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StartseiteTag für TagWeihwasser für Mafiosi05.02.2014

Italien Weihwasser für Mafiosi

Nicola Gratteri, Staatsanwalt in der mafiadominierten Region Kalabrien, rechnet in seinem Buch "Acqua Santissima", zu deutsch: "Weihwasser", nicht nur mit der Mafia, sondern auch mit katholischen Geistlichen ab. Anhand aktueller Fälle zeigt er die häufig enge Verstrickung zwischen Kirche und organisierter Kriminalität.

Von Thomas Migge

Die Polizei in Neapel - auch sie kämpft gegen die Mafia. (dpa / picture alliance / Ciro Fusco)
Die Kirche müsse auch in den eigenen Reihen gegen kriminelle Phänome vorgehen, fordert der Autor (dpa / picture alliance / Ciro Fusco)
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Schmutzige Geschäfte (Deutschlandfunk, Europa heute, 15.11.2013)

Unter den vielen italienischen Sachbüchern zum Thema Kirche und Mafia sticht eines hervor. Der Autor weiß aus eigener Erfahrung worum es geht. Ein Autor, der gefährlich lebt, steht er doch auf der Abschussliste der kalabresischen Bosse ganz oben. Nicola Gratteri ist Staatsanwalt im mafiaverseuchten Reggio Calabria, der Hauptstadt der Region Kalabrien, spezialisiert auf die Vergehen und Verstrickungen der 'ndrangheta. Dazu muss man wissen, dass die 'ndrangheta seit Jahren die gefährlichste und wirtschaftlich umtriebigste Mafia Italiens ist. Der durch Kinofilme wie "Il Padrino" berühmten Cosa Nostra von Sizilien hat die 'ndrangheta in Sachen Drogen-, Menschen- und Waffenhandel längst den Rang abgelaufen.

Staatsanwalt und Buchautor Nicola Gratteri:

"Ein Priester macht sich nicht schuldig, wenn er einen Mafiaboss frequentiert, mit dem Ziel, sich der Justiz zu stellen. Das ist sein Recht als Geistlicher, aber wenn sich dieser Boss nach ein, zwei oder drei Jahren nicht bekehren lässt und der Justiz stellt, dann macht sich ein Geistlicher mitschuldig, dann tut er dem Boss einen großen Gefallen."

Ein solcher Geistlicher, schreibt Staatsanwalt Gratteri in seinem jetzt erschienenen Buch "Acqua Santissima", zu deutsch: Weihwasser, verleiht, je länger er sich an der Seite eines Mafiabosses zeigt, diesem in gewisser Weise den kirchlichen Segen.

Nicola Gratteri schildert in seinem Buch aus erster Hand eine Menge Fälle von katholischen Geistlichen, die verdächtig enge Beziehungen zu kalabresischen Mafiafamilien haben. Immer noch haben, klagt der Anti-Mafia-Staatsanwalt:

"Johannes Paul II. hatte die Bosse dazu aufgerufen zu bereuen, mit dem Töten aufzuhören. Zum ersten Mal überhaupt hatte die Amtskirche Position gegen die Mafia bezogen und viele mutige Geistliche riskieren seit Jahren ihr Leben im Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Gleichzeitig aber hat Johannes Paul II. nie Marcinkus verurteilt."

Jenen Erzbischof Paul Marcinkus, der in den 80er-Jahren, als Präsident der Vatikanbank IOR, wegen seiner engen Beziehungen zur Mafia und zu mafiösen Bankiers in die Schlagzeilen geriet. Staatsanwalt Gratteri wirft deshalb der Amtskirche vor, dass sie, bis heute, keine dauerhaft eindeutige und klare Position zur Mafia bezogen hat. Einerseits verurteilt sie zwar die organisierte Kriminalität, andererseits aber schaut sie in vielen Fällen einfach weg. Gratteris Buch sorgt deshalb für soviel Aufsehen in Italien, weil er Fälle von Geistlichen nennt, die nicht Jahre zurückliegen. Es sind aktuelle Fälle, die zeigen, wie sehr immer noch Geistliche mit Mafiabossen verstrickt sind.

Einige wenige Beispiele von vielen. Don Carmelo Ascona, Priester im kalabresischen Rosarno, verteidigte 2012 während eines Prozesses drei Männer, denen Mitgliedschaft in einem Mafiaclan vorgeworfen wird, und die anschließend in erster Instanz verurteilt wurden. Er nannte sie "ehrenhafte Christen". Im vergangenen Jahr sagte in Locri der Pfarrer Antonio Vinci vor Gericht aus, dass der Mafiaboss Cicillo Gattuso "mein Gemeindemitglied ist, dessen Seele ich wie meine Westentasche kenne und so weiß ich, dass er ein guter Christ ist". Der vermeintlich gute Christ, der, so der Geistliche, jeden Sonntag zur Messe erschien, war, wie die Staatsanwaltschaft nachweisen konnte, einer der gefährlichen Bosse der 'ndrangheta. Don Nuccio Cannizaro, Geistlicher und Zeremonienmeister des Erzbischofs von Reggio Calabria und Priester in Condera, gehört zu jenen Geistlichen, die sich sogar persönlich wegen mafiöser Verstrickungen vor Gericht verantworten müssen: Abgehörte Telefonate beweisen, dass er sich mehrfach für die geschäftlichen Belange des Bosses Santo Crucitti eingesetzt hat. Nicola Gratteri:

"Wir haben eine Gruppe einsitzender Bosse befragt, wie sie zur Kirche stehen. Das Ergebnis dieser Befragung erklärt, warum es immer noch Geistliche gibt, die doch tatsächlich davon überzeugt sind, dass ein Boss ein guter Christ sein kann. 98 Prozent aller Bosse erklärten, und das deckt sich mit unseren Ermittlungen, dass sie sich als gläubige Christen bezeichnen und regelmäßig beten."

Das Band zerreißen

Für Staatsanwalt Gratteri gibt es nur eine Möglichkeit das Band zwischen katholischer Kirche und organisierter Kriminalität zu zerreißen: Er fordert eine klare Position gegen die Mafia, nicht nur durch den Papst, sondern auf allen hierarchischen Ebenen der Kirche. Wie im Fall der Pädophilieskandale, so Gratteri, müsse die Kirche auch in Sachen Mafia von sich aus die Initiative ergreifen, um auch dieses kriminelle Phänomen in ihren eigenen Reihen zu bekämpfen.

Genau das aber geschehe nicht, erklärt Gratteri – trotz der zahllosen Appelle nicht nur durch Staatsanwälte sondern auch durch katholische Geistliche, die jeden Tag im Kampf gegen Bosse ihr Leben riskieren.

Die kalabresische Mafia bezeichnet sich selbst als "santa", als heilig. Ein Beiname, erklärte vor einigen Jahren die katholische Bischofskonferenz, der eine Blasphemie bedeute, eine – so hieß es in einem Dokument der Bischöfe – Verhöhnung der Religion. Deshalb müsse, so die Bischofskonferenz, die Mafia als Organisation exkommuniziert werden. Eine Absichtserklärung, mehr ist in diesem Fall bisher nicht geschehen. Genau das wirft Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri der Amtskirche Italiens vor: gut klingende Absichtserklärungen gegen die Bosse – aber mehr auch nicht.

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