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StartseiteInformationen am MorgenStreit um Bildungshoheit in Ostjerusalem01.09.2016

IsraelStreit um Bildungshoheit in Ostjerusalem

In den rund 170 Schulen im arabischen Ostteil Jerusalems wird nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet. Die palästinensische Autonomiebehörde wirft Israel nun vor, vor allem die Schulen zu fördern, die den israelischen Lehrplan nutzen. Ihr Bildungsminister nennt das "Anexion von Bildung". Doch während die Politik streitet, sitzen die Schüler zwischen den Stühlen.

Von Tim Aßmann

Ein arabischer Junge fährt im Osten Jerusalems auf einem Rad am Trennwall zwischen Israel und dem palästinensischen Gebiet entlang. (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
Nur 19 von 170 Schulen in Ostjerusalem unterrichten nach israelischem Lehrplan - doch die eröffnen weitaus bessere Bildungschancen. (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
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Ein Feriencamp in Ostjerusalem. Dutzende Kinder toben in einem Garten, eine Wasserrutsche ist aufgebaut. Der 16-jährige Hassan arbeitet hier als ehrenamtlicher Betreuer, passt auf die Jüngeren auf. Nach den Ferien wird Hassan auf eine neue Schule gehen. Der Übertritt zur Oberschule steht an. Hassan hat sich für eine der wenigen Schulen in Ostjerusalem entschieden, an denen nicht nur nach dem palästinensischen, sondern auch nach dem israelischen Lehrplan unterrichtet wird. Auch auf der Schule, auf die er bisher gegangen ist, war das so.

"Im israelischen Lehrplan gibt es anderen Stoff. Da sind ein paar Dinge gestrichen - zum Beispiel zum Thema Religion. Man sieht das daran, dass die Bücher schmaler sind. Es ist eben anders. Sie sprechen jetzt davon, einen neuen Lehrplan aufzustellen. Das Examen, das wir schreiben, ist auch eines nach israelischem Lehrplan. Sie vertreiben die Bücher - und die sind eben anders. Die Geschichtsbücher sind vollkommen unterschiedlich, da fehlen Seiten. Vielleicht ging es da um den Dschihad und den Freiheitskampf. Solche Dinge sind eben gestrichen."

Ortswechsel. Ramallah. Nur ein paar Kilometer von Hassan und dem Feriencamp entfernt sitzt Sabri Saidam in einem Sessel, hinter sich die palästinensische Fahne, über sich ein Foto von Yassir Arafat. Saidam ist der Bildungsminister der palästinensischen Autonomiebehörde.  Ich frage ihn, wie viele Schüler es in Ostjerusalem gibt und nach welchen Lehrplänen sie unterrichtet werden. Seine Antwort aber hat mit der Frage nichts zu tun und ist rein politisch.

"Das ist ein Krieg gegen Identität, gegen arabische Präsenz in Jerusalem und er wird mit der Annexion von Bildung geführt. Israel ist nicht mehr zufrieden mit der Annexion von Territorium und der Inbesitznahme von Häusern in der Altstadt. Es findet es nun wichtig, Schulbücher ins Visier zu nehmen."

Dreimal frage ich den Minister nach den Schülerzahlen, dreimal geht er nicht darauf ein, sondern sagte Sätze wie diesen.

"Die Kinder Palästinas müssen so unterrichtet werden, dass klar ist: Israel ist der Besatzer und nicht umgekehrt. Wir sind die Opfer und nicht die Täter."

Es geht um Deutungshoheit. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, den Unterrichtsstoff zum Beispiel in Geografie und Geschichte der eigenen Sichtweise anzupassen. Rund 170 Schulen gibt es im von Israel annektierten arabischen Ostteil Jerusalems. An 19 Schulen wird auch der israelische Lehrplan unterrichtet – rund 4500 von insgesamt 110.000 Schülerinnen und Schülern haben sich für ihn entschieden. Tendenz steigend.  Aus Sicht der israelischen Regierung bietet der eigene Lehrplan den Kindern und Jugendlichen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Darauf hofft auch der 16-jährige Hassan. Er möchte mal Rettungssanitäter werden.

Israelischer Bildungsabschluss eröffnet bessere Chancen

"Das Problem ist, dass ich den israelischen Abschluss brauche, um danach optimal weiter machen zu können. Das israelische Examen ist die Voraussetzung für die weiterführenden Schulen, auf die ich gehen will."

Der palästinensische Lehrplan erzeugt eine eingebaute Diskriminierung und erlaubt seinen Absolventen nicht, sich in Wirtschaft und Hochschulen zu integrieren, erklärt das israelische Ministerium für Jerusalem-Angelegenheiten auf Nachfrage. Das Ministerium wird in diesem Schuljahr umgerechnet rund fünf Millionen Euro zusätzlich in Schulen in Ostjerusalem investieren – zum Beispiel in neue Sportplätze und Computerräume. Auch mehr Englisch, Mathe- und Hebräischunterricht soll so ermöglicht werden. Gefördert werden aber nur die Schulen, die auch den israelischen Lehrplan anbieten. Palästinensische Politiker, wie Bildungsminister Saidam, sehen darin den Versuch, palästinensische Unterrichtsinhalte zu verdrängen. Der Schüler Hassan könnte auf den Streit um die Lehrpläne wohl gut verzichten.

"Man fühlt sich verloren. Zum Einen bringen sie uns das Israelische bei, dann sollen wir das Palästinensische lernen und wir stehen in der Mitte."

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