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StartseiteBüchermarktLetzter Lichtschein eines vernichteten Sterns03.05.2018

James Tiptree Jr.: “Helligkeit fällt vom Himmel”Letzter Lichtschein eines vernichteten Sterns

16 ungewöhnliche Menschen treffen auf dem Planet Damien aufeinander, um einen sterbenden Stern zu beobachten. Verbrechen und Tragödien nehmen ihren Lauf. James Tiptrees Science-Fiction-Roman fragt nach dem Wesen der Schönheit - mindestens genauso spannend ist die Geschichte der Autorin hinter dem männlichen Pseudonym.

Von Miriam Zeh

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Aufnahme des Hubble Teleskops zeigt die neu entdeckten Sterne WR 25 und Tr16-244 im offenen Cluster Trumpler 16 im Carina-Nebel. (imago / UPI Photo)
Spektakuläre Leuchterscheinung: Im Roman wirft der sterbende Planet Vlyracocha ein apokalyptisches Licht auf die Figuren, die im Mittelpunkt der Handlung stehen (imago / UPI Photo)
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Der hübsche kleine Planet Damien liegt unscheinbar und abgelegen am äußersten Rand der Galaxie. Humanoide Fluginsekten von atemberaubender Schönheit, die Dameii, bevölkern diese friedliche Welt. Doch ihre Idylle trügt. Damien ist in James Tiptrees Roman "Helligkeit fällt vom Himmel" Schauplatz gleich zweier Genozide. Die Täter sind dabei stets Menschen. Aus Habgier und Raffsucht hätten sie die Dameii beinahe ausgerottet. Denn die Gefühlsdrüsen am Rücken der feenhaften Wesen produzieren ein Sekret, aus dem sich ein exquisites alkoholisches Getränk destillieren lässt. Durch Folter kann man den Geschmack sogar noch verfeinern. Vor einiger Zeit erst konnte die Föderation, eine Art interstellare UNO, den Planeten von seinen Ausbeutern befreien und dem Völkermord ein Ende setzen. Seitdem sind drei Wächter auf Damien abgestellt, um seine zarten Bewohner zu beschützen.

16 Sternenbeobachter - nicht alle in friedlicher Absicht

Das Zeugnis einer zweiten menschlichen Gräueltat wird im Roman zur Touristenattraktion. Dem Planeten Damien nähert sich eine Novafront. Sie entstand, als ein Kampfschiff der Föderation irrtümlicher Weise den Planeten Vlyracocha und seine gesamte Bevölkerung auf einen Schlag vernichtete. Als spektakuläre Leuchterscheinung werden die Überreste des zerstörten Planeten noch einmal am Himmel über Damien vorbeiziehen, bevor der Stern für immer verschwindet. Aus diesem Anlass findet sich auf Damien eine skurrile kleine Reisegruppe zusammen. Ein hinkender, emeritierter Professor ist darunter, ein altkluger, siebenjähriger Prinz und ein exaltierter Regisseur reist mit vier jugendlichen Pornodarstellern an, um das außergewöhnliche Licht für einige apokalyptische Aufnahmen zu nutzen.

Allerdings kommen nicht alle 16 Sternenbeobachter in friedlicher Absicht. Im letzten Lichtschein des vorbeiziehenden vernichteten Sterns ereignen sich mehrere Verbrechen und Tragödien: Die Dameii mit ihrem wertvollen Gefühlssekret sind erneut in Gefahr. Ein Mädchen sucht nach einem Vater, ein anderes Mädchen erwacht aus seinem Todesschlaf und der letzte Überlebende vom Planeten Vlyracocha nimmt Rache für die Zerstörung seiner Welt.

James Tiptree hat all diese Handlungsstränge in seinem zweiten und letzten Roman "Helligkeit fällt vom Himmel" in ungewöhnlich konventionelle Formen gegossen. Wie bei einem Kriminalroman findet die Handlung innerhalb von 24 Stunden an einem einzigen Schauplatz statt, auf der Veranda des Gästehauses. Hier steigern bewährte dramatische Kunstgriffe die Spannung. Es gibt eine Geiselnahme, Erinnerungen werden gelöscht und wiedererlangt, Zufälle ereignen sich, die nicht zufällig sind, und es kommt zur üblichen Rauferei um die Waffe.

Rettung aus der Pornoindustrie

Nur gelegentlich scheint ein wenig  Tiptree'scher Zynismus durch den Plot. So sind es ausgerechnet die vier Pornodarsteller, die nackt zur Völkerverständigung zwischen Menschen und Dameii beitragen. Und ausgerechnet den Erotikproduzenten, der von einem interstellaren Hollywood-Planeten nach Damien gereist ist, regen dessen schöne Bewohner zur Reflexion über Illusion und Wirklichkeit an.

"Jahrzehntelang hatte er in der Irrealität gelebt – erfundene Charakter, erfundene Ereignisse, alles erfunden, außer Einschaltquoten auf Computern, und unterzeichnete – oder nicht unterzeichnete – Verträge. Jetzt ist er in der Realität angekommen. Diese schönen, höchst verletzlichen geflügelten Wesen sind real und nicht die geschickte Arbeit eines Maskenbildners. Diese grauenhafte Geschichte, die er heute Nachmittag gehört hat, hat sich wirklich ereignet. Sie ist nicht einfach ein Plot, der umgeschrieben werden kann, sie ist real."

Die etwas melodramatische Anklage des Massenmords an den Dameii wird mit subtileren Fragen zum Wesen von Schönheit verwoben. Denn nachdem die Novafront an Damien vorbeigezogen ist, bleibt nicht alles so atemberaubend, wie es schien. Nur die Anmut der jungen Erotikschauspieler zahlt sich aus. In einem groß angelegten Showdown am Ende des Romans erhält jede Figur, was sie verdient.

Autorin kämpfte mit dem Stoff

Diese Gradlinigkeit und Konventionalität in "Helligkeit fällt vom Himmel" sind recht untypisch für Tiptree. Sie mögen zum Teil der Gattung geschuldet sein, denn Tiptree war eigentlich eine Meisterin der kleinen Form. Seit den späten 1960er-Jahren wurden unter dem Pseudonym "James Tiptree Junior" hauptsächlich rasante, spannungsgeladene Kurzgeschichten veröffentlicht. Doch nach erstem Ruhm drängten Verlage und Publikum die Autorin zu zwei Romanen. Vor allem die Konzeption des zweiten "Toten Stern"-Romans, wie seine Verfasserin ihn nannte, bereitet Tiptree einigen Kampf und Kopfzerbrechen. Im März 1981 offenbarte sie ihrem Tagebuch:

"Heute, nach zwei Wochen Kampf, habe ich diesen verdammten Roman für tot erklärt (zum zweiten Mal!), alles zerrissen und verbrannt bis auf ein paar eventuell brauchbare Teile, und zu Grabe getragen. Trauma."

Weitere vier Jahre sollte es dauern, bis "Helligkeit fällt vom Himmel" endlich veröffentlicht wurde. Und erst heute, 33 Jahre später wiederum, liegt die deutsche Übertragung vor. Andrea Stumpf hat den Roman souverän übersetzt.

Eines haben Leser dabei damals wie heute gemeinsam: Sie wissen von Beginn der Lektüre um die wahre Identität von James Tiptree. Lange war es ein Geheimnis geblieben, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. Tiptree zeigte sich in der Science-Fiction-Szene nie persönlich. Auch ihre Brieffreunde, zu denen berühmte Genreschriftsteller wie Philip K. Dick oder Ursula K. Le Guin zählten, kannten nur sein Postfach in Virginia. Doch 1976 wurde Tiptree enttarnt. Hinter dem Pseudonym verbarg sich die damals 61-jährige Alice Bradley Sheldon.

Spannendes Doppelleben

Dass unter James Tiptree eine Frau schrieb, war zwar bereits vorher gemutmaßt worden. Der These wurde jedoch wenig Bedeutung zugemessen. Tiptree galt vielmehr als besonders maskuliner Autor, der seine Leser in Raumfahrttechnologie und interne Regierungsabläufe einweihte. Seine Geschichten waren voller Action, abstrakter Gedanken und Begehren nach Frauen. Als Alice Sheldon alias James Tiptree in den späten 1960er-Jahren anfing, Science Fiction zu schreiben, hatte sie bereits eine Karriere als Malerin, Kunstkritikerin und als Air-Force-Nachrichtenoffizierin hinter sich. Sie hatte für die CIA gearbeitet, eine Hühnerzucht betrieben und in experimenteller Psychologie promoviert. Ihr Leben liest sich selbst wie ein Roman. Deshalb hat der Septime Verlag zur Gesamtausgabe Tiptrees’ Biografie gleich mitgeliefert. Vom "Doppelleben der Alice B. Sheldon" erzählt die Autorin und Journalistin Julie Phillips ebenso sachkundig wie spannend.

So zeichnet Philipps Biographie auch nach, wie sich die Rezeption nach Tiptrees Enttarnung veränderte. Alice Sheldon konfrontierte Männer wie Frauen, sie konfrontierte alle Leser mit ihrer Erwartungshaltung, die zwischen Autor und Autorin unterscheidet. Sheldon widerlegte die hartnäckige Meinung, Frauen schrieben anders als Männer oder Frauen schrieben überhaupt keine hard core Science-Fiction. An der Nachfrage änderte Tiptrees Enttarnung vorerst nichts. Ihre Kurzgeschichten wurden nach wie vor bewundert. Doch die Demaskierung macht Alice Sheldon zu schaffen. Der Deckname hatte ihr erlaubt, verborgene Facetten ihrer Selbst auszuleben, nicht zuletzt ihr Verlangen nach Frauen. In ihr Tagebuch schrieb sie:

"Der abartige Beweis, dass meine Sexualität mit masochistischen Phantasien der Hilflosigkeit verknüpft ist, hat mich abgrundtief deprimiert. Ich bin kein Mann, ich bin nicht der Macher, der Penetrierende. Tiptree hingegen war "magische" Männlichkeit, sein Stift mein Schwanz. Durch ihn besaß ich all die Macht und das Prestige der Maskulinität. Ich war - wenn auch nur ein alternder Intellektueller - einer von denen, die die Welt besitzen. Wie ich es hasse, eine Frau zu sein. Genommen werden zu wollen."

Pseudonym enttarnt

Obwohl Alice Sheldon zeitlebens ihr Pseudonym behielt, wurde Tiptrees Stimme nach der Enttarnung zögerlich. Seine frühen Erzählungen bestehen auf die Richtigkeit ihres Erzählens. Sie sind voll zynischem, intelligentem Humor, Sex und Spannung. In "Mama kommt nach Hause" beispielsweise bricht Aufregung unter den Weltmächten aus. Außerirdische sind auf der Erde gelandet: riesenhafte, weibliche Wesen, die Männer als Sexsklaven halten. In der Erzählung "Houston, Houston, bitte kommen!" sind Männer auf der Erde schließlich vollkommen ausgerottet. Als eine ausschließlich männliche Raumschiffbesatzung durch einen Zeitsprung in dieser Zukunft landet, wähnt sie sich im Paradies. Doch ihre neue Lebenswelt entwickelt sich schnell zum Alptraum.

Tiptree erzählt - oft entlarvend, wie Begegnungen mit dem Fremden das gewohnte Weltbild ins Wanken bringen. Hierarchien werden hinterfragt und alternative Szenarien entworfen. Es wäre zu schade, die Autorin an ihrem blassen Roman "Helligkeit fällt vom Himmel" zu messen. Stattdessen sollten Leser zu Tiptrees früheren Erzählbänden greifen. Der Wiener Septime Verlag hat sie in seiner Gesamtausgabe schließlich alle versammelt. Die geschmeidigen Neuübersetzungen zeigen, dass Tiptree zwar vom Nordamerika der 60er-Jahre erzählt. Ihre Geschichten haben jedoch bis heute nichts von ihrem kraftvollen, sozialkritischen Charme eingebüßt. Sie wirken nach wie vor ebenso verstörend wie faszinierend. Und es macht sogar fast noch mehr Spaß, sich beim Lesen vorzustellen, wie eine elegante, weißhaarige Lady all diese bösen, feministischen und wollüstigen Zukunftsszenarien ausheckt und den Rest der Welt damit an der Nase herumführt.

James Tiptree Jr.: "Helligkeit fällt vom Himmel".
Septime Verlag. Wien 2018, 512 Seiten, 24,90 Euro

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