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StartseiteBüchermarktJäher Sturz29.08.2004

Jäher Sturz

Fritz Rudolf Fries: "Hesekiels Maschine oder Gesang der Engel am Magnetberg"

Es ist an der Zeit, das Paradies neu zu denken. Die Sache mit der klassenlosen Gesellschaft hat sich vorerst erledigt, und auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau gestaltet sich unübersichtlicher denn je. Fritz Rudolf Fries ist schon immer ein Spieler gewesen, und deswegen haben wir in seinem neuen Roman das Paradies auf Seite 306 erreicht. Die Tür geht

Helmut Böttiger

Steinernes Kreuz vor der Kulisse des Mangfall-Gebirges (AP)
Steinernes Kreuz vor der Kulisse des Mangfall-Gebirges (AP)

auf, und zwei Dienstengel führen die Hauptfigur hinein:

Und so geschah es, wir luden ihn ein, in zwei Musiker verwandelt, die auf die Gelegenheit eines gigs warteten, indes ihre Kollegen im Halblicht auf der Bühne spielten, hinter Schwaden von Tabakrauch und in den leisen Passagen in ihrer Musik beinahe zugedeckt von den unbekümmert geführten Gesprächen am Tisch, die ein Ostinato waren, durchaus anregend gedacht wie die ständige Begleitung auf dem Schlagzeug, unterbrochen oder gesteigert durch das Klirren eine zerbrochenen Glases, das Aufschlagen der Bestecke auf einem geleerten Teller und der unerwartet in die Höhe steigenden Spirale eines Lachens, das auch das der Sängerin sein konnte, die auch heute auf ihre Gardenie im Haar nicht verzichtet hatte und deren abgezehrter Körper unmöglich diese Stimme beherbergen konnte, die stammelte wie ein kleines Mädchen und dann wieder stöhnte wie eine auf den Wogen der Lust reitende Geliebte, und die ihre Kollegen animierte, aus ihren Trompeten und Saxophonen, Gitarren und Bässen die letzten Geständnisse herauszupressen, die sie der Sängerin und uns machen wollten, an diesem Abend und dann nie wieder.

Der Jazz und das Paradies sind für Fries seit jeher dasselbe. Ein Thema von Dizzy Gillespie wurde bereits im Titel seines Romans Der Weg nach Oobliadooh aus dem Jahr 1966 variiert - eines der furiosesten und unvorstellbarsten Bücher, das auf dem Territorium der DDR entstand und deshalb nur bei Suhrkamp veröffentlicht werden konnte. Jazz-Paraphrasen ziehen sich durch das gesamte Werk von Fries, und deswegen tut man gut daran, sich von der biblisch anmutenden Wucht seines neuen Romantitels, von seiner exegetischen Verve und Anspielungswut nicht allzu sehr verwirren zu lassen: Hesekiels Maschine oder Gesang der Engel am Magnetberg. Dass die Situation, in der die Hauptfigur Daniel Abesser endlich das Paradies zu Gesicht bekommt, derart polyrhythmisch vorgeführt wird, ist kein Zufall.

Alles fließt in einen einzigen langen Satz, der Jazz führt verschiedenste Stimmen zusammen und treibt sie in einem unübersichtlichen, sich ständig verändernden Sog voran. Da gibt es keine einheitliche Melodieführung, das Gegenteil schwingt immer gleich mit und löst vorgefundene Sicherheiten lustvoll auf. So agiert dieser Roman: das verwirrende Spiel ist das reizvollste, und die Einsätze und Soli unterschiedlichster Tonlagen verdichten das Ganze nur, man sollte sich da nicht schrecken lassen. Vor allem nicht am Anfang, wenn drei Engel eine israelische Linienmaschine von Panama City nach Tel Aviv über den Kanarischen Inseln zum Absturz bringen.

Der Prophet Hesekiel aus dem Alten Testament spielt eine entscheidende Rolle, Dantes Göttliche Komödie mit ihren Vorstellungen von Hölle und Paradies taucht auf, und unversehends befinden wir ins im berüchtigten Hotel Lux, dem Moskauer Hotel der Emigranten zur Stalinzeit - ein wahrer
Hexentanz der Allegorien ist das, ein rauschhaftes Treiben, das sich alle erdenklichen Epochen und Stile einverleibt. Bei dieser Sprache wundert man sich, dass der Text ein Teil der deutschsprachigen Literatur sein soll:

Abesser setzte seine Wanderschaft fort, indes die Sonne vom Rande der Wüste auftauchend den Scheitelpunkt ihrer Bahn suchte. Da alles am Himmel vorausberechnet und voraussehbar war, die Bahn der Planeten, das Entstehen und Verglühen der Sterne, der Lauf der Sonne, die Ausdehnung des Lichts und der Einbruch der Finsternis, der Mond, der launig mit seinen Teilen spielte, ein Viertel dazu gab oder wegnahm, bis er eine von täglicher Benutzung verbeulte und zerschrammte Schale zeigte, aus der die Geister der Nacht löffelten und, zänkisch, wie sie waren, darauf trommelten -, da alles so nach Plan verlief, warum war es nicht auf Erden genauso?

Im Mittelpunkt bei alldem steht das Ende der DDR. Fritz Rudolf Fries war, solange es die DDR gab, kaum als DDR-Schriftsteller zu erkennen gewesen, er spielte mit der bürgerlichen Moderne und baute an entlegenen Kunstwelten, und mit dem Aufbau einer besseren Gesellschaft hatten seine Texte allenfalls ironisch etwas zu schaffen. Nach der Wende, auf dem Höhepunkt der Stasidiskussionen und -enthüllungen, wurde allerdings ruchbar, dass auch Fries eine Stasi-Geschichte hatte. Sie ist am ehesten mit derjenigen Heiner Müllers zu vergleichen, doch im Gegensatz zu diesem war Fries kein Meister im Umgang mit den Medien, kein Jongleur mit Abgrund und Schwärze.

Fries reagierte uneinsichtig und trotzig und befand sich mit einem Schlag im Abseits. Ein Effekt davon ist, dass auch sein neuer, großangelegter Roman nicht mehr in einem der führenden belletristischen Verlage erscheint, wo er seiner Bedeutung nach zweifellos hingehörte, sondern bei dem mit einer handelsüblichen DDR-Populistik firmierenden Label "Das Neue Berlin".

Daniel Abesser, die Hauptfigur, wurde 1963 als Sohn eines hohen Parteifunktionär geboren, und das widert ihn an. Daniel war bei der Erstürmung der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße im Herbst 1989 dabei, und dabei fielen ihm Papiere in die Hände, die er dazu nutzte, seine Identität zu ändern: er verwandelte sich in ein Findelkind, das von russischen Juden beim Umsteigen im Berliner Ostbahnhof ausgesetzt wurde und gab an, von dem Pankower Parteibonzen nur adoptiert worden zu sein. Es gab einige Gründe, so sagt er von sich,

die mich zur Flucht aus einem Kulturkreis bestimmten, der auf Lüge, Verrat und Betrug aufgebaut war. Der unfähig zu Leid und Trauer war und also unfähig die eigenen, nie zu vergebenden Taten zu bereuen.

Das ist eine Abrechnung mit der DDR, die aufhorchen lässt. Zumal Daniel Abesser eine positiv besetzte Identifikationsfigur bleibt, allen erzählerischen Fallstricken und Wendungen zum Trotz. Fritz Rudolf Fries hat allerdings, in romantischer Tradition, seine Romanhelden nie einlinig gezeichnet. Er liebt es, sie aufzuspalten und mit Doppelgängermotiven auszustatten. So taucht auch in diesem Roman wieder eine seiner Lieblingsfiguren auf und komplettiert den jungen Abesser dadurch in gewisser Weise: Dr. Alexander Retard, eine eindeutig autobiographisch
angelegte Fiktion. Retard ist ein Aufklärungsforscher an der Akademie der Wissenschaften und diente dem Autor in früheren Werken immer dazu, das Verhältnis von Geist und Macht selbstironisch zu beleuchten. Doch diesmal ist er unverkennbar in Distanz gerückt. Retard wird als Freund des alten Abesser gezeichnet, des Parteifunktionärs, und beide trauern zunehmend der DDR hinterher, mit einer reichlich grotesken Pointe. Dass die SED nicht mehr existierte, sagt Daniel Abesser, muss für seinen Vater

eine bittere Enttäuschung gewesen sein, und er teilte sie mit einem seiner alten Freunde, einem Wissenschaftler der Geschichte oder Literatur, einem Kauz mit dicker Brille, den wir als Kinder seiner Kleinwüchsigkeit wegen heimlich verspottet hatten und dessen Namen wir uns nie hatten merken können. Genosse Alex! Wie ihn unser Vater ansprach, und mit einmal sprachen sie sich beide mit "Bruder" an, wie es der Brauch ist bei den Zeugen Jehovas. Und das Merkwürdige war, wie diese Generation ohne eine Heilserwartung nicht auskam und nun auf den göttlichen Jesus setzte, der angeblich seit 1914 wieder unter uns sein soll.

Früher Genosse, jetzt Zeuge Jehovas! Dass Fries sein alter ego Dr. Alexander Retard nun dermaßen in die Ecke stellt, ist ein bemerkenswerter Vorgang. Wie eine bloße Satire wirkt es dennoch nicht, Fries liebt seine Figur immer noch. Retard ist auch im neuen Roman ein zwar etwas wunderlicher, aber unabhängig agierender Kopf. Und im Gegensatz zum Gebaren des Funktionärs Abesser bleibt sie immer wieder schön in der Schwebe,

seine verschmitzte, etwas verbitterte Art.

Als Selbstbeschreibung ist das a la bonheur. Doch Retard genügt nicht mehr. Daniel Abesser scheint für eine neue Form von Sehnsucht zu stehen. Er ist, seine neue jüdische Identität ausnutzend, nach Israel ausgewandert und arbeitet dort als Reporter. Am Beginn des Romans sitzt er mit seiner Frau Ribka im Dezember 1999 im Flugzeug, und auf der Höhe der Kanarischen Inseln kippt die Erzählung um ins Metaphysische. Drei Abgesandte des israelischen Geheimdienstes Mossad verwandeln sich in Engel, und die Szene wird in einem Slapstick vorgeführt, der die philosophischen Fragestellungen des Romans in der Art der Marx-Brothers unterläuft. Zunächst sind die drei - Itzhak Springer, Uriel Lilienthal und Aaron Spitzer - recht normal gekleidet, doch dann kommen plötzlich die Flügel am Rücken hervor und die wallenden
verschiedenfarbenen Gewänder, und auf einen Knopfdruck am Laptop Aaron Spitzers hin versagen die Bordinstrumente des Flugzeugs. Der ganze Aufwand gilt Daniel Abesser, der in ein phantastisches Totenreich entführt werden soll, doch in wessen Auftrag die drei Dienstengel handeln, wissen sie selbst nicht genau. Es geht auf jeden Fall um ein Projekt, bei dem das
Verhältnis zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen neu verhandelt wird. Es bleibt Dr. Alexander Retard vorbehalten, der als chargierende Nebenfigur erst spät in die Handlung eingreift, einige entscheidende Hinweise zu geben und die Geschichte des Propheten Hesekiel, die immer wieder durch den Roman geistert, zu pointieren.

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wie findet der Mensch zurück in Gottes Schöpfung, nicht als Verdammter oder Anbeter, sondern als ein Teilhaber an der göttlichen Gewalt. Und das Wunderbare an Hesekiels Visionen ist ja, er sieht keinen väterlichen Gott, er sieht eine Maschine, die mit ausgeklügelter Technik versehen ist, ein Ungeheuer mit vier Gesichtern, und bitte, hier ist das Merkwürdige und auf die Zukunft weisende: Das vierte Gesicht ist das eines Menschen, und dieser Mensch vergibt einen Auftrag...

Dass Retards Gesprächspartner dazu bemerkt, die Hesekiel-Geschichte habe ihn immer eher an Erich von Däniken erinnert, für den die Götter frühe Astronauten waren, ist Teil des Spiels. Fritz Rudolf Fries hebt nie ab in seinem Roman, er lässt nur immer wieder neue Saiten anklingen. Da wird am Phantastischen, am Realistischen und am Trivialen gezupft, ohne sich auf eine allzu verräterische Eindeutigkeit festlegen zu lassen. Und es geht Fries keineswegs darum, E- und U-Kultur miteinander zu vermischen, das wäre ihm viel zu langweilig. Also klingen die Worte Retards merkwürdig nach, in einem langen, unübersichtlichen Hallraum:

Es ist der Mensch, der am Ende der Zeiten Gott ins Wort fällt.

Die Entführung Daniel Abessers, das liegt in der Luft, hat etwas damit zu tun, dass der göttliche Plan nicht ganz aufgegangen ist. Oder, wie es der Dienstengel Itzhak Spitzer nach einem Gespräch mit Retard formuliert:

Mit einemmal überfiel mich die Erkenntnis, was wir mit dieser Operation Abesser im Schilde führten: Glich sie nicht einem Aufstand der Engel, die einen Menschen suchen, der befähigt sei, diese Rolle in Hesekiels Maschine zu übernehmen? Jemand, der Jahves Heilsplan kontrolliert und zu seiner Sache macht.

So ironisch und spielerisch dieser Roman daherkommt, für den man ein fast vergessenes Wort wie "Fabulierlust" in Anschlag bringen möchte, so augenzwinkernd die Pointen gesetzt sind und Metaphysisches wie Konkret-Sinnliches kunterbunt durcheinandergeraten: Das Bild von "Hesekiels
Maschine" ist der ungewöhnliche Versuch, die totalitären Phantasien des zwanzigsten Jahrhunderts literarisch zu verarbeiten. Dass das durch die Engführung der DDR geschieht, ist der Erfahrung des Autors geschuldet. Wir finden Daniel Abesser nach dem Flugzeugabsturz, an dessen Folgen er gestorben ist, in Dantes Göttlicher Komödie wieder. Was dort "Hölle" hieß und "Purgatorium", das trägt in diesem Roman die Züge des Moskauer Hotels Lux, Stalins Überwachungshotel.

Und so, wie der antike Dichter Vergil in der "Göttlichen Komödie" den Dichter an die Hand nimmt, um ihn durch Hölle und Fegefeuer zu geleiten, so steht Daniel Abesser nun einer der berühmtesten kommunistischen Renegaten der Literaturgeschichte zur Seite: Arthur Koestler. Wie bei Dante treten berühmte Figuren aus der Zeit- und Kulturgeschichte auf. Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque sitzen vor flackernden Hindenburglichtern, die die Gesichter schattenhaft konturieren.

Fritz Rudolf Fries nimmt die "Göttliche Komödie" ernst und erweckt die Literatur zum Leben. Arthur Koestler hat die Figur Rubaschow erfunden, um die stalinistische Zeit ins Bild zu setzen. Er führt sie Abesser vor, wie sie im flackernden Kerzenlicht mit vielen anderen Figuren zusammensitzt und
Karten spielt:

Es ist nicht ganz die kakanische Fraktion, sagte Koestler, denn einer meiner Leute, der Russe Rubaschow, sitzt dabei, und wie ich sehe, spielt er gerade seinen full house aus. Abesser erkannte keinen der Anwesenden und war auch hier auf die Erklärung seines Begleiters angewiesen. Der polnische Gnom Matzerath, sagte Koestler, hat sich zu ihnen gesetzt, schließlich gehört sein Urheber mehr in den Osten als in den Westen. Aber schauen Sie sich die anderen an, den Mann ohne Eigenschaften sollten sie kennen und die Schlafwandler von Broch, die hier als Zwillinge auftreten und sich den Gewinn teilen. Man spielt um Chips, die einen Verfallswert von einem halben Jahrhundert haben. Schauen Sie, mit welch angewidertem Gesicht die Herren Schildknapp und Adrian Leverkühn die Karten anfassen und zu überlegen scheinen, ob sie sich bei ihrem Erzeuger beschweren sollen, der sie in diese missliche Lage gebracht hat. Wären sie nicht zu ewigem Spiel verdammt, und also zu einer Herausforderung Mann gegen Mann, sie würden sich mit dem Sinologen Kien verbünden, der sich wie sie in der falschen Hölle wähnt.

Die Literatur hat Geister gerufen, die sie nicht mehr los wird, und der Kampf Mann gegen Mann, den Fries hier evoziert, so sehr Thomas Mann das verhindern möchte, wird unentschieden ausgehen. Genauso wie Oskar Matzerath, der Blechtrommler von Günter Grass, hier ewig währt. Was Daniel Abesser in dieser Umgebung soll, ist eine spannende Frage. Er wird in verschiedene Versuchungen geführt, und die drei Dienstengel, die ursprünglich beim Mossad waren und sich jetzt in literarische Luzifers verwandelt haben, führen ihm da einiges vor. Abesser soll für etwas verfügbar gemacht werden, für etwas Höheres. Aber das einzige, was ihn zu interessieren scheint, ist, wie er zu seiner Frau Ribka zurückfinden könnte. Aaron Spitzer verwandelt sich in den Komponisten Heinrich Schütz, um Abesser mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zu konfrontieren, Uriel Lilienthal zeigt ihm gar die "Hölle der Frauen", indem er fiktive Filmausschnitte vorführt, mit Abessers geliebter Frau Ribka in mehreren Rollen, die von den Abgründen der Frau an sich erzählen.

Abesser ist von den Verwerfungen der Geschichte aber nicht aufzuwühlen, sämtlichen Ideologien gegenüber zeigt er sich abhold. Nur, wenn Frauen auftauchen, merkt er auf und sucht Ribka in ihnen: er ist eindeutig aufs Diesseits fixiert. Fritz Rudolf Fries schlüpft in viele literarischen Formen, um dieses Panorama zu entfalten. Es ist ein Roman, der gleichzeitig von Bulgakow und von Cervantes geschrieben sein könnte, von Jean Paul und von E.T.A. Hoffmann. Wir befinden uns mal in der Wüste und mal im jüdischen Milieu von Odessa, wir sehen Jesus Christus beim letzten Abendmahl und Judas als einen, der es nur gut meint. Wir hören einen Hundefänger auf der kanarischen Insel Hierro, wie er in einem altertümelnden Stil seiner Majestät Bericht erstattet, und stürzen uns ins Nachtleben von Panama City wie auch von Tel Aviv. Es ist natürlich wieder Dr. Alexander Retard, der das alles auf einen Nenner bringt, und zwar tut er das, weil der alte Parteifunktionär Abesser nach der Wende bei der Müllabfuhr arbeitete:

Diese ganze Müllentsorgung, die Sache mit dem Recycling: Es ist nicht nur ein Sinnbild für den allgemeinen Zustand einer Gesellschaft, es ist eine Metapher für das, was heute in unserer Kultur geschieht: Wir leben ständig aus dem Müll anderer Jahrhunderte, wir collagieren dies und das, als bauten wir einen Tempel aus Spray- und Bierdosen, wir waschen die Schrift von gestern aus unseren Buchrollen, um sie neu zu bedrucken... Mit welcher Botschaft? Jeder Roman, der heute geschrieben wird, ist ein Palimpsest, und wenn du die Buchstaben neu zusammensetzt, bekommst du, etwas verwaschener und mit den Lumpen der Jahrtausende durchsetzt, die Buchrolle oder den Brief des Menschen in der Hesekielschen Maschine...

Daniel Abesser befindet sich am Ende in einer merkwürdigen Gerichtsverhandlung. Die Atmosphäre ist von einer Mischung aus Ratlosigkeit und Schicksal bestimmt. Eine gewisse Rolle spielen die drei Frauen, die für Arthur Koestler wichtig waren, und dabei tritt hervor, was die marxistische Terminologie den "subjektiven Faktor" nennt. Das Ergebnis kann nicht weiter verwundern: Es wird festgestellt, dass Daniel Abesser wohl kaum für Hesekiels Maschine in Frage kommt. Er könnte ins Paradies, in das er kurz hineingeblickt hat, aber er kann auch wieder zurück ins übliche Leben.

Jubelnd wählt er das, was er seine Freiheit nennt. Denn obwohl im Paradies Miles Davis Flügelhorn spielt und das Modern Jazz Quartett über stilistische Wandlungen diskutiert: Abesser ahnt, was auch die drei Engel zum Schluss verkünden:

Es gibt kein Paradies. Die Erinnerung ist Hölle und Paradies zugleich.

Dies ist ein Roman, der noch einmal einen umfassenden Blick versucht, der literarische Traditionen und zeitgenössische Erkenntnis virtuos verknüpft - etwas, was man kaum mehr gewohnt ist. Die radikale Ernüchterung, die aus diesem Buch spricht, wird mit überbordenden, glänzenden und funkelnden stilistischen Mitteln vorgeführt. Es gibt zwar keinen Trost, aber es gibt die Literatur. Es ist an der Zeit, dass der Literaturbetrieb Fritz Rudolf Fries endlich wieder den Rang zuerkennt, der ihm gebührt.

Fritz Rudolf Fries
Hesekiels Maschine oder Gesang der Engel am Magnetberg
Verlag Das Neue Berlin, 320 S., EUR 19,90

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