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StartseiteBüchermarktDie Briefe vor "Oblomow"22.05.2014

Iwan GontscharowDie Briefe vor "Oblomow"

Die Neuübersetzung von Iwan Gontscharows großem Roman "Oblomow" durch die Slawistin Vera Bischitzky hat bei vielen Lesern das Interesse an diesem russischen Schriftsteller geweckt. Der nun von ihr zusammengestellte Band mit Liebesbriefen zeigt ein buntes Bild vom Leben und dem literarischen Milieu des Schriftstellers.

Von Karla Hielscher

Ein Tagebuch (picture-alliance/ dpa / Jens Wolf)
Jelisaweta hatte ihm ihr Tagebuch geschickt, damit er versteht, dass sie einen anderen Mann liebt. (picture-alliance/ dpa / Jens Wolf)
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Krieg und Kriegsende aus russischer Sicht (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 28.04.2005)

1855, als Gontscharow im Salon der berühmten Petersburger Künstler- und Literatenfamilie Maikow die schöne Jelisaweta Tolstaja kennenlernte, war der 43-Jährige schon ein namhafter Schriftsteller, arbeitete als Beamter im Außen- und Finanzministerium und wurde gerade auf die Stelle des Oberzensors der russischen Zensur berufen. Seine über zwei Jahre dauernde Weltumseglung, die er im Auftrag des Zaren Nikolaus I. mit dem Ziel, Handelbeziehungen mit Japan anzubahnen, mitgemacht hatte, lag hinter ihm und er schrieb an seinen spannenden Aufzeichnungen über diese Reise: "Fregatte Pallas". Schon 1849 war ein Text von ihm mit dem Titel "Oblomows Traum. Episode aus einem unvollendeten Roman" erschienen, der begeistert aufgenommen worden war, das versprochene Buch jedoch ließ seit Jahren auf sich warten.

Die Begegnung mit Jelisaweta Tolstaja im Sommer 1855 löste bei Gontscharow eine tiefe, leidenschaftliche, jedoch unerfüllte Liebe aus, die ihn - wie seine Briefe an die Angebetete beweisen - anderthalb Jahre völlig in ihren Bann zog. Der so aktive, gestandene Mann, der gleichwohl bei seinen Freunden den Spitznamen "Prinz de len" trug, von russisch "Len" für Faulheit, Trägheit, und der sein Leben lang auch immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hatte, fühlte sich eigentlich längst zu alt für derartige Empfindungen und versteckte seine Gefühle hinter Scherzen und humorvollen Formulierungen:

"Man sagt, es sei ihr Privileg, jedermann zu verwirren, einzunebeln und begriffsstutzig zu machen, kurz, nach Gutdünken durcheinanderzubringen - vielleicht ist das ganz lustig, aber verschonen Sie die Alten!"

Es beginnt mit kurzen Nachrichten, in denen er der jungen Frau, die in Moskau zu Besuch war, immer wieder seine Dienste anbietet, Theaterkarten besorgt, ihr Bücher bringt, seine japanischen Kästchen zeigt oder ihr ihre "Saloppe" nachschickt. Selbstironisch schreibt er:

"Mein Gott, wie blöde ich geworden bin, seit Sie hier sind!"

Nach ihrer Abreise jedoch wird ihm das Ausmaß seiner Gefühle für Lisaweta bewusst:

"Ein dummer Brief: aber woher den Verstand nehmen? Sie sind ja nicht mehr da. Solange Sie hier waren, hatte ich Flügel, jetzt sind sie abgefallen."

Seine Briefe, in denen er - fast zwanghaft ihr Verhalten und jedes ihrer Worte analysierend - ihre "Freundschaft" beschwört und eigentlich "Liebe" meint, werden länger und länger.

"Was ist das nur für ein Bedürfnis, mit Ihnen sprechen zu wollen, von dem ich besessen bin? Wie soll ich es im Zaum halten? [...] ich rede und rede mit einer solchen Freude, die schon an Leidenschaft grenzt. [...] Wollte man mir das Recht nehmen, mit Ihnen zu reden, wie vieles würde mir fehlen; der lebendigste Faden würde abreißen, der lebendigste Nerv gelähmt sein, der mich mit den Menschen und der Gesellschaft verbindet."

Sie liebt einen guten Freund aus Kindertagen

Jelisaweta, deren Briefe nicht erhalten sind, hüllt sich zunehmend in Schweigen und Gontscharow weiß eigentlich längst warum: Sie hatte ihm ihr Tagebuch geschickt, damit er versteht, dass sie einen anderen Mann liebt, ihren Cousin, den Kavallerieoffizier und Grafen Mussin-Puschkin, einen guten Freund aus Kindertagen.

Und Gontscharow lässt es sich nicht nehmen, über seinen Rivalen mit dem "Pferd, das auf keinen Fall fehlen darf", herzuziehen, über "dieses Jüngelchen, so ein Kornett, ein Stutzer und Lump" wie er genüsslich abfällige Bemerkungen von anderen über ihn zitiert. Im Stil der Briefe aber wird sein – allerdings vergeblicher - Versuch deutlich, Distanz zu schaffen, z.um Beispiel indem er von sich selbst in der dritten Person, als von "seinem besten Freund" spricht.

Iwan Alexandrowitsch Gontscharows Romane zählen zu den Hauptwerken des russischen Realismus. (picture alliance / dpa / Novosti)Iwan Gontscharow (picture alliance / dpa / Novosti)

So ist ein wesentlicher Teil des Textkonvoluts ein den Briefen beigelegter, als Romankapitel getarnter Schlüsseltext "Pour et contre". Es ist dies der fiktive Dialog von zwei guten Freunden über die Vorzüge und Fehler einer geliebten Frau, in dem die Gefühle der Beteiligten seziert und auf den Prüfstand gelegt werden. Der eine ist der schwärmerisch Verliebte, der diese Frau anbetet und idealisiert, der andere übernimmt den skeptischen, zweifelnden und kritischen Part, in dem dieser Frau zum Beispiel das "Bestreben allen zu gefallen", und "Eitelkeit und Oberflächlichkeit" vorgeworfen werden. Und natürlich sind die beiden Freunde die alter Egos von Gontscharow selbst. Obwohl dieses Romankapitel eine offene Liebeserklärung an Jelisaweta darstellt, wird gleichzeitig klar, dass er sich keinerlei Illusionen macht. Er weiß, dass Lisa ihn nicht wirklich liebt, dass ihr Empfinden für ihn "ein Gefühl wie ungesäuerter Teig, ohne den kleinsten Tropfen Sauerteig, ohne Gärung" ist.

Als Jelisaweta auch auf das „Pour et contre" überhaupt nicht reagiert und nur wieder ein "homöopathischer Brief" - wie er sich ausdrückt - folgt, setzt sich schließlich Gontscharows "traurige Gewissheit" durch.

„Mein "bester Freund" ist verschwunden, er existiert nicht mehr, er ist dahin, hat sich aufgelöst, ist zu Staub zerfallen. Zurückgeblieben bin allein ich, mit meiner Apathie oder Schwermut, mit Leberschmerzen, ohne die 'Gabe des Wortes' [...] Das Alter stülpt sich mir wie eine Mütze über den Kopf."

Die Geschichte endet ironischerweise damit, dass Gontscharow von der Mutter Jelisawetas gebeten wird, sein Ansehen und seine Beziehungen für ein Empfehlungsschreiben an die Kirchenbehörde einzusetzen, damit diese ihren Verlobten, der ja ihr Verwandter ist, heiraten darf. Und auch das tut er noch für sie.

Die literarhistorische Bedeutung dieser bewegenden Liebesgeschichte besteht darin, dass Gontscharow sie für die Weltliteratur fruchtbar gemacht hat. Während eines Kuraufenthalts in Marienbad 1857 schreibt er in kürzester Zeit den ersten Teil seines „Oblomow" zu Ende, und es ist höchst anregend, die vielen Parallelen zum Roman, die Vera Bischitzky aufzeigt, zu verfolgen.

Iwan Gontscharow: "Herrlichste, beste, erste aller Frauen. Eine Liebe in Briefen"
Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Vera Bischitzky, Aufbau Verlag Berlin, 2013, 205 Seiten, 16,99 Euro

 

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