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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAnti-Terror-Kampf als Geldmaschine 21.09.2015

James Risen: "Krieg um jeden Preis"Anti-Terror-Kampf als Geldmaschine

George W. Bushs so deklarierter Anti-Terror-Krieg im Irak und Afghanistan hat das Gesicht der Vereinigten Staaten grundsätzlich verändert - das hat auch der amerikanische Journalist James Risen frühzeitig beschrieben. Nun hat er ein neues Buch vorgelegt, das den Kampf gegen den Terror als Milliardengeschäft im Zeichen von Gier und Machtmissbrauch interpretiert.

Von Martin Zähringer

Auf dem Flugzeugträger "USS Ronald Reagan" steht ein Kampfjet, daneben sind einige Menschen zu sehen. (picture alliance / dpa / Bruce Omori)
"Der Krieg gegen den Terror sorgte dafür, dass Gier und Machtmissbrauch ebenso leicht in den Vereinigten Staaten aufblühten, wo die anschwellenden Ausgaben der Regierung für den Antiterrorkampf einen Goldrausch in der Sicherheitsindustrie auslösten." (picture alliance / dpa / Bruce Omori)

Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden im Zuge des Antiterror-Krieges von einer offenen Gesellschaft in eine Festung verwandelt, so schreibt der investigative Journalist James Risen in seinem neuen Buch. Dabei sieht Risen nicht mehr nur den militärisch-industriellen Komplex am Werk:
"Der neue industrielle Heimatschutzkomplex ist von anderer Art. Er besteht zum großen Teil aus einem Netz von Geheimdienstbehörden und ihren privatwirtschaftlichen Kooperationsfirmen: Unternehmen, die vor allem geheime Dienste bereitstellen statt große Waffensysteme und Ausrüstung. Diese externen Auftragsnehmer werden angeheuert, um Washington dabei zu helfen, Umfang und Ausmaß terroristischer Bedrohungen zu beurteilen."

Und natürlich verdienen diese kein Geld, wenn ihre Expertise lauten sollte: Keine Gefahr im Anzug für die Vereinigten Staaten von Amerika, Krieg vorbei! Krieg um jeden Preis also vielmehr, denn es geht um gigantische Summen. Risen nennt genaue Zahlen und Beträge, führt im Folgenden auf, was private Dienstleister wofür kassieren und präsentiert die größte Zahl in diesem Zusammenhang. Vier Billionen US-Dollar wurden nach seinen Recherchen in der Folge der Anschläge vom 11. September 2001 ausgegeben.

"Der Krieg gegen den Terror sorgte dafür, dass Gier und Machtmissbrauch ebenso leicht in den Vereinigten Staaten aufblühten, wo die anschwellenden Ausgaben der Regierung für den Antiterrorkampf einen wahren Goldrausch in der Sicherheitsindustrie auslösten... Wie eine Blase an den Finanzmärkten, so blähte sich in Washington bald eine "Antiterrorkampfblase" auf."

Die CIA und ihre externen Kräfte

Und hier findet auch der investigative Journalist seine Goldgrube. In diesem Buch sind es neun größere Geschichten in drei Abschnitten: "Gier", "Macht" und "Krieg ohne Ende". Es sind genau recherchierte und belegte Geschichten, etwa von einfachen Armeeoffizieren, die im Irak Bargeld für Wiederaufbau oder für gezielte Bestechung verwalteten, und die ein paar hunderttausend Dollar in die eigene Taschen steckten. Oder über den Glücksritter Dennis Montgomerey, der Millionen mit Software machte, die sich als wirkungslos erwies. Das milliardenschwere Staatsunternehmen NSA hatte Risen schon in seinem letzten Buch "State of War" im Visier, jetzt berichtet er, wie es gegen ehemalige Mitarbeiter vorgeht, die wiederum gegen die Praktiken der NSA klagen oder an die Öffentlichkeit gehen. Und schon vor dem 11. September 2001 zeigte sich der NSA-Direktor Hayden in einem deutlich undemokratischen Licht.

"In einer Mitteilung vom 14. April 2000 ermahnte Hayden seine Untergebenen zu Loyalität, Beachtung der Vorschriften und Stillschweigen. Er machte klar, dass er den Kongress als Feind und die Weitergabe ungefilterter Informationen an Aufseher des Kongresses als Akt des Verrats betrachtete."

Wie tief die Geschäftsinteressen des Antiterror-Krieges in die amerikanische Gesellschaft reichen, zeigt das professionelle Netzwerk der Psychologen Mitchell und Jessen, das der Regierung Bush die Unbedenklichkeit der sogenannten verschärften Verhörmethoden bestätigte. Dabei ist der Psychologenzunft längst bekannt, dass Folter grundsätzlich keine zuverlässigen Informationen erbringen kann.Das betreffende Kapitel "Krieg gegen den Anstand" ist eine erhellende Ergänzung zum kürzlich erschienen CIA-Folterbericht. Ein weiteres kriegstreibendes Modell ist das auch bei Berufssoldaten beliebte Drehtür-Prinzip (Revolving Doors):

"Heute verlässt sich die CIA in solchem Maß auf externe Kräfte, dass viele Agenten begriffen haben, dass man am besten vorankommt, wenn man kündigt - um dann in der nächsten Woche denselben Job als externer Auftragsnehmer zum doppelten Gehalt zu erledigen."

Und so hält sich der Apparat der Gefahrenabwehr wechselseitig am Leben. Erstmals veröffentlicht wurde in der Originalausgabe dieses Buches 2014 die Geschichte von zwei Milliarden US-Dollar, die im Irak gestohlen wurden und jetzt in Bunkern im Libanon lagern. Die amerikanischen Behörden seien zwar informiert, schreibt Risen, zeigten sich aber an einer Wiederbeschaffung wenig interessiert und behinderten sie sogar. Das ist eine makabre Pointe zur ohnehin haarsträubenden Geschichte vom geheimen Bargeldtransfer in den Irak, mit dem das Buch aufmacht. "Paletten voller Cash" so der Titel, gemeint sind Flugzeugladungen druckfrischer Dollars zur freien Verfügung der Übergangsverwaltung unter Paul Bremer. Diese habe mit Bargeld um sich geworfen, so wollte sie etwa einmal großzügig den Kurdenstaat in Nordirak unterstützen, führt Risen aus:

"Daher wurden im Juni 2004 drei Chinook-Helikopter mit 1,6 Milliarden Dollar beladen, frisch eingetroffen mit einer Frachtmaschine der amerikanischen Luftwaffe. Die drei Hubschrauber flogen vom Flughafen Bagdad nach Erbil in Kurdistan, wo das Geld einer Zweigstelle der irakischen Zentralbank ausgehändigt wurde. Das Bargeld traf ohne Vorwarnung ein. Keiner der Bankmitarbeiter in Erbil wusste, dass es kommen würde."

Und keiner weiß, wo es geblieben ist, so Risen, der es auf den Privatkonten mächtiger kurdischer Politiker vermutet. Der gesamte Cash-Sonderetat im Irak belief sich auf insgesamt 20 Milliarden US-Dollar. Ungeklärt ist der Verbleib von 11,7 Milliarden Dollar.

Risens neuer Lagebericht ist ein Journalistenbuch mit gründlich überarbeiteten Artikeln, mit Register versehen, gut konzipiert, redigiert und übersetzt. Der analytische Fokus auf das Thema Privat-Public-Partnership im Krieg gegen den Terror eröffnet eine weiterreichende Einsicht: Das US-amerikanische Strategiemodell von Überwachungsstaat und Antiterror-Krieg ist ein Segen für die Kriegskassen privater Unternehmer jeder Art. Neu ist dabei die digitale Form des Wirtschaftens. Neu ist auch die Macht der Sicherheitsapparate, eine Sicherheitsarchitektur der Angst, die demokratische Standards unterwandert, weil es vitalere Interessen gibt.

James Risen: "Krieg um jeden Preis. Gier, Machtmissbrauch und das Milliardengeschäft mit dem Kampf gegen den Terror"
Übersetzung von Andreas Simon dos Santos, Westend Verlag, 312 Seiten, € 17,99

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