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StartseiteBüchermarkt"jener ruhelose weg"18.08.2006

"jener ruhelose weg"

Jayne-Ann Igels Gedichtband "Traumwache"

<em>Es ist der raum des traumes, in dem ich unterwegs bin, gehoben auf einen weg in der finsternis des mutterwaldes, freigesprochen vom begehren, den einbildungen des elternhauses, es ist der wald- und wiesenweg, ein weg, dessen irdener rücken zu staub zerrieben ist, der einzige weg, den ich noch zu sehen vermag, jener ruhelose weg, von ortrand nach ruhland führend, verbunden mit meinem geschick, ortlos hier, ziellos dort zu sein, die zeit überbrückend, die zeit - ein unzuverlässiges raummaß ...</em>

Von Dorothea Dieckmann

Wenn man auf älteren Landkarten nach den Orten mit den poetischen Namen "Ortrand" und "Ruhland" sucht, findet man in jener Gegend zwischen Dresden und Finsterwalde ein großes, mit dem Stichwort "Sperrgebiet" markiertes Areal. Kaum ein Begriff bezeichnet so treffend den literarischen Aufenthaltsraum der in Dresden lebenden Dichterin Jayne-Ann Igel, die hier träumend in der "Finsternis des Mutterwaldes" unterwegs ist. In ihren Gedichten und Prosatexten ist sie immer wieder auf der Suche nach jenem Ausgangspunkt, der uns Halt und Orientierung in der Welt verspricht, ohne je ganz in der Wirklichkeit greifbar zu sein: Herkunft, Kindheit, Vergangenheit. Dieser Zeit-Raum ist umso unzugänglicher, als er zugleich die Zurichtungen der Erziehung enthält, die uns lebenslang beeinflussen und behindern. Für Jayne-Ann Igel ist diese Region doppelt verstellt: Sie wurde 1954 als Mann geboren und lebte und schrieb bis zum Mauerfall als Bernd Igel. Seine Jugend zwischen Anpassung und Auflehnung in Schule, Lehre und Armee beschrieb die vor zwei Jahren erschienene Erzählung "Unerlaubte Entfernung." Auch das neue Buch "Traumwache" streift in einer der kurzen Prosaskizzen, die einander wie Monologsequenzen ablösen, jene einengenden Zwangsmechanismen:

Auffallen hieß: zum opfer fallen (...); ich glaube, prüderie in der erziehung und kontrollzwang führen unmittelbar in die haftung der scham, der peinlichkeit, den vollstreckungsraum des lebensentzugs, der lebenslüge hinein. in die furcht vor dem bösen im eigenen körper - man beichtet das im geist gesehene, den traum, der gedanke erscheint als sünde, er wird aus seiner nicht-tatsächlichen sphäre, der sphäre des fiktiven herausgerissen und in diesem prozess erst dinghaft, gegenständlich, gefährlich ...

Genau diesen Prozess der Verdinglichung macht Igels poetische Prosa rückgängig, indem sie die Domänen der Phantasie, Traum und Erfindung, in die Wahrnehmung zurückholt. "Zurückführungen" heißt denn auch der erste Teil der locker ineinandergefügten, zwischen drei Zeilen und drei Seiten langen Texte, und er beginnt mit den Reinigungsarbeiten in der Küche der toten Eltern, bei denen buchstäblich mit dem Meißel unter Kalk- und Schmutzablagerungen nach hellen und erhellenden Schichten gesucht wird. Das Haus der Kindheit ist voll heimlich-unheimlicher Erinnerungen, die bisweilen in visionären Bedrohungen aufscheinen, einem Leichnam, einem namenlosen Eindringling. Der zweite Teil, "Die Ordnung der Dinge", nähert sich den von früh an eingeübten Grenzüberschreitungen zwischen Traum- und Wachwelt; der Träumende wird zum "wechselbalg" oder zum "wechselwarmen tier", der Traum zum "immateriellen wechsel, ausgestellt auf die wirklichkeit", und die darin statthabende Umwandlung konkretisiert sich im Bild eines "umspannwerkes." Im dritten Teil, "Andernorts", durchstreift das erzählende Ich die verschütteten Stationen seiner Biographie auf labyrinthischen Umwegen. Staub, Sand und Salz liegt auch über Städten und Landschaften der ehemaligen DDR, den großen Agrarflächen in der Leipziger Tieflandsbucht oder dem brachliegenden Chemiedreieck, und auch hier draußen durchdringen sich innere und äußere Wirklichkeiten:

... und ich erinnerte mich anderer traumbewegungen, während derer ich mit dem bus in dieser landschaft unterwegs gewesen, hin zu irgendeinem ziel, das außerhalb de gesichtskreises lag, oder gestrandet in einem wartehäuschen an der strecke, auf weiter flur, im halbdunkel drinnen der kaum entzifferbare fahrplan, zerkratzt, übermalt - die gewißheit, dass keiner der überlandbusse hier halten würde, es sei denn, man wäre rasch genug aus dem häuschen, so man ihn kommen hörte, doch selbst dann liefe man gefahr, dass er passierte, ohne halt, weil ein halt an dieser stelle vielleicht gar nicht vorgesehen, was man der gestrichelten linie im plan hätte entnehmen können, oder einem der kryptisch erscheinenden symbole am rande, wenn die legende nicht unleserlich gemacht worden wäre ...

Jayne-Ann Igels Erkundungen im Sperrgebiet der Erinnerungen verschränken, düster und hellsichtig zugleich, Ansichten und Atmosphären einer verlorenen Heimat mit einer Reflexion der poetischen Suche nach dieser Heimat selbst. Am eindrücklichsten wird diese Arbeitsweise in der Phantasie vom "Traumjob" eines nächtlichen Postverteilers illustriert, der ohne Auftrag und Empfänger Sendungen mit Träumen und Reflexionen sortiert. Eben diese Mischung von Traum und Reflexion, Poesie und Diskurs kennzeichnet die vorsichtig tastenden, ausschnitthaften Texte. Dabei stören die quasi-theoretischen Kommentare bisweilen den traumwandlerischen Gang wie ausgetretene Spuren, die das Niemandsland allzu sichtbar markieren. Denn die transparenten Bilder und die präzise, sparsame Sprache führen den Leser auch ohne Geländer sicher durch das unwegsame Terrain einer Vergangenheit, die hinter uns liegt, ohne jemals abgeschlossen zu sein - wie eine dringende, aber unbeantwortbare Frage:

... wo sind sie, all die traumhäuser, wachräume, so sie nicht schon abgerissen sind? was wir durchstreifen sind gedächtnisstätten, und wir sind waisen geworden, rastlos im bemühen, uns an-, zugehörig zu machen.

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