• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 04:05 Uhr Die neue Platte XL
StartseiteTag für TagAngst vor der Terrormiliz Islamischer Staat18.12.2015

Jesidisches FlüchtlingslagerAngst vor der Terrormiliz Islamischer Staat

Im vergangenen Jahr mussten die im Nordirak lebenden Jesiden vor der Terrormiliz Islamischer Staat fliehen. Die Jesiden seien Teufelsanbeter, meinen die Islamisten – ein jahrhundertealtes Vorurteil gegenüber den Jesiden. In Wirklichkeit ist das Jesidentum eine der ältesten monotheistischen Religionen der Welt und besitzt eine reichhaltige Kultur.

Von Susanne Arlt

Jesidische Flüchtlinge in einem Flüchtlingslager bei Batman im Südosten der Türkei (Thomas Bormann)
Dringend auf Hilfe angewiesen: Jesidische Flüchtlinge in einem Flüchtlingslager bei Batman im Südosten der Türkei (Thomas Bormann)
Mehr zum Thema

Journalistin Düzen Tekkal Ein Hilferuf für die verfolgten Jesiden

IS im Irak Tragödie der Jesiden geht weiter

Jesiden Neue Hoffnung in Deutschland

Nordirak IS-Miliz lässt mehr als 200 Jesiden frei

Jesiden-Verfolgung In den Fängen der Dschihadisten

Das jesidische Flüchtlingslager Fidanlik liegt direkt an einer Schnellstraße, etwa eine halbe Autostunde von der Kurdenmetropole Diyarbakir entfernt. Im Südosten der Türkei ist die Landschaft karg. Am Eingang zu dem Camp hocken acht Männer auf verrosteten Campingstühlen, zu ihren Füßen brennt ein kleines Lagerfeuer. Auf einem Gitterrost steht eine Kanne mit dampfendem Tee. Es ist frisch an diesem Wintermorgen. Kotscher Sason reibt seine kalten Handflächen aneinander, nimmt dann einen Schluck von dem starken, süßlichen Getränk. Eigentlich ist der 35-jährige Journalist. Doch seit fast einem Jahr managt er das Lager, in dem ausschließlich Jesiden leben. Finanziert wird es nicht von der türkischen Regierung, sondern von den umliegenden kurdischen Kommunen. Mit Muslimen wollen die 2.200 jesidischen Frauen, Männer und Kinder, die hier im Moment leben, ohnehin nichts mehr zu tun haben, sagt Kotscher Sason.

"Das hat mit ihrer Vergangenheit zu tun. Es wurden sehr viele Massaker an ihrem Volk verübt. Und die Täter waren immer Muslime. Das begann schon zu Zeit der Osmanen. Darum haben sie Angst, in die Flüchtlingsunterkünfte der türkischen Regierung zu gehen. Außerdem haben die Jesiden die Regierung von Präsident Erdogan in Verdacht, die Terrormiliz Islamischer Staat zu unterstützen."

Genau vor dieser Terrormiliz sind die Jesiden im August vergangenen Jahres aus dem Nordirak geflohen, haben Hals über Kopf ihre Häuser im Sindschar-Gebiet verlassen. Jetzt lebt jede Familie auf etwa 15 Quadratmetern in luftigen Militärzelten. Guleh Gares lächelt freundlich, winkt den Besucher in ihre provisorische Bleibe. Auf dem Bretterboden liegen dünne Schaumstoff-Matratzen, ein Heizungslüfter spendet etwas Wärme. Guleh rückt ihr Kopftuch zurecht, weinen will sie nicht. Ihr Blick ist klar und fest, aber was sie und ihre Familie im August vergangenen Jahres in Sindschar erlebt hätten, sei schrecklich gewesen, sagt die Frau Mitte 40.

"Im Irak haben die Jesiden keine Rechte. Die IS-Milizen haben unsere Häuser verbrannt, alles was wir uns in 40 Jahren hart erarbeitet haben, haben sie einfach zerstört. Jetzt haben wir nichts mehr, wir leben mit unseren Familien auf der Straße. Die Araber hassen unsere Religion. Sie wollten uns zwingen, zum Islam zu konvertieren, stellten uns vor die Wahl: Entweder werdet ihr Muslime oder wir bringen euch um. Wenn wir hier bleiben, dann werden die Araber in einigen Jahren wieder unsere Söhne töten und uns unsere Töchter wegnehmen."

Das Jesidentum ist eine der ältesten monotheistische Religionen, deren Ursprung Religionswissenschaftler im Zoroastrismus vermuten. In ihrem Glauben gibt es aber auch Elemente, die auf den Mithras-Kult aus der Römerzeit hinweisen. So ist ihre Religion vermutlich älter als das Christentum und keine bloße Abspaltung vom Islam. Weltweit gehören etwa 800.000 Menschen dem Jesidentum an. Ihre Religionsausübung beruht vor allem auf einer mündlichen Überlieferung. Anders als im Islam, Christen- oder Judentum haben sie kein überliefertes Gotteswort, was über Jahrhunderte hinweg vor allem von den Muslimen als Makel gewertet wurde. Aber auch die Jesiden haben heilige Schriften aus denen sie zitieren. Dass ihr Glaube aber so wenig erforscht ist, liegt vermutlich auch daran, dass sie ihn nur unter sich praktizieren. Jeside wird man durch Geburt, darum dürfen sie auch nur unter sich heiraten. Für muslimische Extremisten aber seien sie Ungläubige, die verfolgt und ermordet werden müssten, sagt Guleh Gares und schüttelt dabei den Kopf.

"Die IS-Kämpfer wollten, dass wir unsere Religion aufgeben. Unsere jesidischen Mädchen haben sie entführt, alle jungen und alten Männer getötet. Wir waren barfuß als wir um unser Leben liefen, unsere Füße bluteten, tausende Leichen haben wir gesehen. So sehr hassen sie uns. "

Jesiden haben einen höchsten Gott, aber keine Gestalt des Bösen. Gäbe es eine zweite Kraft nach ihm, würde er in ihren Augen zu einem schwachen Gott werden. Nach ihrem Tod kommen sie auch nicht ins Paradies oder in die Hölle, sondern erreichen durch Seelenwanderung einen neuen Zustand. Zentraler Streitpunkt ist vermutlich die jesidische Lehre von den sieben Engeln. Der wichtigste von ihnen, "Tausi Melek", wird von einem Pfau symbolisiert. Er dient als Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Für radikale Muslime stellt die bildliche Darstellung dieses Engels aber einen Abfall vom muslimischen Glauben dar. In ihren Augen sind Jesiden darum Teufelsanbeter.

"Die IS-Schergen riefen uns hinterher, dieses Land gehört jetzt uns, dem Islam und den Arabern. Es ist nicht mehr länger die Heimat der Jesiden oder der Christen. "

Hinter ihr auf der weißen Zeltplane ist ein rotes Herz aufgemalt, aufgespießt von einem Dolch. Dieses blutende Herz steht für unsere verlorene Heimat Sindschar, sagt Guleh Gares. Für grausame Schicksale wie die ihrer Nachbarin Mona Sale. Hals über Kopf sei sie mit ihrer Familie vor den IS-Kämpfern geflohen, erzählt die junge Frau. Als sie die Milizen hörte, habe sie ihre drei kleinen Mädchen und den Sohn gepackt, sei einfach mit ihnen losgerannt.

"Als wir geflohen sind, haben wir zu spät gemerkt, dass unser jüngstes Kind fehlt, unsere Tochter, gerade mal ein Jahr alt. Die IS-Milizen waren direkt hinter uns, wir konnten darum nicht mehr zurückkehren, um sie zu retten. Bis heute wissen wir nicht, ob unsere Tochter noch lebt, entführt oder getötet wurde. "

Sieben Tage und Nächte harrten sie alle auf einem Berg aus. Schliefen auf felsigem Boden, hatten kaum zu Essen und zu Trinken. Gerettet hätten sie schließlich PKK-Kämpfer, sagt der 26-jährige Sohn von Guleh Gares. Obwohl Hadi seine Heimat liebt, will er dorthin nicht zurückkehren.

"Wir wissen nicht, was in der Zukunft liegt, aber wir wissen, dass wir nicht mehr länger in einem muslimischen Land leben können. In Europa werden wir Hilfe bekommen. Dort können wir wieder ein normales Leben führen. Aber hier in der Türkei besucht kein jesidisches Kind eine Schule. Alles was sie hatten, mussten wir in Sindschar zurücklassen. Und hier in der Türkei bekommen wir nichts. Weder Geld zum Überleben, noch das Recht auf eine Schulbildung."

Dank einer türkischen Hilfsorganisation gibt es in dem Camp jetzt immerhin einen Kindergarten. 20 Mädchen und Jungs im Alter zwischen drei und fünf Jahren sitzen um einen langgestreckten Tisch. Eine Erzieherin bringt ihnen gerade bei, wie man mit Filzstiftfarbe einen Baum malt. Manche Kinder haben nie zuvor einen Stift in der Hand gehalten, sagt die Türkin Gristan, die für die Hilfsorganisation arbeitet. Knapp 1.000 Kinder leben in dem Camp. Aber nur wenige besuchen den Kindergarten.

"Die Kinder kommen sehr gerne in den Kindergarten, trotzdem wollen viele jesidische Familien sie nicht zu uns schicken. Erst wenn sie sehen, wie wir mit ihren Kindern umgehen, dass sie hier etwas lernen können, schöpfen sie langsam Vertrauen."

Vertrauen, das zwar langsam wächst. Aber es reicht nicht aus. Die Jesiden können sich weder ein Leben in der Türkei vorstellen, noch in irgendeinem anderen muslimischen Land. Für sie liegt die Zukunft in Europa, in Deutschland, Schweden oder den Niederlanden. Fast täglich verlassen Familien das Flüchtlingscamp nahe Diyarbakir. Für die gefährliche Reise zahlen sie den Schleppern viele tausend US-Dollar. Ob die Flucht gelingt, ist ungewiss. Aber dies erscheint ihnen allemal sicherer, als ein Leben unter Muslimen

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk