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StartseiteEuropa heuteIsland in Not09.03.2010

Island in Not

Durch die Krise wurden viele Isländer enteignet und wohnungslos

Seit fast einem Jahr ist die rot-grüne Koalition in Island im Amt und seitdem muss sie das schwere Erbe der vorangegangenen Regierung tragen. Dabei geraten die handfesten Probleme vor der eigenen Tür ins Hintertreffen. Denn viele Isländer haben das eigene Dach über dem Kopf verloren.

Von Philipp Boerger

Auch Islands Regierung bekommt den Zorn der Bürger zu spüren.  (AP)
Auch Islands Regierung bekommt den Zorn der Bürger zu spüren. (AP)

"Beschützt die Häuser, nicht die Banken!"

Vor dem Parlament Alþingi in Reykjavík wird schon seit Monaten wieder an jedem Wochenende demonstriert. Tausende Bürger fordern mehr Gerechtigkeit – und ein Ende der Haus- und Wohnungsverluste.

"Warum wir uns hier versammelt haben? Weil fast ein Drittel der Nation von Zwangsräumungen bedroht ist. Wir sollen den Gürtel enger schnallen und für weniger Geld mehr arbeiten, sagen sie uns. Aber die Banker und Business-Wikinger kriegen weiterhin Bonuszahlungen ein. Wir nehmen das nicht mehr hin!"

Wer aus seinem Haus raus musste, wohnt jetzt in häufig armseligen Verhältnissen zur Miete am Stadtrand. Manche hausen sogar in Wohnwagen – und das im isländischen Winter. Die meisten Betroffenen schämen sich und wollen über ihr Schicksal nicht reden. Eine Anlaufstelle für Rat und juristische Hilfe ist die Organisation Heimilin, zu deutsch Heim beziehungsweise Zuhause. Axel Pétur Axelsson engagiert sich ehrenamtlich.

Isländische Tradition ist es, ins Eigenheim zu investieren. Um den Wohnungskauf oder Hausbau zu finanzieren, müssen auch hier meistens Kredite aufgenommen werden. Soweit ganz normal, doch als vor gerade einmal zehn Jahren die Banken privatisiert wurden, änderten sich die Finanzierungsangebote, erzählt Axelsson.

"Ich nenne mal ein Zahlenbeispiel. Jemand wollte für insgesamt 43 Millionen Kronen ein Haus kaufen. 20 Millionen Kronen hatte er schon zusammengespart, für die fehlenden 23 Millionen nahm er einen Kredit auf. Allerdings in einer fremden Währung, weil die Banken ihm dazu rieten. Jetzt ist unsere Währung aber nichts mehr wert. Und die Bank verlangt 65 Millionen Kronen für den Kredit zurück. 65 Millionen! Das ist ungeheuerlich."

Massenhaft wurden Bankkunden förmlich dazu gedrängt, einen Kredit in fremder Währung aufzunehmen, weil die isländische Krone lange Zeit viel stärker war. Auch die isländische Zentralbank unterstützte diese Politik, sagt Axelsson. Seit Herbst 2008 ist der Wert der Krone im Vergleich zu Euro, Pfund oder Dollar aber um mehr als 100 Prozent gesunken. Allerdings scheint es jetzt immerhin einen Hoffnungsschimmer zu geben:

Diese Art von Krediten in fremden Währungen scheint nicht legal gewesen zu sein. Doch bis die Gerichte darüber entschieden haben, wird noch viel Zeit vergehen und werden noch viele Häuser geräumt werden. Ähnlich einmalig und inzwischen fatal für Kreditnehmer ist die schon viel ältere isländische Praxis, die Zinsen für Kredite an die allgemeinen Konsumpreise zu binden. Wenn Grundnahrungsmittel, Benzin oder Bekleidung teurer werden – und Island muss die meisten Güter importieren – dann steigen auch die Kreditzinsen.

"Niemand kann Dir vorher sagen, wie sich der Preisindex entwickelt. Das kann auch niemand wissen. Du nimmst einen Kredit für ein Haus auf, die größte Investition Deines Lebens und weißt nicht, wie viel Du tatsächlich zurückzahlen musst. Das ist doch kriminell."

In Island war die Inflation immer hoch. Die stets steigenden Preise wurden aber an die Einkommen angepasst, deshalb konnten flexible Kreditzinsen auch zurückgezahlt werden. Jetzt ist das Finanzsystem zusammengebrochen, die Arbeitslosigkeit hoch, die Löhne und Gehälter wurden zum Teil sogar gekürzt. Die Inflation und damit die Preise steigen aber weiter. Und die linke rot-grüne Regierung, in die bei ihrem Amtsantritt vor rund einem Jahr soviel Hoffnung gesetzt wurde, tut überhaupt nichts dagegen, ärgert sich Axelsson.

Islands isolierte Lage im Nordatlantik, lange Zeit ein Segen, ist für viele Bürger ein Fluch geworden. Es habe sich nichts verändert. Das Netzwerk der Business-Wikinger bestehe weiter, klagt etwa die 28-jährige Jodis.

"Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, und es sind hauptsächlich Männer, stehlen sich aus ihrer Verantwortung. Jeder schiebt die Schuld wem anders zu. Und es ist im Grunde egal, wer an der Macht ist. Sobald sie ins Parlament gewählt werden, werden sie korrupt."

Die Mechanismen von Macht und Geld in Island sind tatsächlich kaum nachzuvollziehen. Zwei der großen Banken zum Beispiel sind inzwischen wieder in Privatbesitz, sagt Axelsson. Nach ihrem Zusammenbruch hatte die Regierung sie im Herbst 2008 unter staatliche Aufsicht gestellt – und Milliarden an Steuergeldern hineingepumpt.

"Niemand weiß, wer die neuen Eigentümer sind. Oder wie viel Geld genau reingesteckt wurde. Wir wissen gar nichts. Die Geschichte wiederholt sich."

Eine neue Revolution, auch wenn sie niemand herbeibeschwören will, ist in Island deshalb nicht unwahrscheinlich. Immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Autos, ihre Häuser. Verurteilt wurde für den Finanzcrash bislang niemand. Vertrauen in die Politik hat keiner mehr, sagt Axelsson. Und er meint es ernst, als er sagt:

"Entweder die Lage ändert sich zum Guten, oder es wird einen Bürgerkrieg geben."

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