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StartseiteKultur heuteJahresrevue mit Namedropping21.09.2013

Jahresrevue mit Namedropping

"1913" von im Theater Oberhausen

Wochenlang war das Buch von Florian Illies über das Jahr 1913 auf den Bestsellerlisten. Es listet kulturelle Ereignisse auf, die nicht das Ende, sondern einen Neuanfang markierten. Nun ist "1913", das ein Sachbuch ist, erstmals im Theater Oberhausen auf der Bühne zu sehen.

Von Michael Laages

Das Theater Oberhausen inszeniert Florian Illies Erfolgsbuch "1913" als Bühnenfassung. (S. Fischer Verlag Frankfurt)
Das Theater Oberhausen inszeniert Florian Illies Erfolgsbuch "1913" als Bühnenfassung. (S. Fischer Verlag Frankfurt)
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Was mehr als Namedropping auf kulturell höchstem Niveau kann denn daraus werden, bitteschön? Wer war wichtig akkurat vor 100 Jahren, am Vorabend der Katastrophe, die kaum jemand heraufziehen sah – das mag sich Florian Illies gefragt haben. Und hier sind sie – die top soundso viel der Kultur-Moderne.

Er ist ja besonders ahnungslos – hat gerade Gattin Katja besucht, in Davos und im Sana-torium, und ist dort auf einen großen Roman-Plot verfallen: die Welt im Sanatorium; auf dem "Zauberberg". Die Welt wird den Roman später als DIE Vorkriegs-Analyse rühmen; Mann selbst hält die Idee jetzt noch für "zu weltabgewandt". Außerdem hat er andere Sorgen.

Die Garderobe also. Und dass ihn im Hotel in Berlin auch jeder erkennt. Er reist übrigens zur Premiere eines eigenen Textes – und muss dort, im Deutschen Theater, auch noch die höhnischen Attacken von Alfred Kerr ertragen, mit dem er mal (vergeblich) um dieselbe Frau konkurrierte.

Überhaupt ist viel von Liebe und Beziehungen die Rede; das Oberhausener Theater erkühnt sich sogar, als Motto über diese Uraufführung "Make love, not war!" zu schreiben. Else Lasker-Schüler liebt kurz, heftig, aber letztlich glücklos Gottfried Benn; Rainer Maria Rilke liebt jede bessere Dame, die Geld hat; Oskar Kokoschka liebt Alma, spätere Werfel, derzeit noch verwitwete Mahler:

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten; oder nur. Der Schweizer Analytiker C.G. Jung jedenfalls streitet mit Sigmund Freud – und trennt sich vom Übervater. Lou Andreas-Salomé liebt ziemlich querbeet, Gertrude Stein weiß noch nicht so recht (nur, dass "eine Rose eine Rose eine" ist und so weiter); Bertolt Brecht wird gerade 15, steht noch stark unter Mamas Augsburger Fuchtel, hat aber erste lyrische Anfälle – wenn auch noch zu Ruhm und Preis des Thronjubiläums von Kaiser Wilhelm Zwo. Derweil erschießt sich in Wien der arme Oberst Redl, der – um Liebhaber auszuhalten- die Aufmarschpläne Österreich-Ungarns an die Russen verriet. Und in einem Park an der Donau treffen gar die Herren Hitler und Stalin aufeinander – und spielen schwuppdiwupp in dieser Inszenierung. Wer gewinnt die Welt? Her-zig.

Ein gewisser Josip Broz ist auch gerade in der Stadt. Aber der wird ja erst nach Weltkrieg 2 so richtig interessant, als Marschall Tito – nächstes Jahr steht erstmal die erste Völkerschlacht an. Ach ja – und die Mona Lisa wird aus dem Louvre geklaut 1913: ein Running Gag in Oberhausen.

Unter der Vielzahl von historischen Daten und privaten Fakten aber bricht der Theaterabend schier zusammen; und das liegt nicht nur an der mäßig einfallsreichen Inszenierung des rumänischen Gastes Vlad Massaci. Die laboriert stark an der Misch-Form aus szenischem und erzählerisch-kommentierendem Ich; aber auch schon das Illies-Material selbst hat ein Konstruktionsproblem, das hinderlich ist für die Bühne – der Autor will erzählen wie ein überzeitlicher Reporter, also immer nah am Ereignis; aber er tut das natürlich mit dem Wissen das Nachgeborenen. Charmant mag die Methode beim Lesen wirken – auf der Bühne ist sie von Schlaumeierei kaum zu unterscheiden. Und einigermaßen beliebig ist sie auch, die Beispiele Stein und Brecht zeigen das deutlich, auch das vom Oberst Redl - obwohl gerade das nun wirklich wichtig war für die Politik des Augenblicks. Redl leitet ja wirklich symbolisch das Ende der Habsburgerei ein.

Kenntnisreich, aber unterschiedslos hat Illies Material angehäuft; Massaci hat es letztlich nur leidlich illustrieren können - in Oberhausen. Andere Bühnen werden folgen und den Bestseller bearbeiten – viel Hoffnung dabei soll sich aber niemand machen. "1913" von Carl Sternheim taugt viel eher als "Stück zur Stunde".

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