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StartseiteTag für TagMudi heißt jetzt Mohammed02.08.2017

Jesiden im NordirakMudi heißt jetzt Mohammed

2014 ermordete der selbsternannte "Islamische Staat" 5.000 jesidische Männer. Frauen und Kinder wurden gefangengenommen: Kinder wie Mudi und Aza. Die beiden Jungen sind wieder frei - und schweigen. Trauma-Experten vermuten: Sie haben eine IS-Gehirnwäsche hinter sich. Wächst da eine verlorene Generation heran?

Von Veronika Wawatschek

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Diese Kinderzeichnungen zeigen, was die jesidischen Kinder auf der Flucht vor dem IS gesehen und erlebt haben. (Deutschlandradio / Veronika Wawatschek)
Diese Kinderzeichnungen zeigen, was die jesidischen Kinder auf der Flucht vor dem IS gesehen und erlebt haben. (Deutschlandradio / Veronika Wawatschek)
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Mudi daddelt, der Siebenjährige sitzt in kurzer, neonfarbener Short und Unterhemd auf einer Matratze im abgedunkelten Wohnzimmer irgendwo in der Nähe der nordirakischen Stadt Dohuk, in der Hand ein Smartphone. Draußen 45 Grad, drinnen dank einer brummenden Klimaanlage erträgliche Temperaturen.

Der zarte Junge spielt Ballerspiele. Syrische Kriegsspiele. IS-Ballerspiele. Er hat sie alle selbst heruntergeladen, erklärt sein Vater Hemen. Mudis großer Bruder Aza sitzt die ganze Zeit neben ihm, hält den Kleinen sanft am Oberarm fest - so als ob er ihn noch immer beschützen müsste. Dünn ist der 14-Jährige in seinem abgenutzten FC-Bayern-Trikot.

"Mein Kleiner spricht nicht darüber"

"Mein Großer scheint mir okay zu sein, ich habe nicht den Eindruck, dass er schlecht schläft, aber mein Kleiner - ich weiß es nicht, er spricht nicht darüber."

Fast drei Jahre lang waren die beiden Jungen in Gefangenschaft der Terrororganisation IS, sie heißen in Wirklichkeit anders. Ihre Familie muss geschützt werden. Sie sind Jesiden, gehören also einer religiösen Minderheit an, die vor allem im Nordirak, in der Region Sindschar an der Grenze zu Syrien lebte: bis zum 3. August 2014. Bis zu dem Tag, an dem der IS einen Völkermord verübte: 5.000 jesidische Männer wurden getötet, 7.000 Frauen und Kinder gefangengenommen, verschleppt und in den IS-Hochburgen Mossul oder Rakka als Sklaven verkauft – so wie Aza zusammen mit seinem kleinen Bruder Mudi, seiner Schwester und seiner Mutter.

"Er erzählt nichts - außer wenn ich ihn was frage. Und ich frage ihn nur das, was wirklich als Information nötig ist, wann seid ihr wo gewesen, wo haben sie euch hingebracht, wie lange wart ihr dort?"

Söhne freigekauft - Frau und Tochter noch in Gefangenschaft

Vater Hemen will nicht frische Wunden aufreißen. Im Frühjahr konnte er seine beiden Söhne freikaufen, für insgesamt 17.000 US-Dollar. Die ganze Verwandtschaft hat zusammengelegt. Aber Hemens Frau und seine Tochter sind noch dort. Für sie hat das Geld nicht gereicht. Der 38-Jährige zieht sein Smartphone aus der Tasche, zeigt Fotos.

"Das waren die ersten Bilder, die wir bekommen haben."

Er deutet auf ein Bild, auf dem eine Frau versucht, einen Jungen aus dem Bild zu zerren. Ein Schlepper hat das Bild gemacht und ihm geschickt. Es ist Hemens Frau.

"Das war in Rakka mit dem arabischen Schlepper. Man sieht, dass meine Frau erst Angst hatte. Dabei war das ein guter Mann. Aber sie wusste es eben nicht."

"Sie hat nicht mehr so viel Angst"

Hemen zeigt ein zweites Familienbild. Seine Frau steht nun still, blickt gerade in die Kamera.

"Hier sieht man, dass sie ihm glaubt. Sie hat nicht mehr so viel Angst."

Mehrfach wurde seine Familie verkauft. Hemen kennt nur Ausschnitte.

"Nachdem sich der Tunesier, bei dem sie gelebt haben, als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat, sind sie zu einem anderen Mann gekommen, der hat es gut mit ihnen gemeint. Gott sei dank, ein guter Kerl, er hat ein Appartement für die ganze Familie gemietet und hat auch Essen und Trinken für meine Familie besorgt, er hat sich gekümmert."

Irgendwann bekam Hemen einen Anruf aus der Türkei. Zwei Männer sagten ihm, wie er Kontakt zu seinem Ältesten aufnehmen könnte. Er zeigt weitere Bilder: der 14-Jährige Aza mit langen dunklen Locken und Camouflage-Hemd, der Kleinere ganz in schwarz, gekleidet in ein traditionelles arabisches Hemd mit Stehkragen, dann jemand in schwarzem Nikab. Es ist seine Tochter. Die Bilder hat Hemen alle gespeichert, genauso wie die ersten Whatsapp-Nachrichten, die er von seiner Familie bekommen hat.

"Ich hör' deine Stimme" - "Salamaleikum " - "Allo, Salamalaikum" - "Salamaleikum"

Mohammed statt Mudi, Ali statt Aza

Die Kinder grüßen den Vater auf arabisch. In den fast drei Jahren in Gefangenschaft der Terrororganisation haben die Kinder nicht nur arabisch gelernt und Koranverse studiert, sondern auch arabische Namen bekommen: Mohammed statt Mudi, Ali statt Aza. Vor allem bei Mudi, dem Kleineren haben sich die arabischen Worte eingeprägt. Er war erst vier Jahre alt, als er vom IS verschleppt wurde.

"Als er zurückgekommen ist, hat er viel das Wort Dawla, Dawla benutzt, das arabische Wort für Staat. Der IS nennt sich auf arabisch Dawla islamiya, Islamischer Staat, also er hat viel von denen gelernt, er hat dieses Wort sehr viel benutzt. Aber jetzt wird es weniger."

Nach den Sommerferien soll Mudi in die erste Klasse gehen. Der Vater hofft, dass ihm die Struktur hilft, mit dem Erlebten leben zu lernen. Aza, der Größere, geht in die siebte Klasse. Er geht gern in die Schule und er nimmt regelmäßig an den Therapiestunden im nahegelegenen Flüchtlingscamp teil:

"Stell dir vor, du nimmst das, was dir Sorgen macht in die Hand und drückst es zusammen. Es wird immer kleiner und kleiner."

Ein Flüchtlingslager nahe der nordirakischen Stadt Dohuk. (Deutschlandradio / Veronika Wawatschek)Ein Flüchtlingslager nahe der nordirakischen Stadt Dohuk. (Deutschlandradio / Veronika Wawatschek)

Zwei Sozialarbeiter sitzen zusammen mit etwa zehn Kindern auf dem Boden in einem Container. Sie zeigen den Kindern einfache Übungen, die ihnen helfen sollen, mit Alpträumen und beängstigenden Erinnerungen umzugehen. Die deutsche Organisation SOS-Kinderdörfer betreut das Projekt. Eigentlich gedacht für Kinder, die vor dem IS geflohen sind, die gesehen haben, wie ihre Häuser zerstört wurden, werden dort inzwischen auch Jugendliche wie der 14-jährige Aza betreut, bei denen unklar ist, inwiefern sie vom IS indoktriniert wurden.

"Sie bringen uns eine Übung bei, ich weiß nicht wie sie heißt, man macht seine Augen zu und stellt sich einen sicheren Ort vor."

"Wenn ich Freunde treffe kann ich mich ablenken."

Aza meint, die Übungen helfen ihm nicht. Wohl aber, dass er dort Gleichaltrige trifft.

"Wenn ich Freunde treffe, rausgehe oder Fußball spiele, kann ich mich ablenken."

Auch Azas kleiner Bruder Mudi sagt, er spiele am liebsten Fußball. Tatsächlich sitzt er die meiste Zeit vor dem Bildschirm und spielt Ballerspiele. Drei Jahre sind eine lange Spanne in so jungen Jahren. Ja, es wird dauern, die zurückkehrenden Kinder zu integrieren, ist Dara Sinjari überzeugt. Der Mediziner ist bei der staatlichen Gesundheitsbehörde für seelische Gesundheit zuständig. Zeit allein aber werde nicht alle und vor allem nicht diese Wunden heilen, ahnt er.

"Man muss diese Kinder vorsichtig und gut begleiten. Warum? Weil sie auf lange Sicht psychische Probleme entwickeln können. Das Risiko ist sehr hoch, sie waren solchen Traumata ausgesetzt.

Dara Sinjari spricht von Brainwashing, von tickenden Zeitbomben. 1.700 Kinder könnten betroffen sein, schätzt die staatliche Kidnapping-Beobachtungsstelle. Im Irak habe man keine Ahnung, wie man mit diesen Jungen umgehen soll.

"Machen wir es wirklich gut? Oder ist es letztlich sogar schädlich?"

"Um es ehrlich zu sagen: Wir haben nicht die Erfahrung. Und was ich damit meine: Es gibt Behandlungen, aber ist das entsprechend internationaler Standards? Gibt es nicht vielleicht ein Land, das mehr Erfahrung hat, wie man mit Kindern umgeht, die in Kriegsregionen einer Hirnwäsche unterzogen wurden. Darum geht es mir: Machen wir es wirklich gut? Ist das, was wir momentan tun, nicht letztlich sogar schädlich?", fragt Dara Sinjari.

Der 14-Jährige Aza und der siebenjährige Mudi haben die Zeit beim IS überlebt. Was ihnen dort beigebracht wurde, wird bislang nur in Ausschnitten sichtbar. Etwa, wenn der kleine Mudi sich mal wieder zum Gebet wäscht.

"Das ist wie ein Ritual, manchmal geht der Kleine sich waschen wie ein Muslim und dann betet er", sagt sein Vater Hemen.

Er sieht das Beten als Spiel und toleriert es. Er selbst lese ja auch den Koran, so wie er andere Bücher lese. Hemen unterrichtet Arabisch und Geografie im nahegelegenen Flüchtlingslager. Mit seinen Kindern ist er bei Verwandten untergekommen, spartanisch eingerichtet, doch immerhin feste Mauern, eine Klimaanlage, ein Kühlschrank in der Ecke, Matratzen auf dem Boden. An der Wand ein Mitbringsel aus dem jesidischen Wallfahrtsort Lalisch, ein schwarzes Tuch mit Troddeln und Knoten daran. Es soll Glück bringen.

Hemen will seinen Söhnen Zeit geben

"Ich glaube an etwas Höheres, aber ich bin kein gläubiger Jeside, ich bete nicht."

Gehofft aber hat er jeden Tag, dass seine Kinder und seine Frau noch leben. Drei Jahre lang konnte er nur mit Hilfe von Medikamenten schlafen. Dass die Söhne zurück sind, hat ihm unglaublich viel Kraft gegeben, sagt er. Er will ihnen die Zeit geben, die sie brauchen, sich wieder im neuen alten Leben zurechtzufinden. Die zuständige Psychologin Choreen Abdulaziz ist zuversichtlich.

"Sie werden stärker als andere sein, weil sie schwierige Situationen erlebt haben, ein schwieriges Leben, aber es wird besser und sie werden fähig sein, damit umzugehen.

Doch eine Beziehung zu Mudi konnte sie bisher nicht aufbauen. Sie führt es darauf zurück, dass er ein Problem mit ihr als Frau hat. Immerhin sind seine Mutter und seine Schwester nach wie vor in IS-Gefangenschaft, Status unbekannt.

"Wir waren immer in Kontakt, aber jetzt ist die Verbindung abgebrochen, ich glaube, es ist wegen der Drohnen."

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