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StartseiteBüchermarktJenseits von "Werther"13.01.2004

Jenseits von "Werther"

Dana Boenisch über Tage von Rock ´n Roll

Cafe Sehnsucht im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. An einem der Biergartentische im Hinterhof sitzt mir Dana Bönisch gegenüber, die Autorin von "Rocktage". In ihrem Roman-Debut portraitiert die Einunzwanzigjährige einen junge, verträumten Studenten, Tobias Puck. Cafe Sehnsucht, der Name passt zu der Romanfigur. Meine Frage an die Autorin: Was hat es auf sich mit der Sehnsucht ihres Helden Puck?

Arndt Reuning

Dana Boenisch, „Rocktage“, Coverausschnitt (Kiepenheuer & Witsch)
Dana Boenisch, „Rocktage“, Coverausschnitt (Kiepenheuer & Witsch)

Es ist in erster Linie eine ungerichtete Sehnsucht, eine ganz große, die aber kein Ziel hat. Es geht eben darum, dass er von einem Gefühl gequält wird, dass sein Leben irgendwie hinter einer Kulisse stattfindet, also dass er das Leben nicht richtig spüren kann. Und sein Ziel ist eben, diese Kulisse zu durchdringen und eben zur wirklichen Welt durchzudringen.

Auch wenn Puck das Ziel seiner Sehnsucht nicht kennt, so glaubt er doch einen Weg gefunden zu haben, der ihn dort hin bringen soll: die Musik. ROCK-Musik.

Eine Musik mit harten Gitarren eben, die aber ganz viele Gefühle aber transportieren kann. Er glaubt eben zunächst, dass die Musik auch eine Möglichkeit sein könnte, aber findet halt raus, dass dem nicht so ist. Und dass die Musik ihn vielleicht sogar noch weiter weg bringt vom Leben, weil sie eben auch so ne einzelne Ebene bildet. Und im Prinzip ist dann die Musik auch keine Lösung für ihn.


Was bleibt dem jungen Helden dann noch übrig? Richtig, die Liebe. Und die glaubt er gefunden zu haben, als er die junge Studentin Gwen trifft. In Gwen sieht er die Frau, die ihn befreien wird aus seiner Kulissen-Welt. Die mit ihm im Freibad vom Zehn-Meter-Brett springt. Denn frei, wirklich frei ist man nur im freien Fall.

Dana Bönisch zeichnet in der ersten Hälfte ihrer Rocktage das Bild eines sympathischen Außenseiters. Mit leisen Tönen und einem Blick für die kleinen, scheinbar unbedeutenden Details führt sie hinein in die leicht verschrobene Welt des Tobias Puck. Und am besten gelingt ihr das, wo sie auf übermäßig originelle Bilder und Formulierungen verzichtet.

Seine eigentliche Dynamik aber gewinnt der Roman erst in der zweiten Hälfte: Denn nun taucht ein Problem auf. Das Problem heißt Stefan und ist Gwens Freund. Dessen Existenz hatte die Studentin dem armen Puck verheimlicht. Denn als guten Freund wollte sie Puck nicht verlieren.
Für Tobias Puck beginnt nun ein aussichtsloser Kampf ums Gwens Liebe. Immer wieder versucht er, sich in ihr Leben zu drängen. Und umso verzweifelter er Gwen für sich zu gewinnen sucht, desto tiefer gerät er in seine eigene schiefe Weltsicht hinein. Gwen – die Projektionsfläche seiner Glücksansprüche.

Also, er macht sich die Welt schon so wie sie ihm gefällt quasi. Er bildet sich ja ganz viele Dinge ein, er glaubt ja zum Beispiel, dass sie ihn auch wiederliebt, was ja nicht der Fall ist, einfach weil er so seine Hoffnung besser aufrecht erhalten kann, dass das Mädchen die Lösung all seiner Probleme sein könnte.

Der Roman greift ein altbekanntes literarisches Thema auf. In seiner imaginären Welt erhält Puck immer wieder Besuch von einem Herrn namens Goethe, der ihm Zitate aus den Leiden des jungen Werther ins Ohr flüstert.

Dana Bönisch nähert sich immer wieder jenem Kultroman aus vergangenen Tagen an, um sich dann wieder zu lösen und eigene erzählerische Wege einzuschlagen. Das Spiel mit dem Vorbild Werther macht einen weiteren Reiz des Romans aus. Im Gegensatz zu Ulrich Plenzdorf, der in den Siebziger Jahren mit seinen Neuen Leiden des jungen W. eine weitere Werther-Adaption vorgelegt hat, verzichtet Dana Bönisch weitgehend auf eine Außensicht auf ihren Protagonisten und die daraus entstehenden ironischen Brechungen. Dafür strotzen ihre "Rocktage" nur so von Anspielungen auf die Marken- und Warenwelt an der Jahrtausendwende. Hat Dana Bönisch einen Werther für die SMS-Generation geschrieben?

Im Prinzip schreibe ich für alle, nur ich glaube, dass es für die Leute, die wirklich in dieser Lebenswelt sich befinden wie Puck, dass es für die einfach schöner ist zu lesen, dass es schön ist so was wiederzuerkennen, wie bestimmte Lieder oder ein Festival, wo man selber war. Aber ich glaube trotzdem, dass es für alle gleich interessant ist. Ich glaube, das große Thema, die Sehnsucht und dieses Eingeschränktsein, das hat sich ja auch von Goethe bis heute erhalten, und diese Welt, die drum herum gebaut ist, ist zwar nur genau jetzt aktuell, aber ich glaube nicht, dass es deshalb später uninteressanter ist. Also, ich kann ja auch nicht mit jedem kleinsten Zeitbezug im Werther was anfangen unbedingt.

Trotzdem: Wiederfinden wird sich in dem Roman wohl eher die Generation der Zwanzigjährigen. Und vielleicht gibt es ja auch den eine oder anderen, der jetzt schon voller Sehnsucht auf den zweiten Roman von Dana Bönisch wartet.

Dana Boenisch
Rocktage
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 158 S., EUR 6,90

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