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StartseiteBüchermarktJäger der verlorenen Virtualität13.05.2008

Jäger der verlorenen Virtualität

"Quellcode" von William Gibson

Cyberspace-Erfinder William Gibson schickt in seinem neuen Roman "Quellcode" Medienkünstler, Digitalakrobaten, Ex-Rockstars, Drogenjunkies und kubanische Mystiker auf die Jagd nach einem geheimnisvollen Container, gefüllt mit einigen Millionen Dollar, verschwunden im Irak, auffindbar nur über ein kunstvoll verschlüsseltes GPS-Signal. Die Kunst von Gibson besteht darin, hinter all dem eine Art Charaktermatrix unserer Zeit zu entdecken.

Von Walter van Rossum

Der Schriftsteller William Gibson (AP)
Der Schriftsteller William Gibson (AP)
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Der Erfinder des Cyberspace

So ein Kritiker hat es auch nicht leicht. Die literaturverarbeitende Industrie zwingt ihn mehr oder weniger so zu tun, als erzählten Romane eine Geschichte, und die Geschichte sei die Botschaft. Die unglückliche Liebe von Madame X, die Dramen von Krieg I-V oder die Anekdoten der Familie B. Doch jeder der Literatur liebt, liebt sie, weil sie von der Farbe des Realen, der Rhetorik des Lebens und dem Blindflug des Menschen erzählt. Nicht mehr und schon gar nicht weniger.

"Die Welt jenseits der Restaurantfenster, hinter den plastikroten Wörtern in chinesischen Schriftzeichen, die keiner von beiden lesen konnte, hatte die Farbe einer seit Jahrzehnten in einer Schublade vergessenen Silbermünze."

William Gibson jüngster Roman "Quellcode" heißt im amerikanischen Original "Spook Country", was so viel heißt wie "Land der Schlapphüte" - ganz als wollte der Autor sagen: Das Genre, in dem ich mich bewege, ist uralt, nur die Umstände sind radikal neu. Und so wie in jedem klassischen Agenten- oder Kriminalroman geht es um die Suche nach Zusammenhang, mit anderen Worten: nach Wirklichkeit.

Hollis Henry war vor einem guten Jahrzehnt ein gefeierter Rockstar. Dann hat sich ihre Band aufgelöst und ihr einstiger Wohlstand ist einem Spekulanten zum Opfer gefallen. Hollis sucht ein neues Aufgabenfeld. Eine englische Zeitschrift hat die Amerikanerin angefragt, ob sie einen Bericht über eine neue Kunstform schreiben will: locative art, Lokativkunst. Eine Computerkunst, die ihre Artefakte im virtuellen Raum erzeugt, aber an beliebige Punkte des Realen erscheinen lassen kann. Bei ihren Recherchen macht Hollis Henry die Bekanntschaft eines ebenso begabten wie gestörten Digitalakrobaten - halb Hacker, halb Künstler.

"Ich habe mit kommerzieller GPS-Technologie gearbeitet. Das kam, weil ich vorhatte, Astronom zu werden, und Satelliten mich faszinierten. Das Interessanteste am GPS-Netz, was es ist, was wir daraus machen, was wir daraus noch machen könnten, alles wurde von Künstlern entwickelt. Von Künstlern oder vom Militär. Das ist mit neuen Technologien generell so: Die interessantesten Anwendungen gibt es auf dem Schlachtfeld oder in einer Galerie. (...) Das GPS-Netz ist etwas ganz Grundlegendes. Zu grundlegend für die meisten Leute, um damit zurechtzukommen."

GPS - das Global Positioning System, das wir in seiner simpelsten Form als Navigator im Auto kennen - spielt eine zentrale Rolle in diesem Roman. Doch zunächst begreift Hollis erst einmal, dass die Zeitschrift, die sie engagiert hat, gar nicht existiert. Dafür lernt sie den Mann im Hintergrund ihrer Auftraggeber kennen, ein belgischer Werbemogul, der weltweit operiert und im Rufe steht, stets die richtige Person auf das richtige Projekt anzusetzen. Nur, auf was hat er Hollis in Wahrheit angesetzt - wenn es sich gar nicht um einen Zeitschriftenbeitrag handelt?

Das dürfte sich auch Milgrim fragen, ein Beruhigungsmitteljunkie, der sich in Gefangenschaft eines gewissen Brown befindet, einfach deshalb, weil er eine bestimmte Kunstsprache beherrscht. Milgrim tröstet sich über die Tage der Ungewissheit mit einem Buch über die mittelalterlichen Apokalyptiker. Ob Brown, sein Entführer, ein Polizist ist, Agent einer der zahllosen amerikanischen Geheimdienste oder Mitglied einer paramilitärischen Organisation wird nicht klar. Auch Brown befindet sich auf der Suche nach jenem geheimnisvollen Container, der - wie sich nach und nach herausstellt - alle Figuren der Geschichte in einen Zusammenhang bringt.

"'Haben Sie die zwei Komma vier Milliarden selbst gesehen?' Fragen konnte man ja.

'Im Juni 2004', sagte er, ohne auf ihre Frage einzugehen, 'öffnete an einem Sonntag die Federal Reserve Bank in New York ihren Tresor, um diesen Betrag für die Verschiffung nach Bagdad vorzubereiten, an Bord mehrerer C-130 Frachtflugzeuge.'

'Bagdad?'

'Wir haben zwischen März 2003 und Juni 2004 fast zwölf Milliarden Dollar Bargeld in den Irak geschickt. Die Junilieferung sollte die Machtübergabe von der provisorischen Koalitionsverwaltung an die irakische Übergangsregierung abdecken. Der größte Bargeldtransfer auf einmal in der Geschichte der US-Zentralbank.'"

Zu den Jägern des Containers gehört noch eine Gruppe rätselhafter Menschen, eine Art Clan kubanischer Abstammung, der nach strengen Regeln - Protokolle genannt - operiert. Auch hier erfahren wir nie genau, in wessen Diensten er handelt. Jedenfalls befindet sich einer von ihnen bei seinen ebenso komplexen wie artistischen Einsätzen im Dauerkontakt mit den Santería-Göttern einer afroamerikanischen Religion. All diese Figuren eint ihre verwirrende Mischung aus Präzision und Trance, aus Kalkül und Blindflug. Und die Kunst des William Gibson besteht darin, darin eine Art Charaktermatrix unserer Zeit zu entdecken.

Der Container, um den es geht, steckt voller Dollarnoten, die im Irak abhanden gekommen sind. Er geistert seit geraumer Zeit auf den unterschiedlichsten Schiffen über die Weltmeere und kann nur durch ein extrem verschlüsseltes Signal per GPS geortet werden.

William Gibson wurde 1984 mit seinem Roman "Neuromancer" auf einen Schlag weltberühmt. In diesem Buch erfindet und entwickelt Gibson auch den Begriff "Cyberspace", Cyberspace ist ein computergenerierter kybernetischer Raum, an den man durch eine neuronale Schnittstelle angeschlossen ist. Auch in "Quellcode" taucht der Cyberspace wieder auf.

"'Jemand hat mir gesagt, dass der Cyberspace 'sich selbst nach außen kehrt'. So hat sie es jedenfalls formuliert'. - 'Ja, klar. Und wenn er sich nach außen kehrt, gibt es keinen Cyberspace mehr, oder? Es hat ihn niemals gegeben, wenn man es so sieht. Auf diese Weise haben wir uns nur angesehen, wohin wir unterwegs sind, in welche Richtung. Mit dem GPS-Netz sind wir hier. Das ist die andere Seite des Bildschirms. Genau hier.'"

Gibson führt uns in eine Welt ein, in der das Reale bald durch das Virtuelle erzeugt wird, wenn GPS erlaubt, virtuelle Projektionen auf jeden beliebigen Punkt des Realen zu werfen.

"Die Zukunft hat schon begonnen. Sie ist nur sehr ungleichmäßig verteilt", "

hat William Gibson einmal gesagt - und sich damit vom klassischen Science-Ficton-Genre verabschiedet. Mit anderen Worten: Die Technologien der Zukunft gibt es längst - wir sind unterwegs. Und es stimmt, was eine der Figuren aus "Quellcode" sagt:

" "Wer heutzutage nicht verwirrt ist, ist wahrscheinlich psychotisch."

William Gibson, Quellcode. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schaeffler. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart 2008. 448 S.

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