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Jagd nach Rekorden am Mount Everest

60 Jahre nach der Erstbesteigung

Von Dirk Müller, Deutschlandfunk

Vor 60 Jahren waren Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay die Ersten, die den Mount Everest erfolgreich bestiegen.
Vor 60 Jahren waren Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay die Ersten, die den Mount Everest erfolgreich bestiegen. (picture alliance / AP Images)

Der Gipfel ist das Ziel. Was auch sonst? Etwa nur der Weg? Für den ambitionierten Bergsteiger zählt der höchste Punkt. Er strebt nach der Stelle am Horizont, hinter der alles abfällt. Nach der Unendlichkeit eines langen gezackten Felsgrates oder einer steilen blank geputzten Eisflanke. Die dann, hoch in den Himmel ragend, irgendwann, nach viel Mühen, Schweiß, nach viel Gefahr und reichlich Abgrund zum Ende kommt, zum Stehen kommt, irgendwann abreißt, schließlich den Zenit markiert.

Das war immer der Antrieb der Abenteurer gewesen, der Aufbruch ins Ungewisse, ins Unbekannte, ins Unermessliche - verbunden mit dem Risiko, nicht mehr zurückzukehren. Das war am Nordpol so, am Südpol so, auf den Ozeanen, in den Wüsten, in der Luft. Erst recht am Mount Everest. Das bisschen komprimierte Erdmasse, die vertikal am weitesten vom Punkt Null entfernt liegt. Das nach zahlreichen Expeditionen, Versuchen, Annäherungen, Strapazen, Rückschlägen und Opfern vor 60 Jahren erstmals betreten wurde. Edmund Hillary und Tenzing Norgay. Ein Neuseeländer und ein Sherpa.

Beide haben damit zugleich deutlich gemacht: Es ist zu schaffen, es ist auszuhalten, es ist zu ertragen. Die Kälte, die Stürme, die Lawinen, die Gletscherspalten. Auch die Höhe, der fehlende Sauerstoff, der einem die Kehle zuschnürt, der nach Luft japsen, ringen und hecheln lässt. Frühjahr 1953. Der "Run" auf den höchsten Berg war eröffnet. Jetzt erst recht, nach dem Gipfel-Erfolg auf die Sagarmatha, die Mutter des Universums, wie die Einheimischen den höchsten Berg der Welt nennen.

Jedes Jahr kommen immer mehr Alpinisten und Berufene an den Fuß des Kumbhu-Gletschers, der die berüchtigte Auftsiegsroute über aneinander gestapelte Eis-Kaskaden und Riesen-Schlünde eröffnet. Alles bestens gesichert, abgesichert, zugänglich gemacht. Mit Tritt-Leitern aus Aluminium, die die Sherpas kostenpflichtig jede Saison neu verlegen. Mit fixierten Seilen, an denen sich die Aspiranten festhalten können, hochziehen können. Mit wetterfesten Zeltlagern über 7000, 8000 Meter Höhe, die mehr Komfort bieten als so manche Unterkunft im tiefsten Tal. Mit Sauerstoffflaschen, die den Everest niedriger machen, als er ist. Mit Bergführern und Trägern, die schleppen, entscheiden, die vorbereiten, Risiken abwägen.

Die versuchen, das Everest-Sorglos-Paket nicht nur zu schnüren, sondern auch in Erfüllung gehen zu lassen. Aber ist es in Europa beispielsweise anders, in den Alpen? Ob das formschöne Matterhorn, der schneeumhüllte Mont Blanc oder die wuchtigen Felsriegel des Großglockners. Der Kunde soll hinaufkommen. So gut und so teuer es geht. Entehrt, entheiligt sind sie irgendwie alle: die renommierten Berge, die faszinierenden Gipfel. Weil Hunderte, Tausende auf ihnen herumtrampeln, ihren Müll liegen lassen, Felshaken, Eisbeile und Steigeisen in ihre harte Haut hineinkatapultieren.

Dabei ist den meisten klar, man kann sie nicht erobern, nicht bezwingen - diese unsterblichen weißen Riesen. Man kann nur hoffen, dass sie einen für gewisse Zeit - dulden! Nicht mit Gewalt abwerfen! Und warum müssen so viele, warum müssen immer mehr Menschen auf das Dach der Welt steigen? Weil sie "da" sind, die Berge, ganz schlicht. "Ein sinnloses Tun", wie Reinhold Messner sagt. Aber ein Tun von derart magnetischer Anziehungskraft, dass es für viele so schwer ist, aus diesem martialischen Kräftefeld wieder herauszukommen. Und was heißt Rekordjagd? Rekorde sind Weiterentwicklung. Kontra Stillstand. Oder wollen wir, dass Usain Bolt die 100 Meter demnächst nur noch in zehn Sekunden läuft?

Die heftige Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung der Everest-Besteigungen, an 80.000 Dollar-Prämien, an zurückgelassenen Müllbergen und grassierender Rücksichtslosigkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Aber sie ist elitär. Sie kommt entweder aus einem erlauchten Kreis der alpinen Elite, die alles auch ohne Hilfe und Unterstützung erreichen kann. Oder von denen, die die raue Höhenwelt vor allem aus dem Katalog kennen. Bergsteigen sollte ein Grundrecht bleiben. Sollte frei bleiben. Für jeden, der es will. Jeder darf erleben, entdecken, den Grenzgang wagen. Auch auf 8000 Meter Höhe und darüber. Mit dem ganzen Risiko, was immer besteht – ganz gleich, wer dabei hilft. Auch in der Todeszone. Der Gipfel ist schließlich das Ziel.



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