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StartseiteBüchermarktIvan Turgenevs Briefe ins zweite Vaterland04.11.2005

Ivan Turgenevs Briefe ins zweite Vaterland

Ein Jahrhundert vor der Beschwörung des "gemeinsamen Hauses Europa" gehörte der Russe Ivan Turgenev zu dessen prominenten Bewohnern. Während er die meiste Zeit seines Lebens in Westeuropa verbrachte, kehrte er schreibend immer wieder nach Russland zurück - in unvergesslichen Schilderungen russischer Menschen und Landschaften.

Im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe seiner Werke nannte der Russe Turgenev Deutschland sein "zweites Vaterland" (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe seiner Werke nannte der Russe Turgenev Deutschland sein "zweites Vaterland" (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Turgenev lebte ein Europäertum der Bildung, der Sprachen und Freundschaften. Sein auf französisch geführter Briefwechsel mit Flaubert ist vor einigen Jahren in deutscher Übersetzung erschienen. Dass der Autor der berühmten "Väter und Söhne" und der "Aufzeichnungen eines Jägers" aber auch wunderbar Deutsch sprach und mit etlichen deutschen Intellektuellen seiner Zeit korrespondierte, war bislang bestenfalls Fachleuten bekannt. Die erste umfassende Auswahl dieser Briefe gibt nun Einblick in Turgenevs deutsche Kontakte: u.a. zu Bettina von Arnim, zu Theodor Storm, Berthold Auerbach und Friedrich Bodenstedt.

Doch anders als seine russischen und französischen Briefpartner blieben die Deutschen merkwürdig distanziert - trotz der Freundschaftsangebote des Russen, der sein Licht bereitwillig unter den Scheffel stellte, damit keiner seiner Korrespondenten sich unterlegen fühlen musste.

Einzig zu dem Berliner Schriftsteller, Maler und Zeichner Ludwig Pietsch entstand eine herzliche Freundschaft, die selbst den politischen Kälteeinbruch nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 überdauerte - was vielleicht daran lag, dass die beiden Freunde einen ähnlichen Sinn für Humor besaßen. Während man Scherz, Satire, Ironie in seinem Werk vergeblich sucht, verausgabt sich Turgenev in den Briefen an seinen "Pietschissime" in punkto Witz und Wortspiel, in absurden Geschichten und Beobachtungen - etwa wenn er den Bericht seiner Haushälterin Mina Anstett vom Ableben ihres Mannes wiedergibt:

" Sie hat mir mit der größten Plasticität erzählt - wie ihr Mann die Seele aufgegeben hat (da kamen die merkwürdigsten Nachahmungen des Röchelns, Gurgelns, Fuss- und Handausstreckens vor) und wie der Ton der Säge, die bei der Autopsie in Anstett's Schädel drang - ihr durch Mark und Bein ging u. s. w. ... Das Krachen der Bettstelle unter dem agonisirenden Gemahl war nicht vergessen - und auch jenes Factum wurde hervorgehoben, dass - da, wo die Doctoren Wasser suchten, sie Speck fanden! Das Wort Speck! kam wie ein Pistolenschuss aus ihrem Munde: Ss-pe-ckkk! Aber das alles - unter uns - nicht wahr!"

Seinem Freund Pietsch schenkte Turgenev gelegentlich reinen Wein ein. Ihm teilte er unverblümt mit, was er von Theodor Storms neuer Novelle hielt und lieferte en passant eine Diagnose der zeitgenössischen deutschen Prosa mit:

" Zwei Fehler begehen stets die Deutschen, wenn sie erzählen: das leidliche Motiviren und die ganze vermaledeite Idealisation der Wahrheit. - Fasst die Wahrheit einfach und poetisch auf - das Ideale bekommt ihr obendrein. ... Wenn der deutsche Autor mir etwas Rührendes erzählt - so kann er nicht umhin - mit dem einen Finger auf sein eigenes weinendes Auge zart hinzuweisen - mit dem anderen aber mir, dem Leser, einen bescheidenen Wink zu geben, dass ich ja nicht das Rührobject unbeachtet lasse!"

Kleine Regelverstöße machen Turgenevs epistolarisches Deutsch nur umso charmanter - und kreativer: So wusste berichtete er von der Hochzeit seiner Tochter -

": - ein sonnebeschienenes, weisshalsbindiges, kirchenkühl-ceremoniellfreudiges und einfältig lächelndes Rührungsgefühl."

Seine Kenntnis des Deutschen war allemal besser als die Russischkenntnisse seiner damaligen deutschen Übersetzer, deren Unfähigkeit und Schlamperei ihn ausnahmsweise die Contenance vergessen ließen:

" Das ist das Grandioseste von ärgerlich bornirter Schweinerei! Alles Lebendige unbarmherzig ausgemerzt - ein Caput mortuum von Gemeinplätzen. Und das Schwein von einem Buch wird überall herumgeschickt ... Es ist zum vomiren ..."

Im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe seiner Werke nannte der russische Grandseigneur Deutschland sein "zweites Vaterland" - zu dem er bei aller Liebe, wie schon zum heimatlichen Russland, kritische Distanz wahrte. Dem liberalen, polyglotten Europäer Turgenev gingen russische Despotie und Preußens Gloria gleichermaßen gegen den Strich. Als sich die deutschnationale Presse nach der Kaiserproklamation 1871 über einen negativ gezeichneten Baron in Turgenevs Frankfurt-Roman "Frühlingsfluten" empörte, bekam Freund Pietsch in Berlin seinen Spott zu spüren:

" Gott! Wie seid Ihr alle Deutsche zarthäutig geworden, wie altjüngferlich suspectibel nach den großen Erfolgen!"

Turgenevs Faible für die deutsche Sprache und Kultur litt dadurch keinen Schaden. Er teilte es mit der großen Liebe seines Lebens, der verheirateten französischen Sängerin Pauline Viardot. Die beiden unglücklich Liebenden wechselten immer dann ins Deutsche, wenn Monsieur Viardot und die Kinder etwas nicht verstehen sollten.

Ivan Turgenevs mustergültig edierte deutsche Briefe sind ein kurzweiliges Lesevergnügen und ein eindrucksvolles Beispiel für lebendigen europäischen Geist. Der allerdings verkehrte auch damals vorwiegend auf einer Einbahnstraße von Ost nach West: Ein deutscher Autor, der in der russischen Sprache und Kultur so zu Hause wäre wie Turgenev in der deutschen, ist heute genau so selten wie vor hundert Jahren.

Ivan Turgenev: "Werther Herr. Briefe an deutsche Autoren"
(Friedenauer Presse)

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