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Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteBüchermarktJenseits der Wirklichkeit05.02.2004

Jenseits der Wirklichkeit

Claire Beyer sucht den Rosenhain

Vor drei Jahen erschien Claire Beyers Debütroman <em> Rauken </em> , ein aufrüttelndes Prosastück über eine todtraurige Kindheit im Deutschland der Nachkriegszeit. Behutsam gestaltet, ohne spürbare Kunstanstrengung, mit nur wenigen Erklärungen und Begründungen entfalten sich im Buch sechs Lebensjahre der kleinen Vroni aus dem Allgäu. Zwischen dem despotischen Großvater, dem gewalttätigen Vater und der gleichgültigen Mutter ist sie dem alltäglichen Terror einer zerstörten Familie ausgeliefert. Die Lakonie und die Selbstverständlichkeit, mit der das Unglaubliche festgehalten wird, sind schwer auszuhalten, literarisch aber umso überzeugender.

Claire Beyer

Claire Beyer, "Rosenhain. Sechs Geschichten von fünf Sinnen", Coverausschnitt
Claire Beyer, "Rosenhain. Sechs Geschichten von fünf Sinnen", Coverausschnitt

Rauken war ein erschütterndes Buch über eine verstörte Kindheit. Rosenhain, Claire Beyers zweite Veröffentlichung, unterscheidet sich in fast jeder Hinsicht von ihrem/seinem Vorgänger. Das Buch ist kein Roman, sondern ein Band mit Erzählungen; es geht nicht um Kindheit, sondern um Erwachsene; nicht psychische oder körperliche Gewalt bestimmt die Beziehungen – mit einer Ausnahme, der Titelerzählung - sondern Liebe. Wobei diese Liebe in allen Fällen scheitern muss.

"Sechs Geschichten von fünf Sinnen" – so der Untertitel - enthält Claire Beyers Erzählungsband. Im Mittelpunkt der ersten fünf Geschichten steht jeweils ein Sinn, sie erzählen von der Bedeutung des Schmeckens, Sehens, Riechens, Fühlens und Hörens im Leben oder in einer besonderen Lebenssituation ihrer Protagonisten. Die letzte, sechste Erzählung aber heißt "Der Denker". Hier tauchen Motive und Personen aus den vorhergehenden fünf Geschichten noch einmal auf und verwirbeln miteinander wie in einem phantastischen Traum.

Claire Beyers Rosenhain ist ein bewusst gestalteter Geschichtengarten mit eine kunstvoll-künstlich konstruierten Anlage. In der Titelerzählung erzählt eine Frau mittleren Alters von einem wunderbaren Rosengarten, der zu einem geheimnisvollen Haus gehört und den sie in ihren Urlauben schon oft besucht hat. Immer wieder kehrt sie zurück, fasziniert von den wunderbaren Farben und dem süßen Duft der unzähligen Rosenstöcke. Bis sie eines Tages vom Besitzer des Rosenhains brutal niedergeschlagen und im Keller des Hauses eingesperrt wird. Dort – so seine Forderung – soll sie so lange den Duft der Rosen, die er ihr bringt, studieren, inhalieren, bis sie alle Sorten blind voneinander unterscheiden kann.

Doch die Ich-Erzählerin nimmt diese albtraumartige Situation mit relativer Gelassenheit hin. Von Angst oder Panik ist nicht viel zu spüren. Zwar unternimmt sie einen Fluchtversuch, der misslingt, aber am Schluss löst sich die dramatische Situation in Wohlgefallen auf. Obwohl sie ihre Aufgabe nicht lösen kann, wird die Frau von ihrem Entführer freigelassen.

Claire Beyers Titelgeschichte überzeugt nicht. Denn logisch gibt es für das mysteriöse Geschehen keinerlei Erklärung. Psychologisch aber lässt es den Leser kalt. Denn aus der absurden Situation des Ausgeliefertseins, die an Szenen von Kafka oder Hitchcock erinnert, weiß die Autorin keinerlei spannende oder faszinierenden Funken zu schlagen.

In der ersten Erzählung "Rot" geht es nicht, wie der Titel suggeriert, ums Sehen, sondern ums Schmecken. Bo, eine junge Norwegerin, erbt von ihrem Großvater unverhofft ein kleines Vermögen, das dieser wiederum von einer Deutschen geschenkt bekommen hat. Diese Deutsche, Marion, erzählt Bo daraufhin in einem langen Brief von ihrer viele Jahre zurückliegenden Begegnung mit Sverrre, dem Großvater. Einen Sommerurlaub lang, den Marion mit ihrem Mann in Norwegen verbrachte, war die verwöhnte Hamburgerin in den knorrrigen Alten verliebt.

Aus dieser Konstellation hätte eine kurze, zarte Liebesgeschichte werden können, die am Altersunterschied und den völlig verschiedenen Lebensumständen der beiden Protagonisten scheitern muß. Doch Claire Beyer bindet Marion in ein Netz von komplizierten Beziehungen ein, in eine zerrüttete Ehe, eine Affäre mit dem Besitzer eines Luxusrestaurants und schließlich in den Betrug an Sverre, dem alten Norweger. Schuld und Sühne, Gewürz und Geschmack, Liebe und Geschäft, Norwegen und Deutschland – zu viele verschiedene Motive lenken von der Haupthandlung ab und stehen einer stringenten Entwicklung im Wege.

In Claire Beyers Erzählungen gibt es kein normales Alltagsleben. Wie unter einer Glasglocke bewegen sich ihre Protagonisten fast außerhalb von Raum und Zeit. Ob im Urlaub in Norwegen, auf Reisen in Italien oder Frankreich, im Keller des Rosenhain-Besitzers oder in einer psychiatrischen Klinik – die sechs Geschichten über das Schmecken, Riechen, Sehen, Hören, Fühlen und Denken sind in keinem verbindlichen sozialen Umfeld angesiedelt. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Autorin die Wirklichkeit ausblendet zugunsten eines literarischen Programms und dabei das Wesentliche aus dem Blick verliert: die Bedürfnisse und Beweggründe ihrer Figuren, die auf der Suche sind nach Liebe und Geborgenheit, ihre Sehnsüchte, Konflikte und unausgesprochenen Geheimnisse. Die Beziehungen dieser Paare kranken an Fremdheit und Eifersucht, und fast alle scheitern sie an dem Selbstbewusstsein und der Überlegenheit der Frauen und der Ich-Schwäche und Abhängigkeit der Männer. "Suche endlich deine Mitte, du bist ein Mann ohne Zentrum" sagt Marion in der letzten Erzählung zu dem Denker, der sich als der Rosenhain-Besitzer entpuppt. Deutlicher geht es nicht. Und weiter: "Du weißt nicht, ob die Wärme oder die Kälte dein Element ist. Du hast weder eine Leidenschaft noch eine Eigenschaft." Mit anderen Worten: Sie sind Langweiler.

Findet Claire Beyer manchmal auch sehr eindrucksvolle Bilder für sinnliche Erfahrungen, für den Zauber einer Musik oder einer Landschaft, für ein intensives Glücks- oder Angstgefühl, so neigt sie auch dazu, diese mit Bedeutungen zu überfrachten oder zu stilisieren. Wie sie überhaupt das allzu Bedeutende liebt. Zum Beispiel in der Erzählung "Kapitelle", in der eine junge Restauratorin und ihr Mann auf einer Frankreichreise die Kapitelle in einer Kirche betrachten. Das Kapitell als Zwischenstück zwischen Säule und Decke - alias Mann und Frau – das Kapitell als das zugleich Trennende und Verbindende - hier wird es überdeutlich zum Symbol für das Gemeinsame, das eine gute Beziehung ausmacht, den Paaren in "Rosenhain" aber fehlt.

Vieles in diesen Geschichten wird dem Leser deutlich, zu deutlich gesagt. Eine Botschaft zum Beispiel, die wie ein Motto über allen Erzählungen schwebt: "Sieh, fühl und erneuere deine Sinne" sagt der Koch, der Geschmackskünstler in "Rot" zu seiner Geliebten. Eine Formel, die zu direkt daherkommt, um zu faszinieren und auf Dauer zu simpel wirkt, um sechs Erzählungen zu tragen. Claire Beyers Versuch, ihre Geschichten am Gängelband der fünf Sinne zu halten, wirkt höchst angestrengt. Es schränkt den Spielraum ihrer Figuren stark ein und lässt sie konstruiert wirken, vor allem dann, wenn ihre phantastischen oder absurden Erlebnisse in den Niederungen der Beliebigkeit landen. Wenn Claire Beyers Sprache, die sehr klar und einfach sein kann, auch sinnlich und zart, dann unverhofft umschlägt in eine ziselierte Diktion mit kostbar-kapriziösen Formulierungen, kommt auch mal Pathos auf.

Nach ihrem Erstling "Rauken", der so eindringlich und überzeugend war, gerade weil er ganz ohne Bedeutungsmuster oder Botschaft auskam, hat sich Claire Beyer mit ihrem Erzählungszyklus über die fünf Sinne ganz einfach verhoben.


Claire Beyer
Rosenhain. Sechs Geschichten von fünf Sinnen
Frankfurter Verlagsanstalt, 206 S., EUR 19,90

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