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StartseiteBüchermarktErzählungen mit dem typischen Witz12.04.2017

Javier Marías: "Keine Liebe mehr"Erzählungen mit dem typischen Witz

In seinem neuen Band "Keine Liebe mehr" hat Javier Marías 30 ältere Erzählungen zusammengefasst. Fans des Autors kommen auf ihre Kosten: Der Titel der Erzählung "Alles Übel kehrt zurück" ist Marías Leitthema und steht für die tragisch-pathetische Weltsicht mit humoresker Übermalung.

Von Martin Krumbholz

Der spanische Schriftsteller Javier Marías in einem Arbeitszimmer mit Schreibtisch und großer Bücherwand (Imago)
Der spanische Schriftsteller Javier Marías (Imago)
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Javier Marías liebt Gespenster. Manchmal, wie in der Geschichte "Als ich sterblich war", verwandelt er sogar den Ich-Erzähler in ein Gespenst. Gleichwohl kann man nicht einfach behaupten, dass wir es hier mit lauter Gespenstergeschichten zu tun hätten. Durchaus unterschiedlich sind die einzelnen Erzählungen temperiert. Die klassische Kriminalgeschichte kommt ebenso vor wie die Idylle mit doppeltem Boden. Die Gespenster nehmen zuweilen sehr körperliche Dimensionen an.

"Während die Frauen schlafen" heißt eine Erzählung, in der sich zwei Männer im Urlaub auf Menorca begegnen – mitten in der Nacht am Swimmingpool, während ihre Frauen schlafen. Man hat sich vorher schon am Strand gesehen, einer der Männer, ein "unsympathischer Dicker", wie der Ich-Erzähler zunächst bemerkte, hat seine sehr viel jüngere Begleiterin ununterbrochen gefilmt, und die hat nichts getan, als in der Sonne zu dösen und sich filmen zu lassen. Nun also die Begegnung am Pool, der Dicke, er heißt Viana, erweist sich als sehr gesprächig. Er betet seine junge Freundin an, erfährt der Erzähler nolens volens. Viana hat sie schon jahrelang angebetet, als sie noch ein Kind war. Und dann fällt der verstörende Satz: "Eines Tages werde ich sie umbringen müssen." Es wird rasch klar, dass der Satz nicht scherzhaft zu verstehen ist.

Schlüsselerzählung "Alles Übel kehrt zurück"

"Bevor ich mir selbst gestehen müsste, dass ich sie nicht länger anbete, würde ich sie umbringen, ich weiß nicht, ob Sie sehen, worum es geht; bevor ich erlauben würde, dass sie mich eines Tages verlässt, bevor ich es zulassen würde, dass ich sie weiterhin anbete, dass mir aber das Objekt dazu fehlt, würde ich sie ebenfalls umbringen. Alles hat, meiner Meinung nach, eine strenge Logik. Deshalb weiß ich, was ich eines Tages zu tun haben werde, eines fernen Tages, vielleicht, ich kann ihn so lange wie möglich hinauszögern, alles ist eine Frage der Zeit. Aber für alle Fälle filme ich sie täglich, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen." 

Der Versuch, die Zeit und die Vergänglichkeit zu negieren: Vielleicht verbindet das den obsessiven Hobbyfilmer mit dem Schriftsteller. Dies ist die burleske Variante des Themas; ganz anders temperiert ist der Text, der unter der Überschrift steht: "Alles Übel kehrt zurück". Schon die Widmung, die ihm vorangestellt ist, lässt aufhorchen: "Für den Nachtarzt, der nicht fiktiv sein wollte." Der besagte Nachtarzt kommt schon in einer anderen Geschichte vor, hier aber ist er der Protagonist, ein enger Freund des Ich-Erzählers, und tatsächlich wirkt dieser Text so, als wäre er nicht fiktiv. Der Tonfall ist hier ein anderer, weniger verspielt, ernsthafter. Der Nachtarzt ist ein gescheiterter Schriftsteller, er lebt in Paris, der Erzähler in Madrid, man sieht sich nicht sehr häufig, und doch ist die Beziehung eng. Der Nachtarzt ist unglücklich und dem Tode geweiht, er wird sterben, und vorher schreibt er dem Erzähler folgenden Brief:

 "Ich schreibe Dir nicht, weil ich Dir am Ende etwas zu sagen hätte, sondern gerade weil die Zeit vergeht und mir immer weniger zu erzählen übrig lässt. Nichts Positives. Schrecklicher Winter, zahlloses Zurückweichen, voller Wirbel. Ablagerungen und Chaos. Ein Schweigen der Verlage, das entmaterialisiert. Eine Scheidung von Éliane. Und Ekel angesichts jeder Schöpfung. Die vergangene Woche war von einem Überdruss, der alles eindickte. Vorgestern Nacht war es schlimmer: Ein Schrei weckte mich, er kam von mir."

Und im Postskriptum nach der Unterschrift stand: "Ich werde also nur meine aschgraue Materie ein wenig mehr einschwärzen." 

Der Pessimismus und der elegische Ton dieser Erzählung heben sie von der Folge aller anderen Texte ab. "Alles Übel kehrt zurück", könnte man sagen, ist andererseits das Leitthema des Bandes und des Schriftstellers Marías überhaupt. Es ist eine tragisch-pathetische Weltsicht, die durch humoreske Übermalungen lediglich relativiert wird.

Marías' Markenzeichen

Nun ist Javier Marías alles andere als ein lakonischer Erzähler. Mäandernde Sätze, die sich gewissermaßen an ihrem eigenen Rhythmus berauschen und sich konsequent weigern, zum Wesentlichen vorzudringen, sind geradezu das Markenzeichen dieses Autors. Exemplarisch zu beobachten an der längsten Erzählung "Lanzenblut". Der Ich-Erzähler – einen solchen gibt es übrigens in praktisch jeder Geschichte – hat seinen besten Freund Dorta durch einen Mord verloren. Ein Foto dokumentiert, wie Dorta in Gesellschaft einer Prostituierten von einer afrikanischen Lanze, die ihm selbst gehörte, durchbohrt wurde. Den Erzähler irritiert die Tatsache, dass Dorta allerdings homosexuell war, er beginnt Nachforschungen anzustellen und spürt die Prostituierte, die angeblich mit Dorta zusammen getötet wurde, durchaus lebend und "in actu" auf.

"Der Mann hatte sich für seine Nummer einen Cowboyhut aufgesetzt, heiliger Himmel, dachte ich, was für eine Witzfigur. Also lag er oben oder auf ihr (…) Ich wanderte mit meinen Augen zum nächsten Spalt hinunter, um zu sehen, ob ich in dieser Höhe die Frau und ihre Brüste erkennen könnte, aber dort verlor ich jede Sicht und kehrte zum oberen Zwischenraum zurück, in der Erwartung, dass er vielleicht  müde würde und unten ausruhen wollte (…) Dann bemerkte ich Regsamkeit bei dem schwitzenden, zweiköpfigen Tier, in das sie sich vorübergehend verwandelt hatten, sie werden die Position verändern, dachte ich, sie werden die Plätze vertauschen, um die Dauer der Formalität zu verlängern, was wiederum eine weitere Formalität ist, da die Elemente in Wirklichkeit nicht variieren." 

Diese Beobachtungen eines Hobby-Detektivs in der Rolle des Voyeurs haben wenig mit der Aufklärung des Mordfalls zu tun. Den Beischlaf als Formalität zu beschreiben, zeugt jedoch von einem homerischen Witz, der typisch ist für den Spanier und ihm zu seinem weltweiten Erfolg verhelfen mag.

Javier Marías: "Keine Liebe mehr. Akzeptierte und akzeptable Erzählungen."
Aus dem Spanischen von Susanne Lange, Elke Wehr und Renata Zuniga.
S. Fischer, 510 Seiten, 25 Euro.
 

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