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StartseiteBüchermarktIn den Dunkelkammern eines Innenlebens 20.02.2017

Jean-Luc SeigleIn den Dunkelkammern eines Innenlebens

In seinem jüngsten Roman lässt Jean-Luc Seigle einer historischen Figur Gerechtigkeit widerfahren: 1953 wurde die Studentin Pauline Dubuisson in einem aufsehenerregenden Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Seigle entlarvt im Roman den Frauenhass der französischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit.

Von Mareike Ilsemann

Porträt von Brigitte Bardot des US-Künstlers Andy Warhol (undatiert). Sotheby's versteigerte am Dienstag (22.05.2012) in London Kunstobjekte aus der Sammlung von Gunter Sachs. (picture alliance / dpa / Sothebys)
Die Geschichte von Pauline Dubuisson wurde mit Brigitte Bardot verfilmt. (picture alliance / dpa / Sothebys)

Für die französische Öffentlichkeit ist sie eine blutrünstige Mörderin. Nachdem die Sonne untergegangen ist, setzt sie sich im marokkanischen Exil hin, um eine aufrichtige Beichte abzulegen. "Ich schreibe Ihnen im Dunkeln", der Titel des Romans von Jean-Luc Seigle, trifft auch im übertragenen Sinne auf die Ich-Erzählerin zu. Für Pauline geht es darum, die Deutungshoheit über eine zerstörerische Vergangenheit zurückzugewinnen, die ihr den Lebensmut genommen hat. Schreibend nähert sie sich langsam den verborgenen Dunkelkammern ihres Innenlebens an.

"Iss, Pauline, du weißt nicht, wer dich fressen wird." Diesen Satz habe ich zig Mal gehört. Zu verschmähen, was meine Mutter gekocht hatte, war schlimmer als eine Beleidigung, es bedeutete, sie unsichtbar zu machen. Damit sie also nicht verschwand, zwang ich mich angestrengt zu essen und dachte, dadurch könnte ich auch diese Bilder der toten Kinder in den Straßen von Lille verscheuchen, die mich zum Weinen brachten. "

Pauline Dubuisson wird in den Zwischenkriegsjahren als einzige Tochter nach drei älteren Söhnen in eine gutbürgerliche Familie geboren. Die Mutter quält die Familie mit dem eigenen Trauma. Während des Ersten Weltkrieges hat sie erlebt, wie die deutschen Besatzer die nordfranzösische Stadt Lille ausgehungert haben. Jean-Luc Seigle lässt Pauline eine Geschichte erzählen, in der Essen und Nahrung eine zentrale Rolle spielen und für Lebenswillen, Körperlichkeit, Begehren und Sinnlichkeit stehen, andererseits aber auch mit Tod und Trauma verbunden sind:  

"Die Jagd ist der andere wichtige Erinnerungskomplex, der sich wegen der toten Tiere und weil er mit meinem Vater verknüpft ist, oft vor die Erinnerung ans Essen drängt. Der Staatsanwalt versuchte, in seinem Plädoyer die Vorsätzlichkeit zu beweisen, indem er meine Neigung zum Morden mit meiner angeblichen Jagdleidenschaft erklärte: "Wie viel Freude Mademoiselle Dubuisson am Blut hat, sehen Sie daran, dass sie seit frühester Kindheit mit ihrem Vater zur Jagd geht. Welches Mädchen geht schon gern zur Jagd? Keines, sie aber sehr wohl! Und das Schöne an der Jagd ist für sie, ein Gewehr durchzuladen und aus nächster Nähe ein Tier zu töten.""

Das Schöne an der Jagd ist für das Mädchen Pauline, in einem dunklen Wald mit dem Vater, einem ehemaligen Oberst des Ersten Weltkriegs, allein zu sein. Sie ist überzeugt, dass er sie aus jedem dunklen Wald retten wird. Die Liebe zum Vater übersteigt das normale Maß:

Paulines Psychodynamik in einen literarischen Text übersetzt

"Was ich für meinen Vater empfand, ging über Bewunderung hinaus, es grenzte an Heiligenverehrung (…) Ich war überzeugt, je größer mein Opfer wäre, desto mehr würde mich mein Vater lieben. So tat ich alles, was er von mir verlangte."

Der Roman führt tief in die ungesunde Trias zwischen Mutter, Vater und Tochter. Nahrungszubereitung und Jagd, Lebenserhalt und Tod, Eros und Thanatos: Damit die einen zu essen haben, müssen die anderen sterben. Atmosphärisch dicht und nachvollziehbar übersetzt Jean-Paul Seigle Paulines Psychodynamik in einen literarischen Text. Der Vater ist nicht unschuldig daran, dass Pauline während der Besatzung bereitwillig eine Beziehung mit einem deutschen Arzt eingeht und dafür Lebensmittel für die trauernde Mutter erhält, die zwei ihrer Söhne im Krieg verloren hat.

Seigle erspart dem Leser nichts

Pauline begreift nicht, warum ihre private Beziehung zu dem deutschen Arzt die Wut ihrer Landsleute entflammt:

"Als mein Kleid zerrissen war, malten sie Hakenkreuze auf meine Brüste und fingen an, mich kahl zu scheren. Heute kommt es noch manchmal vor, dass ich mir in die Haare fasse, um sicher zu sein, dass sie wieder gewachsen sind, als wäre ich ein Leben lang kahlgeschoren geblieben. Ich erinnere mich noch an die Hiebe der Schere, die mir den Schädel verletzten, und dann das Geräusch der Schermaschine. Meine Haare fielen rings um mich herab, dicke Büschel, die meine Schultern und meinen Schoß bedeckten."

Wegen ihrer Beziehung mit dem Feind werden der sechzehnjährigen Pauline nach der Befreiung in aller Öffentlichkeit Kopf und Geschlecht geschoren. Rund zwanzigtausend Menschen werden Opfer dieser Form der Bestrafung. Die allermeisten von ihnen Frauen, die sexuelle Beziehungen mit dem Feind gehabt haben sollen.

Männer einer erniedrigten Nation nehmen Rache an den Frauen. Im Roman ist es ein SchDieser Roman entlarvt auch den Frauenhass der französischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit,lachthof, in dem Pauline, kahl geschoren, über Stunden von mehreren Männern vergewaltigt wird. Der rettende Vater kommt zu spät. Jean-Luc Seigle erspart dem Leser nichts. Überzeugend gelingt es ihm, dieses seelische und körperliche Trauma aus weiblicher Sicht in Sprache zu fassen. Die historische Pauline hatte im Prozess aus Scham über die erlebten Erniedrigungen geschwiegen.

Die einzige Frau unter den Geschworenen verhindert, dass Pauline Dubuisson zum Tode verurteilt wird. Der Regisseur Henri-Georges Clouzot erzählte ihre Geschichte 1960, ausgerechnet mit Sex-Symbol Brigitte Bardot in der Hauptrolle, als "flaches Drama um weiblichen Narzissmus", wie Jean-Luc Seigle schreibt. Es ist der misogyne Diskurs, die Zuschreibungen der Umgebung, die Pauline am meisten zusetzen.

 der Institutionen wie Presse und Justiz, aber auch die Männer in Paulines Umfeld beherrscht. Ihr Verlobter Felix lässt sie fallen, als er erfährt, dass sie geschoren wurde, und reaktiviert das Trauma. Pauline erschießt ihn im Affekt. Mit seiner fiktiven Beichte lässt Jean-Luc Seigle Pauline Dubuisson tatsächlich Gerechtigkeit widerfahren.

Jean-Luc Seigle: "Ich schreibe Ihnen im Dunkeln", Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler, C.H. Beck Verlag, 207 Seiten, Euro 19,95.

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