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StartseiteKommentare und Themen der WocheAbbas' Rede war unerträglich05.05.2018

Israel und PalästinaAbbas' Rede war unerträglich

Ekelerregenden Antisemitismus habe der palästinensische Präsident Machmud Abbas in seiner Rede von sich gegeben, kommentiert Benjamin Hammer. Seine Ausfälle seien verstörend - entweder sei er ein glühender Antisemit oder nicht mehr im Besitz seiner vollen geistigen Kräfte.

Von Benjamin Hammer

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Mahmud Abbas, Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, spricht am 23.03.2017 in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. (dpa / Soeren Stache)
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (dpa / Soeren Stache)
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Machmud Abbas soll von seinen Beratern gewarnt worden sein. Er möge in seiner Rede jene Passage streichen, in der er über die Juden spricht. Aber Abbas hörte nicht hin. Er wollte es so. Höchstpersönlich. Was folgte war ekelerregender Antisemitismus vom obersten Repräsentanten der Palästinenser. Was er sagte, war weder subtil noch diskutabel. Es war unerträglich.

Machmud Abbas hat den Juden eine Mitschuld am Holocaust gegeben, also an ihrer eigenen Verfolgung und Ermordung. Nicht die Religion der Juden habe zur Schoah geführt. Nein, laut Abbas war es das soziale Verhalten der Juden. Abbas suchte sich für seinen kruden Vortrag eines der ältesten antisemitischen Klischees aus, das es gibt: Die Juden hätten Geld verliehen, zu hohen Zinsen. Wer sich Abbas' Rede samt Übersetzung im Original anhört, dem wird übel.

Aber Machmud Abbas ging noch weiter: Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Monaten hat er den Juden ihre historische Verbindung zum Land abgesprochen, das heute Israel ist. Israel sei ein "koloniales Projekt".

Diese Sichtweise ist so falsch wie gefährlich. Denn sie gefährdet eine notwendige Bedingung für einen möglichen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern: Beide Seiten müssen anerkennen, dass beide Völker eine historische Verbindung zum Land zwischen Mittelmeer und Jordantal haben. Die Äußerungen des palästinensischen Präsidenten könnten nun einer Sichtweise Auftrieb geben, die schon jetzt viel zu verbreitet ist: Dass die Juden hier nicht hingehören.

Was hat Abbas zu seinen heftigen Worten bewogen?

Viele in der Region fragen sich nun, was Abbas zu seinen heftigen Worten bewogen hat. Vielleicht ist er müde, frustriert. Womöglich spürte er, wie sehr er den Rückhalt in der eigenen Bevölkerung verloren hat und versuchte, ihn durch plumpe Hassbotschaften zurückzuerlangen. Machmud Abbas bemüht sich seit Jahrzehnten um einen eigenen palästinensischen Staat. Der ist aktuell so fern wie lange nicht mehr. Das liegt möglicherweise an der Geisteshaltung von Machmud Abbas. Es liegt aber auch am Ausbau der israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland. Viele Palästinenser sagen: Wenn wir einen eigenen Staat haben, steigt auch unsere Akzeptanz des Staates Israel als unser Nachbarland.

Aber um es an dieser Stelle klar zu sagen: Kein Verhalten der israelischen Regierung oder der israelischen Armee, egal wie kritikwürdig es sein mag, rechtfertigt die antisemitischen Hasstiraden des palästinensischen Präsidenten.

Die internationale Gemeinschaft steht vor einem Dilemma. Für seine Äußerungen müsste sie den palästinensischen Präsidenten eigentlich sanktionieren, ihn für einen gewissen Zeitraum nicht mehr treffen. Aber das wäre genau der falsche Schritt. Denn Abbas ist und bleibt der Ansprechpartner bei den Palästinensern. Und trotz seiner antisemitischen Ausfälle ist er vergleichsweise moderat. Machmud Abbas hat in seiner umstrittenen Rede das Existenzrecht Israels bekräftigt. Er lehnt Gewalt gegen Israelis ab. Er hält weiterhin an einer Zweistaatenlösung fest, die auch im Interesse Israels ist. Die Wahrheit ist: Machmud Abbas ist schon viel zu lange im Amt, aber es gibt aktuell einfach keine Alternativen.

Verstörend war in dieser Woche, wie lange die Führung der Palästinenser die Rede ihres Präsidenten verteidigte. Erst am Freitag kam es zur Kehrtwende. Ganze vier Tage nach seiner Rede entschuldigte sich der palästinensische Präsident. Es tue ihm leid, wenn er die Gefühle von Juden verletzt habe. Der Holocaust sei das grausamste Verbrechen in der Geschichte. Antisemitismus verurteile er.

Abbas' Entschuldigung kommt der internationalen Gemeinschaft gelegen: Sie kann weiterhin mit ihm in Kontakt bleiben. Wie gesagt, einen anderen Ansprechpartner bei den Palästinensern gibt es nicht.

Die Ausfälle des palästinensischen Präsidenten bleiben aber verstörend. Und weiterhin bleibt eine Frage unbeantwortet: Warum hielt der 83-Jährige die Rede überhaupt, wenn es ihm jetzt leidtut?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist Machmud Abbas tatsächlich ein glühender Antisemit. Das wäre ein weiterer Grund, ihn hoffentlich bald durch einen moderaten Nachfolger zu ersetzen. Oder aber er ist schlicht nicht mehr im Besitz der vollen geistigen Kräfte. Auch das wäre keine gute Nachricht über den Anführer der Palästinenser.

Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (BR)Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (BR)Benjamin Hammer wurde 1983 in Köln geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Köln und Dublin. Während des Studiums plante und begleitete er Studienreisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete. Benjamin Hammer ist Absolvent der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Anschließend volontierte er bei der Deutschen Welle. Von 2011 bis 2017 war Benjamin Hammer Redakteur in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunks. Im Sommer 2015 arbeitete er für das Hauptstadtstudio von Deutschlandradio. Ein Jahr später folgten Vertretungen im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv. Dort arbeitet Benjamin Hammer seit dem Sommer 2017 als Korrespondent. 

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