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StartseitePodiumJahrestreffen der Weltbank und des IWF12.10.2013

Jahrestreffen der Weltbank und des IWF

Blick hinter die Kulissen in Washington

Die Jahrestagungen von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank finden heute in Washington statt. 11.000 Vertreter aus aller Welt sind zusammengekommen, um über die Weltwirtschaft und den Kampf gegen Armut zu diskutieren.

Von Benjamin Hammer

Im Fokus der Gespräche steht die Weltwirtschaft beim IWF und dem Währungsfonds. (picture alliance / dpa Foto: perschfoto)
Im Fokus der Gespräche steht die Weltwirtschaft beim IWF und dem Währungsfonds. (picture alliance / dpa Foto: perschfoto)

Washington D.C., Pennsylvania Avenue am Freitagabend. Überall Blaulicht und Polizeipatrouillen. Minister und Notenbankchefs aus 188 Ländern sind angereist zu den Jahrestagungen von Internationalem Währungsfonds und Weltbank. Die Gebäude der beiden Institutionen sind imposant. Es sind riesige quadratische Klötze aus Glas. Das hier könnte auch die Zentrale der Deutschen Bank sein oder von Goldman Sachs.

Es ist der Abend der Empfänge. Finanzminister Schäuble und Bundesbankchef Weidmann haben ins Hyatt Hotel geladen. Der Empfang im 13. Stock der Weltbank ist jedoch einer der ungewöhnlichsten. Hier hat sich eine sogenannte Stimmrechtsgruppe versammelt, eine Gruppe von eher kleinen Ländern, die bei der Weltbank gemeinsame Sache machen. Der Chef der Truppe ist ein Schweizer aus dem Tessin.

Doch heute Abend heißt er die meisten Gäste auf Russisch willkommen. Jörg Frieden ist bei der Weltbank Exekutivdirektor der Schweiz. Wenn er die Länder erwähnt, die er in Washington außerdem repräsentiert, dann spricht er charmant von den "unerwarteten Freunden". In seiner Stimmrechtsgruppe befinden sich Serbien und Polen. Und außerdem:

"Aserbaidschan, Kirgistan, Kasachstan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan."

Die Schweizer haben dieser etwas merkwürdig anmutenden Gruppe einen Namen gegeben: Helvetistan. Und das Zentrum von Helvetistan ist an diesem Abend ein Saal in der Weltbank.

Dass diese Gruppe etwas speziell ist, das zeigt sich auch am Bürotrakt. Da hängen orientalisch anmutende Wandteppiche oder Fotos von Steppenlandschaften und Kamelen.

Safarali Najmudinov ist aus einem der ärmsten Länder der Welt angereist. Er ist der Finanzminister von Tadschikistan:

"Nach unserer Unabhängigkeit ist bei uns ein Bürgerkrieg ausgebrochen, sagt der Minister, er dauerte Jahre. Dieser Krieg hat Schäden in Höhe von 7,5 Milliarden US-Dollar verursacht, für uns war das sehr sehr viel. Es ist nicht so einfach. Wir befinden uns in den Bergen, wir haben keinen Zugang zum Meer. Wir hatten lange Zeit eine sehr hohe Inflation und am Anfang eine Armutsrate von 80 Prozent. Die konnten wir aber mittlerweile halbieren."

In Washington will sich der Finanzminister Rat holen, etwa zur Fiskalpolitik. Und natürlich auch das hier: Geld. Allein die Weltbank fördert das Land mit rund 70 Millionen US-Dollar pro Jahr.

Warum ausgerechnet die Schweiz so illustre Partner in Washington hat, darauf kommen wir gleich noch zu sprechen. Der Unterschied zwischen den Mitgliedern der Stimmrechtsgruppe könnte jedenfalls größer nicht sein. Auf der einen Seite die Schweiz, Hort der direkten Demokratie, Advokat für Menschenrechte. Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf: 82.000 US-Dollar. Und dann die Pressefreiheit: Da ist die Schweiz unter den Top 20 der Welt – laut Reporter ohne Grenzen.

Von Bern in Kasachstans Hauptstadt Astana sind es 5500 Kilometer. Und allein in dieses Land würde die Schweiz flächenmäßig 66 Mal hineinpassen. Alle zentralasiatischen Länder der Stimmrechtsgruppe befinden sich im Ranking der Pressefreiheit im letzten Drittel. Und in Usbekistan regiert seit 23 Jahren ein totalitäres Regime.

Aber: Die Armutsraten sind in manchen Ländern enorm hoch. Jörg Frieden sagt: Wir können die Menschen dort doch nicht im Stich lassen. In Tadschikistan beträgt das Bruttonationaleinkommen pro Kopf gerade einmal 860 Dollar – das ist ein Hundertstel der reichen Schweiz.

"Also in der Schweiz werden wir als Vertreter manchmal auch im Parlament kritisiert, weil wir auch Länder vertreten, die sicher nicht unsere Institutionen und unsere Werte anwenden. Unsere Position hier ist, dass unsere Aufgabe ist, die Beziehungen offen zu halten, sodass die äußeren Kräfte Einfluss auf die internen Entwicklungen haben können in eine positive Richtung."

Wenn Minister wie Safarali Najmudinov nach Washington kommen, dann müssen sie sich auch eher unbequemen Fragen stellen. Die Weltbankvertreter pochen dann auch auf politische Reformen, so gut das eben geht.

"Die Gelder der Weltbank sind an Regeln gebunden, sagt der Finanzminister, die müssen wir dann auch einhalten. Wir haben seit unserer Staatsgründung 800 Millionen US-Dollar von der Weltbank bekommen, wir haben hier keinen schlechten Ruf."

Wenn man Jörg Frieden fragt, wie es zu seiner illustren Gruppe kommen konnte, dann lächelt er, er ist ein groß gewachsener, freundlicher Mann mit etwas lichtem grauem Haar.

"Das ist einer der Vorteile der schweizerischen Langsamkeit."

Die Schweiz kam nämlich erst sehr spät zu Weltbank und IWF, Anfang der 90er war das und die Sowjetunion war zusammengebrochen. Ein gemeinsamer Sitz mit Russland? Das kam für die zentralasiatischen Länder nicht infrage. Die Schweiz nutzte das geschickt aus, überzeugte die in der Weltbank mächtigen Amerikaner und befand sich plötzlich auf der Weltbühne. Und da wollte sie auch hin.

"Es ist selten für die Schweiz, dass sie die Möglichkeit hat, mit den Großen direkt mitzuspielen."

Die kleine Schweiz als großer Anführer. In Washington wackelt dieser Status etwas. Beim Internationalen Währungsfonds müssen sich die Schweizer den Vorsitz ab 2016 mit den selbstbewussten Polen teilen. Jörg Frieden und seine Kollegen bei der Weltbank können jedoch entspannt bleiben. Sie behalten ihre Führungsrolle.

Bei der UNO in New York ist die Schweiz ein kleines Land von vielen. Bei den G20 darf sie ab und zu mal Zaungast spielen. Nur bei der Weltbank darf die Schweiz weiter mit den ganz Großen verhandeln. An der Pennsylvania Avenue, in Helvetistan.

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