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Janusköpfe

Die Plancks - der BND - die Heimerziehung

Von Max Plancks Sohn Erwin hat bislang ein klar umrissenes biografisches Profil gefehlt. Er war während der Weimarer Republik Staatssekretär in der Reichskanzlei und spielte eine wichtige Rolle bei der Zerstörung der ersten deutschen Demokratie. Später allerdings schloss er sich der Opposition gegen Hitler an, wurde verhaftet und hingerichtet. Weitere Themen: Die Übernahme alter Kämpfer aus SS und SD in die Dienste der USA nach dem Krieg und die Realität in deutschen Kinderheimen zwischen 1950 und 1970.

Am Kikrophon Hermann Theißen

Der berühmte Wissenschaftler Max Planck war der Vater von Erwin Planck (AP Archiv)
Der berühmte Wissenschaftler Max Planck war der Vater von Erwin Planck (AP Archiv)

Moderator:

Als der Nobelpreisträger für Physik, Max Planck, 1935 eine Gedächtnisfeier für den im Schweizer Exil verstorbenen jüdischen Kollegen Fritz Haber organisierte, ließ er die mit dem Hitler-Gruß eröffnen. Weit folgenreicher waren die Widersprüche, in die sich sein Sohn Erwin Planck begab. Was, so fragt Astrid von Pufendorf, hat den Sohn des berühmten Physikers so geprägt, dass er einerseits zum Wegbereiter des Nationalsozialismus, andererseits zum Widerstandskämpfer gegen Hitler werden konnte?

Der Geschichte der Familie Planck gilt heute unsere erste Rezension. Die Erinnerungen des einstigen CIA-Mitarbeiters James H. Critchfield an seine Zeit als Kontrolleur der "Organisation Gehlen", Peter Wensierskis Reportagen über Kinderheime in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre sowie Bettina Röhls Auseinandersetzung mit ihren Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl sowie mit der von ihnen geleiteten und zeitweise von der SED finanzierten Zeitschrift KONKRET, das sind die weiteren Themen unserer heutigen Revue politischer Literatur. Redakteur am Mikrophon ist Hermann Theißen. Guten Abend.

Musik…

Ein kleiner, bei wjs unter dem Titel "Der lange Abschied vom Bürgertum" erschienener Band dokumentiert Gespräche, die der Schweizer Publizist Frank A. Meyer mit dem Verleger Wolf Jobst Siedler und dem ehemaligen FAZ-Herausgeber Joachim Fest geführt hat. Darin beklagen die Herren - wie so viele Zeitgenossen in den aktuellen Feuilletondebatten - das Verschwinden bürgerlicher Tugenden in den deutschen Nachkriegsrepubliken. Bei ihrer Suche nach der verlorenen Bürgerlichkeit gehen sie auch der Frage nach, ob es am Ende der Weimarer Republik noch ein funktionierendes Bürgertum gegeben habe. Angesichts der einstimmigen Zustimmung seiner parlamentarischen Repräsentanten zum Ermächtigungsgesetz eine überaus bizarre Diskussion. Erhellendes trägt allein Frank A. Meyer zu dieser Debatte bei, wenn er an unterschiedliche Grundierungen des Bürgers erinnert.

"Ich sage, dass das deutsche Bürgertum des Zeitabschnitts von 1875 bis 1918, von außen gesehen, einen ganz bedauerlichen Mangel hatte: Es erbrachte zwar eine ganz gewaltige Leistung in der Wissenschaft, in der Wirtschaft und in der Kultur, aber politisch setzt es sich nicht durch, im Gegenteil, es machte den Kotau vor der miefigen wilhelminischen Militär- und Bürokratenmonarchie. Der Schweizer Freisinn war an der Macht. Das ist der fundamentale Unterschied."

Die Studie, die wir Ihnen jetzt vorstellen wollen, zeigt exemplarisch, welche Folgen dieser fundamentale Unterschied hatte. Sie handelt von dem Physiker Max Planck und den Seinen. Über den Wissenschaftler Max Planck ist viel geschrieben worden. Wenig wussten wir bislang über den privaten Menschen und sein familiäres Umfeld. Darüber gibt nun Astrid von Pufendorfs Geschichte der Plancks Auskunft.

Die Autorin, die bereits mit einer Biografie des letzten preußischen Finanzministers Otto Klepper hervorgetreten ist, durfte als erste den Nachlass von Max Plancks Sohn Erwin auswerten. Darin fand sie nicht nur Hunderte bislang unbekannte Briefe, sondern auch die über Jahrzehnte geführten Tagebücher sowie Korrespondenzen Erwin Plancks mit anderen Zeitgenossen, unter anderem mit seinem Freund und politischen Mentor Kurt von Schleicher, dem letzten Reichskanzler der Weimarer Republik. Unser Rezensent ist Volker Ullrich:

Sprecher:
Vor allem der in diesem Buch ausgewertete umfangreiche Briefwechsel zwischen Vater und Sohn erlaubt Einblicke in das Familienleben eines der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus gewinnt Erwin Planck zum ersten Mal ein klar umrissenes biografisches Profil. In bisherigen Darstellungen tauchte er zumeist nur in Fußnoten auf, was umso verwunderlicher ist, als er in der Endphase der Weimarer Republik als Staatssekretär in der Reichskanzlei eine wichtige Rolle spielte bei der Zerstörung der ersten deutschen Demokratie.

Später allerdings schloss er sich der Opposition gegen Hitler an; nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und hingerichtet. Eingehend schildert die Autorin das bildungsbürgerliche Milieu, in das der 1893 als viertes Kind geborene Erwin aufwuchs. Im Hause der Plancks in der Wangenheimstraße im vornehmen Berliner Stadtteil Grunewald wurde viel musiziert. Der Vater spielte Klavier, Sohn Erwin Cello, seine Zwillingsschwestern Geige. Fleiß, Pflichtbewusstsein, Sparsamkeit, aber auch Toleranz und Rücksichtnahme auf andere – diese viel berufenen "preußischen Tugenden" wurden großgeschrieben. Über allem der Stolz auf das Vaterland, das Deutschland Wilhelms II., dessen äußere Machtentfaltung vor 1914 einherging mit einer erstaunlichen wissenschaftlich-kulturellen Blütezeit.

Der Entschluss Erwin Plancks, nach dem Abitur 1911 die Offizierslaufbahn einzuschlagen, entsprang nicht einer Opposition gegen den Vater, sondern entsprach der Bewunderung für alles Militärische, wie sie gerade im wilhelminischen Bildungsbürgertum grassierte. Kein Wunder, dass die Begeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs auch bei den Plancks hohe Wellen schlug.

"Vergnügt, weil bald am Feind…",

notierte Erwin Planck am 4. August 1914, und sein Vater pflichtete ihm drei Tage später bei:

"Es ist mir eine solche Wohltat zu denken, daß Du in Deinem Element bist und das Gefühl hast, an der richtigen Stelle zu kämpfen."

Bereits im September 1914 wurde der Leutnant Erwin Planck in der Schlacht an der Marne verwundet; er geriet in französische Kriegsgefangenschaft. Hier fand er alle Vorurteile über den "Erbfeind" bestätigt. Er sei froh, "aus dem Affenland heraus" zu sein und sich "wieder unter zivilisierten Menschen" zu bewegen, berichtete er einem Freund, nachdem er im Sommer 1917 ausgetauscht worden und über die Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt war. Dabei war es ihm in der Gefangenschaft, von den ersten Tagen abgesehen, gar nicht schlecht ergangen; er hatte im Gegenteil ziemlich komfortabel gelebt.

Selbst ein gediegenes wissenschaftliches Ethos und beste humanistische Bildung boten, wie dieses Buch am Beispiel der Plancks verdeutlicht, keinen Schutz vor nationalistischer Verblendung. Max Planck unterschrieb im Oktober 1914 den berüchtigten Aufruf deutscher Künstler, Gelehrter und Wissenschaftler "an die Kulturwelt", der die deutschen Kriegsgräuel in Belgien leugnete und die Identität von preußischem Militarismus und deutscher Kultur beschwor. Als der älteste Sohn Karl im Frühjahr 1916 vor Verdun fällt, schreibt Max Planck:

"Ja, er ist als Held von uns gegangen, und als Held wird er in meinen Gedanken ständig weiterleben."

Die militärische Niederlage und die erste Welle der Revolution von 1918 erlebte Erwin Planck im Großen Hauptquartier im belgischen Spa. Sein Tagebuch spiegelt den Schock, den die umwälzenden Ereignisse bei ihm auslösten. So notierte er am 6. November:

"Der Kampf im Westen muß sofort eingestellt werden. Wir brauchen die guten Leute im Innern. Vielleicht läßt sich dann die Pest noch lokalisieren... Das deutsche Volk ist doch nichtswürdig. Jetzt geht den Leuten Klasse über Vaterland. Sie brauchen die Knute, um die Kanaille niederzuhalten..."

Das war, wie die Autorin hervorhebt, keine Einzelstimme, solche Reaktionen waren typisch für das nationalkonservative deutsche Bürgertum. Der Zusammenbruch der scheinbar so fest gefügten Ordnung des Kaiserreichs wirkte hier als Trauma nach; der neuen Demokratie von Weimar begegnete man von Anfang an mit Ablehnung. Als sein wichtigstes "politisches Ziel" bezeichnete Erwin Planck im August 1920, in Deutschland "wieder eine Staatsautorität aufzurichten".

"Die dem deutschen Charakter angemessensten Regierungsgrundsätze hat uns Friedrich Wilhelm I. gewiesen, von dem wir noch immer zehren. Wir müssen unbedingt dahin kommen, daß der Deutsche politisch fest geführt wird, das braucht er und dabei fühlt er sich wohl. Der Parlamentarismus ist für uns der kardinale Irrweg."

Das blieb sein Credo, auch nachdem er 1924 als Verbindungsmann der Reichswehr in die Reichskanzlei gewechselt war. Als Protégé Schleichers, des starken Mannes im Reichswehrministerium, stieg er auf. Im März 1930 machte ihn Heinrich Brüning, der Kanzler des ersten auf den Notverordnungsartikel 48 gestützten Präsidialkabinetts, zu seinem persönlichen Sekretär. Die Briefe Erwin Plancks aus jenen Märztagen sind interessante Dokumente: Sie zeigen, wie hinter den Kulissen die Fäden gezogen wurden, um die von der SPD geführte Große Koalition zu Fall zu bringen und die Macht des Parlaments auszuhöhlen. Otto Braun, der langjährige preußische Ministerpräsident, hat sich in seinen im Exil geschriebenen Erinnerungen "Von Weimar zu Hitler" sehr negativ über Erwin Planck geäußert:

"Ich habe mich immer wieder gewundert, wie die verschiedenen Kanzler diesen Menschen mit der Franz-Moor-Visage so lange in ihrer Umgebung dulden konnten."

Die Autorin findet dieses Urteil übertrieben ungerecht, doch es trifft den Kern. Planck spielte ein Doppelspiel – gegenüber Brüning gab er sich loyal, gleichzeitig unterstützte er Schleicher in seinen Bemühungen, eine Rechtsregierung unter Einschluss der Nationalsozialisten zu installieren. Als Staatssekretär im "Kabinett der Barone" unter Franz von Papen war Planck maßgeblich an der Vorbereitung des Staatsstreichs gegen die preußische Regierung unter Otto Braun vom 20. Juli 1932 beteiligt. Er formulierte die Erlasse, und er besorgte sich beim Staatsrechtler Carl Schmitt Rat für die juristische Scheinlegitimation des Coups.

Astrid von Pufendorf meint, Erwin Planck habe gar nicht begriffen, was er da anrichtete, als er mithalf, das letzte Bollwerk der Demokratie in Deutschland zu schleifen. Doch das ist eine allzu wohlwollende Lesart. Planck und Schleicher wussten sehr wohl, was sie taten. Die vermeintliche Hilflosigkeit, die ihnen die Autorin attestiert, war in Wirklichkeit ein zynisches Machtkalkül: Indem man die Demokratie zerstörte und ein autoritäres Regiment errichtete, hoffte man, Hitler "zähmen" zu können – eine Illusion, wie sich sehr rasch herausstellen sollte. Erst die Ermordung General Schleichers und seiner Frau im Zusammenhang mit dem sogenannten "Röhm-Putsch" am 30. Juni 1934 öffnete Erwin Planck die Augen. Zwar hatte er, anders als manche seiner späteren Mitverschwörer vom 20. Juli, nie Sympathien für die Nationalsozialisten übrig gehabt, doch nun erkannte er die kriminelle Natur des NS-Regimes, und er beschloss, sich der allmählich formierenden konservativen Opposition gegen Hitler anzuschließen.

Allerdings vermied er es dabei, sich allzu sehr zu exponieren. Seine Rolle wird beschrieben als die eines Beraters, Vermittlers und Kontaktmannes, wobei ihm seine Tätigkeit als leitender Angestellter der Firma Otto Wolff in Köln als Tarnung zustatten kam. Max Planck folgte seinem Sohn nicht auf dem Weg in den Widerstand. Er versuchte, Loyalität gegenüber der Regierung mit Anstand im privaten Verhalten zu vereinbaren, was, wie die Autorin bemerkt, zunehmend der Quadratur des Kreises glich. Die Nachricht von der Verhaftung seines Sohnes am 23. Juli 1944 erschütterte den 86-jährigen Wissenschaftler. Am 25. Oktober richtete er ein Gnadengesuch an Hitler:

"Als Dank des deutschen Volkes für meine Lebensarbeit, die ein unvergänglicher geistiger Besitz Deutschlands geworden ist, erbitte ich das Leben meines Sohnes."

Vergebens – am 23. Januar 1945 wurde Erwin Planck in Plötzensee gehenkt. Max Planck lebte noch zweieinhalb Jahre in Göttingen – ein gebrochener Mann.

Astrid von Pufendorf hat die Haltung der Familie Planck in den dramatischen Umbrüchen vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik bis zur Nazi-Diktatur einfühlsam, manchmal allerdings etwas distanzlos beschrieben. Immer wieder lässt sie ausführlich die Quellen selbst sprechen; analytische Einordnung und Interpretation kommen darüber zu kurz. Dennoch ist dieses Buch eine interessante Lektüre, weil es auf exemplarische Weise zeigt, wie eng Glanz und Elend im deutschen Bürgertum vor 1945 beisammen lagen. In der jetzt anhebenden Debatte über eine "neue Bürgerlichkeit" sollte das nicht vergessen werden.

Moderator:
Volker Ullrich über Astrid von Pufendorf: Die Plancks - Eine Familie zwischen Patriotismus und Widerstand. Der Band ist im Berliner Propyläen Verlag erschienen, umfasst 512 Seiten und kostet 24,90 €.

Musik…

"Das erste umfassende Porträt einer krankhaften Behörde, die sich – obwohl uneffektiv bis zur Lächerlichkeit – an jeder parlamentarischen Kontrolle vorbei zur "fünften Gewalt" im Staate gemacht hat."

So pries der Econ Verlag vor nunmehr dreizehn Jahren ein Buch an, in dem der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom den Bundesnachrichtendienst als "Die unheimliche Macht im Staate" beschrieb. Ausgerechnet am 1. April feiert der BND nun seinen fünfzigsten Geburtstag. Der Frankfurter Campus Verlag hat dieses Datum zum Anlass genommen, den offensichtlich unter großem Zeitdruck abgeschlossenen Band "Kampf an neuen Fronten – Wie sich der BND dem Terrorismus stellt" von Eric Gujer auf den Markt zu bringen.

Der Deutschland-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung liefert darin neuere Beispiele für die von Schmidt – Eenboom belächelte Ineffizienz. Er berichtet von "Grabenkämpfen in Pullach", von Trinkern im Dienst, von Aufklärern ohne entsprechende Sach- und Sprachkenntnis oder erinnert an jene Heldentat, als die der BND die Aufdeckung von Plutoniumschmuggel feierte, den er allerdings – wie sich bald herausstellte – selbst inszeniert hatte.

Dass wir auf dieses Buch trotz solch schöner Geschichten nicht weiter eingehen, hängt nur am Rande damit zusammen, dass der Autor oder sein Verlag mal den Irak mit dem Iran verwechseln, mal die libanesische Hisbollah mit der palästinensischen Hamas. Die Nichtbeachtung ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Gujer an einem Problem gescheitert ist, an dem auch die Geheimdienste oft scheitern: Wie dem Autor gelingt es ihnen zumeist nicht, die von ihnen gesammelten Informationsfragmente zu einem Gesamtbild zusammen zu fügen.

Wenn man sich dem eingangs zitierten "Unheimlichen" am BND zuwendet, stößt man unweigerlich auf seine Vorgeschichte und auf personelle Kontinuitäten zwischen dem nationalsozialistischen Terror- und dem bundesdeutschen Sicherheitsapparat. Davon handeln die Erinnerungen des einstigen CIA-Offiziers James H. Critchfield, die jetzt unter dem Titel "Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948 – 1956" in deutscher Übersetzung erschienen sind. Otto Köhler:

Sprecher
"Foreign Affairs" – zu Deutsch Auswärtige Angelegenheiten – gilt als die "Strategiezeitschrift der US-amerikanischen Außenpolitik" schlechthin. Man muss es ernst nehmen, wenn sich dort der deutsche Bundesnachrichtendienst zu Wort meldet. Das geschah im Dezember 2004 mit einer umfassenden Selbstehrenerklärung des ehemaligen BND-Chefs Hans-Georg Wieck:

"In der ganzen Zeit, während der ich Präsident des BND war, also von 1985 bis 1990, wurde in der NATO niemals die Aussagekraft seiner Einschätzungen des Sowjetblocks angezweifelt. Das gilt auch für meine Vorgänger und für meine Nachfolger."

Also auch für den ersten, für Reinhard Gehlen. Und für dessen Generalstabsoffiziere, mit denen Hitlers Spionagegeneral im Osten bei Kriegsende zur US-Army übergelaufen war, um seine Geheimdiensttätigkeit gegen die Sowjetunion nunmehr im Auftrag ihres bisherigen Alliierten fortzusetzen. Und damit kam er zur Sache. Man könne ja, so Wieck, über die Zusammenarbeit der amerikanischen Armee und später der CIA mit der Organisation Gehlen denken, was man wolle. Auch über die – in Klammern schrieb er: etwa hundert - SS-Leute, die Gehlen beschäftigte und die sich – möglicherweise - als Kriegsverbrecher schuldig gemacht hätten.

Entscheidend sei aber damals das verzweifelte Bedürfnis der USA gewesen nach Informationen über die Sowjetunion, ihre Truppen in Europa und die kommunistischen Regime östlich der Elbe. Und dieses Bedürfnis konnten – aber dies musste der frühere BND-Präsident nicht mehr hinzufügen – zuverlässig nur die von Gehlen angestellten SS-Leute stillen, die möglicherweise dort im Osten mal Kriegsverbrechen begangen hatten.

Ausgelöst wurde diese seltsame Wortmeldung in "Foreign Affairs" durch eine Buchrezension von Timothy Naftali. Der Historiker an der Universität Virginia, der für den US-Kongress die bisher geheimen Akten über die Zusammenarbeit der USA mit NS-Kriegsverbrechern herausgibt, besprach das Buch des ehemaligen obersten CIA-Kontrolleurs der Organisation Gehlen James H. Critchfield, das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Naftali nutzte seine Rezension dieses Buches über eine scheinbar vor einem halben Jahrhundert abgeschlossene Episode zur höchst aktuellen Warnung:

"Die Fehler, die Army und CIA damals in Westdeutschland gemacht haben, dürfen sich heute im Irak nicht wiederholen."

Damals in Westdeutschland - damit meinte Naftali die Übernahme zahlreicher NS-Kriegsverbrecher aus dem Reichssicherheitshauptamt, aus SS und SD in die Dienste der USA, vor allem über die Organisation Gehlen. Heute im Irak - damit warnt Naftali vor der Übernahme der Geheimdienstleute Saddam Husseins in den Dienst der US-Besatzungsmacht.

James H. Critchfield war 1948 von der gerade gegründeten CIA zur Kontrolle der Organisation Gehlen nach Pullach abkommandiert worden. Er verließ die Organisation, als sie 1956 als Bundesnachrichtendienst in deutsche Hände überging, und das hieß: in die Zuständigkeit von Adenauers bewährtem Staatssekretär Hans Globke. Gehlen blieb Präsident bis zu seiner offiziellen Pensionierung im Jahr 1971.

Wenig bekannt war – und da sind Critchfields Erinnerungen hochinformativ - wie schon bald aus der Organisation Gehlen heraus die Wiederbewaffnung Westdeutschlands betrieben wurde. Adolf Heusinger, der Chef der Operationsabteilung der Wehrmacht im Führerhauptquartier, war 1948 unter dem Decknamen "Dr. Horn" in Pullach untergetaucht. Dort arbeitete er – was offiziell verboten war und unter strenger Strafe stand - an der "Remilitarisierung". Critchfield fragte ihn ahnungslos, warum er nicht einen weniger schwerfälligen Begriff benutze, "Wiederbewaffnung" etwa? Heusinger antwortete vorwurfsvoll, es seien doch gerade die Amerikaner gewesen, die Deutschland und der deutschen Sprache "den Begriff Demilitarisierung aufgezwungen" hätten.

Die Umkehr dieses Vorganges, sagte Heusinger unmissverständlich, sei "logischerweise die Remilitarisierung". Heusinger plante sie mit seinen ehemaligen Generalstabsoffizieren zunächst im Pullacher Untergrund und erst seit 1950 im geheimen Einvernehmen mit Adenauer, der offiziell noch lange jeden Plan einer deutschen Wiederbewaffnung abstritt. Critchfield spart am Ende seines Buches nicht mit fatalem Lob für den Mann, von dem er weiß, dass er Hitlers Angriffskriege maßgebend mit vorbereitet hat:

"Berücksichtigt man Heusingers lange und ununterbrochene Verwendung im oder in der Nähe des Zentrums des Generalstabs des Heeres, in dem er die meisten deutschen Feldzüge des Zweiten Weltkriegs plante, ist es wirklich bemerkenswert, dass er die innere Stärke, die Weisheit, die Integrität und den Willen besaß, sich an die Spitze einer kleinen Gruppe ehemaliger Offiziere zu stellen, die es erfolgreich wagten, die jüngste Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hinter sich zu lassen, um in der Lage zu sein, für die Zukunft zu planen."

Auch gegenüber Gehlen ist Critchfield in seiner ganzen Zeit als oberster CIA-Kontrolleur vertrauensselig geblieben. Sein Problem waren nicht die hochkriminellen SS- und SD-Leute, die Gehlen beschäftigte, sein Problem war allein der Umstand, dass sie deswegen vom KGB erpresst werden konnten. Wie etwa im Fall Heinz Felfe, Gehlens bester Mann, der - vom KGB erpresst wegen seiner Vergangenheit im Reichssicherheitshauptamt - aus eben demselben Grund von Gehlen mit offenen Armen aufgenommen wurde. Felfe in seinen Memoiren:

"Meine frühere Tätigkeit im Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes war … geradezu die Eintrittskarte in die Organisation Gehlen."

Der KGB lieferte Felfe Spielmaterial für Gehlen: von einem Netz von V-Leuten in Moskau bis hin zu einer Karte der Räumlichkeiten des KGB-Hauptquartiers in Karlshorst, einschließlich der Top-Information, welches Klo von welchem KGB-Offizier benutzt werde. Gehlen missachtete alle Warnungen, die gegen seine bewährten SS- und SD-Leute ausgesprochen wurden, und Critchfield findet dafür allerlei Rechtfertigungen:

"Wenn man einmal von Clemens…,"

einem anderen SD-Mann

"und Felfe absieht, erwiesen sich die übrigen … ehemaligen SD-Beamten als unbedeutend. Sie schienen auf den Namenslisten der auslaufenden‚ Organisation Gehlen’ und des noch jungen Bundesnachrichtendienstes aufgetaucht und wieder verschwunden zu sein, ohne einen erkennbaren Schaden angerichtet zu haben."

Massenmörder wie etwa der Einsatzgruppenchef Alfred Six oder Eichmanns rechte Hand Alois Brunner richteten als Mitarbeiter des BND keinen Schaden an, wenn sie nur charakterfest blieben und sich vom KGB nicht erpressen ließen? "Entscheidend" bleibe, glaubt Critchfield, die "Tatsache, dass Gehlen einen modernen, gut organisierten Nachrichtendienst aufgebaut" habe.

Dies sei ohne jeden Zweifel "sein wichtigstes Vermächtnis an das deutsche Volk". Das Vermächtnis: der Bundesnachrichtendienst, der dann unter der Präsidentschaft Klaus Kinkels, des späteren Außenministers, Saddam Husseins Folterspezialisten ausbildete, die jetzt für die US-Besatzungsmacht arbeiten. Das hat Naftali in seiner Critchfield-Rezension beklagt, und das beklagt jetzt auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". "Saddams Schergen im Dienst der Amerikaner" meldete sie vor einer Woche aus Bagdad.

Moderator:
Soweit die Rezension von Otto Köhler: Der Band "Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948 – 1956" von James H. Critchfield wurde von Peter Krüger ins Deutsche übersetzt und ist erschienen im Hamburger Verlag E.S. Mittler & Sohn. 256 Seiten,
24,90 €.

Musik…

Sprecher:
Im katholischen Kinderheim Kallmünz bei Regensburg besorgten sich die Nonnen beim Metzger Schweineschwänze und hängten sie Bettnässern um den Hals, zusammen mit einem Plakat, auf dem stand: Ich bin das größte Schwein im ganzen Kinderheim. Dann mussten die Kinder von Zimmer zu Zimmer gehen und sich von anderen Zöglingen anspucken lassen. Im Heim der Armen Dienstmägde Jesu Christi im rheinischen Eschweiler holte eine Nonne ein neunjähriges Mädchen nachts aus dem Bett, drückte ihm eine Schaufel in die Hand und sagte: Du gräbst jetzt dein Grab! Das Mädchen musste Gummistiefel anziehen und draußen im Garten ein Loch ausheben. Erst als das Kind vor Angst in die Hose machte, zerrte die Ordensschwester die Kleine zurück ins Haus. Die Scheinhinrichtung nannte die Nonne einen Denkzettel.

Moderator:
Von solchen und vielen anderen folterähnlichen Erziehungsmethoden handelt Peter Wensierskis Reportageband "Schläge im Namen des Herrn – Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik". Unser Rezensent ist Otto Langels.

Sprecher:
Zwei Vorfälle unter vielen, die der Autor Peter Wensierski in seinem Buch "Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik" beschreibt. Zwischen 1950 und 1970 gab es in der Bundesrepublik 3.000 Heime, 80 Prozent davon in kirchlicher Hand. Mehr als eine halbe Million Kinder und Jugendliche wurden dort in dieser Zeit erzogen, gezüchtigt – und häufig brutal geprügelt, sexuell missbraucht, misshandelt. Im Namen der christlichen Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

"Egal aus welchen Städten, München, Stuttgart, Hamburg, Berlin oder Köln, überall hat es wirklich teilweise folterähnliche Szenen gegeben. Das war nicht der Alltag, das war so, dass solche folterähnlichen Szenen sich aber dennoch abgespielt haben überall da, wo latent schon eine gewalttätige Atmosphäre da war."

Die Kinder kamen häufig aus nichtigem Anlass in ein Heim; nicht weil sie kriminell geworden, schwer erziehbar oder Waisen waren, sondern weil der Makel unehelicher Töchter oder Söhne auf ihnen lastete, sie eine Nacht nicht zu Hause verbracht hatten oder wegen unkonventioneller Kleider angeblich "verwahrlost" aussahen und von Nachbarn denunziert wurden. Als "gefallene Mädchen" oder "Störenfriede" landeten sie unversehens in einer Erziehungsanstalt.

"Die Jugendlichen sollten den Normen von Zucht und Ordnung angepasst werden. Das waren die vorherrschenden Erziehungsziele in den Heimen. Man hat nach dem Krieg in Deutschland in der öffentlichen Erziehung überhaupt nicht selbstkritisch reflektiert, was hat man in der Nazizeit gemacht, was hat man in den 30er Jahren gemacht, man hat einfach nahtlos da weiter gemacht."

Die Kinder und Jugendlichen wurden in den Heimen von einem häufig unqualifizierten Personal diszipliniert und bestraft. Pädagogische Fähigkeiten waren nicht gefragt. Ordensschwester und -brüder sahen in ihren Zöglingen häufig gesellschaftlichen Abschaum, wertlose, moralisch verkommene Geschöpfe, denen sie mit unerbittlicher Strenge begegneten. Zuwendung und Fürsorge erfuhren die Heimkinder nur selten.

"Ich habe gestaunt, dass eine Frau, die ins Heim kam, weil sie mit 18 ein Kind bekommen hatte in Dortmund, dass sie zwar in der Kinderstation arbeiten durfte, aber in der Woche durfte sie ihr eigenes Kind nicht auf den Arm nehmen, das haben die Nonnen so gewollt."

Warum handelten Nonnen und Brüder, die Barmherzigkeit, Liebe und Dienen in ihren Ordensnamen führen, so grausam? Peter Wensierski beantwortet diese Frage nur am Rande. Nicht die Ursachenforschung, sondern die Beschreibung der skandalösen Zustände steht im Vordergrund. Er verweist auf die personellen Kontinuitäten zwischen NS- und Nachkriegszeit, auf die schlechte Ausbildung, auf noch geltende Richtlinien aus dem 19. Jahrhundert, wonach Züchtigung zur christlichen Erziehung gehörte.

Den biografischen Hintergrund und das soziale Umfeld des Heimpersonals streift der Autor nur kurz: notgedrungen, weil viele Orden das Gespräch mit ihm verweigerten, vor allem aber, weil er sich zum Anwalt der misshandelten Kinder macht und ihre Geschichten erzählen will. Geschichten, die nicht zu den Wirtschaftswunderjahren der Bundesrepublik passen und bis heute weitgehend verdrängt wurden. Denn die Opfer haben kaum darüber gesprochen, was ihnen in den Heimen widerfahren ist - aus Scham und weil sie traumatisiert sind.

"Es belastet sie, es hat viele Menschen krank gemacht, seelisch und körperlich krank. Und jetzt, mit 45, 50, 55 Jahren, bricht das alles noch mal heraus, sie wollen endlich darüber reden, und sie wollen nicht länger schuld gewesen sein an dem, was sie dort erlebt und erfahren haben. Sie wollen endlich von den Betreibern auch ein Wort der Entschuldigung hören. Sie haben wirklich schwere körperliche und seelische Schäden, Angstzustände, Panikattacken, sie haben vor allem ein großes Misstrauen gegenüber allen Menschen, und das führt oft auch zu Eheproblemen. Viele haben nach dem Heimaufenthalt Selbstmordversuche gemacht, viele sind ja auch schon in der Heimzeit aus den Fenstern der Heime gesprungen. Darüber weiß man auch noch wenig, darüber wird vor allem von den Betreibern geschwiegen, da gibt es keine Bücher angeblich, die das dokumentieren könnten."

Die Misshandlungen und Demütigungen bestreiten die verantwortlichen Schwestern, Brüder und Erzieher bis heute, sofern sie sich überhaupt äußern. Oder sie beteuern, das Beste gewollt zu haben. Wenn ehemalige Zöglinge nach alten Fotos oder anderen Unterlagen aus ihrer Heimzeit suchen, gewähren ihnen die Orden nur selten Zugang zu den Archiven. Die katholische und evangelische Kirche und ihre Verbände Caritas und Diakonie haben es – bis auf wenige Ausnahmen – bisher vermieden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wohl auch, weil sie Entschädigungszahlungen fürchten. Denn viele Heimkinder mussten jahrelang in Wäschereien, Werkstätten oder im Moor arbeiten, unentgeltlich oder für einen Hungerlohn.

"Sobald die Kinder nicht mehr zur Schule gingen, ab 14 bis damals zur Volljährigkeit 21, wurde sehr hart gearbeitet in vielen Heimen. Nicht nur das Übliche, dass man in der Küche des Heimes half, nein, es war richtig 40-stündige und mehr Wochenarbeit, auch für andere Betriebe, für Wäschereien. In Dortmund im Vinzenzheim hat man für die halbe Stadt Dortmund die Wäsche gewaschen. In anderen Heimen hat man Lampen zusammengesetzt für die Industrie. In Köln z.B. im Don Bosco-Heim wurden Kugelschreiber hergestellt, fast wie im Gefängnis. Und für diese Arbeit bekamen die Kinder kein Geld."

Erst Ende der 60er Jahre wuchs die Kritik an der Heimerziehung, ausgelöst durch eine Kampagne der späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Ihre Kritik an den Zuständen in den Heimen führte schließlich zu grundlegenden Reformen in den Erziehungsanstalten.

Die eindrücklichen und beklemmenden Schilderungen in dem gut lesbaren Buch Peter Wensierskis machen auf ein verdrängtes Kapitel bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte aufmerksam. Es waren Zehn-, wenn nicht Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen, deren Rechte in den 50er und 60er Jahren systematisch missachtet wurden. Hauptverantwortlich waren die Kirchen und ihre Orden. Aber es gibt auch, wie der Autor einräumt, Mitschuldige.

"Das sind die Vormundschaftsrichter, das sind die städtischen Jugendämter, aber es sind natürlich auch Eltern und denunzierende Nachbarn, die dafür gesorgt haben, dass die Kinder ins Heim kamen."

Moderator:
Otto Langels über Peter Wensierski: "Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik". Deutsche Verlags-Anstalt München, 207 Seiten, 19,90 €.

Musik…

Das Buch, das wir Ihnen nun am Ende der heutigen Sendung vorstellen wollen, spielt in jener Zeit, in der ehemalige Offiziere Hitlers mit der Sicherung der Freiheit betraut waren, Kinder und Jugendliche – wie eben gehört – häufig zur Anpassung geprügelt wurden. In einer Zeit, in der Eltern und Vermieter befürchten mussten, angezeigt zu werden, wenn ihre Kinder oder Gäste über Nacht von Angehörigen des anderen Geschlechts besucht wurden. Die gesellschaftliche Repression fand in dieser frühen Nachkriegszeit auf der politischen Ebene ihre Entsprechung, vor allem in den etwa 200.000 Ermittlungsverfahren wegen so genannter Staatsgefährdung, die zum Teil schon vor dem KPD Verbot von 1956 eingeleitet wurden.

"Also, ich fand, der tollste politische Strafprozess war gegen die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Das war alleine schon eine Provokation für die Richter: Freundschaft mit den Untermenschen. Das war also schon degoutant für sie."

Der spätere nordrheinwestfälische Justiz- und Finanzminister Dieter Posser verteidigte an der Seite von Gustav Heinemann eine Vielzahl von Bundesbürgern, die man in Verdacht gebracht hatte, mit den Kommunisten zu sympathisieren.

"Zum Beispiel gab es eine Bewegung gegen die Aufrüstung, die war ja auch völkerrechtswidrig, wie man später festgestellt hat, weil wir immer noch im Kriegszustand mit der Sowjetunion waren und ähnliches mehr. Die Masse der Leute da, die gehörten nicht der KPD an, da waren auch sehr viele Liberale, sehr viele Sozialdemokraten darunter. Dann hat man nur die Kommunisten genommen, und dann war also die Kennzeichnung, diese angeblich verfassungswidrige Kennzeichnung gegeben und für die auch bewiesen. Das war eben der deutsche McCarthyismus, allerdings schlimmer, weil er eben 18 Jahre gedauert hat."

In diesem Klima also spielt der Band "So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret", den Bettina Röhl bei der eva herausgebracht hat. Marcus Heumann:

Sprecher:
Wenn ein Autor die Biographie seiner eigenen Familie veröffentlicht, ist Skepsis angebracht. Umso erfreulicher, dass Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl, Distanz wahrt und ihren Protagonisten mit geradezu demonstrativer Sachlichkeit begegnet. Ihr Buch ist jedoch nicht nur Familienbiographie, es ist zugleich die Geschichte der von Klaus Rainer Röhl edierten Zeitschrift Konkret in den 50er und 60er Jahren – und: die Geschichte ihrer Lenkung durch die im August 1956 in Westdeutschland verbotene KPD. Eine Unterwanderung, so Bettina Röhl, deren Ausmaß lange Zeit unterschätzt worden sei.

"Die Strukturen dieser ganzen kommunistischen Unterwanderung, die ich jetzt gar nicht negativ oder positiv bewerten will, sondern ich will sie einfach nur feststellen, die haben natürlich den Boden gebildet, als 68 dann kam. 68 stellt sich immer gerne so dar, als hätten sie die ganze linke Bewegung neu erfunden, aber es gab (…) ein ganzes Netzwerk, das war einfach schon vorhanden, als 68 kam. Und die 68er haben dann gesagt: Ach, diese blöden Kommunisten, diese Holzköppe, das sind jetzt auch Spießer, aber ich würde mal sagen, ohne diese ganze Vorarbeit wäre 68 wahrscheinlich ein kurzes Strohfeuer gewesen. Die eigentlichen Strukturen hat die KPD eigentlich gemacht."

Im restaurativen, antikommunistischen Klima der Ära Adenauer konnte jeder linke Multiplikator abseits des gesellschaftlichen Mainstreams damit rechnen, dass früher oder später die KPD – und sei es in Verkleidung – an seine Tür klopfte. So ergeht es 1951 auch dem Hamburger Studenten Klaus Rainer Röhl, der gemeinsam mit seinem Freund Peter Rühmkorf das Studentenkabarett "Die Pestbeule" leitet. Weil sie prosowjetische Veränderungen am Programm fordern, lässt Röhl die illegalen FDJler diesmal noch abblitzen. Das ändert sich, als 1955 die West-FDJ nach einer personellen Tarnkappe für eine neue überregionale Studentenzeitung sucht: den Studenten-Kurier, Vorläufer der Zeitschrift KONKRET - und ihre Wahl auf Röhl und Rühmkorf fällt. In Ost-Berlin entsteht, entworfen vom Chef der illegalen West-FDJ und späteren DKP-Vorsitzenden Herbert Mies und abgezeichnet von Ost-FDJ-Chef Erich Honecker, eine mehrseitige Vorlage, die personelle Besetzung, Finanzierung und Inhalt der geplanten Zeitschrift genau regelt:

"Dabei sind Vorschläge der DDR und der Sowjetunion in der Deutschlandpolitik die feste politische Grundlage der Zeitung, die von ihr in eigener Argumentation wiedergegeben und popularisiert werden, immer jeweils ausgehend von den progressiven Grundstimmungen und Forderungen der Studenten."

Die Leiter der Abteilung "Jugend und Kultur" der West-KPD, Manfred Kapluck und Richard Kumpf, werden von der Partei dazu bestimmt, Röhl und seine Redaktion auf Linie zu halten. Die seit September 1957 als Konkret firmierende Zeitschrift wird pro Ausgabe mit 40.000 D-Mark über die illegale KPD aus der DDR bezuschusst. Dass Röhl gute Beziehungen nach Ost-Berlin unterhielt, hat er bereits in den 70er Jahren bestätigt. Nicht bekannt war bislang, dass die Partei die Zeitschrift quasi erfand und in diesem Umfang finanzierte. Bettina Röhl dokumentiert das konspirative Geschehen mit Hilfe ausführlicher Interviews mit ihrem Vater und anhand der "Akte Konkret.

"Ich habe 1998 im Bundesarchiv eine ganze Menge Akten eingesehen. (…) Und ich hab dann auch irgendwie intensiv gefragt: Was ist denn mit der Zeitschrift Konkret. Ich wusste nicht, dass es eine Akte gibt. Und dann hab ich diese Akte gefunden. Und in dieser Akte sind ja nicht nur die Treffen beschrieben zwischen Klaus Röhl, Ulrike Meinhof, Kumpf und Kapluck, also den Leuten aus dem Osten von der KPD, die in Ost-Berlin saß, sondern da sind auch unendlich viele Privatbriefe gewesen von meiner Mutter, da sind Briefe von Erika Runge drin gewesen, die plötzlich diese ganze Anti-Atomwaffengeschichte, die ja eine wichtige Rolle in der Bundesrepublik spielte 1958, in diesem kleinen Kosmos Konkret dokumentieren half."

Im Mai 1958 lernt Röhl die junge Studentin Ulrike Meinhof kennen, die an der Universität Münster einen Arbeitsausschuss für ein kernwaffenfreies Deutschland initiiert hat. Binnen eines halben Jahres entwickelt sich eine persönliche wie politische Liaison zwischen den beiden; im Herbst 1958 tritt Meinhof der illegalen KPD bei, der Röhl bereits seit einem Jahr angehört, und beginnt, für Konkret zu schreiben. Gemeinsam setzen sie im Januar 1959 auf dem Anti-Atomwaffenkongress an der Freien Universität Berlin eine Resolution ganz nach dem Geschmack Ost-Berlins durch.

"Was mich ein bisschen erschrocken hat, als ich das recherchiert habe, ist natürlich , wie unterwandert diese Anti-Atomwaffenbewegung war, so dass es in 59 ein Riesensieg war für den Osten, dass das sogar nicht mehr das Thema dieser Resolution dieses Kongresses war, dass man gegen Atomwaffen ist, sondern am Ende hieß es: "Wir müssen wieder miteinander verhandeln." Das war ja eigentlich genau das Programm der DDR. Und an der Stelle, finde ich, ist das auch dann nicht mehr die ganz ehrliche Anti-Atombewegung, die ja ganz richtig und wichtig ist. (…) Und das hat mich ein bisschen erschüttert, auch beim Engagement von Ulrike Meinhof, die ja da gern als der frühe Engel dargestellt wird. Ich bin sicher, dass sie sicher aus ihrem Inneren auch gegen die Atombewaffnung war, aber am Ende war’s ihr auch ungefähr wurscht, salopp gesagt, da behauptet sie einfach: Das da drüben ist nicht so wichtig, Hauptsache der Westen rüstet ab."

Ulrike Meinhofs wachsende Radikalisierung, die sie gut zehn Jahre später zum Terrorismus führen wird, hat, das macht das Buch deutlich, hier ihre Wurzeln. Seit 1961 Chefredakteurin von Konkret, ist es ihr wie Röhl offensichtlich gleichgültig, dass man sich um des lieben Weltfriedens willen aus der Devisenkasse Walter Ulbrichts finanzieren lässt, solange die redaktionelle Freiheit nicht über die Maßen beschnitten wird. Doch als die Instrukteure Kumpf und Kapluck gegen zwei Hardliner aus dem KPD-Apparat ausgewechselt werden, ist es mit der Parteidisziplin der Konkret-Spitze vorbei:

"Die haben dann auch richtig versucht, Kontrolle zu üben und jedes Heft zu kontrollieren, und das wird in der Akte deutlich. Da sieht man, dass nicht nur Röhl genervt ist, sondern auch Jürgen Holtkamp, der stellvertretende Chefredakteur, und auch Ulrike Meinhof. Die sagen: Wir kritisieren die Methoden, sie fühlen sich erpresst, das wollen sie nicht mehr mitmachen. Und da sind Ost und West aufeinander geprallt."

Aus Gründen der Tarnung war der Konkret-Redaktion von Ost-Berlin exakt ein antikommunistischer Beitrag pro Heft zugestanden worden. An solch einem Artikel - einer Reportage Röhls über die sozialistische Tristesse in Hoyerswerda – und an wachsenden Sympathien der Redaktion für die maoistische Variante des Kommunismus entzündet sich schließlich jener Streit, der zum Bruch zwischen Konkret und seinen Finanziers führt. Zu Pfingsten 1964 wird die Konkret-Spitze zum Rapport nach Ost-Berlin bestellt. Doch es ist nichts mehr zu kitten – noch vor Ort teilen die Konkret-Macher ihren erbosten Genossen den Austritt aus der Partei mit, einzig Ulrike Meinhof bleibt der KPD verbunden. Die SED dreht sofort den Geldhahn zu; Konkret muss sich fortan selbst finanzieren.

Bettina Röhl schreibt die Geschichte des Paares Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof bis zu ihrer Trennung 1967, die Geschichte von Konkret sogar bis über den Abgang Röhls als Chefredakteur 1973 fort. Ihr ist ein eindrucksvolles Zeitporträt gelungen. Vernetzungen in der damaligen linken Szene, vor allem aber das Ausmaß und die Strategien der kommunistischen Infiltration in jenen Jahren, sind so eindringlich bislang noch nicht beschrieben worden.

Moderator:
Das war eine Rezension von Marcus Heumann. Bettina Röhls Band "So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte KONKRET ist erschienen bei der Europäischen Verlagsanstalt in Hamburg. 684 Seiten, 29,80 €.

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