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StartseiteSonntagsspaziergangRucksackreise durch das neue Kolumbien17.01.2016

Jenseits der Konflikte und KartelleRucksackreise durch das neue Kolumbien

Viele Jahre wäre ein Besuch in Kolumbien zu gefährlich gewesen. Der Terror der Drogenkartelle und ein Krieg zwischen linken Guerillas, rechter Paramilitärs und der Regierung haben dem Land einen Ruf beschert, der schwer wieder loszuwerden ist. Dabei hat sich Kolumbien radikal verändert, das Land im Nordwesten Südamerikas ist sehr viel sicherer geworden und gilt besonders bei jüngeren Reisenden als Tipp.

Von Carsten Upadek

Kolumbiens Metropole Medellìn (imago stock & people)
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Kaffee, das ist in Kolumbien mehr als ein Getränk. Kaffee ist Identität. Gerade hier, der Kaffee-Anbauregion Quindío mit seinem milden Hochland-Klima und dem angeblich besten Kaffee der Welt. Dessen Geschichte erzählt diese Folklore-Show. In bunten Kostümen tanzen sich Darsteller durch die Besiedlung Quindíos, pflücken sich durch bunte Kulissen und fechten mit Erntemesser die schönsten Kaffeebäuerinnen aus.

Drumherum ist ein imposanter Themenpark gebaut, der bei Besuchern der Region ganz oben auf dem Programm steht. Um wirklich zu erfahren, wie der Kaffee hergestellt wird, mache ich einen Termin auf einer Kaffee-Finca, die sich ganz in der Nähe des Parkes befindet. Der Besitzer ist zu meiner Überraschung Schweizer - genauer gesagt aus der dem französischsprachigen Lausanne. Dort hat Willy Jeanmonond seine kolumbianische Frau Nubia kennengelernt. Vor zehn Jahren haben sie die Finca Cristales in den Bergen gekauft und sind zu Kaffeebauern geworden - und Liebhabern: "So musst Du Kaffee trinken, ihn um die Zunge spielen lassen und Du wirst mehr Charakteristiken schmecken, mehr Geschmack der Früchte und so weiter. Das ist wie beim Wein. Den trinkst Du ja auch nicht so."

Kaffee als Lebensgefühl

Die Finca von Willy und Nubia ist so groß wie 20 Fußballfelder. An den Hängen stehen Pflanze an Pflanze Kaffeesträucher, mannshoch mit grünen, gelben und roten Früchten. Landarbeiter José nimmt mich mit, um zu ernten. Er ist ein echter "Paisa", so heißen die Bewohner der Region und hat schon als Kind bei der Kaffeeernte geholfen. "So wird gepflückt, du pflückst die Reifen und lässt die Grünen für später. Wir pflücken Reihe für Reihe. Wenn wir die hier fertig haben, gehen wir zur nächsten."

Die roten und gelben Kaffeefrüchte lässt José in eine große, gelbe Plastewanne fallen, die er um die Hüfte geschnallt hat. Wenn die Wanne voll ist, füllt er die Beeren in einen Sack um. Ein guter Pflücker erntet so am Tag 100 Kilo, sagt José. Oben am Haupthaus schüttet Fincabesitzer Willy die Früchte in einen Wassertrog. Die meisten sinken ab, aber einige schwimmen oben. Die werden aussortiert - der wertvolle Kern ist dann nicht in Ordnung. "Manchmal frisst der Kaffeekäfer einen Kern. Dann hat die Frucht nicht das Gewicht, um unterzugehen. Wenn wir all diese Beeren mischen würden, hätte der Kaffee am Ende eine geringere Qualität", sagt Willy.

Und mit Qualität macht Willy sein Geschäft. Er vermeidet chemische Substanzen und veredelt seine Bohnen, um sie besser verkaufen zu können. Das geschieht schrittweise während die Kerne vom Fruchtfleisch gelöst-, gewaschen und getrocknet werden. Am Ende lagern die Bohnen in Säcken und warten auf Abholung. Willy streicht durch eine Auswahl edler Bohnen. Die sind aber nicht dunkel, wir bei mir Zuhause, sondern hell. Sie sind noch nicht geröstet - ein Prozess, der meistens falsch gemacht wird, findet Willy. "Die Kaffeebohne sollte maximal die Farbe von Kakao haben. Kaffee ist kein bitteres Getränk. Du kannst darin verschiedene Aromen schmecken. Aber dafür darfst Du die Bohne nicht verbrennen!"

Lange Fahrt in eine ehemals mörderische Stadt: Medellín

Willy schenkt mir eine Tüte Kaffee und fährt mich bis zum Busbahnhof der Provinzhauptstadt. Von dort will ich weiter nach Medellín: lange Zeit die mörderischste Stadt der Welt, das Zentrum des weltweiten Kokainhandels. Die Metropole liegt sechs Busstunden entfernt. Die meiste Zeit der Fahrt quält sich der Bus durch die Serpentinen der Zentral-Anden. Am Fenster ziehen wildromantische Gebirgsflüsse vorbei, satte Wälder und ärmliche Dörfer. Medellín soll sich in eine schicke Metropole verwandelt haben. 2013 ernannte sie ein Magazin zur innovativsten Stadt des Jahres.

"Welcome everybody! My name is Juliana." Um Medellín kennenzulernen, habe ich mich bei Juliana angemeldet, so wie 17 andere Ausländer auch. Sie trägt ein rotes Shirt, einen Rucksack und einen großen Strohhut unter dem das Mikrofon eines Headsets hervorschaut, das mit einem kleinen Lautsprecher an ihrem Gürtel verbunden ist. Juliana arbeitet als Guide für "Free Walking Tour", ein Konzept, das es inzwischen in vielen größeren Städten gibt, erklärt Juliana uns. "Free Walking Touren basieren nur auf Trinkgeld. So kann jeder, egal welches Budget, was über die Stadt lernen. Und ich als Guide werde alle tun, damit ihr Spaß habt und ich ein tolles Trinkgeld bekomme."

Juliana, 26, spricht so gut Englisch, weil ihre Mutter US-Amerikanerin ist. Sie ist aber Kolumbianerin und hier aufgewachsen. Wir starten die Tour an einer fast vergessenen Zugstation, die Medellíns Anschluss an den Rest des Landes bedeutete und der abgelegenen Stadt in den Bergen der Anden ermöglichte, sich zu entwickeln. Juliana erzählt die Geschichte bis zu der Zeit, als Medellín in den 80er Jahren die gefährlichste Stadt der Welt war. Auch wegen des wohl bekanntesten Kolumbianers, Drogenboss Pablo Escobar: "Wenn Ihr von Pablo gehört habt, dann habt ihr bestimmt auch die Gerüchte gehört. Die Leute sagen, er hat Millionen den Armen gegeben, hat Häuser und Kirchen gebaut. Ja, es ist wahr, er hat etwas Geld weggegeben. Aber viel weniger als die Leute denken. Und er war verantwortlich für den Tod von bis zu 10.000 Menschen. Die kurze Antwort auf die Frage, haben die Drogengelder geholfen, Medellín aufzubauen ist: ‚Hell, no!'"Die Stadtführerin Juliana (Deutschlandradio / Upadek)Die Stadtführerin Juliana (Deutschlandradio / Upadek)

Stattdessen floss das Geld in den blutigen kolumbianischen Konflikt, über den ich später auf der Reise noch einiges erfahren werde. "Lasst Euch also nicht austricksen, wenn Euch Leute sagen, was Medellín den Drogen verdankt. Denn es ist nichts außer Leid und Blut und natürlich die ganzen Stigmata, die Kolumbianer im Rest der Welt haben!"

Der Platz San Antonio bringt Vergangenheit und Gegenwart zusammen

Wir laufen durch das Zentrum, das von Straßenhändlern übernommen ist. Als Ausländer-Gruppe fallen wir auf, ständig werden uns Früchte und Getränke angeboten. Aber nicht penetrant, das finde ich sehr angenehm. Passanten bleiben stehen und grüßen. "Wie die Leute da hinter uns. Hörst Du das? Sie sagen: 'Willkommen in Kolumbien', 'Hallo' - all das. Das ist generell die Reaktion." Wir sind inzwischen auf dem Botero-Platz, auf dem 23 Skulpturen des bekanntesten kolumbianischen Künstlers stehen. Fernando Boteros Stil hat ihn weltweit berühmt gemacht. Alle seine Figuren sind dick - sehr dick. Ein kleiner dicker Mann auf einem kleinen dicken Pferd zum Beispiel oder eine dicke Katze - eine Figur, die man sich eher dünn vorstellen würde. "Er hat mit Volumen herumgespielt. In Wahrheit sind diese Skulpturen nicht fett, sondern disproportioniert. Okay, sie sehen auch für mich fett aus", sagt Juliana.

Von Botero sind auch zwei Skulpturen am letzten Ort der Tour. Für mich der beeindruckendste. Auf dem Platz San Antonio stehen zwei überdimensionale Tauben, ein Original und eine Kopie. Am 10. Juni 1995 explodierte während eines Konzertes unter dem Original eine Bombe und tötete 23 Menschen. An sie wird auf einer Gedenktafel erinnert. "Es gibt einen Namen, der mir immer besonders auffällt. Das ist der Name eines kleinen Mädchens namens Marcela, sieben Jahre alt. Der Grund ist, ich war zur Zeit des Anschlags auch sieben Jahre alt. Und obwohl ich am anderen Ende der Stadt war, hörten wir die Explosion und sahen den Qualm durch die Fenster meines Hauses", erzählt Juliana.

Nach dem Anschlag verhinderte Künstler Botero, dass die halb zerstörte Taube entfernt wurde und schuf ein heiles, identisches Duplikat als Zeichen, dass Kunst stärker ist als der Terror. Beide stehen nun hier nebeneinander. "Für mich ist das das perfekte Symbol für meine Stadt. Das eine ist das Medellín, in dem ich aufgewachsen bin, das zu gefährlich war, um es zu besuchen. Deshalb freuen sich so viele Leute, Euch zu sehen, weil das meint, Schritt für Schritt lassen wir diese Tage aus Schmerz und Angst zurück." Juliana hat nach der Tour umgerechnet etwas über 50 Euro Trinkgeld bekommen. Man werde nicht reich damit, aber sie sei glücklich mit dem, was sie tue, sagt sie zum Abschied am Metroeingang.Der Platz mit den Taubenskulpturen in Medellín (Deutschlandradio / Upadek)Der Platz mit den Taubenskulpturen in Medellín (Deutschlandradio / Upadek)

Seilbahn verbindet Armenviertel mit der Stadt

Die Metro ist der Stolz der Paisas. In einer Zeit gebaut, in der niemand das für möglich gehalten hat, durchzieht sie auf Stelzen das Aburrá-Tal. Ich lerne im Waggon Manuel kennen, der Politik studiert hat und häufig Delegationen durch Medellín führt. "Die Leute sind sehr stolz auf ihre Metro. Sie wissen, dass die Verwaltung sie mit ihren Steuern gebaut hat, ein modernes, öffentliches Verkehrsmittel. Deshalb mögen und achten sie sie", sagt er.

Rechts und links am Horizont klettern Armenviertel die Anden-Steilhänge hinauf. Manuel erzählt mir, dass die sozialen Gegensätze in Medellín groß sind, wie in anderen südamerikanischen Städten auch. Allerdings werde das Problem seit ein paar Jahren mit einem neuen Ansatz bekämpft: statt Polizeieinheiten mit Stadtplanern. Wir steigen an der Metrostation Acevedo aus und stehen vor einer Seilbahn, das Metrocable. Sie führt den Steilhang hinauf über mehrere Armenviertel. "Das Metrocable wurde vor zehn Jahren eingeführt. Das war ganz neu. Medellín war die erste Stadt, die das gemacht hat. Die Idee ist, Menschen in abgelegenen Regionen Zugang zum Zentrum zu geben und damit Inklusion zu schaffen, physisch, real!" Gern würde ich mit Manuel eine Runde fahren. Aber der verabschiedet sich an der Warteschlange: "Mein Teil endet hier. Ich hab ein bisschen Höhenangst. Das System ist sicher, aber fahr doch lieber allein."

Und so schwebe ich in einer Kabine allein hinauf über die Armenviertel mit ihren engen Gassen, steilen Treppen und unverputzten Backsteinbauten hinweg. Nicht ins Bild passen drei schwarz schimmernde Quader, die Spanische Bibliothek, hatte mir Manuel unten schon erzählt. Darin sind Ausstellungsräume, ein Lesesaal und vieles mehr. Sie war die erste einer Reihe von Bibliotheken, Schulen und Parks, die in den ärmsten Vierteln der Stadt gebaut wurden. Inzwischen ist ein Anwohner zugestiegen. Er heißt Julian Gomez. Ich frage ihn, was er von der Seilbahn hält. "Ohne die Seilbahn hat es sehr lange gedauert. Morgens brauche ich jetzt nur zwei, drei Minuten, um nach unten zu kommen, das finde ich gut. Vorher war es eine Stunde mit dem Bus", sagt er.

Und Medellín baut weiter: In der Zeitung steht an diesem Tag, dass in den nächsten zehn Jahren die Stadtautobahn unter die Erde verlegt werden soll. Stattdessen sollen entlang des Flusses im Scheitel des Tales auf 20 Kilometern Parks die Lebensqualität erhöhen. Zum Abschied aus Medellín treffe ich eine Freundin von Manuel zum Salsa. Sie heißt Lina und ist Holländerin mit kubanischen Wurzeln. Hier in Medellín macht sie einen Sprachkurs und sie übt Salsa. "Das ist ganz schön schnell!" - "Ja super-schnell!" Ist ja auch kolumbianischer Salsa, Salsa Caleña. Vor einem großen Spiegel in einem der Säle tanzt ein Paar die sehr ausladenden und schnellen Grundschritte. Dahinter stehen einige Anfänger wie Lina und ich und versuchen Beine und Hüften in eben jener Geschwindigkeit zu bewegen. "Für mich ist das auch nicht leicht. Man braucht sehr viel Kondition für Salsa Caleña. Aber es ist cool."

Eigentlich ist die Hauptstadt des Salsa Cali, aber auch in Medellín gibt es viele Schulen wie hier diese von Daniel Restrepo. Der erzählt mir, dass es etwa zehn Arten von Salsa gibt und der Colombian Style bei Wettbewerben eine eigene Kategorie ist: "Der kolumbianische Salsa hat viele Einflüsse der hiesigen Rhythmen. Die Takte sind die gleichen, aber die Schrittfolgen beim Tanzen beinhalten Bewegungen von Cumbia, von Porro, Rhythmen die komplett kolumbianisch sind." Lina ist inzwischen im Saal beim kubanischen Salsa. Da ist es ist deutlich voller, aber zumindest sind die Figuren nicht so schwer.

"Und wie fühlst Du Dich?"
"Sehr gut! Sehr froh! Nach dieser coolen Klasse."
"Und schon müde?
"Nein, ich könnte die ganze Nacht weitertanzen."

Ich auch, schwindele ich. Aber ich habe ja eine Ausrede: in Kürze fährt mein Bus nach Bogotá.

Bogotá - wo der große Konflikt begann

Da habe ich einen alten Freund, der mich schon erwartet. Der Bus braucht zehn Stunden. Das Unterhaltungsprogramm sind spanische synchronisierte Filme und die Temperatur ist auf Tiefkühltruhe runtergedreht. Vor Kälte zitternd komme ich in Bogotá an. Die Hauptstadt empfängt mich zur Belohnung mit Sonnenschein - ganz entgegen ihrem Ruf von ständigem Regen.

Fotos an Häuserfassaden in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá erinnern an die Opfer des bewaffneten Konflikts (Foto: Olaf Nussbaum)Fotos an Häuserfassaden in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá erinnern an die Opfer des bewaffneten Konflikts (Foto: Olaf Nussbaum)

Bogotá liegt auf einem 2640 Meter hohen Plateau und gilt als eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Lateinamerikas. Im Großraum leben bereits um die neun Millionen Einwohner. Trotzdem sehe ich überrascht sehr viel Grün. Überall gibt es kleine Parks. Ich fahre zum Plaza Bolívar, dem Herz Kolumbiens. Dort wartet mein Freund Juan Pablo.

Ich: "Hi, wie geht's?"
Junapa: "Hallo Carsten. Wie geht's?"
Ich: "Wir könnten ja eigentlich auch Deutsch reden. Lieber Deutsch oder lieber Spanisch?"
Juanpa: "Lieber Spanisch bitte!"

Juan Pablo hat eine Weile in der Schweiz gelebt. Außerdem in Chile und Brasilien und ist vor kurzem zurück nach Bogotá gezogen. Um uns herum gibt es viele Touristen, noch mehr Tauben und wichtig aussehende Gebäude. "Wir haben hier das Bürgermeisteramt von Bogotá, den Justizpalst, die Casa de Nariño, das ist der Wohnsitz des Präsidenten. Es ist das politische Zentrum Kolumbiens, wo auch die erste Demonstration stattfand, die bis zur Unabhängigkeit etwa 1820 führte."

Der entscheidende Mann dafür hat auf dem Platz ein Denkmal: Simón Bolívar. Er besiegte die spanische Kolonialmacht 1819 endgültig wurde erster Präsident der Republik Großkolumbien, das wenige Jahre später in Ecuador, Panama, Venezuela und Kolumbien zerfiel. Juan Pablo und ich gehen weiter. Er will mir einen Platz in der Nähe zeigen, der wichtig sei, um das Kolumbien heute zu verstehen. Inzwischen fängt es an zu regnen. "Das ist das typische Wetter von Bogotá. Es regnet viel. Ich mag das - aber ich glaube, da bin ich die Ausnahme."

Kolumbien hat 50 Jahre Bürgerkrieg hinter sich. Dabei sollen sechs Millionen Menschen ums Leben gekommen sein. Seit 2012 gibt es Friedensgespräche mit der Guerillagruppe Farc. Bis jetzt habe ich mich nicht unsicher gefühlt, aber auf der Fahrt häufiger Soldaten gesehen, die Kreuzungen und Brücken bewachen. Viele sagen, der Konflikt begann hier im Zentrum, wo Juan Pablo und ich jetzt stehen.

"An dieser Stelle wurde Jorge Eliécer Gaitán ermordet. Er war Präsidentschaftskandidat 1948 und wurde aus politischen Gründen getötet. Damit begann ein Krieg zwischen den beiden großen Parteien Kolumbiens, der liberalen und der konservativen Partei - auch mein Großvater ist dabei gestorben, weil er einer Partei angehörte. Er wurde Zuhause mit einem Kopfschuss getötet, als meine Mutter drei Jahre alt war. Meine Großmutter musste acht Kinder allein durchbringen."

Der Konflikt zwischen den Parteien kühlte in den 60er-Jahren zwar etwas ab, aber dafür kamen andere Akteure auf: Linke Guerillagruppen, rechte Paramilitärs und schließlich mächtige Drogenkartelle, die sich und den Staat bekämpften. Die Abendnachrichten seiner Kindheit, sagt Juan Pablo bestanden aus Autobomben, Überfällen und Entführungen. Heute ist er 30 Jahre und freut sich über die Normalität. Auf dem Weg durch das historische Zentrum kommen wir an einer Bibliothek vorbei. An ihrer Außenwand ist großflächig eine farbenfrohe Zeitleiste abgebildet über das Leben von Gabriel García Márquez, 2014 verstorben.

"Gabriel García Márquez ist der wichtigste Schriftsteller Kolumbiens - der Einzige, den wir haben, mit einem Nobelpreis. Er hat unsere Kultur stark beeinflusst. Ich bin mit seinen Geschichten aufgewachsen, mit ihm habe ich gelernt, die Akzente in der spanischen Schrift richtig zu setzen." Dann lerne ich noch, das 'La Pola' Bier heißt und wie dieses System mit Straßen aus Nummern funktioniert. Angeblich ist das ganz einfach, sagt Juan Pablo.

"Eigentlich ist das ein Gitternetz. Die Carreras gehen von Nord nach Süd und die Calles von Ost nach West. Die Carreras-Nummern werden nach Norden immer höher und die Calles werden nach Westen immer höher. So wie wir gerade in der Carrera 7 sind Ecke 29. Straße und wir wollen zur Carrera 7 Ecke 134. Jetzt wissen wir, dass wir einfach nach Norden müssen. Ohne die Stadt zu kennen, kommst Du ohne Probleme an." - "Du vielleicht, ich nicht!" - "Du musst einfach mehr üben!"

Armenviertel zeugen von der sozialen Spaltung

Genauso verwirrend ist für mich die Einteilung in Estratos, was übersetzt eigentlich Schichten heißt, aber die den Wohlstand von Stadtvierteln meint. In ein Ärmeres will mich Sandra mitnehmen. Sie ist Anwältin und eine Freundin von Juan Pablo, mit dem ich mich für später verabrede. "Ein Freund von mir hat ein blockiertes Telefon und ich kenne einen Ort in San Victorino, wo sie das beheben. Der Ort ist etwas ärmer und es gibt zwielichtige Leute da." Je weiter südlich man in Bogotá kommt, je dünner wird der Geldbeutel, die Straßen werden hässlich, die Viertel ärmlich. Sandras Familie kommt aus dem Süden. "Um zu studieren, musste ich mit 16 Jahren anfangen zu arbeiten. Die Leute sind ganz anders, als die, die ich an der Uni kennengelernt habe. Es sind sehr einfache Leute. Meine Mutter ist Schneiderin, mein Vater Busfahrer. Willkommen in San Victorino!" Zahllose Straßenhändler bevölkern jeden freien Fleck und verkaufen alles von Schweinescharte im Maisfladen über Film-Raubkopien bis falschen Diplomen.

"Das hier ist Estrato 1, vielleicht 2. Die Estratos 1 und 2 sind die ärmsten, 3 bis 4 sind Mittelklasse und 5 und 6 sind reich. Hier werden die öffentlichen Leistungen und Steuern nach der Höhe deines Estrato berechnet. Wasser, Strom, alles ist billiger, wenn Du in einem niedrigen Estrato wohnst, dafür bezahlen die hohen Estratos mehr." - "Und was hältst Du davon? Ist das fair?" - "Bei der Lastenverteilung ist das gut. Das Schlechte ist, es generiert Stereotypen. Wenn Du aus dem Estrato 1 bist, bist Du arm, aus 5, 6 reich. Das verstärkt die sozialen Unterschiede noch, teilt die Leute noch mehr."

In einem angrenzenden Gebäude klettern wir eine steile Treppe hinauf. Der Raum ist geteilt in verschiedene kleinste Parzellen, in denen Leute Serviceleistungen anbieten, wie "Handywartung". Während unser Mann sich um die Blockierung kümmert, kommen zwei Jungs in Kapuzen und versuchen, ein nagelneues Handy zu verkaufen. Sandra zwinkert mir zu. Ich schiebe meine Hand in die Hosentasche zu meinem eigenen Telefon. Als wir wieder auf der Straße sind, bin ich ganz froh.

Immer mehr Besucher geben dem Land eine Chance

Abends fahre ich mit Sandra, Juan Pablo und dessen Frau Carla in die entgegengesetzte Welt - nach Norden in den Vorort Chia, wo es einen einmaligen Nachtclub geben soll: 'Andres Carne de Res', eigentlich ein Restaurant, das aber gleichzeitig Zirkus, Galerie und Discothek in einem. Carla gefällt besonders Inneneinrichtung. "Das ist was ganz anderes. Das ist sehr kolumbianisch und diese Art Dekoration war innovativ: mit vielen Lichtern, vielen Farben. Das ist sehr cool!"

Drinnen ist es brechend voll: voll von Menschen, voll von Figuren und Lampen und Schildern und Fähnchen und Discokugeln. Juan Pablo bestellt frittierte Schweinscharte und kolumbianischen Schnaps aus Anis und Zuckerrohr. "Aguardiente ist ein wichtiger Teil, das ist ein typisches kolumbianisches Getränk, das zu dem Spaß dazugehört." Und davon haben wir reichlich. Es ist gleichzeitig mein Abschied aus Kolumbien. Ein Land, das mich begeistert hat. Ein Land, in dem Konflikte und Kartelle weitgehend verschwunden sind. Stattdessen habe ich junge, herzliche Menschen getroffen, die so froh schienen, dieses neue Kolumbien zeigen zu können. Froh darüber, dass immer mehr Besucher dem Land eine Chance geben. Und die hat das Kolumbien auf jeden Fall verdient.

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