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Seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag
StartseiteThemen der WocheEine Minderheit als Verhandlungsmasse09.08.2014

Jesiden im Irak Eine Minderheit als Verhandlungsmasse

Aufgrund der dramatischen Berichte von der Belagerung der Jesiden durch die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) haben sich die USA zum militärischen Eingriff entschieden. Das ist richtig, aber spät, kommentiert Daniel Gerlach, "Zenith". Dafür, dass es zu IS im Irak überhaupt gekommen ist, tragen viele die Verantwortung.

Von Daniel Gerlach, "Zenith"

Christen und kurdische Jesiden auf der Flucht im Nordirak (Marwan Ibrahim / AFP)
Christen und kurdische Jesiden auf der Flucht im Nordirak (Marwan Ibrahim / AFP)
Weiterführende Information

Irak - Kurden kämpfen für ihren eigenen Staat (Deutschlandfunk, Eine Welt, 09.08.2014)
Nordirak - Neue Kämpfe zwischen Kurden und IS-Miliz (Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 09.08.2014)
Nach US-Luftangriffen im Irak - Atempause für Kurden-Kämpfer (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 09.08.2014)
Grenzregion Irak - "Ein Flüchtlingstreck neben dem nächsten" (Deutschlandfunk, Interview, 09.08.2014)
Nach Intervention im Irak - US-Debatte über Ausmaß und Ziele (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 09.08.2014)

Einige tausend Menschen warten im Gebirge von Sinjar im Nordirak auf Rettung – bedroht von dschihadistischen Banden, die sich selbst Islamischer Staat nennen. Die Belagerungssituation erinnert in ihrer Dramatik an einen berühmten Tatsachenroman Franz Werfels aus dem Jahr 1933: "Die 40 Tage des Musa Dagh" über den Völkermord an den Armeniern. Und Dank der dramatischen Berichte von der Belagerung der Jesiden haben sich die USA nun wohl zu einem militärischen Eingreifen entschieden. Das ist richtig, aber spät.

Die Offensive der Dschihadisten gegen die Jesiden geschah allerdings mit Ansage: Die seit Jahrhunderten in dieser Region lebende Minderheit war ein ebenso ein leichtes wie nützliches Opfer - und zwar nicht erst in jüngster Zeit.

Mit Angriffen auf Minderheiten verfolgt der Islamische Staat IS drei Ziele: eines heißt Frontbegradigung. IS interessiert sich nicht nur für Territorium, sondern für Ressourcen. Für Ölfelder und Nachschubrouten.

Zweitens: Der Weltöffentlichkeit soll der Schrecken in die - angesichts täglicher Katastrophenmeldungen - schon nahezu tauben Glieder fahren. Sie soll wissen: IS tötet und versklavt nicht aus Vergnügen, sondern weil es nun einmal Gottes Wille ist. Und notwendig für den Aufbau eines Kalifats.

IS hat das Morden und Vertreiben in der Region beileibe nicht erfunden. Der Unterschied ist nur: Für andere, etwa für das Assad-Regime in Damaskus, ist Grausamkeit ein Instrument der Macht. Die Angst davor kann Potentaten nützlich sein, wer sich aber seiner Brutalitäten rühmt, kann sie später nicht mehr dementieren. IS hingegen nutzt den Schrecken als strategische Waffe.

Für uns im Westen ist IS eine Armee vermummter Zombies. Angst und Abscheu überlagern jede Analyse ihrer Ziele, ihrer Interessen, ihrer zeitweiligen Verbündeten. Ihrer faulen Taktiken und Tricks.

Es mag zynisch sein zu unterscheiden, aus welchen Motiven Zivilisten angegriffen werden: Geschieht dies im Namen einer Weltanschauung oder gar in aufrichtig gelebtem Fanatismus, finden wir es um ein Vielfaches verwerflicher, als wenn es um den schnöden Mammon geht: Habgier ist aber ein gewichtiges Motiv der Dschihadisten, sich an Minderheiten zu vergreifen.

Der selbst ernannte Islamische Staat folgt islamischen Rechtsbegriffen und historischen Vorbildern - allerdings nur dort, wo es ihm passt. Je weniger man von der glorreichen islamischen Geschichte weiß, umso leichter fällt es, sich ihr Erbe anzueignen. Eine Tradition aus grauer Vorzeit des Islam, die IS besonders gut gefällt, ist das Prinzip der "Ghanima". Es bedeutet Kriegsbeute und ist - das mag man seltsam finden - ein juristischer Begriff. Man nahm die Ghanima - unter bestimmten politischen Umständen - von Nichtmuslimen, die gegen Muslime kämpften. Ein Fünftel davon - und nicht mehr - ist Gott zu überweisen.

Wen, so kann man fragen, sollte IS noch ausplündern, wenn sich alle Unterworfenen im ihrem Gebiet zum sunnitischen Islam bekennen? Die Vertreibung der Christen aus der Ninive-Provinz war nicht zuletzt ein Beutezug - für attraktive Immobilien, in denen sich nun verdiente Kämpfer für den Islamischen Staat einrichten können. Man kann ahnen, dass dieser Staat, sobald er nicht mehr plündert oder expandiert, für seine Krieger sehr schnell an Attraktivität einbüßt.

Man sollte es so weit nicht kommen lassen und sehen, ob die Dschihadisten die Jesiden auch nur zur Selbstbereicherung angreifen. Ob sie sie nur versklaven wollten, oder ihnen samt und sonders nach dem Leben trachten.

Und es ist Zeit, sich zu erinnern, dass Terror gegen Minderheiten im nördlichen Irak seit Jahren Alltag ist. Staatliche Institutionen dort - mit Ausnahme der autonomen Kurden - taten eher wenig, um sie zu beschützen. Rhetorisch ja: Die Regierung in Bagdad findet, der Irak sei ein multireligiöses Land. Ein Garten mit verschiedenen bunten Blumen. Politiker schwärmen von ihrer Verfassung und den Minderheitenrechten. Die Ayatollahs der schiitischen Mehrheit im Süden fordern von ihren Gläubigen Gastfreundschaft für Christen und Kinder hören in der Schule auch von Christen, Jesiden, Mandäern und anderen kuriosen Mosaiksteinen der Vielfalt - allerdings so, wie sie von Babyloniern und Sumerern hören: im Präteritum.

Dafür, dass es zu IS kam, tragen viele die Verantwortung. Es ist wohlfeil, die irakische Regierung zu beschuldigen. Mit vereinten Kräften lässt sich der Islamische Staat nun gewiss noch weiter zurückbomben als in jene sprichwörtliche Steinzeit, wo sich die Dschihadisten ohnehin schon eingerichtet haben.

Aber etwas anderes ist im Irak nicht militärisch zu besiegen: das bedauernde Achselzucken angesichts des Schicksals anderer Religionsgruppen. Das Prinzip, dass sich am Ende jeder selbst der Nächste ist. Und die - freilich nie offen formulierte - Haltung, dass es Staatsbürger gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt und andere, die man im Zweifel sich selbst überlassen muss.

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