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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Ja, wir alle sind verzweifelt"08.10.2012

"Ja, wir alle sind verzweifelt"

Liao Yiwu: "Die Kugel und das Opium: Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens."

Der Interview-Band des diesjährigen Trägers des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ist ein wichtiges Zeugnis des Massakers an den Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz 1989 Peking. Die Schilderungen der Zeitzeugen zeigen den Stolz, den die Demonstranten trotz ihrer Misshandlung durch den Staat empfinden.

Von Niels Beintker

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu ist der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (picture alliance / dpa /  Wolfgang Kumm)
Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu ist der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
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Eigentlich sollte der Arbeiter zu einer Besprechung am Pekinger Hauptbahnhof kommen. Nichts Spektakuläres, Verhandlungen über Import- und Export von Wirtschaftsgütern. Doch auf dem Weg dorthin lässt sich Hu Zhongxi, wie er sagt, von der Massenbewegung anstecken. Der Mann aus Peking geht zu den Demonstranten auf die Straße, schließt sich ihnen an, gründet sogar einen Organisationskreis, die "Todesschwadronen des Schwarzen Panthers". Der Name ist irreführend: Hu Zhongxi und seine etwa 50 Mitstreiter kümmern sich um die Ordnung bei den Demonstrationen und versorgen die Menschen auf der Straße, darunter auch die Soldaten der Volksbefreiungsarmee, mit Lebensmitteln und Getränken. Als die Protestbewegung Anfang Juni 1989 blutig niedergeschlagen wird, ist Hu Zhongxi im Südosten des Tiananmen unterwegs. Kugeln zischen an seinem Kopf vorbei, Menschen fallen neben ihm tot zu Boden. Er erinnert sich noch an seinen verzweifelten Ruf: "Man darf die Gewehre nicht auf das Volk richten!" So hat er es dem chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu erzählt.

"Ich kann diese Menschen sehr gut verstehen. Ich saß ja selbst im Gefängnis. Aber als ich ihre Lebensgeschichten aufschrieb, musste ich meine eigenen Gefühle sehr zurückhalten. Ich bin eigentlich ein Aufnahmegerät der Zeit. Und ich gebe mir sehr viel Mühe, damit ich beim Schreiben möglichst objektiv sein kann. Ich möchte die Geschichten dieser Menschen der Öffentlichkeit mitteilen – sie den Menschen erzählen, die nichts über das Massaker vom
4. Juni 1989 wissen und diese Ereignisse auch selbst nicht erlebt haben."

"Die Kugel und das Opium" – der Titel des neuen Buches von Liao Yiwu benennt die beiden Koordinaten, die das Leben seiner Gesprächspartner bestimmen. Zum einen das Massaker an den Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz. Zum anderen – das Opium – eine völlige Apathie der chinesischen Gesellschaft in der Gegenwart. Niemand wolle dort etwas vom Schicksal derer wissen, die im Mai und Juni 1989 für Demokratie und Reformen demonstrierten, sagt Liao Yiwu. Die Geschichten der Männer, die nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste als sogenannte Rowdys zu langen Freiheitsstrafen verurteilt wurden, seien nahezu vergessen.

"Weil ich selbst vier Jahre lang im Gefängnis gesessen habe, weiß ich, wie das ist und was das wirklich bedeutet. Ich kann schreiben. Und diese Menschen nicht. Deshalb hatte ich den Wunsch, ihre Geschichten zu erzählen. Die Leute in den westlichen Gesellschaften wissen nur von den studentischen Eliten. Sie kennen auch nur die Namen der Studentenführer. Aber die Menschen, deren Lebensgeschichten ich aufzeichnen durfte, kennt niemand. Und das war mein Hauptmotiv: über sie zu schreiben."

Liao Yiwu hat die Lebensgeschichten von 14 Männern aufgezeichnet. Sein Buch "Die Kugel und das Opium" enthält außerdem einige Namenslisten, darunter eine mit kurzen Biographien von 202 Menschen, die von den Soldaten der Volksbefreiungsarmee umgebracht worden sind: Kinder, Frauen, Männer, Arbeiter, Angestellte, Studenten. Die Gesprächspartner des Schriftstellers waren in der Mehrheit Arbeiter, einfache Menschen wie jener Hu Zhongxi. Sein Schicksal ist paradigmatisch. Nach dem Massaker vom Juni 1989 wurde Hu Zhongxi verhaftet. Er saß lange in Untersuchungshaft, wurde extrem gefoltert und im November 1991 schließlich wegen – Zitat – "bewaffnetem, konterrevolutionärem Massenputsch" verurteilt. Zehn Jahre lang saß er im Gefängnis.

Es ist bestürzend, was die Männer Liao Yiwu über ihre Haft erzählen. Viele leiden noch immer an den Folgen, haben große gesundheitliche Probleme – etwa weil sie die sogenannte Spezialbehandlung mit Elektroknüppeln über sich ergehen lassen mussten. Und viele haben niemanden, dem sie sich anvertrauen können. Sie sind in vielen Fällen alleinstehend, Hagestolze, wie Liao Yiwu schreibt. Sie leben bei ihren Eltern und müssen sich in einer Gesellschaft zurechtfinden, die sich durch den enormen wirtschaftlichen Aufschwung komplett verändert hat. Auch das traumatische Erlebnisse.

Einer der Gesprächspartner, der frühere Kleinunternehmer Liu Yi berichtet im Gespräch mit Liao Yiwu, wie ihn – nach der Entlassung aus der Haft – seine eigenen Geschwister vor die Tür setzten und er zusammen mit seiner Mutter durch das nächtliche Peking irrte. Er fand immerhin ein Quartier. Ob er eines Tages die ersehnte Rehabilitation erleben wird, ist indes fraglich.

"Ja, wir alle sind verzweifelt. Es gibt aber eine Gruppe von Menschen, die noch verzweifelter sind. Und das sind die Eltern, die ihre Kinder bei dem Massaker verloren haben. Sie warten und warten auf eine Entschuldigung der chinesischen Regierung. Aber die ist bis jetzt nicht gekommen. Sie haben nie ein Wort des Bedauerns gehört. Erst in diesem Jahr hat sich ein Mann, dessen Kind auf dem Platz des Himmlischen Friedens erschossen wurde, das Leben genommen – aus purer Verzweiflung. So ist die Situation. Ein unerträglicher Zustand der Verzweiflung."

Umso bewegender ist es zu lesen, wie die mutigen Demonstranten, diese angeblichen Rowdys, auf den Juni 1989 zurückblicken. Der damalige Händler Liu Yi spricht vom ehrbarsten Teil seines Lebens. Und Hu Zhongxi berichtet, dass er es überhaupt nicht bereue, sich die Kommunistische Partei zum Feind gemacht zu haben. Im Gegenteil: Im entscheidenden Moment habe er sich als würdig erwiesen. Auch in diesem Sinn ist "Die Kugel und das Opium", der Interview-Band des chinesischen Schriftstellers und Friedenspreisträgers Liao Yiwu, ein wichtiges Zeugnis, ein Buch, das seine Leser zutiefst verstört und auch verstören soll.

Für die Sehnsucht nach einem besseren und gerechteren Leben mussten die Gesprächspartner von Liao Yiwu einen hohen Preis bezahlen. In seinem einfühlsamen Buch erfahren sie erstmals Anerkennung und Würdigung.

Liao Yiwu: "Die Kugel und das Opium: Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens."
S. Fischer Verlag, 432 Seiten, 24,99 Euro
ISBN: 978-3-10-044815-6

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