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StartseiteEuropa heuteSizilien lebt im eigenen Müll04.08.2016

ItalienSizilien lebt im eigenen Müll

Auf Sizilien ist kaum ein Strand, an dem nicht Plastikreste, leere Dosen und Essensreste den Platz zwischen den Badetüchern der Urlauber verschmutzen. Die Müllkippen sind randvoll, Müllverbrennungsanlagen gibt es nicht. Abfallcontainer wurden abgeschafft, um die Mülltrennung voranzutreiben - doch nun karren die Bürger ihren Müll irgendwo in die Landschaft.

Von Karl Hoffmann

Mülltüten auf einer Straße (imago/Milestone Media)
Sizilien hat wieder ein Müllproblem. (imago/Milestone Media)
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Marisa Finocchiaro sitzt auf der Terrasse ihres kleinen Ferienhäuschens, 30 Kilometer westlich von Palermo. Fast wie im Bilderbuch: Palmen die sich im Winde wiegen, zirpende Zikaden, ein Blick auf das in der Sonne gleißende Meer, dazu aber leider ein bestialischer Gestank:

"Eine Tragödie."

"Haben sie das Zeug endlich weggebracht?", fragt Marisas blinder Vater.

"Nein, nein, eigentlich wollten sie hier in der Gegend die Mülltrennung einführen doch stattdessen laden die Leute Ihren Abfall mitten in der Landschaft ab und so haben wir hier jetzt eine regelrechte wilde Mülldeponie. Ich habe mir überlegt, ob wir mal zum Bürgermeister gehen sollten, damit der was unternimmt. Aber ich glaube, die Bürgermeister sind inzwischen ziemlich machtlos."

Die Kreuzung an der Landstraße, nur 100 Meter entfernt, ist die Hölle: Müll ohne Ende, ab und zu kommt ein Lastwagen von der Gemeinde, ein Schaufelbagger karrt hinein, was reinpasst, doch der größte Teil brütet weiter in der glühenden Hitze.

"Entschuldigung - ist das normal hier?"

"Anders als mit schwerem Gerät lässt sich das nicht mehr einsammeln, die Arbeiter weigern sich."

Und warum werfen die Leute das alles hier weg?

"Weil es an Sammelstellen fehlt."

Wilde Müllkippen

Das gesamte Müllsystem in Sizilien ist wieder mal zusammengebrochen. Die Müllkippen sind voll, Müllverbrennungsanlagen gibt es nicht. Die Regionalregierung will den Abfall angeblich per Schiff nach Norditalien verfrachten. Doch dafür ist gar kein Geld vorhanden. Die getrennte Müllsammlung, einziger Weg aus der Misere, kommt einfach nicht in Gang. 60 Prozent des Abfalls sollte eigentlich in Sizilien sortiert sein, grade mal zehn Prozent sind es offiziell. Doch viel Getrenntes landet am Ende wieder im Ungetrennten, weil die Altpapier-und Plastikverarbeitung 1.000 Kilometer weg auf dem Festland ist. Und dann fehlt es vor allem am Bürgersinn: Auf der wilden Müllkippe holt ein älterer Herr einen triefenden schwarzen Sack aus seinem Auto:

"Stimmt schon, alle handeln gegen die neuen Regeln, natürlich ist das nicht in Ordnung."

Und schon landet der Sack auf dem stinkenden Haufen. Auf Sizilien, aber auch fast überall in Süditalien übersät Müll alle Orte, an denen Menschen vorbeikommen: Rastplätze, Strände, Landstraßen. Dina Burden ist eine amerikanische Touristin, die bei der Ankunft in Palermo erst mal sprachlos war:

"Klar dass man da schockiert ist, wenn man diese Müllberge überall sieht."

Den Müll fanden sie dann sogar auf der anderen Seite der Insel, in 2.200 Metern Höhe, auf dem Vulkan Ätna liegt er zwischen erkalteten Lavaströmen, erzählt Dinas Ehemann Bob:

"Am Ätna ist es besonders schlimm. Überall Müll, einfach weggeworfen. Das scheint, außer Kontrolle geraten zu sein."

Desorganisation und kaum Strafen für Umweltsünder

Ein Problem ist die totale Desorganisation, das andere die fehlenden Strafen für Umweltsünder. Auf ganz Sizilien gab es in diesem Jahr nur ein paar hundert Geldbußen für verbotenes Wegwerfen von Müll. Gerade mal 87 Hundebesitzer wurden in Palermo belangt, die die Fäkalien ihrer Haustiere nicht beseitigten. Kein Wunder, dass überall Hundedreck die Straßen der Stadt verunziert.

"Man muss wirklich aufpassen, dass man da nicht reintritt", sagt Dina: "Ich hasse das. Ist wohl ein kulturelles Problem. Viele Leute hier kümmern sich einfach nicht um ihre Hunde."

Marisa Finocchiaro auf ihrer Terrasse mit Mittelmeer-Traumblick gleich bei der wilden Müllkippe glaubt nicht, dass es besser wird. In ihrer Heimat Sizilien werden die Probleme nie wirklich gelöst, sondern nur verwaltet. Das schafft Arbeitsplätze, auch wenn sie völlig überflüssig sind:

"Bei der Regionalverwaltung haben sie jetzt eine neue Einrichtung erfunden: das Sonderbüro zur Unterstützung der getrennten Müllsammlung. Als ob man dazu noch mal eine zusätzliche Institution bräuchte."

Marisa hat zum Glück eine fleißige Hauskatze. Die jagt fette Ratten, die bei all dem Müll ebenso gedeihen, wie die Bürokratie.  

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