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StartseiteJuni 41Jewgenija Kazew22.06.2001

Jewgenija Kazew

Armeedolmetscherin

Der 22. Juni 1941, der Tag des deutschen Überfalls ist für die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion bis heute ein schwarzer Tag. Die Erinnerung an den Krieg, an Entbehrungen, Leid und Schmerz hat sich tief eingegraben ins Bewusstsein der Überlebenden. Und trotzdem lagen in all dem Schlimmen, das die Menschen mitgemacht haben, manchmal auch die Wurzeln für eine hoffnungsvollere Zukunft. Ein Beispiel dafür haben wir ans Ende unserer Sendereihe gestellt: Jewgenija Kazewa war als Studentin Dolmetscherin bei den sowjetischen Streitkräften. Nach dem Krieg hat sie sich einen Namen gemacht als Übersetzerin der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren ins Russische. Sabine Adler hat sie in Moskau besucht.

Sabine Adler

Dass Jewgenija Kazewa einmal eine Schönheit war, sieht man der heute 81 Jährigen Dame immer noch sehr genau an. Elegant bewegt sie sich in ihrer winzigen Moskauer Ein-Zimmer-Wohnung, die nur aus Büchern und Schreibtisch zu bestehen scheint.

Hier hat sie sich ein ganzes Erwerbsleben lang und weit darüber hinaus mit ihren Männern, wie sie sagt beschäftigt, mit Kafka, Böll, Frisch, Weiss, Becher, Brecht und einigen anderen. Deutschsprachige Autoren allesamt. Denn die deutsche Sprache hat sie sich als ganz persönliche Kriegsbeute angeeignet. Dass sich daraus eine lebenslange Liebe entwickeln würde, hätte sie nie für möglich gehalten, nicht während des Krieges und schon gar nicht am 22. Juni 1941, als sich die Schreckensnachricht wie ein Lauffeuer in ihrer Studienstadt Leningrad verbreitete.

Jewgenija Kazewa war damals 21, frisch verheiratet und kurz vor dem Examen. Doch statt Prüfungen abzulegen, gingen die Männer an die Front, die Studentinnen arbeiteten nachts als Feuermelder, schickten die Feuerwehr zu dem Teil der Uni, in dem die deutschen Bomben gerade eingeschlagen waren. Jewgenija leistete ihren persönlichen Schwur:

Ich werde hier versuchen, alles zu tun, was ich kann, um so schnell wie möglich den Krieg zu Ende zu bringen, damit mein Mann zurückkehrt, damit mein Land wieder frei ist, wir dachten, dass wir in einem freien Land leben.

Die Front rückte bedrohlich nahe an Leningrad heran, die ersten Kriegsgefangenen wurden gemacht und sollten verhört werden, doch Dolmetscher gab es nicht. Da erinnerten sich die Offiziere in der Baltischen Flotte an die Studenten. Doch Jewgenija hat russische Literatur studiert, nicht Germanistik. Ihr kam ihr Jiddisch zu Hilfe, dass sie als Kind bis zu ihrem 11. Lebensjahr ausschließlich gesprochen hatte. Die Antworten der Kriegsgefangenen verstand sie sofort recht gut, doch reden konnte sie mit ihnen anfangs kaum, denn auf deutsch ging es noch nicht und auf jiddisch mochte sie nicht, da sie sich keinesfalls als Jüdin zu erkennen geben wollte.

"Nicht weil ich Angst vor denen hatte, sondern ich wollte nicht die Aufrichtigkeit der antworten gefährden durch das, dass sie sehen, dass sie mit einer Jüdin sprechen."

Einen großen Teil ihrer Familie, die in der Ukraine lebte, haben die Wehrmachtssoldaten umgebracht. Ihr Mann kehrte aus dem Krieg nicht zurück. Innerhalb von drei Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion war Leningrad von den deutschen Truppen umschlossen, endlose qualvolle 900 Tage begannen, ohne Strom, ohne Gas, ohne Heizung mit einem um so kälteren Winter. Jewgenijas Tagesration bestand häufig aus einem einzigen getrockneten Fisch.

"Der Hunger war, naja es ist bekannt, nach offiziellen Angaben sind um eine Millionen der Leningrader an Hunger gestorben. Es lagen, aber wissen sie, es fällt mir so schwer, bis jetzt noch über diese Zeit zu schreiben. Auf Schritt und Tritt lagen Leichen. Im besten Fall waren sie gestapelt in den - natürlich stehenden - Straßenbahnwaggons. Aber die Lebenden waren auch halbe Leichen. Nicht jeder hatte Kräfte genug, um die Leichen der Verwandten in einen Waggon zu stapeln."

Die Leningrader haben bis zuletzt Widerstand geleistet, die Stadt ist nicht gefallen. Ihr zu Ehren hat Dmitri Schostakowitsch 1942 die Leningrader Sinfonie komponiert, die noch während der Blockade aufgeführt wurde, für Jewgenija Kazewa ein ganz besonderes Werk.

"Nach der Leningrader Blockade haben sich die Leningrader sozusagen in zwei Sorten geteilt, die einen werden nach dem Krieg und und bis jetzt noch, nie satt. Sie können essen zu jeder Stunde, in jeder Menge, die vorhanden ist. Die anderen müssen an das Essen erinnert werden. Meine Tochter ruft mich ab und zu an: Was hast du gegessen, wann hast du gegessen?"

Aus der ehemaligen Literaturstudentin hat der Krieg eine Obermatrosin gemacht, nach 45 setzte sie ihre Militärlaufbahn als Kulturoffizier der Roten Armee in der Sowjetischen Besatzungszone fort. Als Jewgenija Kazewa 1949 aus Deutschland in die Sowjetunion zurückkehrte, brachte ein Zufall sie mit Konstantin Simonow zusammen, nicht nur für sie, für jeden Sowjetbürger eine Institution.

Wissen sie, sein Gedicht während des Krieges das war ein Gebet auf der Front und auch im Hinterland. Warte auf mich, und wenn Du sehr warten wirst, komme ich heil zurück. Das war der Inhalt des Gedichtes. Das war wirklich wie ein Gebet für alle. Er war berühmt wie keiner.

Und half, bei der Literaturzeitschrift "Noviy Mir" unterzukommen. Drei, vier Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft und dem Holocaust erlebte der Antisemitismus in Stalins Sowjetunion einen ungeahnten Aufschwung. Er richtete sich zunächst gegen die Intellektuellen in den Großstädten und damit auch gegen Jewgenija Kazewa, ihr Chefredakteur setzte sie vor die Tür. Viele Kommunisten, auch Jewgenija Kazewa nahmen Stalin in Schutz, sie waren fest davon überzeugt, dass der Antisemitismus ohne sein Wissen solche Blüten trieb.

Als Stalin gestorben ist, habe ich ihn beweint, fast so als ich die Nachricht von dem Tod meiner Mutter bekommen habe. Nur habe ich nicht gewußt, dass nur sein Tod verhindert hat, dass ein Erlaß zustande kommen konnte, dass alle Juden aus Moskau ausgewiesen sein sollen. Begonnen hat das alles viel, viel früher. Begonnen hat es mit den berühmten Trinkspruch Stalins auf das siegreiche russische Volk. Als ob Millionen von Söhnen der anderen Völker nicht gefallen sind für diesen Sieg. Das war kein guter Beitrag zur Festigung der Völkerfreundschaft.

Wie die allermeisten trat auch sie nicht aus der Partei aus, nicht auffallen war weiterhin die Devise. Doch sie schuf sich außerhalb der Redaktion ihre eigene Welt, in der sie nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub in die deutsche Gegenwartsliteratur abtauchte. An Max Frisch schrieb sie einmal, sie wissen gar nicht, wo sie in diesem Sommer waren, ich habe sie mit in die Ferien genommen.

Ich habe den ganzen späten Max Frisch während der Berufszeit übersetzt. Ich hab den Böll nicht viel übersetzt, aber ich bin sehr glücklich das ich diejenige gewesen war, die die Bahn gebrochen hat. Wissen Sie Böll hatte bei uns 11 Jahre Publikationsverbot.

In der Sowjetunion übersetzen, hieß in erster Linie Autoren durchsetzen, gegen die Literaturfunktionäre, die auf jede Anfrage am liebsten mit einem Nein antworteten. Jewgenija übersetzte nur, was ihr gefiel, und mitunter nur für sich selbst. Ihre persönliche Kriegsbeute, die deutsche Sprache, hat Jewgenija Kazewa ausgeschlachtet. Und jedes neue Werk, das die heute 81 jährige mit ungebrochenem Elan in Angriff nimmt, erinnert sie an diese Zeit. Ihre teilweise schmerzlichen Erlebnisse werden mit dem Abstand der Jahre für sie weder blasser, noch rosiger. Doch sie weiß, dass sie in all dem Unglück ein Quentchen Glück gefunden hat.

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