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Island braucht den Euro - bleibt aber unschlüssig beim EU-Beitritt

Staatliche Finanzkrise befeuert Diskussion um den Euro als stabile Währung

Von Philipp Boerger

Die isländische Krone
Die isländische Krone (Philipp Boerger)

Die internationale Finanzkrise hat Island hart getroffen. So hart und so plötzlich wie kein anderes Land in Europa. Die Folge: der Verfall der Währung. Im Ausland ist die Krone nicht mehr viel wert und lässt die Isländer verarmen, die bis vor kurzem noch zu den reichsten Europäern zählten. Deshalb wird in Island nun über einen EU-Beitritt diskutiert. Das Hauptargument ist der Euro als künftiges Zahlungsmittel, der als stabil und als krisensicher gilt.

Medikamente, Essen, Benzin, Alkohol. Alles zu haben, kein Problem. Auch DVDs, Parfüm und Wintermäntel. Der Tabakhändler klagt allerdings über Nachschubprobleme beim Drehtabak, er hat nur noch 30 Päckchen auf Lager, danach wird er mit diesem Produkt vorerst nicht mehr beliefert, erzählt er. Und deutsche Zeitungen sind in Reykjavik schon länger nicht mehr zu bekommen. Eine Selbsterfahrung:

"I would like to buy a german newspaper like the Spiegel-Magazine." – " I'm sorry, but we have no german newspapers for about a month or so. Our german companies, they don't wanna trade with us anymore because they don't think you know they don't have the guarantee for their business."

Es lohnt sich für den deutschen Pressevertrieb offenbar nicht mehr, Island zu beliefern, das Geschäft ist für beide Seiten unsicher geworden. Die Währung Krone ist so schwach, dass der Verkauf von ausländischen Produkten kaum noch Gewinn abwirft. Viele Verkäufer haben Angst, dass ihr Laden dicht machen muss, erzählt Gulla, die im Buchladen arbeitet, einige Pleiten habe es bereits gegeben.

"Yeah I know that you know everybody has to be afraid of the job now because every company is insecure. All kinds of shops, they close down. Because of the situation."

Und jetzt ist erst Dezember, Weihnachten steht bevor. Für Februar wird eine Arbeitslosenquote von 15 bis 20 Prozent befürchtet. Das in einem Land, in dem seit dem Zweiten Weltkrieg nahezu Vollbeschäftigung herrschte. Dabei ist die isländische Wirtschaft an sich intakt, sagt der Politiker Bjarni Benediktsson von der konservativ-liberalen Unabhängigkeitspartei:

"Wir haben eine nachhaltige Fischwirtschaft, wir sind ein attraktives Touristenziel, und dank unserer Wasserkraft und der Hitze im Boden können wir jede Menge umweltfreundliche Energie produzieren. Islands Zukunft sieht gut aus, auch wenn wir gerade schwere Zeiten erleben."

Das Hauptproblem ist die Krone. In den letzten zehn Jahren viel zu stark, ist sie jetzt deutlich zu schwach. Unberechenbar waren ihre Wertschwankungen immer. Früher, in den 70-er Jahren, war hohe Inflation für Island aber nicht so gefährlich, erzählt der Wirtschafts- und Steuerpolitiker Benediktsson. Heute muss sich die kleine Währung auf einem globalisierten Finanzmarkt behaupten.

"Ich bezweifle, dass es mit der Krone langfristig noch funktionieren kann. Die naheliegendste Lösung wäre, EU-Mitglied zu werden und den Euro einzuführen. Aber das kann nicht die einzige Alternative sein. Im Gegensatz zu unserer Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum hat eine EU-Mitgliedschaft nicht so viele Vorteile für Island."

In Island gibt es seit Wochen Anti-Regierungsproteste. Im Zentrum der Kritik steht die Unabhängigkeitspartei, die seit 1991 durchgehend an der Macht ist, wenn auch in wechselnden Koalitionen. Die Unabhängigkeitspartei hat eine EU-Mitgliedschaft immer abgelehnt. EU-skeptisch sind aber auch Oppositionspolitiker wie Ögmundur Jónasson von der Links-Grünen-Bewegung.

"I am an sceptic of the European Union. I don't look to the European Union as an saving heaven."

Die Links-Grüne-Bewegung fürchtet den Verlust der Unabhängigkeit des Landes. Und massive Umweltzerstörung. Wie im Osten der Insel, wo Gletscherflüsse gestaut und das Hochland geflutet wurden, um eine Aluminiumfabrik mit sogenanntem "Naturstrom" zu versorgen.

"Günstige und saubere Energie. Aber wofür? Um damit Coca-Cola-Dosen zu produzieren, die gleich wieder weggeschmissen werden?"

Die Bürger sind ebenfalls unentschlossen in der EU-Frage. Ältere, die noch unter entbehrungsreichen und harten Bedingungen der weit abgelegenen Insel aufgewachsen sind, haben Angst, dass sich die insgesamt nur rund 300.000 Isländer gegen die Interessen der viel größeren EU-Staaten mit fünf, 50 oder auch 80 Millionen Einwohnern nicht durchsetzen können. So hat Island etwa für seine 200-Seemeilen-Exlusivzone im Nordatlantik lange gekämpft, und Islands Wirtschaft ist deutlich vom Fischfang abhängig. Die Fischereipolitik ist damit ein weiterer Stolperstein auf dem Weg in die EU.

"The European Union has destroyed their own fishing stocks. So we don't want the do destroy also our fishing stocks."

Aber so groß die Skepsis auf manchen Politikfeldern auch ist: Den Euro als Folge der Finanzkrise nun einführen zu wollen, ohne der EU beizutreten – das gilt auch in Island als unrealistischer Traum.

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