Campus & Karriere / Archiv /

 

Jede Woche eine neue Klasse

Zuzug von Roma-Familien wirbelt Berliner Schulsystem durcheinander

Von Claudia van Laak

Jeder fünfte Schüler an der Fallada-Grundschule ist ein Romakind. (AP)
Jeder fünfte Schüler an der Fallada-Grundschule ist ein Romakind. (AP)

Immer mehr Roma aus den EU-Ländern Bulgarien und Rumänien zieht es nach Berlin, vornehmlich in den als sozialen Brennpunkt geltenden Bezirk Neukölln. Der massive Zuzug wirft auch die Schulplanung des Bezirks durcheinander.

"Hallo, grüß dich, …"

Anita Wodacek begrüßt die Zuspätgekommenen. Ein Donnerstagvormittag in der Hans-Fallada-Grundschule in Berlin-Neukölln. Extra Deutschunterricht für Andrea, Manuel, Diana, Sarah und Elisabeta – Romakinder aus Rumänien.

"Woran erkennst Du den Wal…." - dann rumänisch

Anita Wodacek ist gebürtige Rumänin, sie kann den Kindern helfen, wenn sie ihr Deutsch nicht verstehen. Vor ihnen liegt ein buntes Bild mit Urlaubsszenen – sie sollen die Situationen beschreiben.

"Zwei Mädchen bauen im Sand. Was bauen sie? Ein Haus."

Die 11- bis 13-jährigen leben seit etwa zwei Jahren in Berlin, ihre Deutschkenntnisse sind höchst unterschiedlich. Diana ist ehrgeizig, sie will dem Unterricht folgen können, macht fleißig Hausaufgaben.

"Ich bin glücklich hier, weil ich Deutsch gelernt habe und weil ich in dieser Schule lerne. Ich mag Deutschland."

Der 12-jährige Manuel tut sich schwer, kann sich kaum auf Deutsch verständlich machen. Kein Wunder, er ist als Analphabet zu uns gekommen, erklärt Anita Wodacek. In Rumänien dürfte Manuel kaum die Schule besucht haben.

"Möglicherweise sehr wenig, weil er nicht schreiben konnte. Man muss bei manchen ganz von vorn anfangen, und mit dem Rechnen auch."

Die gebürtige Rumänin kennt die prekäre Schulsituation in ihrem Heimatland, weiß, dass die Roma massiv diskriminiert werden. Deshalb will Anita Wodacek die Eltern nicht allein verantwortlich machen für den fehlenden Schulbesuch ihrer Kinder.

"Ich hab von manchen Kindern gehört, dass der Lehrer gar nicht in die Schule gekommen ist. Wenn er dann da war, dann war er im Lehrerzimmer und hat Kaffee getrunken. Die Kinder haben im Klassenzimmer getobt, die haben keinen Unterricht gemacht."

Anita Wodacek und ihre Kolleginnen versuchen nun das nachzuholen, was jahrelang versäumt wurde. Das geht nur bedingt. Die Hans-Fallada-Schule befindet sich mitten in einem sozialen Brennpunkt - 90 Prozent der Kinder sind Migranten, die meisten Familien leben von Hartz IV. Seit etwa zwei Jahren kommen die Roma hinzu – bereits jetzt ist jeder fünfte Schüler an der Fallada-Grundschule ein Romakind, nach den Ferien wird es jedes Vierte sein. Mehr können wir beim besten Willen nicht aufnehmen, um den Unterricht nicht zu gefährden, sagt Schulleiter Carsten Paeprer.

"Ich musste irgendwann mal stoppen und sagen, wir können nicht mehr aufnehmen als wir jetzt schon haben und haben mithilfe des Bezirks versucht, woanders Plätze für die Kinder zu finden."

Die Schule erhält zusätzliche personelle Unterstützung, aber die reicht vorne und hinten nicht aus. Es ist nicht nur das fehlende Deutsch, es sind die kulturellen Unterschiede, die das Schulleben schwierig machen. Schriftliche Mitteilungen – selbst auf Rumänisch oder Bulgarisch – kommen bei vielen Romaeltern nicht an. Jetzt, kurz vor den Sommerferien stehen die Klassenfahrten an. Viele Kinder aus Rumänien und Bulgarien sind nicht krankenversichert. Bei anderen ist unklar, wer die Kosten für die Fahrt übernimmt. Außerdem regt sich Unmut bei den türkischen und arabischen Eltern. Die Schule kümmere sich nur noch um die Roma, nicht mehr um die anderen Kinder, lautet der Vorwurf. Alles Probleme, die künftig noch größer werden dürften, denn der Zuzug von Roma nach Berlin-Neukölln hält unvermindert an. Bildungsstadträtin Franziska Giffey:

"Wir sehen, dass wir im Moment aus Bulgarien und Rumänien jeden Monat eine Klasse haben, die da zuzieht. Nur aus Bulgarien und Rumänien 20 Kinder im Monat. Das bedeutet, das sind Zahlen, die für die Schulplanung natürlich eine Katastrophe sind."

Der Bezirk Neukölln sucht gemeinsam mit dem Senat händeringend Lehrkräfte, die rumänisch und bulgarisch können, um die Integration der Romakinder zu erleichtern. Dabei macht sich SPD-Stadträtin Giffey weniger Sorgen um die kleineren Kinder – sie hätten genug Zeit, um die Defizite auszugleichen. Schwieriger wird es für jugendliche Roma, die ohne Schulabschluss und ohne Deutschkenntnisse in die Hauptstadt ziehen – ihre Chancen auf dem Berliner Arbeitsmarkt gehen gegen null.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Campus & Karriere

Campus liveWenn die Schule jammt

Die Band Strandlichter bei ihrem Konzert im Rahmen der Frankfurter Musikmesse. (Deutschlandfunk / Adalbert Siniawski)

Musik in der Schule: Das sollte mehr sein als Notenlernen und ein bisschen Musikgeschichte. Im Idealfall können Schüler in AGs und Bands Erfahrungen an Instrumenten sammeln. Doch durch die Verdichtung des Unterrichts durch G8 bleiben solche Angebote auf der Strecke. Vielen Schulen fehlt es außerdem an Geld.

Frankfurter MusikmesseInstrumente aus dem Schulranzen

Gemeinsam mit Juliane Ziegler von der Handwerkskammer Halle trommelt Schlagzeugmacher Markus Meyer am 24.10.2013 in seiner Werkstatt in Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt) auf einer Cajon. Als einer von zwei größeren Herstellern in Deutschland fertigt der gebürtige Vogtländer die aus Peru stammende Kistentrommel mit vier Mitarbeitern in seiner Manufaktur. Weit über 1000 Instrumente verlassen die Werkstatt im Jahr unter anderem auch nach Japan und Australien. Den warmen Klang des Cajon schätzen auch immer mehr bekannte Musiker aus den Bereichen Schlager und HipHop. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Langes, stilles Sitzen am Computer und auf der Schulbank. Das schreit nach körperlichem Ausgleich. Die Frankfurter Musikmesse hat diesen Schrei gehört. Rhythmus-Schulungen aller Art stehen im Vordergrund bei didaktischen Neuheiten, die Musikverlage oder Instrumentenbauer gerade für Schulklassen anbieten.

Kunstfreiheit in GefahrHGB Leipzig lässt Staatsschutz gegen Studenten ermitteln

Blick zur Überdachung des Lichthofes im Gebäude der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), aufgenommen am 11.12.2013 in Leipzig (Sachsen). (dpa picture alliance / Peter Endig)

Es sollte ein Kunstprojekt sein, das sich kritisch mit den Themen Kunstfreiheit und dem Terroranschlag von Paris auseinandersetzt. Doch dann ermittelt plötzlich der Staatsschutz gegen Martin Schwarze, Student der Leipziger Kunsthochschule und der Künstler wird zum vermeintlichen Täter.