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StartseiteBüchermarktJesus in Texas22.02.2004

Jesus in Texas

DBC Pierre bastelt an einer Legende

Der Booker-Preis gilt als die angesehenste Auszeichnung des britischen Literaturbetriebs, und als der Preis im letzten Herbst an den kaum bekannten DBC Pierre alias Peter Finlay ging, gab es in den Feuilletons einerseits Zustimmung in den höchsten Tönen. Andererseits aber war auch reichlich Kritik zu hören, mal klug, mal dümmlich: DBC Pierres satirischem Roman vorzuhalten, er sei antiamerikanisch und beleidigend für die USA, ist blanker Stuss. Man pflegt ja auch Cervantes nicht vorzuwerfen, sein Don Quichotte sei eine Diskriminierung des Ritterstandes.

Von Sabine Peters

DBC Pierre, "Jesus von Texas", Coverausschnitt (Aufbau Verlag)
DBC Pierre, "Jesus von Texas", Coverausschnitt (Aufbau Verlag)

Ernstzunehmende Kritiken warfen der Jury des Booker-Preises allerdings vor, dass bereits im Vorfeld der Preisverleihung zu viele Debütromane auf die Shortlist gesetzt wurden, während renommierte Autoren wie etwa J.M. Coetze, Martin Amis oder Graham Swift schon in der Vorauswahl ausschieden. Was den Autor DBC Pierre selbst anlangt, hieß es teilweise etwas süffisant, der Preis werde ihm vermutlich vor allem für seine abenteuerliche Lebensgeschichte gegeben. Schon lange erbost es einen Teil der Kritiker, dass viele Autoren ähnlich ereignislose, unauffällige Lebenswege wie sie selbst gehen - und dagegen hat der Booker-Preisträger des Jahres 2003 nun wirklich etwas zu bieten.

Das Pseudonym DBC Pierre steht für "dirty but clean" und spielt auf die Vergangenheit des Autors an: Peter Finlay, 1961 in Australien geboren, wuchs in Mexico und den USA auf, und in seinen 42 Lebensjahren, so hieß es im Guardian beifällig, habe er es geschafft, "von seinem Nachbarn in Mexiko-Stadt angeschossen zu werden, Schulden in Höhe von mehreren hunderttausend Dollar anzuhäufen, drogen- und spielsüchtig zu werden und eine Reihe Frauen zu hintergehen. ... Zwischendurch versuchte er sich erfolglos als Filmemacher, Schatzjäger, Schmuggler und Graphiker."

Schulden, Süchte, Schmuggelei, Schatzjagd - das ist nun anscheinend das ganz andere, beneidenswert abenteuerliche Leben, und mit diesem "schmutzigen" Leben wirbt auch der Aufbau-Verlag nach Kräften, während DBC Pierre seinem selbstgewählten Namen zufolge zwar schmutzig, aber auch sauber, beziehungsweise clean ist, sprich, der Sucht abgewandt, auf dem Wege, seine finanziellen Schulden zu begleichen und sein neues Leben als Autor in Irland fortzusetzen.

"Vernon God Little" ist der Held in DBC Pierres gepriesenem Debütroman, der bei uns dieser Tage unter dem hoch ansetzenden Titel "Jesus von Texas" erschienen ist. Der Titel will Assoziationen wecken: Jesus, der einzige Unschuldige, der für die Vielen den Opfertod starb. Dabei ist der erste Jesus-Dschises, der in Pierres Buch nur vermittelt auftaucht, alles andere als eine Lichtgestalt: Jesus Navarro, ein fünfzehnjähriger mexikanischer Schüler in einem texanischen Städtchen, hat gewissermaßen schon vor Beginn des Romans sein Werk vollbracht.

Er hat sechzehn Schulkameraden getötet und sich danach selbst erschossen. Mit diesen knallharten Fakten setzt der Roman ein. Das Massaker schreit nach Rache, und sowieso ist die Mehrheit der Leute erfüllt von einer Wut, die nur darauf wartet, gelenkt zu werden. Was liegt näher, als nach einem lebendigen Sündenbock zu suchen, den man jagen, strafen, den man kreuzigen kann?

Und so bricht in der scheinbar verschlafenen Stadt mit dem allerdings bedeutungsschweren Namen Martirio die Hysterie aus, gefördert von diversen Fernsehteams, die auf der Suche nach Sensationen sind. Unter allen andern Medienmachern sind, man weiß es, ganz besonders die Fernsehmacher diejenigen, die skrupellos genug sind, Sensationen zu produzieren, wenn sie sich nicht bereits ergeben haben.

Und so steht plötzlich Vernon God Little, der Freund des unseligen Jesus, unterm Verdacht der Mittäterschaft. Dabei ist er bis zum Zeitpunkt des Massakers einfach ein Jugendlicher, mehr oder weniger so wie alle andern, allerdings mit einem folgenreichen so genannten Verdauungsleiden. Vernon lebt allein mit seiner Mutter, nachdem deren Exmann auf rätselhafte Weise verschwunden ist. Seine Mom und ihre Freundinnen sind Karikaturen übelster Sorte, vor solchen Frauen kann man nur kreischend davonlaufen. Mom mit ihrer Buttercreme-Sentimentalität, ihrer Heuchelei, Taktlosigkeit, ihrer Dummdreistigkeit, ihren Vorwürfen und ihrer Art, den Sohn im Zweifelsfall an wen auch immer zu verraten, wird von Vernon gefürchtet - und geliebt. Vernon durchschaut die heillose Beziehung, ohne sich wirksam gegen die Mutter wehren zu können.

Wollt ihr wissen, was ich erkannt habe? Leute wie meine alte Dame, die immer mit einem Auge darauf achten, dass deine Wunde nicht zuheilt, verbringen ihre Tage tatsächlich damit, Scheiße zu einem gigantischen Netz zu knüpfen. Wirklich wahr. Sie nehmen sich jedes beschissene Wort im Universum und verwenden es dazu, in deiner Wunde zu wühlen. Völlig egal, was du sagst, du kriegst es mit der Klinge zu spüren. Nur mal als Beispiel: "Wow, guck mal, das Auto dort!" "Ja, genau, das ist dasselbe Blau wie von der Hose, auf die du dich bei der Weihnachtsaufführung übergeben hast, weißt du noch?"

Mir ist klar geworden, wie Eltern das hinkriegen, dass sie immer gewinnen: sie verwalten die Datenbank deiner Blödheiten, inklusive des ganzen Schleims, den du angesammelt hast. Immer kampfbereit. Im Bruchteil einer Sekunde bist du erledigt, ganz im Ernst - das geht schneller, als du die Artillerie benutzen könntest, von der du die ganze Zeit träumst. Und wenn ihr mich fragt: in langweiligen Momenten, wenn beim Nachwuchs so langsam der erste Lack abblättert, machen sie es aus reinem Spaß an der Sache.... Ich ... schaue mich nach einer harmlosen visuellen Ablenkung um, doch alles, was ich sehe, ist eine stämmige junge Frau mit einem Baby ein paar Reihen vor mir. Das Baby zieht der Frau an den Haaren, und sie blickt es mit gespieltem Entsetzen an. "O nein", sagt sie, "wie kannst du das Mommy nur antun?" Sie tut, als ob sie weint, doch das Baby lacht und gluckst wie wahnsinnig und zieht noch kräftiger.

Ich werde Zeuge, wie einer neuen, unversehrten Seele die erste Verletzung beigebracht wird - mit mütterlicher Klinge. Die Abrichtung beginnt. Voller Ruhe und total unschuldig in ihrer Einfalt, nimmt Mom den Jungfernschnitt vor und öffnet die Kontrollwunde. "O nein, du hast Mommy getötet, Mommy ist gestorben!" Sie spielt tot. Der kleine Kerl kichert noch ein bisschen, doch dann nicht mehr. Dann spürt er, irgendwas stimmt nicht. sie wacht nicht auf. Er hat sie getötet, sie hat ihn verlassen, einfach so, weil er an ihren Haaren gezogen hat. Er stupst sie mit den Fingern an, und dann macht er sich zum Heulen bereit. Das ist der Moment, in dem er das Messer in seine eigenen winzigen Hände nimmt und es sich bis zum Anschlag in die frische Wunde stößt, damit sie nur bitte zurückkommt. Und - na klar -: Sobald die erste Träne trropft, wacht sie auf. "Ha, ha, ha, ich bin noch da! Ha, ha, ha, hier ist deine Mommy!" Ha, ha, das ist der Lauf der Dinge.


Man sieht: Vernons Beschreibungen haben durchaus ein analytisches Potential. Nicht nur Mom, die ganze hier geschilderte Gesellschaft ist durch und durch verkommen, kaputt und korrupt - es sind menschliche Wracks oder buchstäblich Mörder und Irre, diese ganz normalen Eltern, Lehrer, Journalisten, Psychiater, Polizisten, Richter, Anwälte, Mitschüler. Einschub: Ganz normal zu sein bedeutet auch in Pierrres Roman: Das, was nicht in Ordnung ist, das, was "böse" ist, wird abgespalten, nach außen verlegt, auf einen "Anderen", "Kriminellen", "Wahnsinnigen". Wenn die "Wahnsinnigen", wenn die "Außenseiter" dann ein Blutbad anrichten, ob in Littleton oder in Erfurt oder eben in Martirio, entsteht für die Öffentlichkeit der peinliche oder prickelnde Eindruck, dass die Wirklichkeit zur Mattscheibe wird.

In Vernons Heimatstädtchen trägt man T-Shirts mit der Aufschrift "Überlebende von Martirio" - soweit kam es in Erfurt nicht, aber mit großen Worten war man natürlich doch recht schnell bei der Hand. Ein wirklich nachhaltiger Zweifel an der Gesellschaft blieb dabei anscheinend allerdings nicht, und auch die Komplizenschaft zwischen Medien und Tätern verstört offenbar nicht sonderlich.

Soweit bekannt, wünschen die Mörder, dass eines Tages alle Welt von ihnen spricht, und verbreiten Schrecken, darauf vertrauend, dass die Medien diesen Schrecken weiter verbreiten. Die Medien ihrerseits stehen unter dem Diktat der Einschaltquote, die sie als "Informationspflicht" bezeichnen, und liefern Bilder, an denen der Zuschauer dann klebt wie die Fliege am Fliegenfänger.

Einschub zu Ende, zurück zu Vernon. Der jugendliche Held beschreibt solche Phänomene ansatzweise, ohne sie allerdings selbst zu begreifen. Der Roman, der ganz aus seiner Perspektive geschrieben ist, zeigt Vernon gespalten: Einerseits ein hellsichtiger Beobachter, dessen Rede geradezu entlarvend ist - und andererseits ein erschreckend gutgläubiger, naiver Kindskopf, unentschlossen, passiv, ein ziemliches Muttersöhnchen auch, mit dem es alle machen können.

Und sie tun es. Der Fernsehjournalist Lally, der übrigens alsbald Moms Geliebter wird, rät Vernon zwar gleich anfangs, was den Umgang mit Menschen und Medien angeht: Gib den Leuten, wonach sie verlangen. Vernon müsse sich in dem Medien wie vor den Nachbarn selbst positionieren; dh es gehe - natürlich - nicht um die Wahrheit, sondern um eine interessante Show, um eine gute Rolle. Lallys Rat, "erfinde dich selbst" ist vielleicht eine sehr amerikanische Maxime - aber Vernon begreift sie nicht beziehungsweise will sie nicht begreifen; er betont verzweifelt seine Unschuld an dem Massaker. Und er vertraut darauf, dass es im Leben zugeht wie bei seinen Leitbildern im Fernseher, also gerecht.

Da hat er sich geschnitten. Mom, Lally, der vom Gericht eingesetzte Psychiater Goosen, die von ferne heiß begehrte ältere Schülerin Taylor - alle, mit denen Vernon zu tun hat, haben ein Interesse, und zwar nicht an ihm, am Beweis seiner Unschuld, sondern sie haben ein knallhartes Interesse an der Bekannschaft mit einem vermeintlichen Massenmörder. Es könnte einem dazu verhelfen, in den Medien aufzutauchen oder - wow - eine eigene Show zu bekommen. Also: Hat Vernons Frisur nicht immer schon verbrecherisch ausgesehen? Hat er nicht verdächtig viele Stunden allein vorm Computer verbracht? Und Mom gibt unaufgefordert, aber sehr wirksam vor der Kamera zum besten, dass eine Mutter ihren Sohn immer liebt, natürlich auch, wenn er Mörder ist. Vernon muss in einer Sprechstunde beim Psychiater Goosen feststellen, dass auch Goosen handfeste eigene Interessen hat.

"Wie fühlst du dich bei dem Gedanken an die Geschehnisse?" "Total beschissen. Beschissener geht´s nicht. Und all denken jetzt, dass ich der Psychopath bin"... "Was für einen Grund könnten sie denn deiner Meinung nach dafür haben?" "Sie brauchen einen Sündenbock, sie wollen Blut sehen." "Einen Sündenbock?"... Goosens blickt mit gerunzelter Stirn in die Akte und trägt wieder etwas ein. Dann lehnt er sich zurück. "Vernon - hast du dich jemals zu einem anderen Jungen hingezogen gefühlt? Oder einem Mann?" "Auf keinen Fall." "Schön, schön, schauen wir mal, was wir herausfinden.... Zieh dich bitte mal für mich aus und leg dich hier hin." "Ich soll mich was?" "Ausziehen - damit wir die Untersuchung abschließen können. Psychiater sind in erster Linie Ärzte, musst du wissen."

Er zieht sich eine durchsichtige Schweißerbrille über den Kopf... Ich brauche eine Weile, bis ich meine Calvin Kleins zusammengelegt habe... Als ich aufs Bett klettere, stampfen schwarze, verzerrte Bläser über die Trommelwirbel aus der Stereoanlage. ...Mir kommt ein Gedanke, nämlich dass eine Brise am Arsch in Kombination mit Supermarktbeleuchtung etwas ist, das nur Tote zu spüren kiregen sollten. Ich bin ein nacktes Tier, verdammt. Doch selbst nackte Tiere brauchen Kaution. Nackte Tiere ganz besonders. "Auf den Bauch". sagt Goosens. "Und die Beine spreizen."... Die Berührung von zwei Fingern auf meinem Rücken, gepaart mit musikalischem Höllenfeuer. Die Finger zeichnen eine Linie meinen Körper hinab, werden zu Händen und umgreifen meine Arschbacken. "Entspann dich", flüstert er und zieht sie auseinander. ...

"Herr Doktor, ich weiß nicht, das ist nicht richtig", sage ich. Was für eine blöde Fotze, ehrlich. Ich sollte ihm ein Tischbein durch sein beschissenes Auge jagen, dass er wimmert wie ein Hund an der Leine. Jean-Claude würde das so machen. James Bond würde das auch so machen, mit einem verdammten Cocktail-Glas in der Hand. Ich dagegen quiecke nur wie ein bescheuerter Wichtel. ... wimmere wie ein Hund an der Leine... Zitternd drehe ich mich weg und schnelle hoch. Spinnenfäden aus Speichel fliegen mir aus dem Mund. Goosens weicht mit erhobenen Unterarmen zurück, wie ein Chirurg. ... "Überleg dir das genau, Vernon", sagt Goosens...Er hält einen Moment lang inne, seufzt und schüttelt den Kopf. "Denk dran, in deiner Lage gibt es nur zwei Sorten von Menschen: prächtige, kraftstrotzende Jungs und Gefangene."


In diesem Stil geht das weiter, und es führt Vernon nach verschiedensten, teilweise komischen, teilweise an den Haaren herbeigezogenen bizarren Ereignissen unweigerlich in die Todeszelle. Dass Vernon, der einzig Unschuldige, gewissermaßen gekreuzigt werden soll, dass er für das Massaker verantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt wird, ist nur allzu vorhersehbar und wirkt so mechanisch konstruiert wie ein Uhrwerk Aber natürlich muss es dann doch ein happy end geben. Also legt DBC Pierre einen Schalter im Laufwerk seines Romans um, er wechselt in letzter Sekunde die Vorzeichen, und siehe, alles wird gut. Man muss nur, wie Lally und wie später ein spirituell angehauchter Axtmörder, Mithäftling und weiterer Todeskandidat erklären, man muss den Leuten nur geben, was sie wollen.

Mithilfe einiger letzter Telefonate produziert Vernon Überraschungen in alle Richtungen: So macht Lally einen sensationellen Fund, bevor er leider, vollgedopt bis zum Stehkragen, erschossen werden muss. So hat Mom Gelegenheit, ihre Sentimentalität auszuleben und statt um den Sohn um den Ex-Geliebten zu trauern. So bekommt eine erfolglose Polizistin die Chance ihres Lebens. So wird der schwule Psychiater Jungs in Hülle und Fülle um sich haben, allerdings, ha ha, leider im Knast. So verschwinden die Beweise für Moms Mord an ihrem Ex-Ehemann endgültig. Und so weiter, und so weiter. Alles klärt sich, jedes noch so schräge Motiv wird wieder aufgegriffen und aufgelöst. Und warum hat Vernons Freund Jesus seine Mitschüler überhaupt umgebracht?

DBC Pierre versucht nicht, wie zahlreiche andere amerikanische und europäische Autoren, die sich ebenfalls dem "Sensationsthema" Schulmassaker zugewandt haben, ein feinfühliges Seelenportrait jugendlicher Gewalttäter herzustellen. Er legt auch keine Analyse sozialer Hintergründe vor, nein, seine story ist im Kern viel einfacher gestrickt: Jesus wurde von zwei Schwulen, einem Lehrer und dem Psychiater Goosen sexuell missbraucht; die Schulkameraden ahnten etwas, demütigten und verhöhnten ihn, und Jesus zerbrach an der Situation. Hier könnte man ins Grübeln kommen. Ist das nun also ein Roman mit heimlich homophobem, schwulenfeindlichen background - oder will der Autor genau umgekehrt vor Homophobie warnen? Egal. Das ist nicht die Frage des Romans. In diesem munteren, lautstarken Buch ist alles ein launiges Spiel, fast comic-artig kräftig schwarzweiß gezeichnet beziehungsweise überzeichnet.

Allzu ernste Fragen sollte man diesem Roman wohl gar nicht erst stellen. Es geht zwar zugegebenermaßen um "große" Themen, ob gesellschaftliche Gewalt, Macht der Medien, Todesstrafe, - aber DBC Pierre bleibt letztlich an der Oberfläche. Man fragt sich bei der Lektüre dieses flotten Romans gelegentlich, ob diese Satire über das Medium Fernsehen tatsächlich einen Erkenntniswert hat, oder ob es sich schlicht um eine mal spritzige, mal grobe Unterhaltung handelt.

Was an diesem Buch "grob" wirkt, ist wahrscheinlich nicht einmal in erster Linie die Brutalität des Geschilderten - es ist auch die Kalkulation, die grob erscheint; viele Szenen sind absolut vorhersehbar. Aber das ist ein Einwand gegen das Buch, den man natürlich ebenso als einen Vorteil bezeichnen könnte; eine der Freuden des Lesens ist ja nun auch die Lust am Wiedererkennen. Ein markantes Beispiel für den Eindruck, dass Pierres Roman durchaus Vertrautes vorführt, und seien es Szenen, die im kollektiven Unbewussten gespeichert sind, ein solches Beispiel zeigt Vernon in der Todeszelle; er sieht sich in der Glotze den Fernsehreporter Lally im Interview mit einem anderen Reporter an:

"Sie schlagen also allen Ernstes vor, das Justizsystem des Staates durch den Verkauf der Übertragungsrechte an Hinrichtungen zu finanzieren? ... Was entgegnen Sie auf den Einwand, dass dabei die Rechte der Gefangenen verletzt werden?" "Ich bitte Sie - Gefangener zu sein bedeutet die Aberkennung von Rechten. Abgesehen davon schmoren Insassen heutzutage oft jahrelang in diesen Einrichtungen, ohne ihr Schicksal zu kennen - würden Sie mir nicht zustimmen, dass das grausam ist? Wir geben ihnen endlich, was das Gesetz immer versprochen, aber nie eingelöst hat: Zweckmäßigkeit.

Darüber hinaus werden sie erweiterten Zugang zu spirituellem Beistand sowie umfangreiche Auswahlmöglichkeiten für die musikalische Begleitung des abschließenden Ereignisses haben. Es ist sogar ein spezielles Segment rund um die letzte Erklärung vorgesehen, mit einer Hintergrundkulisse nach freier Wahl. Glauben Sie mir - die Häftlinge werden die Änderungen begrüßen." Der Reporter nickt und lächelt Lally zu. "Und was ist dran an den Gerüchten, dass Sie sich für einen Anlauf auf den Senat rüsten?" Ich schalte aus. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf Kameras hier drin freue. Wir haben nur eine offene Toilette, wenn ihr versteht, was ich meine. Aber so kommt das Geld rein, nehm´ ich an. Im Internet können die Zuschauer auswählen, welche Zelle sie sehen wollen, ... im Fernsehen bringen sie Zusammenschnitte von den Highlights des Tages. Dann kann die Öffentlichkeit telefonisch oder übers Internet abstimmen - darüber, wer als nächster stirbt. Je drolliger wir uns aufführen, je unterhaltsamer wir sind, desto höher ist unsere Lebenserwartung."


Man soll sich von diesem Zynismus, der inhaltlich übrigens keinesfalls neu ist - das Szenario öffentlicher Hinrichtungen ist schon von diversen Autoren durchgespielt worden - man soll sich von diesem Zynismus nicht irreführen lassen: Die Moral von DBC Pierres Geschichte ist exakt so bieder-bösartig, dass sie an jedem Stammtisch abgenickt werden kann. Danach hat man es hier mit einem Entwicklungsroman zu tun: Vernon wird über leidvolle Erfahrungen vom tumben Tor zum lebenstauglichen Erwachsen. Er hört auf, zu moralisieren und seine Unschuld zu beteuern, er lernt, dass man es nie allen recht machen kann, er begreift, dass es keinen Gott oder eine sonstige höhere Instanz gibt, die einem hilft, er sieht ein, dass man selbst handeln muss, dass man sich wehren muss, allerdings nach dem Gebot, immer nach unten zu treten. Und so wird er vom Opfer zum feixenden Täter, ein aktiv handelndes Schwein - so, wie alle anderen auch.

Es ist schwer begreiflich, warum DBC Pierres Roman mit Mark Twains "Huckleberry Finn" und mit Salingers "Fänger im Roggen" verglichen wurde. Huck Finn wie auch Holden Caulfield bleiben unangepasste widerspenstige schräge Vögel; und besonders Holden ist ja eine anrührende, in ihrer Unangepasstheit tief melancholische Figur. DBC Pierres Vernon dagegen ist auf dem besten Weg, ein gut funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Das unterscheidet das jetzt ausgezeichnete Buch auch von einem andern Roman, der übrigens 1992 seinerseits für den Booker-Preis nominiert wurde, die Auszeichnung aber leider nicht bekam: Der Ire Patrick McCabe hat in seinem auch hierzuland erschienenen Roman butcher boy, der Schlächterjunge, beschrieben, wie eine scheinbar heile Welt aus den Fugen gerät, wie ein von den gesellschaftlichen Verhältnissen verrückt gemachter Junge sich grausam rächt und selbst zugrunde geht.

Der Roman "butcher boy" ist in einer rüden, unmittelbaren Sprache geschrieben, wie im "Jesus von Texas" wimmelt es von f-Wörtern - und trotzdem ist der butcher boy ein verstörendes, ein provokatives und herzzerreißendes Buch, gegen das DBC Pierres Roman sich bei allem handwerklichen Geschick doch sehr glatt und platt ausnimmt. Das hat natürlich auch mit der Sprache zu tun. Vernon spricht eine Mischung aus ziemlich vulgärem Jugendjargon und dem dummdreisten, locker-flockigen oder zynischen Tonfall diverser Fernsehtalkshows und Soaps. Es ist natürlich kurzfristig schon amüsant, diesen Tonfall in der verschriftlichten Fassung wahrzunehmen - aber über fast 400 Seiten ermüdet es.

Zusammenfassende Schlussfolgerung: "Jesus von Texas" ist ein in sich schlüssiger, gut gebauter, eingängiger, spannender und temporeicher Roman. Äußerst populäre Klischees und Stereotype über "die" Amerikaner, vor allem aber über "die" Texaner werden munter aufeinander stapelt, so dass es reichlich Grund zum Lachen gibt. Der Roman gleicht formal einer komplizierten mathematischen Aufgabe, die schließlich mit einer befriedigenden geraden Zahl aufgeht. Seine Sprache überfordert auch denjenigen nicht, der gern bei laufendem Fernsehgerät liest, zumal der Übersetzer Karsten Kredel den flapsigen, schnoddrigen Tonfall mit seinen diversen Kalauern sehr gut ins Deutsche hinübergebracht hat. Der subversive Gehalt von DBC Pierres Buch geht gegen Null: Die Zeitgeist-, Medien- und Gesellschaftskritik, mit der hier gespielt wird, bleibt ein Oberflächenphänomen, eine Attitude, ungefähr so überzeugend, wie wenn Al Bundy über den Verfall ewiger Werte räsonierte.

Das ist, eingestandenermaßen, eine sehr harsche Kritik an einem Buch, das doch soeben mit dem mit 50.000 Pfund dotierten Booker-Preis gewürdigt wurde. Und natürlich wird dieses Buch ein Verkaufserfolg werden. Es bleibt aber der Eindruck, dass der "Jesus von Texas" ein Roman ist, der auf ein breites Publikum und auf den Zeitgeist hingeschrieben wurde.Warum nicht. Das ist ja legitim. Aber was hat die Jury bewogen, ihrerseits eine Anpassungsleistung zu vollziehen und ein Buch auszuzeichnen, das mehr dem Kunstgewerbe als der Kunst zuzurechnen ist?

DBC Pierre
Jesus von Texas
Aufbau, 384 S., EUR 19,90

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