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StartseiteBüchermarktItalien zwischen Krieg und Frieden04.06.2006

Italien zwischen Krieg und Frieden

Curzio Malapartes Roman "Die Haut"

Am 25. Juli 1943 ging in Italien die zwanzigjährige Herrschaft des Diktators Benito Mussolini zuende. Der Sturz des martialischen Führers vollzog sich still und leise hinter den Kulissen, initiiert durch jene Eliten, die Mussolinis Regime einst zur Macht verholfen hatten.

Von Maike Albath

Benito Mussolini  im Jahr 1936 (AP)
Benito Mussolini im Jahr 1936 (AP)

Seit dem Kriegseintritt drei Jahre zuvor, den fatalen militärischen Misserfolgen, der völligen Unterwerfung Mussolinis unter Hitler und der katastrophalen Versorgungslage war die Begeisterung für das faschistische impero vollends versiegt. Zwei Wochen nach der Landung der Alliierten auf Sizilien beschloss man in einer turbulenten Nachtsitzung des Faschistischen Großrates, die Führung der Streitkräfte wieder in die Hände des Königs zu legen. Der Duce ließ sich wie ein tumber Tor verhaften, und der Generalsstabschef Badoglio gab die Ernennung einer neuen Regierung, die allerdings aus altvertrauten Honoratioren des alten Regimes bestand, im Rundfunk bekannt. Bis zur bedingungslosen Kapitulation am 3. September und ihrer offiziellen Verkündung am 8. September folgten 45 Tage beispielloser politischer Taktiererei, während derer die Alliierten Bomben warfen, in Mittel- und Norditalien der Partisanenkampf entbrannte, die Deutschen ihre Stellungen festigen konnten und mit dem befreiten Duce schließlich das Marionettenregime in Salò einsetzten. Das Land zerfiel in drei Teile. Es war der Auftakt zu einem neuen, zweiten Krieg, der sich quer über die Halbinsel ziehen und bis zum Frühjahr 1945 andauern sollte. Diese Phase politischer Zerrissenheit ist Gegenstand von Curzio Malapartes Roman Die Haut. Der Schriftsteller und ehemalige Kriegsberichterstatter des Corriere della Sera wurde den Amerikanern als italienischer Verbindungsoffizier in Neapel zur Seite gestellt.

Es waren die Tage der "Pest" in Neapel. Jeden Nachmittag um fünf Uhr, nach einer halben Stunden Punchingball und einer heißen Dusche in der Turnhalle der P.B.S., Peninsular Base Section, gingen Colonel Jack Hamilton und ich zu Fuß zur Piazza San Ferdinando hinab; mit den Ellbogen mussten wir uns einen Weg durch die Menschenmengen bahnen, die sich vom frühen Morgen bis zur abendlichen Sperrstunde auf der Via Toledo drängte. Wir waren sauber gekleidet, gebadet, wohlgenährt, Jack und ich, inmitten dieser elenden, schmutzigen, verhungerten, in Lumpen gekleideten Volksmassen Neapels, die von den aus allen Rassen der Erde bestehenden Soldatenscharen der Befreierheere hin und her gestoßen und in allen Sprachen, in allen Dialekten der Welt beschimpft wurden. Die Ehre, als erste befreit zu werden, hatte das Schicksal, unter allen Völkern Europas, dem neapolitanischen Volke zuteil werden lassen: Und um eine so wohlverdiente Belohnung festlich zu begehen, hatten meine armen Neapolitaner nach drei Jahren Hunger, Seuchen, wütender Bombardements dem Vaterland zuliebe die heiß ersehnte und beneidete, ehrenvolle Aufgabe übernommen, die Rolle eines besiegten Volkes zu spielen, zu singen, in die Hände zu klatschen, vor Freude zwischen den Ruinen der Häuser zu tanzen, fremde bis zum Vortage noch feindliche Fahnen zu schwenken und aus Fenstern Blumen über die Sieger zu streuen.

Gleich in den ersten Zeilen inszeniert Malaparte einen absurden Gegensatz zwischen den optimistischen, von ihrer Mission überzeugten Amerikanern in ihren reinlichen Uniformen und dem zerlumpten, verwahrlosten Volk. Mit ihrer Begabung für theatralische Gesten wissen sich die Neapolitaner auch mit den neuen Machthabern rasch zu arrangieren - schließlich können sie auf eine tausendjährige Erfahrung von Fremdherrschaft zurückblicken. In zwölf großflächig angelegten Kapiteln, die wie Tableaus aneinander gereiht sind, schildert der 1898 in der Toskana geborene Malaparte die ersten Monate nach der Befreiung. Er porträtiert die Bewohner Neapels von den einfachen Frisören über die Parvenüs bis zu den Familien des Hochadels, berichtet von Gesprächen mit alliierten Generälen und offiziellen Diners, lässt in Rückblenden Fronterfahrungen einfließen und begibt sich im letzten Drittel seiner grellen Chronik mitten in das Kriegsgeschehen hinein. Der erhängte Mussolini, der wie ein riesiger Fötus auf der Mailänder Piazzale Loreto an einem Haken baumelt, bildet eine der grausigen Schlusssequenzen seines schillernden Panoramas.

Die Veröffentlichung von Die Haut 1949 sorgte im ganzen Land für erbitterten Streit, denn schließlich verstand sich Italien als eine aus dem Widerstand heraus geborene Republik. Dass die Dinge komplizierter lagen, es zwischen den Faschisten, den Mitläufern sowie den Kämpfern der mythischen resistenza unzählige Schattierungen gab und sich in vielen Bereichen eine moralisch-sittliche Verrohung bemerkbar machte, wollte man damals nicht wahrhaben. Jemand wie Curzio Malaparte, der Sohn eines Deutschen, der seinen Namen Kurt Erich Suckert mit einer ironischen Anspielung auf Bonaparte in Malaparte verändert hatte und in seiner Jugend wie viele italienische Künstler Anhänger des Faschismus gewesen war, durfte derartige Erkenntnisse schon gar nicht äußern. Man bezichtigte ihn einer ungebührlichen Nähe zum Faschismus. Es stimmt, dass Malaparte die Repräsentanten der Macht immer genau unter die Lupe nahm und eine Abendeinladung bei einem führenden Nationalsozialisten nicht wegen abweichender Gesinnung absagte. Er ging in den großbürgerlichen Salons von Rom, Neapel und Paris ein und aus und hatte in Graf Ciano, dem Schwiegersohn Mussolinis, einen einflussreichen Beschützer gehabt. Aber Malaparte suchte offen den Dissens und nutzte die Narrenfreiheit, um auf beeindruckende Weise die Physiognomie der Herrscher zu vermitteln, und zwar nicht erst 1944 in seinem Roman Kaputt, sondern schon Anfang der 30er Jahre. Bereits damals war er wegen seiner entlarvenden Darstellungen Mussolinis und Hitlers mehrfach im Gefängnis gelandet. Nach der Befreiung kämpfte Malaparte dann auf Seiten der Alliierten gegen die deutsche Wehrmacht. Der Kommunistenführer Togliatti bot ihm eine Amnestie an, doch um jedem Verdacht auf Bevorzugung entgegen zu treten, unterzog sich der Romancier einem antifaschistischen Säuberungsprozess vor dem römischen Schwurgericht, bei dem er für unschuldig befunden wurde. Den Ruch wurde er trotzdem nicht los. Malapartes schillernde Positionen und seine Provokationslust widersprachen dem Bedürfnis nach klaren ideologischen Orientierungen - der kosmopolitische Dandy und einstige Lieblingsjournalist der Nation geriet in die Isolation. Der Anfeindungen überdrüssig, zog sich Malaparte nach Frankreich zurück, wo er Anfang der dreißiger Jahre schon einmal Zuflucht fand und 1931 seine politische Schrift Technik des Staatsstreichs veröffentlicht hatte. Die an Macchiavelli anknüpfende Analyse der Machtergreifungen und Putschversuche von Kapp, Hitler, Primo Rivera, Pilsudski und Mussolini beschritt ein neues Terrain, weil der gerade erst aus der faschistischen Partei ausgetretene Malaparte das entscheidende Element nicht in sozialen Umwälzungen oder der Mobilisierung der Massen sah, sondern einzig und allein in der Figur des Diktators. Dieser Ansatz sorgte europaweit für Aufsehen, und in Paris riss man sich um die Gesellschaft dieses nonkonformistischen Theoretikers. Doch fünfzehn Jahre später stieß Malaparte statt des erhofften entspannteren Klimas auch hier auf Misstrauen und Ablehnung. Vielleicht um das persönliche Debakel zu entkräften, schrieb er ein paar Komödien, die allerdings sang- und klanglos untergingen. Also wandte er sich noch einmal dem Thema zu, das den Kern seines Werkes ausmacht: dem Krieg und seinen Verheerungen. Nach der Befreiung ist Neapel von der "Pest", wie Malaparte metaphorisch formuliert, befallen. Die menschlichen Beziehungen sind durch Fäulnis und Verderbnis pervertiert: Mütter verkaufen ihre Söhne an Soldaten, Väter geben ihre Töchter der Prostitution preis. Gemeinsam mit einem amerikanischen Offizier besucht Malaparte, der als Ich-Erzähler unter Klarnamen agiert, eine jener armseligen neapolitanischen Souterrainwohnungen, die bassi heißen, weil sie sich basso, tief unten in den eleganten Adelspalästen befinden. Für einen Dollar Entgelt gibt es hier eine echte Jungfrau zu besichtigen.

Das Mädchen war die Zigarette zu Boden, ergriff mit den Fingerspitzen die Zipfel ihres Kleides und hob es langsam hoch: Zuerst erschienen die Knie, eng von der knappen Seidenhülle der Strümpfe umschlossen, dann die nackte Haut der Schenkel, dann der Schatten des Schamhügels. Sie blieb einen Augenblick in dieser Stellung - eine traurig stimmende Veronika, mit strenger Miene, den Mund verächtlich halb geöffnet. Dann legte sie sich langsam hintenüber, streckte sich auf dem Bett aus und öffnete ganz ruhig und allmählich die Beine. Wie es das grausig anzusehende Hummerweibchen bei der Liebeswerbung macht, wenn es langsam die Zange seiner Scheren öffnet und das Männchen mit seinen kleinen, runden, schwarz leuchtenden Augen anstarrt und bewegungslos drohend verharrt, so tat das Mädchen, indem es langsam die schwarze und rosige Zange des Fleisches öffnete, so verharrte und die Zuschauer fest anblickte. Tiefes Schweigen herrschte im Raum. "She is a virgin. You can touch. Put your finger inside. Only one finger. Try a bit. Don’t be afraid. She doesn’t bite. She is a virgin. A real virgin”, sprach der Mann, seinen Kopf durch den Vorhangspalt ins Zimmer schiebend. Ein Neger streckte die Hand aus und probierte mit dem Finger. Irgendwer lachte, es erschien, als erhebe er Einspruch. Die "Jungfrau" rührte sich nicht, aber sie warf dem Neger einen hasserfüllten, angstvollen Blick zu. Ich sah mich um: Alle waren bleich, alle waren bleich vor Angst und Haß. "Yes, she is like a child”, sagte der Neger mit heiserer Stimme und ließ den Finger langsam kreisen.

In einer dynamischen, neoexpressionistischen Sprache voller eindringlicher Metaphern entwirft Malaparte ein Panoptikum der Obszönitäten, die oft ins Surreale münden und in ihrer atmosphärischen Dichte an Edgar Allen Poe erinnern. Malaparte prägt eine Ästhetik des Ekels: der Schriftsteller arbeitet mit phantastischen Überhöhungen und schrillen Bildern und leuchtet das Abgründige der menschlichen Existenz genussvoll aus. Dahinter verbirgt sich eine beinahe religiöse Deutung des Bösen: erst wenn der Abstieg in die tiefsten Höllenschlünde vollzogen und der unterste Grad an Verkommenheit erreicht ist, kann eine Katharsis einsetzen, können neue Kräfte entstehen. Nicht nur Jungfrauen, kindliche Prostituierte, auch blonde Schamhaarperücken für die nach hellhäutigen Geliebten gierenden schwarzen Soldaten kommen zum Einsatz. Während der bizarren Jungfrauen-Schau hält sich beim amerikanischen Publikum Faszination und Entsetzen die Waage - aber es sei genau diese Form der Erniedrigung, behauptet Malaparte, die die Sieger nötig hätten, um sich als Sieger zu fühlen. Strikte Kategorien der Bewertung, wie sie die pragmatischen, lösungsbewussten Amerikaner rasch zur Hand haben, kennt der Ich-Erzähler nicht: statt dessen grundiert tiefe Ambivalenz seine Betrachtungen. Die Gefühle des Beobachters schwanken zwischen Mitleid, Verachtung, Wut und Selbstekel. Ein düsteres, finsteres Neapel ersteht vor unseren Augen, ein Alptraum wie auf einem Goya-Gemälde, ein schlammiger Sündenpfuhl, bevölkert von Hieronymus-Bosch-artigen Gestalten. Da gibt es die wimmelnden Gassen der Altstadt mit den verwahrlosten Kindern und den Zwerginnen, die auf den glitschigen Treppen des Pendino Santa Barbara leben und wie grausige Höllenkreaturen willige Soldaten in ihre verschimmelten Behausungen locken und ihnen jeden erotischen Wunsch erfüllen. Integre Adlige wie der Fürst von Candia, der weder mit Mussolini gemeinsame Sache machte, noch sich den Amerikanern andiente, sind die Ausnahme. Nichts sei in diesen Tagen für eine neapolitanische Familie wichtiger, erklärt Malaparte seinem Freund, als einen Neger zu besitzen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, würden die gutmütigen schwarzen Soldaten zum Werkzeug der Sippe: Gastlichkeit, Freundschaft und schließlich ein Verlöbnis mit der Tochter des Hauses zwängen sie zu immer größeren Geschenken von Speck, Mehl, Zucker, Zigaretten und Wäsche, bis man sich zum Weiterverkauf an eine andere Familie entschlösse - gegen ein saftiges Entgelt, versteht sich. Was sind Sieger anderes als Sklaven? Mit wenigen Strichen entwirft Malaparte eine kleine Typologie des Siegens: den Normannen, den Anjous und den Aragoniern sei es nicht viel anders ergangen. Immer wieder schweift der Schriftsteller in die historischen Tiefenschichten ab, zitiert die Ilias, die Epigramme des Simonides und die römischen Dichter. Dabei inszeniert er sich als eine janusköpfige Gestalt: er tritt uns einerseits als kultivierter Vertreter des alten Europa gegenüber, hochgebildet, empfindsam, dann trägt er die Beschimpfungen der Alliierten, die ihn als "dirty bastard" apostrophieren, wie einen Schutzschild vor sich her, identifiziert und distanziert sich abwechselnd von seinem Volk, um im nächsten Moment seine kulturelle Überlegenheit zur Schau zu stellen und die Tischgesellschaften der Generäle durch markante Thesen zu schockieren. Auf den Kinderhandel, der in Neapel betrieben wird, angesprochen, wehrt der Erzähler das Mitgefühl brüsk ab.

"Oh, das ist nichts", sagte ich, "das sind Dinge zum Lachen: der Hunger, die Bombenangriffe, die Erschießungen, die Konzentrationslager; alles Dinge zum Lachen, Lappalien, alte Geschichten. In Europa, da kennen wir diese Dinge seit Jahrhunderten. Wir haben uns langsam daran gewöhnt. Diese Dinge sind es nicht, die uns so zugerichtet haben." "Was also hat euch denn so zugerichtet?" fragte General Guillaume mit leicht belegter Stimme. "Die Haut." "Die Haut? Welche Haut?" fragte General Guillaume weiter. "Die Haut", erwiderte ich mit leiser Stimme, "unsere Haut, diese verfluchte Haut. Sie ahnen nicht einmal, wessen ein Mensch fähig ist, welcher Heldentaten und welcher Gemeinheiten, um seine Haut zu retten. Dies, diese widerliche Haut, sehen Sie?"

Diese Deutung verleiht dem Roman seinen Titel - die Rettung der eigenen Haut und nicht der Seele hat die Italiener zu dem gemacht, was sie 1943 sind. Literarisch ist Die Haut ein aufregendes Werk abseits aller literarischer Strömungen jener Zeit: es ist von großer Sprachmacht, es ist spannungsreich durch den abwechselnd überhitzten und kalten Blick und durch seine surreale Gestaltungskraft sowie die symbolisch aufgeladenen Schilderungen der Landschaft und des Meeres. Der tatsächlich geschehene Ausbruch des Vesvus 1944 wird zu einem Gleichnis mit apokalyptischen Zügen: auf die Gewalt des Krieges folgt die Gewalt der Natur, die das geschundene Volk wieder auf seine animalischen Triebe zurückwirft und es noch einmal straft. Die Engführung der historischen Zeitläufe und der Naturkatastrophe deutet an, wie die Menschen den Krieg erlebt haben: eben nicht als die Folge selbst verantworteter politischer Prozesse, sondern als Spektakel unbeherrschbarer Naturkräfte. Untergründig wird Malapartes Vitalismus spürbar, ein unangenehmer Kult der Stärke, der auf seine Verehrung des Renaissancemenschen zurückgeht, was - ideologisch verbrämt - auch den Kern der faschistischen Weltanschauung ausmachte. Darin blieb er dann doch seiner frühen Prägung verhaftet, wozu auch die auffallende Schärfe passt, die er Homosexuellen gegenüber an den Tag legt. Denn Neapel ist 1943 ein Eldorado der europäischen Schwulen. Es handele sich um eine dekadente Perversion, behauptet Malaparte, die aus schierer Lebensflucht eine ganze Generation ergriffen habe. Als Päderasten beschimpft er die verweichlichte Jeunesse d’orée. Doch gerade in seiner Widersprüchlichkeit ist Malapartes dunkler düsterer Nachkriegsroman eines der wichtigsten italienischen Zeugnisse jener Epoche. Sein großes satirisches Talent mit prägnanter Dialogführung stellt Malaparte in der Schilderung des Einzugs in Rom unter Beweis. Die Einheit bewegt sich über die Via Appia antica auf die Ewige Stadt zu, und der Erzähler weist den General auf die Gräber von Cäsar, Lucullus, Sulla und Cicero hin. In ihrer naiven Geschichtslosigkeit wissen die Amerikaner nichts vom römischen Imperium und sind blind für die historischen Implikationen ihrer Eroberung.

Endlich setzten wir uns wieder in Marsch, fuhren hinab gegen San Sebastiano, wieder hinauf zum Eingang der Katakomben des heiligen Callistus, und als wir uns vor der kleinen Kirche "Domine quo vadis" befanden, rief ich General Cork zu, dass man hier anhalten müsse, selbst auf die Gefahr hin, Rom als letzte zu erobern, denn dies sei die Kirche "Quo vadis". "Quo what?" rief General Cork. "The Quo vadis church!” schrie Jack. "What? What means Quo vadis? rief General Cork zurück. "Where are you going?” antwortete ich. "To Rome, of course!” schrie General Cork, "wo denken Sie denn, dass ich hin will? Ich will nach Rom! I’m going to Rome!” Im Jeep stehend, erzählte ich daraufhin mit lauter Stimme, dass eben hier an dieser Stelle der Straße, vor diesem Kirchlein, Sankt Peter Jesus begegnet sei. Die Nachricht lief die Kolonne entlang, und ein GI rief: "Which Jesus?" "The Christ, of course!” brüllte General Cork mit donnernder Stimme. Die ganze Kolonne wurde still, und die GIs drängten sich ehrfürchtig und schweigend vor der Tür der kleinen Kirche. Sie wollten hinein, aber die Tür war verschlossen. Manche versuchten, mit Gewalt die Türflügel einzudrücken und stemmten sich mit den Schultern dagegen, andere bearbeiteten sie mit Fäusten und Fußtritten, und der Mechaniker eines Sherman wollte sie mit einer Eisenstange aus den Angeln heben. Da öffnete sich plötzlich das Fenster eines der schmutzigen Häuser gegenüber der kleinen Kirche, und eine Frau beugte sich heraus und schleuderte einen Stein gegen die Gis, spuckte nach ihnen und schrie: "Svergognati, Tedeschi puzzoni! Ihr Schamlosen, ihr deutschen Stinkkerle! Fii di mignotta! Ihr Hurensöhne!” "Sagen Sie dieser guten Frau, dass wir keine Deutschen sind - wir sind Amerikaner!" rief mir General Cork zu! "Siamo americani!" schrie ich. Auf diese Worte hin wurden plötzlich alle Fenster jener Häuser aufgerissen, hundert Köpfe streckten sich heraus, und ein jubelnder Chor schallte von allen Seiten: "Hoch die Amerikaner! Es lebe die Freiheit!"

Malaparte hat ein Gespür für die Fährnisse des Siegens. Das Aufregende seines Romans liegt in dessen zwittrigem Charakter: mit einem dantesken Geschmack am Schrecklichen taucht er in die Niedrigkeit des Menschen ein, um dann beschämt von jungen Amerikanern zu erzählen, die Italien ihr Leben lassen, er pöbelt mit pathostrunkener Stimme gegen die "Jünglinge des Narziss", wie er die Schwulen nennt, lässt sich zu haarsträubenden Deutungen von Volkscharakteren hinreißen und fängt gerade mit seinem schillernden Extremismus den Epochenbruch ein. Curzio Malaparte zu lesen, ist ein literarisches Erlebnis und eine historische Lektion.

Curzio Malaparte: Die Haut.
Aus dem Italienischen von Hellmut Ludwig. Mit einem Nachwort von Thomas Steinfeld und einer Zeittafel von Ralph Jentsch. Paul Zsolnay Verlag Wien. 2006. 446 Seiten, 25, 90 Euro.

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