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Israel verstehen

David Ranan: "Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?" Nicolai Verlag

David Ranan hat 50 Interviews mit jungen Israelis über ihre Haltung zum Militärdienst geführt und 27 als Monologe abgedruckt. Sie werfen in ihrer offenen Sprache ein grelles Schlaglicht auf das Innenleben der israelischen Armee und Gesellschaft.

Von Mirko Smiljanic

Israelische Soldaten tragen ihre Ausrüstung aus der jüdischen Siedlung Kfar Darom im Gaza-Streifen.  (AP)
Israelische Soldaten tragen ihre Ausrüstung aus der jüdischen Siedlung Kfar Darom im Gaza-Streifen. (AP)

Wer Israel verstehen will, seine Hoffnungen und Widersprüche, der muss weit in die Geschichte zurückgehen. "Ein Land, darin Milch und Honig fließt" verhieß Gott Moses, der die Israeliten aus ägyptischer Gefangenschaft führte. Die Kraft dieses Mythos ist ungebrochen. Weder die Vertreibung der Juden im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, noch die unzähligen Pogrome bis hin zur Schoah minderten die Sehnsucht nach dem Gelobten Land.

Und als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, schien sich die Verheißung ein zweites Mal zu erfüllen. Eine friedliche Existenz war Israel allerdings nicht vergönnt. Vom ersten Tag an führte die junge Nation Krieg gegen Nachbarn, die Ansprüche auf ihr Territorium erhoben. Zehntausende starben in einer endlosen Kette von Terror und Vergeltung. Israel hat sich seither zu einer hochgerüsteten Nation entwickelt – zu einer Atommacht – für deren junge Soldaten Krieg der Normalzustand ist.

"Sie kannten niemals ein Israel ohne besetzte Gebiete, ein Israel ohne Selbstmordattentäter, ein Israel ohne Soldaten, die in Absperrungen und Kontrollposten eingesetzt wurden. Sie kannten niemals eine Armee, die nicht regelmäßig nach Gutdünken in die Häuser der Palästinenser eindringt. Dies ist die Wirklichkeit, zu der achtzehnjährige Israelis gehören und in der sie aufgerufen sind, ihren Militärdienst zu leisten."

Theoretisch – schreibt David Ranan, der einer deutsch-jüdischen Familie entstammt und heute in London lebt – werden alle Israelis zum Wehrdienst eingezogen: Männer drei Jahre, unverheiratete Frauen zwei Jahre. Und danach kann jeder bis zu einem gewissen Alter einmal im Jahr für Reservedienste einberufen werden.

Praktisch sieht das aber ganz anders aus. Palästinensische Araber mit Wohnsitz in Israel leisten ohnehin keinen Dienst an der Waffe, ultraorthodoxe Juden nur begrenzt; hinzu kommen junge Männer und Frauen, die sich aus den unterschiedlichsten Motiven illegal dem Wehrdienst entziehen. Weil sie keine Lust haben – israelische Medien nennen sie "Drückeberger", weil sie aus Gewissensgründen keine Waffe anrühren oder weil sie die politischen Ziele der Kriege nicht teilen.

David Ranan hat 50 Interviews mit jungen Israelis über ihre Haltung zum Militärdienst geführt und 27 als Monologe – also ohne Zwischenfragen – abgedruckt. Sie werfen in ihrer offenen Sprache ein grelles Schlaglicht auf das Innenleben der israelischen Armee und Gesellschaft.

Eli, ein 23 Jahre alter Kampfsoldat über die Gewaltexzesse israelischer Soldaten an Palästinensern:

"Die Araber kriegten Mordsschläge ins Gesicht, in die Rippen, in die Eier, in den Leib. Ich wusste nicht, warum der Betreffende verhaftet war. Kann sein, dass sie ihn einfach so angeschleppt hatten: Los, laden wir den mal auf. Die sind gefesselt und du kannst mit ihnen machen, was du willst. Du kannst ihnen auch die Fesseln abnehmen und auf sie einschlagen – sie werden dich nicht anrühren. Nur ein Mann schlägt zu aber ringsum sind noch sechs andere mit Waffen – soll er da etwa zurückschlagen? Sie würden ihm die Fresse polieren."

Die Vorgesetzten wissen nach Angaben der Befragten in der Regel, was sich hinter ihren Rücken abspielt, wirklich verhindern wollen oder können sie die Übergriffe aber nicht.
Dramatischer noch war 2008 die Militäroperation "Gegossenes Blei" im Gaza-Streifen. Bei den Kämpfen setzte das israelische Militär Phosphorgranaten ein, die zu furchtbaren Verbrennungen führen.

Für den 30-jährigen Maor, der damals als Reservist eingezogen werden sollte, waren die Fernsehbilder über den Einsatz so schockierend, dass er spontan den Militärdienst verweigerte:

"Und wenn die ganze Welt Kopf steht – da geh ich nicht hin. Das war eine sehr emotionale Entscheidung, nicht etwas, worüber ich viel nachgedacht hätte. Mir war klar, wenn sie mich einberiefen, um Phosphorgranaten auf Gaza zu schießen, würde ich nicht hingehen. Punkt. Ich sage nichts über die Zukunft, sage nichts über die Vergangenheit, in diesem Moment Phosphor auf Gaza zu schießen – dazu bin ich nicht bereit."

Maor ist kein Pazifist. Die Vorstellung, dass von ihm abgeschossene Phosphorgranaten Kinder treffen und qualvoll verbrennen könnten, konnte er aber mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Er verweigerte den Militärdienst und landete im Gefängnis. Israel kennt in diesem Punkt kein Pardon.

In eine ganz andere Richtung gehen die Problem mit ultraorthodoxen Juden. Sie werden erst dann zum Militär eingezogen, wenn sie nicht mehr Vollzeitstudenten sind. Dieser Sonderaufschub führt mittlerweile zu heftigen gesellschaftlichen Verwerfungen.

"Da die Bestimmung vorschreibt, dass sie nur so lange vom Militärdienst befreit sind, wie sie nicht berufstätig, sondern Jeschiwa-Studenten in Vollzeit sind, führt dieser Aufschub dazu, dass eine stetig wachsende Anzahl von Israelis existiert, die nicht ins Berufsleben eintreten, sondern sich auf Sozialhilfe für ihren Lebensunterhalt verlassen."

Bei Frauen ist das staatliche Entgegenkommen noch größer: Geben sie an, wegen ihrer religiösen Lebensweise den Wehrdienst nicht absolvieren zu können, werden sie automatisch freigestellt. Eine Regel, die zunehmend von säkularen Jüdinnen missbraucht werde, schreibt David Ranan.

Schon jetzt absehbar sei noch ein ganz anderes Problem: Weil ultraorthodoxe Jüdinnen mit durchschnittlich sieben Kindern eine sehr hohe Geburtenrate haben – bei säkularen Jüdinnen liegt sie bei zwei, drei – schmilzt zukünftig die Zahl der Israelis immer mehr, die für den Wehrdienst infrage kommen.

Wer ein authentisches Bild bekommen möchte von den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen Israels, wer wissen möchte, warum der eherne Grundsatz, jeder Bürger habe zur Verteidigung des Landes seinen Beitrag zu leisten, bröckelt, dem sei David Ranans Buch "Ist es noch gut, für unser Land zu sterben? Junge Israelis über ihren Dienst in der Armee" empfohlen.

In höchstem Maße lesenswert ist zudem der 40-seitige Abriss über die Geschichte Israels. Nach der Lektüre dieses Buches lassen sich viele Probleme des Nahost-Konfliktes besser einordnen.

David Ranan: "Ist es noch gut, für unser Land zu sterben? Junge Israelis über ihren Dienst in der Armee".
Nicolai Verlag, 272 Seiten 19,95 Euro.

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