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StartseiteJuni 41Jaroslaw Truschnowitsch20.06.2001

Jaroslaw Truschnowitsch

Veteran der Wlassow-Armee

Jaroslaw Truschnowitsch war ein Wlassow-Soldat, benannt nach jenem sowjetischen Generals Wlassow, der 1942 auch die Seite gewechselt hatte, aus Enttäuschung über die aus seiner Sicht dilettantische Kriegsführung Stalins. Denn der habe die Rote Armee in militärisch sinnlosen Unternehmen verheizt. Unter dem Namen des populären Generals versammelten sich mehrere Tausend sowjetische Kriegsgefangene, die auf diese Weise den Hungerlagern der Deutschen entgingen. Sie kämpften fortan in deutschen Uniformen und mit deutschen Waffen gegen Stalins Regime. Einer von ihnen war Jaroslaw Truschnowitsch.

Robert Baag

Bizarr, fast gespenstisch wirken die grobkörnig-verschwommenen Schwarz-Weiß-Bilder des Zelluloidfilms. Eine Gruppe von 30 - 40 Männern unterschiedlichen Alters hat sich aufgestellt, gekleidet in deutsche Wehrmachtsuniformen, malerisch gruppiert vor weißen Birken... Chorgesang setzt ein, aber Melodie und Worte klingen fremd, für deutsche Ohren ungewohnt...

"Du mein Volk, das ich so liebe, Du geliebtes, mir nahes Vaterland - Dein Sohn bin ich - Russe bin ich mit ganzem Herzen..." - Die Kamera holt den kräftig gebauten Mann näher heran, der sich hier so pathetisch-gefühlvoll zu seiner Heimat bekannt hat. Und auf dem linken Uniformärmel lassen sich auf einem wappenschildartigen Emblem deutlich drei große Buchstaben entziffern: R-O-A, die Abkürzung für "Russkaja Oswabaditeljnaja Armija" - zu deutsch: "Russische Befreiungsarmee- ROA", auch bekannt als "Wlassow-Armee".

Propagandisten, Kulturarbeiter aus jenen russischen Einheiten also, die unter Führung des früheren Sowjet-Generals Andrej Wlassow gegen die UdSSR, ihren eigenen Staat, gekämpft haben - auf Seiten Hitlers und der Deutschen? - Kollaborateure, die objektiv den Nazi-Terror unterstützten, der doch unverblümt ihre Landsleute als sogenannte "slawische Untermenschen" vernichten wollte?

So zumindest beschrieb jahrzehntelang die offizielle Sowjetunion die Männer und Frauen der Wlassow-Streitkäfte. Und selbst im heutigen Russland halten viele Angehörige meist der älteren Generation die "Vlasovcy" nach wie vor für Volksverräter.

Das aber sieht einer jener Russen, der damals bewusst auf der anderen Seite der Front stand, immer noch völlig anders:

Wir waren überzeugt, dass wir für Russland kämpfen, nicht wahr? Und nicht für Deutschland. Obwohl..., obwohl vielleicht auch für Deutschland, weil sehr viele Offiziere, die mit uns Kontakt hatten, die waren gegen Hitler.

Der heute 79-jährige Jaroslaw Truschnowitsch war bei Kriegsende 1945 ROA-Offiziersschüler. Er hatte damals Glück. Denn der russische Emigrantensohn, dessen Familie Anfang der 30er Jahre die Ausreise aus der UdSSR nach Jugoslawien gelungen war, konnte in Deutschland bleiben. Er entging der alliierten Zwangsrückführung. Für unzählige Sowjetbürger, die sich kriegsbedingt nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa aufhielten, endete die erzwungene Heimkehr dagegen mit langjähriger Lagerhaft in Sibirien oder gar mit dem Tod. Seit den fünfziger Jahren wohnt Truschnowitsch in Frankfurt am Main.

An den 22. Juni 1941 kann er sich noch genau erinnern. Damals lebte er in dem zuvor von den Deutschen besetzten Belgrad. Beim Friseur war er gerade, als im Radio die Nachricht vom Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion kam. Sofort rannte Truschnowitsch nach Hause...

...und ich hab's meiner Mutter gesagt. Sie hat sich hingesetzt und geweint. Na, wir haben gedacht, dass es also Ende der Sowjetdiktatur ist.

Wir wussten, dass sehr viele russische Soldaten und Offiziere gegen Stalin sind. Am Anfang sind Hunderttausende übergelaufen. Hunderttausende, ja, ja - Hunderttausende.

In der ersten Periode sind sehr viele übergelaufen. Und die Soldaten haben gesagt: Lassen Sie uns unsere Gewehre. Wir werden gegen Stalin kämpfen.

Für Hitler aber kam die Idee eines unabhängigen Russland nie in Frage. Erst als im Herbst 1944 die sowjetischen Truppen schon in Polen standen, war es ausgerechnet der SS-Chef Heinrich Himmler, der doch noch das Kampfpotenzial der militärisch ausgebildeten, russischen Stalin-Gegner nutzen wollte. - In Prag gründete sich unter deutscher Aufsicht das von Wlassow geführte "Komitee zur Befreiung der Völker Russlands", abgekürzt "KONR".

Truschnowitsch und die meisten seiner Kameraden reagierten begeistert. Endlich sollte es Richtung Ostfront losgehen. Schon bald stand die erste ROA-Division - weit über 10 000 Mann - unter Waffen. Mit Aufrufen versuchte die Wlassow-Propaganda, den in Richtung Westen stürmenden Rotarmisten die Ziele der Russischen Befreiungsbewegung buchstäblich in letzter Sekunde noch nahe zu bringen - verstrickte sich dabei aber auch in die Nazi-Terminologie:

Bürger, Freunde, Brüder! Unsere Hauptziele sind Sturz des blutigen Stalin und Erlösung des Volks und der Heimat von der Willkür des Judo-Bolschewismus - Abschluss eines ehrenvollen Friedens mit Deutschland - Schaffung der neuen nationalen Arbeiterordnung in Russland ohne Bolschewisten, Kapitalisten und Gutsbesitzer.

Bürger, Freunde, Brüder! Die heilige Pflicht gegenüber Heimat und Volk ruft Sie in die Reihen der Russischen Befreiungsarmee! Es lebe das vom bolschewistischen Joch befreite Russland! Es lebe der Frieden und die Freundschaft mit dem deutschen Volk!

Gegen den Vorwurf, die Russische Befreiungsbewegung sei - im Gleichklang mit der nationalsozialistischen Ideologie - antisemitisch gewesen, wehren sich die noch lebenden ehemaligen Wlassow-Soldaten bis heute. Auch Jaroslaw Truschnowitsch beteuert unter Verweis auf neuere Historiker-Erkenntnisse:

Davon hab ich nicht gehört. Als die Wlassow-Soldaten, die im sowjetischen KZ waren, befreit wurden - die haben ihre 25 Jahre abgesessen - es waren 139 Juden zwischen diesen Soldaten. Es könnte sein, dass "Judo-Bolschewist"..., dass solche Phrasen vorkamen; aber es ist die Frage, wer hat die gedruckt? Und wer hat die geschrieben? Es ist eine komplizierte Sache, natürlich.

Ihren einzigen Groß-Einsatz gegen die Rote Armee hatten die Wlassow-Soldaten im Frühjahr '45 an der Oder-Front. Über 150 ROA-Angehörige fielen damals noch im Kampf. Dann versank auch die Wlassow-Armee im Strudel der deutschen Niederlage. General Wlassow und seine engsten Mitarbeiter wurden gefangengenommen und 1946 in Moskau hingerichtet.

Jaroslaw Truschnowitsch aber, der ehemalige Wlassow-Soldat, hat sein Leben auch nach dem Krieg weiter mit dem Kampf gegen die Sowjetunion verbunden. In einem Emigranten-Verlag bei Frankfurt arbeiteten er und seine Mitstreiter all die Jahrzehnte stets unermüdlich am Sturz des Sowjetsystems.

In Deutschland fühlt er sich längst zu Hause. - Hat er, haben seine Kameraden während all der langen Zeit es eigentlich je bedauert, sich vor über einem halben Jahrhundert der Russischen Befreiungsbewegung, der Wlassow-Armee, angeschlossen zu haben? - Da lächelt der untersetzte und weit jünger als seine knapp achtzig Jahre wirkende ROA-Veteran Truschnowitsch, schüttelt dann energisch den Kopf:

Nein, nein - im, Gegenteil. Wir haben immer versucht, etwas für Russland zu machen und nicht für Russland allein. Weil man muss unterscheiden: Russland und Sowjetunion - was leider im Westen hohe, hohe Politiker nicht verstanden.

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