, auszuweichen. Und das passiert dadurch, dass die häufig Korankreise, Gesprächskreise, Gebetskreise in Privatwohnungen abhalten." 

Einen Korankreis hat es auch in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Drogerie im niedersächsischen Hildesheim gegeben.

Im Hildesheimer Islamkreis predigte Abu Walaa, der sogenannte "Prediger ohne Gesicht". Ein gebürtiger Iraker mit tausenden Abonnenten bei Youtube, Facebook und eigenem Telegram-Kanal. Er ist bekannt dafür, dass das Bild in seinen Videos so eingestellt ist, dass sein Kopf abgeschnitten ist. Abu Walaa wurde im Oktober vergangenen Jahres verhaftet, und mit ihm mehrere Gefolgsleute, die bei der Rekrutierung für den IS mitgeholfen haben sollen. Hildesheim gilt als einer der Hotspots der radikalen salafistischen Szene in Deutschland, 22 Dschihad-Reisende kamen von hier, 15 von ihnen sollen vorab den "deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim" besucht haben. In der Moschee gab es ein Nebenzimmer. Dort war das Reisebüro. 

Ahmed Abdelasis A. alias Abu Walaa von hinten bei einer Video-Botschaft. (dpa / Screenshot)Ahmed Abdelasis A. (32), alias Abu Walaa, einer der einflussreichsten Prediger der radikalen deutschen Salafisten-Szene, bekannt dafür, sein Gesicht nicht öffentlich zu zeigen. (dpa / Screenshot)
Sowohl die angeklagten Jugendlichen aus Essen standen mit Abu Walaa in Kontakt, als auch der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz: Anis Amri. Die Verhaftungen gelten als der bedeutendste Schlag gegen die Szene, mit dem Netzwerk um Abu Walaa sitzt das Who is Who im Gefängnis, sagt Burkhard Körner vom Bayerischen Verfassungsschutz. 

"Wenn eine Radikalisierung soweit stattgefunden hat, wie gerade bei Abu Walaa, dann sind diese bereits durch entsprechende Exekutivmaßnahmen, soweit sie uns bekannt sind, durch die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik Deutschland aus dem Verkehr gezogen worden. Wir müssen halt immer wieder genau hinschauen, ob sich entsprechende Strukturen, die so weitgehend sind, wie wir sie hier im Rahmen dieses Hildesheimer Islamkreises festgestellt haben, auch wo anders feststellen können." 

Eine Herausforderung für die Sicherheitsbehörden

Die Sicherheitsbehörden sagen, sie hätten die Szene im Blick. Fast alle Experten gehen aber auch davon aus, dass es in Deutschland weitere Strukturen, wie die um Abu Walaa gibt. Nur: Wo? Und um wen?

2004 hat eine Arbeitsgruppe im Innenministerium den Begriff "Gefährder" eingeführt. Ein Gefährder ist eine Person, der man potenziell einen Anschlag zutraut. Die, die sich an den bekannten Szene-Hotspots in Berlin, Nordrhein-Westfalen oder Bremen bewegen, Syrien-Rückkehrer, aus der Haft entlassene Dschihadisten, aber auch Menschen, bei denen man befürchtet, dass sie ganz allein für sich operieren könnten. "Gefährder" ist ein polizeilicher Arbeitsbegriff, kein juristischer. Ein Gefährder kann daher auch jemand sein, der sich rein rechtlich nichts zu Schulden kommen hat lassen. Die Behörden müssen bei der stetig wachsenden Szene eben irgendwie priorisieren, sagt der Journalist Florian Flade. 

"Böse Zungen sagen ja auch: Der Arbeitsbegriff Gefährder ist sozusagen eine Arbeitsbegrenzungsmaßnahme, damit jedes Bundesland weiß, oh, so und so viele haben wir, die sind die Top-Gefährlichen. Ob das letztendlich stimmt, ist eine ganz andere Frage. In Deutschland haben in den letzten Jahren immer diejenigen, die keine Gefährder waren, Anschläge begangen, beziehungsweise versucht, Anschläge zu begehen. Aber man muss aufpassen, dass man da jetzt nicht auch noch versucht, diese Instrumente noch auszuweiten, oder sich noch irgendwelche Fantasieparagrafen zu überlegen, um diese Personen noch mehr im Griff zu haben, weil, das geht irgendwann in den Bereich der Tiefenpsychologie. Und nicht vergessen: Viele dieser Leute haben keine Straftaten begangen und tun das tagein tagaus nicht, werden aber trotzdem überwacht, weil man denkt, sie könnten es tun."

Dass das erst einmal so bleiben wird, darin sind sich alle einig. Zwei Tage nach Florian Flades Besuch bei der Berliner Fussilet-Moschee gab es erneut eine Razzia - drei Menschen wurden festgenommen. Der Verein kam seinem Verbot inzwischen zuvor und hat das Mietverhältnis in der Perleberger Straße gekündigt. "Diese Moschee bleibt endgültig geschlossen!" steht nun in Großbuchstaben auf einem Zettel an der Tür im Innenhof. Ob die Szene sich auflöst oder nur ein bisschen unsichtbarer wird, das ist nun die Herausforderung für die Sicherheitsbehörden.

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