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StartseiteTag für Tag"Das Buch sollte es eigentlich nicht geben"09.09.2016

Jesuit Batlogg über "Letzte Gespräche" von Benedikt XVI."Das Buch sollte es eigentlich nicht geben"

Das neue Buch von Papst emeritus Benedikt XVI. ist einzigartig. Noch nie hat ein Ex-Papst das Wort ergriffen. Der Theologe Andreas Batlogg kritisiert dieses Verhalten und befürchtet, dass "zwei Männer in Weiß" die Menschen überfordern. "Dieses Buch sollte es nicht geben," sagte er im Deutschlandfunk. Es sei "stillos und taktlos, den Nachfolger zu kommentieren".

Andreas Batlogg im Gespräch mit Monika Dittrich

Papst Franziskus und sein emiritierter Vorgänger Benedikt XVI. bei der Feier des 65. Priesterjubiläums von Benedikt im Apostolischen Palast des Vatikans am 28.06.2016. (imago / epd)
Zwei weiße Männer: Einer zuviel? Papst Franziskus und sein emeritierter Vorgänger Benedikt XVI. (imago / epd)
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Der katholische Theologe Andreas Batlogg ist Österreicher. Er ist Jesuit, Chefredakteur und Herausgeber der "Stimmen der Zeit". Die monatlich erscheinende Kulturzeitschrift ist eine der maßgeblichen Stimmen in der katholischen Welt. Als langjähriger Fachjournalist kennt er auch Vatikan-Interna.

Papst Franziskus steht in diesen Tagen im Schatten seines Vorgängers. Benedikt kritisiert zum Beispiel die katholische Kirche in Deutschland. "Unangebracht", findet Batlogg. Ist dieses Buch also ein Beitrag zu Meinungsvielfalt - oder sind zwei Päpste einer zu viel? Ist Papst emeritus Benedikt XVI. übergriffig, wenn er nun sein Schweigen bricht? Welche Folgen hat dieser einzigartige Vorgang für die katholische Kirche? Kann er spalten - oder spiegelt er nur wider, wie vielfältig die katholische Kirche ist?

Das Interview in voller Länge:

Monika Dittrich: Weiße Soutane, Scheitelkäppchen, goldenes Kreuz auf der Brust. Der Mann auf dem Titelfoto sieht aus wie ein Papst - ist er aber nicht mehr, zumindest kein richtiger, sondern ein emeritierter Papst, wie es heißt, seitdem Benedikt XVI. im Februar 2013 als Oberhaupt der katholischen Kirche zurücktrat aus gesundheitlichen Gründen. Er werde sich ins Kloster zurückziehen und seinem Nachfolger Franziskus gehorsam sein, sicherte er damals zu. Deshalb dürfte jetzt auch mancher überrascht sein, dass Benedikt sich nun doch noch einmal medienwirksam zu Wort meldet, mit einem Interview-Buch, das heute erscheint. "Letzte Gespräche" heißt der Titel - und diese Gespräche hat der Journalist Peter Seewald mit Benedikt geführt.

In München bin ich jetzt verbunden mit Andreas Batlogg. Er ist Theologe, Jesuit wie der amtierende Papst Franziskus und Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Als langjähriger Fachjournalist kennt er sich im Vatikan bestens aus. Guten Morgen Herr Batlogg.

Andreas Batlogg: Guten Morgen Frau Dittrich.

Dittrich: Der Verlag hat es spannend gemacht und die Rezensionsexemplare für Journalisten lange zurück gehalten, doch seit gestern konnten Sie einen Blick in das Buch werfen. Sind Ihnen auf den gut 280 Seiten schon irgendwelche Sensationen, Reizworte oder Überraschungen begegnet?

Batlogg: Ich habe das Buch gestern bekommen. Ich hab den ganzen Tag drauf gewartet, es kam nicht per Post und dann wurde mir dann am frühen Abend per Bote doch noch eins zugestellt. Ich habe es mit Interesse,  mit Andacht gelesen, ich finde keine Sensationen darin. Aber ich denke, das Buch sollte es eigentlich gar nicht geben.

"Er ist weder ein Schattenpapst, noch ein Gegenpapst"

Dittrich: Denn schon die Veröffentlichung an sich, ist eine pikante Angelegenheit. Jetzt wollen wir natürlich wissen, warum sollte es dieses Buch gar nicht geben?

Batlogg: Gut, es sortiert sich immer noch in der Kirche. Aber mit dem 28. Februar 2013 war dieser Pontifikat zu Ende, der Bischofsstuhl vakant. Ich hab mir in diesen Tagen wirklich mit Ergriffenheit nochmal diesen Helikopter-Flug vom Vatikan nach Castel Gandolfo angeschaut. Darauf kommt Benedikt im Buch auch zu sprechen. Es bricht ihm da offenbar auch die Stimme - und er weint, als er sich erinnert, wie die Glocken von St. Peter läuteten. Aber wenn einer sagt: 'Ich ziehe mich zurück, mein öffentliches Leben ist zu Ende, ich bete für die Kirche." Dann melde ich mich nicht mehr mit Interviews und anderen Äußerungen.

 

Der Jesuit Andreas Batlogg (Christian Ender)Der Jesuit Andreas Batlogg ist Chefredakteur der "Stimmen der Zeit" (Christian Ender)

Dittrich: Das heißt, dieses Buch wird Benedikt damit zu so etwas wie einem Zweit-, Neben- oder vielleicht sogar Gegenpapst für Franziskus?

Batlogg: Gut, das sind Klischees. Er ist weder ein Schattenpapst, noch ein Gegenpapst, das ist ja kirchenrechtlich geregelt. Er hat freiwillig, aus freien Stücken verzichtet, und sein Nachfolger Papst Franziskus hat ja auch gesagt, er hat damit sicher eine Tür geöffnet für emeritierte Päpste. Aber selbst dieser Titel "Emeritierter Papst" ist ja noch umstritten. Sagt man Ex-Papst? Ehemaliger Papst? Emeritierter Papst?

Bischöfe emeritieren, sie verzichten auf ihr Bistum, aber zum Papst werde ich gewählt. Wenn ich auf dieses Amt verzichte, war es das. Also, das muss sich erst sortieren. Und da sind natürlich die Symbolsprache und auch andere Dinge durchaus von Bedeutung: dass wir nach wie vor zwei weiße Männer sehen, wie Sie ja eingangs auch gesagt haben. Und eben, dass er sich jetzt doch meldet und auch kommentiert.

Gänsweins Kommentare - "absoluter Quatsch"

Dittrich: Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein soll gesagt haben, es gebe ein geteiltes Petrusamt mit einem aktiven und einem kontemplativen Papst. Ist das eine, wenn auch dementierte Meinung, die sich in der katholischen Kirche wieder findet?

Batlogg: Absoluter Quatsch, das hat er auf der 'Gregoriana' gesagt, der Jesuitenuniversität in Rom. Ich würde dazu einfach kommentieren: Auf dem Rückflug von Armenien hat eine argentinische Journalistin Elisabeth Piqué von La Nación den Papst, ich rede jetzt von Franziskus, gefragt: 'Gibt es zwei Päpste?' Und er sagt: 'Es gibt einen Papst.' Er vergleicht es da mit einem Großvater, den man im Haus hat, aber es gibt nur einen Papst und diese Unterscheidung des Präfekt des Päpstlichen Hauses ist Quatsch.

"Stillos und taktlos, wenn ich meinen Nachfolger kommentiere"

Dittrich: Man könnte ja nun auch die Meinung vertreten, gut, Benedikt hat das Fenster aufgestoßen und einen Papst Rücktritt möglich gemacht. Warum soll er sich jetzt nicht zu Wort melden, schreiben, Interviews geben, Bücher veröffentlichen und damit vielleicht auch die, sagen wir mal, Debattenkultur in der katholischen Kirche stärken?

Batlogg: Gut, Frau Dittrich, es sortiert sich, wie ich schon gesagt habe, und es ist natürlich eine neue Situation. Theoretisch ist es möglich, dass es auch noch mal drei oder vier ehemalige Päpste gibt - bei der heutigen Lebenserwartung. Auch Franziskus ist ja im hohen Alter in dieses Amt gewählt worden. Und ich bin mir sicher, wenn es ihm physisch oder psychisch schlecht ginge, würde er sofort zurück treten. Aber ich kehre dann wirklich ins Privatleben zurück. Und ich finde es nicht unbedingt unverschämt, aber es ist irgendwo stillos und taktlos, wenn ich meinen Nachfolger kommentiere, das tut er, wenn ich die deutsche Kirche kommentiere.

Ich denke dass Kardinal Marx, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, aus guten Gründen schweigt. Aber die Bemerkungen über die deutsche Kirche - und Benedikt war mal Erzbischof von München und Freising und viele Jahre Theologieprofessor - die sind einfach unangebracht, das teile ich nicht über ein Interview mit.

"Benedikt ist seinen Feindbildern treu geblieben"

Dittrich: Inwiefern? Können Sie das beschreiben?

Batlogg: Es ist einfach so: Ich denke Benedikt ist sich treu geblieben. Er ist sich treu geblieben, ich bin da Feindbildern und Klischees begegnet, die ich aus den 70er Jahren kenne. Das war ganz ähnlich, als er aus der Würzburger Synode ausgestiegen ist, diesem groß angelegtem Versuch, das Zweite Vatikanische Konzil in Deutschland zu etablieren, zu inkooperieren - auch da ist er ausgestiegen und meinte mal: 'Es kommt auf Prophetie an, nicht auf Bürokratie.' Und jetzt sagt er dem Peter Seewald, es gibt diesen etablierten, hochbezahlten Katholizismus in Deutschland, es gibt eine Gewerkschaftsmentalität unter angestellten Katholiken, es gibt eine ungeistliche Bürokratie, einen Überhang an Geld. Auch Josef Ratzinger war Teil dieses Systems. Mit diesem Geld kann man viele gute Dinge machen. Es ist seine Entweltlichungsthese -  aber ich merke, da hat er Feindbilder, die er über Jahrzehnte behalten hat, und jetzt wo er wieder viel fitter ist als bei seinem Rücktritt im Februar 2013, da kommen diese Dinge wieder. Ich denke er schadet sich damit selbst.

Dittrich: Andere Beobachter meinen, er würde das Buch vielleicht auch nutzen, um seine Amtszeit als Papst im Nachhinein in einem besseren Licht dar stehen zu lassen. Halten Sie das für plausibel?

Batlogg: Gut, das Buch ist eine Mischung aus Autobiographie, auch ein bisschen apologetisch angelegt, würde ich sagen, und natürlich Kommentare. Ich glaube, da hat er wirkliche eine ehrliche Selbsteinschätzung. Er benennt Grenzen, er benennt auch Fehler und Pannen. Seine Amtszeit, also die Affäre Williamson, die Regensburger Rede. Diese Kammerdiener-Affäre ist ja eher ein Treppenwitz der Geschichte. Es zeigt sich halt auch, dass er in seiner Menschenkenntnis, in seiner Personenauswahl nicht immer einen guten Griff hatte. Das räumt er auch ein - für sein ganzes Leben. Er war auf Berater angewiesen und ist da sicher dann manchen auch aufgesessen.

Dittrich: Sie haben eben gesagt, dieses Buch dürfte es eigentlich gar nicht geben, man kann also deutlich heraushören, dass Sie das Auftreten von Benedikt und auch diese Veröffentlichung kritisch sehen. Was wäre denn die Alternative gewesen für einen zurückgetretenen Papst? Hätte er Rom vielleicht ganz verlassen sollen?

Batlogg: Gut, es gibt dafür eigentlich noch keine großen Beispiele. Und es ging ja damals alles recht schnell. Aber wir sind jetzt praktisch im vierten Jahr, und ich denke, es wird sich jetzt aufgrund dieses Buches, vielleicht werden sich mehr Leute Gedanken machen, wie machen wir das künftig? Was heißt Amtsverzicht? Es ist klar, dass da kein Papstwahlrecht mehr damit verbunden ist. Aber ob man zum Familiennamen zurückkehrt? Wo man den Wohnsitz wählt? Ob man wirklich im Vatikan bleibt, in diesem Kloster? Auch wie die Anrede ist: Heiligkeit? Santità? Oder ob man wieder zum Kardinal kreiert wird? Ich denke, das sollte sich jetzt  eigentlich sortieren und auch organisieren lassen, weil wir diese Erfahrung haben. Aber es gibt ja historische Beispiele, dass sich dann ehemalige Päpste wirklich zurückgezogen haben, verschwunden sind. Es ist nicht so, dass Benedikt gestorben ist. Natürlich darf er seine Meinung haben, aber der Medienhype um dieses Buch zeigt jetzt natürlich auch, dass die Leute sehr gerne diese Klischees vom Schatten oder Gegenpapst kultivieren.

Papst Franziskus reagiert gelassen

Dittrich: Eine besondere und neue Situation ist das ja auch für diesen amtierenden Papst für Franziskus.

Batlogg: Ja.

Dittrich: Wie sollte er damit umgehen?

Batlogg: Gut, Seewald beruft sich ja darauf, dass das Buch nicht erschienen wäre ohne ausdrückliche Zustimmung von Papst Franziskus, die es ohne Wenn und Aber gegeben hätte, so sagt er in einem Interview. Ich finde diese Begründung nicht stichhaltig. Ich glaube, dass Papst Franziskus ganz gelassen damit umgeht: Schon in diesem Bild, es ist fein einen Großvater im Hause zu haben, der für mich betet, mit dem ich Kontakte habe. Aber dass die beiden Typen ganz unterschiedlich sind, andere Akzente setzen, das ist klar. Aber es wird sich einspielen.

Dittrich: Das heißt, es ist keine Konkurrenz für Franziskus?

Batlogg: Glaube ich nicht.

Dittrich: Sagte Andreas Batlogg, Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit", die von den Mitgliedern des Jesuitenordens herausgegeben wird. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch heute Morgen nach München. Das Buch von Benedikt, über das wir sprachen, heißt "Letzte Gespräche mit Peter Seewald". 288 Seiten erscheinen heute bei Drömer und kosten 19,99€.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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