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Israels gespaltene Seele

Gershom Gorenberg: "Israel schafft sich ab" Campus Verlag

Seit dem Ausbruch des arabischen Aufstands ist es ruhig geworden um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die palästinensische Führung ist tief zerstritten. Auch Israel befindet sich auf keinem guten Pfad, meint der israelische Autor Gershom Gorenberg in seinem nun auf deutsch erschienenen Buch "Israel schafft sich ab".

Von Jan Kuhlmann

Israel laufe Gefahr, von seinen Widersprüchen zerrissen zu werden, glaubt der Autor Gershom Gorenberg (AP)
Israel laufe Gefahr, von seinen Widersprüchen zerrissen zu werden, glaubt der Autor Gershom Gorenberg (AP)

Schon der Titel soll provozieren. "Israel schafft sich ab" hat der Campus Verlag das Werk des israelischen Autors Gershom Gorenberg genannt. Es kommt offenbar in Mode, dass sich ganze Nationen abschaffen. Der SPD-Provokateur Thilo Sarrazin orakelte ja bereits: "Deutschland schafft sich ab." Der Campus Verlag ist der Versuchung erlegen, diesen Titel zu kopieren. Wahrscheinlich in der Hoffnung, ein paar Sarrazin-Leser anzulocken. Beide Bücher haben jedoch nur eins gemeinsam: Wie Sarrazin sagt Gorenberg seinem Heimatland eine düstere Zukunft voraus. Er sieht die Demokratie Israels in großer Gefahr:

"Ich schreibe aus einem Israel mit gespaltener Seele. Es wird durch seine Widersprüche nicht nur definiert; es läuft Gefahr, von ihnen zerrissen zu werden. Es ist ein Land mit unsicheren Grenzen und einem Staat, der seine eigenen Gesetze ignoriert. Seine demokratischen Ideale, so sehr sie mithalfen, die Geschichte des Landes zu prägen, stehen kurz davor, wie die Ideologien des 20. Jahrhunderts als falsche politische Versprechen in die Erinnerung einzugehen."

Zwei Ursachen macht Gorenberg für die Krise aus: die Besetzung und Besiedelung der palästinensischen Gebiete – und die enge Verknüpfung des Staates mit ultraorthodoxen Gruppen. Die israelischen Siedlungen im palästinensischen Westjordanland verstoßen für Gorenberg nicht nur gegen das Völkerrecht – sondern auch gegen Israels eigene demokratische Ideale. Seine Kritik macht er exemplarisch an der Siedlung Ofra nördlich von Jerusalem fest. Sie sei ohne rechtliche Grundlage auf privaten palästinensischen Grund errichtet worden – und zwar mithilfe des Staates.

"Wie andere Siedlungen hat Ofra von der Unterstützung der Behörden profitiert, unter anderem von einem Rechtssystem, das der Gleichheit vor dem Gesetz spottet, indem es auf ein und demselben Territorium für israelische Siedler gänzlich andere Regeln gelten lässt als für palästinensische. Ofra, die exemplarische israelische Siedlung im besetzten Territorium, ist ein Ort, wo der Staat Israel blindlings an seinen eigenen Grundfesten rüttelt."

Hier schreibt zwar ein Linker – aber kein fanatischer Israel-Kritiker. Gorenberg wanderte als amerikanischer Jude Ende der 1970er-Jahre nach Israel aus. Weder bekämpft er die Idee des Zionismus noch sieht er in Israel eine böse Brut des Imperialismus. Er nimmt das Land sogar in Schutz – etwa gegen Kritik an Israels Verhalten im ersten Krieg gegen die Araber 1948/49. Autoren wie der israelische Historiker Ilan Pappé warfen Israel zuletzt eine "ethnische Säuberung Palästinas" vor. Gorenberg aber sieht keine gezielte Vertreibung der Palästinenser in dem Krieg:

"Es fehlen Beweise für die Behauptung, dass die jüdische Führung von Anfang an die Vertreibung der Araber geplant hatte. Tatsächlich gibt es deutliche Belege für das Gegenteil: dass die Führer des werdenden Staates mit dem Bleiben der arabischen Bevölkerung rechneten und es in ihre Planung einbezogen."

Diese Haltung macht Gorenbergs Kritik am heutigen Israel noch eindringlicher. Für geradezu schizophren hält er Israels Politik im Oslo-Prozess, der zu einem Frieden führen sollte. Einerseits unterzeichnete es einen Vertrag mit den Palästinensern – andererseits forcierte es die Besiedlung der palästinensischen Gebiete. Für Gershom Gorenberg eine fatale Entwicklung, die mit dem Sechstagekrieg begann:

"Der ungeplante Krieg von 1967 und der unüberlegte Siedlungsbau danach hatten eine weitere gänzlich unbeabsichtigte Konsequenz: Sie verwandelten den religiösen Zionismus aus einer moderaten politischen Bewegung in eine Sekte, deren zentraler Glaubensgrundsatz die jüdische Beherrschung des alttestamentarischen Landes Israel ist."

Daraus schöpft die starke Siedlerbewegung ihre Kraft – teils heimlich, teils offen unterstützt vom Staat. Säkulare Politiker hätten durch ihre Partnerschaft mit strenggläubigen Siedlern für die radikal-religiöse Indoktrination einer neuen Generation gesorgt, schreibt Gorenberg. Zugleich unterstütze die Regierung mit viel Geld ultraorthodoxe Gruppen, die ihr Leben allein dem Torastudium widmeten. So seien starke Milieus weltabgewandter Gläubiger entstanden, die zwar von Geldern des Staates leben – eben diesen Staat aber ablehnen.

"In einer Demokratie, so ist zu betonen, hat eine religiöse Subkultur das Recht zu einer solchen Wahl. Doch es ist nicht die legitime Aufgabe einer Demokratie, einzugreifen und eine religiöse Subkultur zu finanzieren. Auch sollte eine Demokratie keine Art von Erziehung fördern, die ihre Zöglinge wirtschaftlich zu Gefangenen ihrer Gemeinschaft macht."

Gorenberg mag provozieren. Übertrieben aber sind seine Warnungen nicht. Man muss nur einmal mit dem Bus durch Jerusalem fahren, um zu sehen, wie Teile des Landes ihren säkularen Charakter verloren haben. Nur manchmal zielt Gorenberg daneben – etwa wenn er Israel mit Pakistan vergleicht, weil auch dort die Verfassung für eine Theokratie geöffnet worden sei. Die Wahlen in Israel verdienen aber immer noch ihren Namen.

Richtig dagegen liegt Gorenberg, wenn er die israelischen Siedlungen in der Westbank für eines der größten Hindernisse auf dem Weg zum Frieden hält. Was tun? Gorenberg hat eine klare Vorstellung: Israel muss Staat und Synagoge trennen – und die Siedlungen räumen.


"In diplomatischer Hinsicht ist die Vorstellung, die Siedlungen seien ein Verhandlungstrumpf, eine Illusion. Die Siedlungen stärken Israels Verhandlungsposition nicht, sondern zerstören im Gegenteil seine Glaubwürdigkeit und ketten es an die besetzten Gebiete. Werden sie nicht beseitigt, werden sie wachsen, und die Ketten werden noch schwerer lasten."

So korrekt Gorenberg die Entwicklung Israels analysiert, so utopisch ist dieser Vorschlag. Viele Siedlungen sind zu Städten gewachsen. Sie aufzugeben oder gar mit Gewalt zu räumen ist in der Praxis unmöglich. Gorenberg hat ein pointiertes Buch geschrieben, das jeder lesen sollte, der sich für Israel interessiert. Seine Thesen kann er umfassend belegen. Auf eine zentrale Frage gibt er jedoch keine befriedigende Antwort – das ist die größte Schwäche dieses Buches. Am Ende der Lektüre bleibt die schale Gewissheit, dass Israelis und Palästinenser weiter denn je von einem Frieden entfernt sind – und je länger sie warten, desto unwahrscheinlicher wird er.

Gershom Gorenberg: "Israel schafft sich ab"
Campus Verlag, 316 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-593-39724-5

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