Samstag, 18.11.2017
StartseiteBüchermarktZweifel an der eigenen Kunst05.01.2017

Ja, Panik: "Futur II"Zweifel an der eigenen Kunst

Die österreichische Band Ja, Panik ist eigentlich noch zu jung für Memoiren. Das hat sie jedoch nicht davon abgehalten, ihre Autobiografie zu veröffentlichen. Unter dem Titel "Futur II" erzählen die Musiker ihre Geschichte und legen ihr Selbstverständnis und ihre Position im Kunstsystem dar.

Von Maik Brüggemeyer

Gitarre lehnt gegen eine rote Wand (imago / Westend61)
Die Zweifel an der eigenen Kunst und der Band schwingen immer mit in "Futur II". (imago / Westend61)
Mehr zum Thema

"Black Lives Matter" Die Repolitisierung der Popmusik

Das muss man 2016 gehört haben (4) Die schönsten Alben, die niemand kennt

Serie Wie Kulturschaffende dem "Whitelash" begegnen

Die Not der darstellenden Künstler Jenseits von Glanz und Gloria

"Walking Theory" Kunst als öffentlicher Akt

Musik: Ja, Panik: Libertatia

Ich wünsch mich dahin zurück, wo's nach vorne geht
Ich hab auf back to the future die Uhr gedreht
Space is the place, der die Flüchtigen liebt
Ganz wie jeder anfang in Trümmern liegt
Not sans papier, but sans patrie
Um uns die Welt, in uns Galaxien
Denn wo wir stehn, könnt' immer alles sein
Und wenn ich alles sag ist klar
Dass ich nur eines mein:
One world
One love
Libertatia

Eine Band, viele Perspektiven

Wir hören ein Lied von Ja, Panik, die seit 2006 zu den interessantesten Vertretern weitestgehend deutschsprachiger Indie-Popmusik gehören. Die österreichische Band hat mittlerweile sechs Alben veröffentlich und lebt seit 2009 in Berlin. Jetzt haben die vier Musiker im Berliner Verbrecher Verlag mit "Futur II" eine Art Traktat veröffentlicht, in dem sie auf äußerst originelle Weise ihre Geschichte, ihr Selbstverständnis und ihre Position im Kunstsystem reflektieren. Sie haben sich ihrer Band von verschiedenen Orten, aus unterschiedlichen Perspektiven genähert. Ja, Panik, die einst gemeinsam in einer WG, halb Kommune, halb Think Tank, an der Stralauer Straße in Friedrichshain lebten, geben sich hier keineswegs als Einheit, sondern nähern sich jeder für sich aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen.

Keyboarderin Laura Landergott reist durchs Land, um ehemalige Bandmitglieder und Weggefährten zu interviewen – mit unterschiedlich aufschlussreichen Ergebnissen. Bassist Stefan Pabst und Schlagzeuger Sebastian Janata durchforsten vorgeblich die Bandarchive in Berlin und Wien, wobei Pabst bei seinen Erkundungen der vollkommen ungeordneten Sammlung, die haufenweise alte Emails zu Tage fördern, allmählich dem Wahnsinn verfällt und Janata allerlei absurde, von Jet-Set-Klischees und Rock’n’Roll-Lifestyle durchzogene, geradezu kafkaeske Geschichten erfindet, die sein Fernbleiben vom Wiener Archiv begründen sollen.

"Als ich vorgestern wieder beim Archiv ankam, diesmal mit Schlüssel, ging ich nicht gleich hinein, sondern blieb vor der schweren Eisentür stehen, um gemütlich noch ein paar genussvolle Züge von meinem mit Super-Silver-Haze gefüllten Vaporizer zu nehmen. Das Zeug war selbstverständlich homegrown und bio. Du kennst mich, ich flashe mich gerne weg vor anstehender Arbeit, ich kann mich dann einfach besser fokussieren und habe auch mehr Durst, es fällt mir dann leichter, die ganzen Gin-Tonics runterzubekommen. ... Als ich da also so stand und nachdachte auf dem Bürgersteig und sanft irie* wurde, hielt ein blendend weißer Geländewagen vor mir. Das hintere Fenster ging runter, und ein Gesicht kam zum Vorschein. Es war Frau Wenzel.

Sie sah mich an und sagte kaum hörbar: »Die Ambassadorin will dich sehen.«
Du wusstest genauso gut wie ich, dass dieser Tag kommen wird, aber hättest du geglaubt, dass es so bald sein würde? Frau Wenzel öffnete die Türe. Ich drückte auf den Off-Button meines Vaporizers des Typs Pax 11 Limited Edition in Gold und stieg in den Wagen. Ich weiß nicht, wohin wir fuhren, mir wurde wie beim letzten Mal ein schwarzer Sack über den Kopf gezogen. Ich nahm das Ganze aber eher gelassen, ich hatte dieses Prozedere schon einmal erlebt, und außerdem war ich total mellow."

Reflexionen über Erinnerung und Freundschaft

Sänger und Songwriter Andreas Spechtl kommentiert alles aus dem Exil am südlichen Rand von Europa. Und es sind vor allem seine Beiträge, die dieses Buch auch für Nicht-Fans der Band interessant machen, denn zwischen seinen interessanten und haltungsstarken Erläuterungen zu Alben, Tourneen und Bandmitgliedern, finden sich hier auch Reflexionen über Erinnerung und Freundschaft, die inspirierende Wirkung von Räuschen und Reisen, die Möglichkeit beziehungsweise Unmöglichkeit heutzutage von seiner Kunst zu leben, seinen Hass auf Berlin und Europa, sowie zu Ästhetik und kritischem Bewusstsein:

"Was meine Kunst anbelangt, glaube ich nicht mehr, dass sie einen Kampf mit diesem System zum Thema haben darf. Ich will so arbeiten, dass meine Art und Weise, das wie meines Tuns dieser Kampf ist, oder besser: diesen Kampf mit all seinen Widersprüchlichkeiten und Verlogenheiten widerspiegelt. Ich werde mich mit Händen und Füßen wehren und mich von Tag zu Tag wieder nackig machen und mir regelmäßig vor Publikum und Zeugen vor Angst in die Hosen pissen. Ich werde meine Hilflosigkeit und meine Wut ausstellen, aber ich werde mir kein kritisches Potenzial in meine Arbeit mehr hineinlügen lassen. Nichts erscheint mir erbärmlicher. Und nichts sinnloser. Denn es bleibt dabei: Zu jeder erfolgreichen Antihaltung wird es den passenden Händler geben, der weiß, wie man daraus Profit schlägt. Die rebellischen Antihelden werden zunächst bejubelt – und irgendwann vereinnahmt, ausgeschlachtet, wiederverwertet und vernichtet. Politische Kunst ist meist Selbstinszenierung, wird wahrgenommen als Zeitgeistphänomen und verkommt zum Umsatzgaranten in der Kunstgeschichte."

Zweifel an der Band

Die Zweifel an der eigenen Kunst und der Band schwingen immer mit in diesem Text. Vielleicht bestehe der Hauptgrund für dieses Buchprojekt darin, durch die Erinnerung einen Platz in der Zukunft zu finden. "Futur II", die vollendete Zukunft, vielleicht auch die zweite Zukunft nach der, die er sich in den Anfangstagen der Band ausmalte. Am Ende scheint auch er dem Wahnsinn verfallen, verschwindet und lässt nur einige Zettel zurück. Auf einem steht:

"Denn die Zukunft hört auf, da hinten, hinter all den Jahren sehe ich ihr Ende kommen. Aber nicht verzweifeln deswegen. Sie an der Hand nehmen und noch ein Stück mit ihr gehen. Bis sie mich absetzt, an der letzten Haltestelle, an der ich auf mich warte. Allein. Und mit allen anderen, die schon da sein werden. Es wird schön sein. Ein überlegener Handgriff nach der Unendlichkeit, der einfach da sein wird, wie die Stille eines sonnigen Morgens, der von der Nacht noch nichts weiß. Keine Zukunft ohne uns. Ohne uns keine Zukunft. Man wird sagen: Von heute auf morgen waren wir plötzlich nicht mehr da. Wir sind aufgewacht, und die Gruppe Ja, Panik hatte uns ausgespuckt und zurück in die Welt geworfen. Wir sind jetzt wieder dort, wo wir immer weg wollten. Ab jetzt ist alles so, wie es gewesen sein wird. Eigentlich kein schlechter Anfang."

Um abschließend die Zeitform zu verwenden, die diesem äußerst kurzweiligen und schlauen Buch seinen Namen gab: Ob "Futur II" ein Neuanfang oder ein Vermächtnis sein wird, wird die Zukunft zeigen. Bis dahin ist es ein Traktat, das Lust macht auf die Gedanken und die Musik dieser eigenwilligen und in der deutschsprachigen Musiklandschaft einzigartigen Band.

Musik: Ja, Panik "Time Is On My Side"

We, we get together
In nocturnal spaces
We've seen it all before
In other people's faces
Sich dem Absurden unterwerfen,
Sich nicht dem Wahnsinn unterwerfen
Without fronts and uniforms
A whole lotta nothing in the name of no one
In these orgies, in these riots
The past will never pass
Getarnt als Spaß und auch als Kummer
Seh' ich nur überall Fadess

Ja, Panik: "Futur II"
Verbrecher Verlag, Berlin 2016. 

Ja, Panik, "Libertatia" vom Album "Libertatia" (Staatsakt)
Ja, Panik, "Time Is On My Side" vom Album "DMD KIU LIDT" (Staatsakt)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk