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Joachim Gauck rehabilitiert das Amt des Bundespräsidenten

Bundespräsidenten 2012: Von Wulff zu Gauck

Von Joachim Dorfs/Stuttgarter Zeitung

Bundespräsident Joachim Gauck
Bundespräsident Joachim Gauck (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Joachim Gauck, ein Ostdeutscher, der so viel Unfreiheit erlebt hat, lehrt alle Deutschen, die Freiheit zu schätzen. Und das wird er hoffentlich - nach dem unrühmlichen Wechsel im Amt, auch noch lange machen, kommentiert Joachim Dorfs, Stuttgarter Zeitung.

Manchmal muss man ja zu seinem Glück gezwungen werden. Joachim Gauck war für Bundeskanzlerin Angela Merkel verbrannt, seit er 2010 als Kandidat der Opposition für das Amt des Bundespräsidenten antrat. Selbst, als sie nach dem Rücktritt von Christian Wulff im Februar dieses Jahres verzweifelt einen Nachfolger suchte, wollte die Kanzlerin den ehemaligen Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde nicht auf den Schild heben.

Erst als sich die FDP in einem waghalsigen Manöver auf die Seite Gaucks schlug und die Kanzlerin öffentlich bloß stellte, knickte Merkel ein. Die Art, wie FDP-Chef Philipp Rösler diesen Coup später publizistisch ausschlachtete und die Kanzlerin dabei indirekt mit einem Frosch verglich, gehört zu den politischen Anekdoten des Jahres 2012.

Auch nach neun Monaten Amtszeit des Joachim Gauck bleibt unklar, was Angela Merkel eigentlich gegen ihn hatte. Denn Gauck erweist sich als sehr gute Besetzung des höchsten Staatsamtes, das im Trubel der vergangenen Jahre unter die Räder zu geraten drohte.

Erst der Wirbel um den überraschenden und auch im Rückblick immer noch unnötigen Rücktritt von Horst Köhler, dann der erzwungene Abschied von Christian Wulff: Das Amt des Bundespräsidenten, ohnehin so abhängig wie kein zweiter Posten in Deutschland von dem, der ihn ausfüllt, war nicht nur beschädigt. Das höchste Staatsamt war dabei, überflüssig zu werden.

Es ist das Verdienst von Joachim Gauck nach neun Monaten Amtszeit, dass trotz der großen Hypothek, die bei seinem Einzug auf Schloss Bellevue lastete, heute niemand mehr nach dem Sinn eines Bundespräsidenten fragt.

Der ehemalige Pastor und Bürgerrechtler ist integer, vertrauenswürdig und beliebt. Trotz aller gelegentlichen Gespreiztheit hat er die Gabe, fast immer den richtigen Ton zu treffen. Ob er bei der Einweihung einer Synagoge in Ulm redet, Soldaten im afghanischen Mazar-i-Sharif Mut zuspricht oder Topmanagern im vornehmen Berliner Adlon-Hotel die Leviten liest: Gauck hat dem Amt seine Würde und Ausstrahlung zurückgegeben.

Die waren arg ramponiert, nachdem Christian Wulff unter unwürdigen Umständen zurücktreten musste. Viel zu lange erstreckte sich sein Kampf um seinen Posten, der von immer neuen Enthüllungen über Vergünstigungen erschüttert wurde. Und den Wulff erst aufgab, nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn aufnahm.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Medien haben sich dabei nicht immer mit Ruhm bekleckert. Manches war aufgebauscht, anderes, wie die Gerüchte um Bettina Wulff gar, bösartig. Doch enthüllte sich in den quälenden Wochen auch das Mosaik eines Systems Wulff: Offenbar wurde das Bild eines Politikers, der die Nähe zu betuchten Freunden sucht, Vergünstigungen annimmt, der spitzfindig gerade noch korrekte Antworten auf Anfragen gibt und der einer Zeitung mit "Krieg" drohte.

Dies alles machte den Rücktritt notwendig, unabhängig davon, ob die Staatsanwaltschaft nun Anklage erheben sollte oder Gegenleistungen Wulffs belegt werden sollten. Freilich war Wulff, um der Wahrheit die Ehre zu geben, in den Monaten vor der Affäre als Bundespräsident nicht so schlecht, wie er heute hingestellt wird. Er hat mit der Förderung des Zusammenhalts in der Gesellschaft und der Integration des Islam ein wesentliches Thema gesetzt. Er hatte die Idee zu einer Gedenkfeier für die Opfer der Neonazi-Mordserie. Er hat Deutschland mit Frau und Patchwork-Familie modern repräsentiert.

Umso ärgerlicher war die seinem Rücktritt folgende Neid- und Häme-Debatte. Wer das höchste Staatsamt in Deutschland bekleidet, hat – sofern er sich nicht strafbar gemacht hat - nach seinem Ausscheiden Anspruch auf den sogenannten Ehrensold, auf Dienstwagen, Fahrer, Büro und, wenn er denn darauf besteht, auch auf einen Großen Zapfenstreich.

Das sollte sich Deutschland leisten können. Wulff wie geschehen ein Kabuff als Büro zuzuweisen und zu überlegen, ob man ihm den Ehrensold kürzen kann, ist kleinlich und peinlich.

Doch das ist Vergangenheit. Dieses Jahr – und hoffentlich auch die folgenden – hält Joachim Gauck die Weihnachtsansprache. Vermutlich wird er darin wieder auch sein Generalthema, den Wert der Freiheit, ansprechen.

Welch schöne Ironie der Geschichte: Ein Ostdeutscher, der so viel Unfreiheit erlebt hat, lehrt alle Deutschen, die Freiheit zu schätzen. Das kann sehr anstrengend sein. Und er wird sehr vielen, die ihn nominiert haben, damit noch gehörig auf die Nerven gehen. Doch wie schon gesagt: Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden.

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